Artur Brauner

Artur Brauner
Der Filmproduzent Artur "Atze" Brauner. Das Foto wurde am 25. Januar 2002 in Leipzig am Rande der mdr-Talkshow "Riverboat" aufgenommen.

Info

Artur Brauner, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen und internationalen Films der Nachkriegszeit, kam 1918 als Sohn polnischer Juden, Moshe und Brana Brauner, in Łódź zur Welt. Sein Vater war ein erfolgreicher Holzgroßhändler. Artur hieß ursprünglich Abraham, aber schon früh, noch in der Grundschule, wünschte er sich Artur genannt zu werden. Er war ein aufgeweckter Junge, lernte gerne und viel, spielte Geige, komponierte Lieder. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begann er ein Studium an der Technischen Hochschule in Łódź. Doch der Krieg bereitete seinem Studium ein Ende. 

Artur Brauner lebt und arbeitet in Berlin seit 1945. Sein Polnisch ist bis heute akzentfrei.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Als Artur Brauner, der erfolgreiche Filmproduzent polnisch-jüdischer Herkunft, 1992 nach Łódź fährt, um als Ehrenbürger dieser Stadt geehrt zu werden, fährt er an den Ort, an dem seine Liebe zum Film begann. Łódź ist eben nicht nur seine Heimatstadt, sondern hier besuchte der junge Artur leidenschaftlich gern und manchmal ohne das Wissen der Eltern die Kinos Luna, Casino, Splendid oder Bajka. Nach seinen eigenen Angaben ging er acht Mal wöchentlich ins Kino, ein Mal täglich und sonntags immer zwei Mal. Jahrzehnte später kann Artur Brauner auf über 250 selbst produzierte Filme zurückblicken, die allerdings nicht in Łódź, sondern in Berlin produziert wurden.

Artur Brauner kam 1918 als Sohn polnischer Juden, Moshe und Brana Brauner, in Łódź zur Welt. Sein Vater war ein erfolgreicher Holzgroßhändler. Artur hieß ursprünglich Abraham, aber schon früh, noch in der Grundschule, wünschte er sich Artur genannt zu werden. Er war ein aufgeweckter Junge, lernte gerne und viel, spielte Geige, komponierte Lieder. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begann er ein Studium an der Technischen Hochschule in Łódź. Der Krieg bereitete seinem Studium ein Ende. Im September 1939 begann in Polen der deutsche Besatzungskrieg. Schnell war auch die multikulturelle Stadt Łódź besetzt. Die Juden wurden im “Ghetto Lietzmannstadt” zusammen gepfercht. Artur Brauner sah das Elend und den Tod. Doch noch vor der endgültigen Abriegelung des Ghettos am 30. April 1940, floh Artur Brauner mit seiner Familie aus der Stadt in den sowjetisch besetzten Teil Polens. Dort, in abgelegenen, vergessen Dörfern und Wäldern, gelang es ihm den Krieg unerkannt zu überleben. Doch 49 Verwandte Artur Brauners wurden im Holocaust ermordet.

Nach dem Krieg wollte er zusammen mit seinem Bruder eigentlich nach Nordamerika. Doch aus dem als Zwischenstopp geplanten Aufenthalt in Berlin sind inzwischen fast 70 Jahre geworden[1]. Denn in Berlin gründete Artur Brauner 1946 die Filmproduktionsfirma Central Cinema Company (CCC-Film). Die nötige finanzielle Unterstützung kam von seiner Familie, vor allem aber von seinem Schwager Joseph Einstein.

Drei Jahre später, 1949,  kaufte er das Gelände einer ehemaligen Giftfabrik in Berlin-Haselhorst und errichtete dort die CCC Filmstudios. Im Laufe der Jahre wurden hier über 700 Filme produziert, knapp 270 davon sind Selbstproduktionen von Artur Brauner. Auch wenn die meisten Filme eher Unterhaltungsfilme waren,  Artur Brauner widmete sich auch den Themen, die ihn prägten und begleiteten: Die Judenverfolgung und NS-Deutschland. Diese Themen sind in über 20 seiner Filme vertreten. Zu den wichtigsten gehören “Morituri”, “Bittere Ernte”, Hitlerjunge Salomon”, “Eine Liebe in Deutschland”, “Babij Jar”, aber auch “Die weiße Rose“, “Mensch und Bestie” oder “Der 20. Juli“. Seit 2009 werden in Yad Vashem Artur Brauners Filme mit Bezug zum Holocaust gezeigt, seit 2010 sind sie dort in einer eigens für sie eingerichteten Mediathek zugänglich.

 

[1] Uns beschäftigte die Frage, warum Artur Brauner sich nach dem Krieg ausgerechnet in Deutschland niederließ. Wir erhielten von ihm am 05.11.2015 die schriftliche Antwort: "Als ich nach Beendigung des Krieges auf den Stroh- und Heuwagen eines polnischen Bauern kletterte, um mit diesem nach Berlin zu ziehen, denn von dort sollte ich mit der gesamten Familie nach Israel emigrieren. Ich fuhr also mit dem Bauern über die Feldstraßen und plötzlich wich der Kutscher aus, er wollte plötzlich diesen Weg, der sowieso provisorisch gesperrt war, nicht mehr benutzen, sondern er wollte einen Umweg nehmen. Daraufhin fragte ich ihn, warum er dies täte meinte er, wir sollten dort nicht hineinfahren, da wäre etwas Schreckliches geschehen. Ich habe mir bereits gedenken können, was er meinte und bin dann aus dem Wagen gestiegen und bat ihn, rund 30 Minuten auf mich zu warten und ging alleine in den Wald.

Und dort bin ich sofort mit den toten Leibern der Opfer, zusammengescharrt auf einem Haufen konfrontiert worden. Und besonders die offenen Augen eines getöteten ca. 12-jährigen Jungen haben meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er lag oben auf dem großen Grab, welches vollgestopft war mit den Leichen als Überbleibsel der SS, die es scheinbar nicht mehr geschafft hatte, die Getöteten zu verscharren oder zu verbrennen.

Die offenen Augen des toten Jungen haben mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich minutenlang wie auf den Boden festgenagelt und reglos stand, und dann mir selbst das Gelübde auferlegte: Du darfst die Opfer des Nationalsozialismus niemals in Vergessenheit geraten lassen, Du musst alles was Dir möglich ist unternehmen, um ihnen ein Denkmal zu setzen.

Diese Aufgabe schien mir der getötete Junge, der noch gar nicht richtig gelebt hatte, aufzubürden und ich war, dort im Wald stehend, bereit mich der Verpflichtung zu stellen. Seine Augen lassen mich bis heute nicht ruhen. Und eigentlich nur Dank dieses Geschehens sind bis heute 25 Filme um die Opfer des NS von mir produziert worden. Der erste Film seiner Art entstand unter dem Titel "Morituri", die Geschichte war von mir erfunden.

Diese Filme, die ich allen Opfern die den Nazis zum Opfer fielen, weltweit vom Goethe Institut verbreitet, sowie in Israel von Yad-Vashem, in Frankfurt vom DIF und in Berlin vom Jüdischen Museum." (Artur Brauner am 05.11.2016)

Artur Brauner war ein sehr erfolgreicher Filmproduzent, vor allem im Bereich der Unterhaltungsfilme. Unvergessen seine Bryan-Edgar-Wallace-Produktionen, seine Karl-May-Verfilmungen und die Dr. Mabuse-Reihe. Unvergessen sind aber auch die Kinokassenschlager und Straßenfeger wie “Der brave Soldat Schwejk”, “Die Nibelungen”, “Kampf um Rom” oder “Teufel in Seide”. Artur Brauner ließ keine Filmmode aus, verschmähte keinen Trend. Sein Erfolg gab ihm Recht und das Geld, um mit großen Stars zu Arbeiten. Darunter Romy Schneider, Sonja Ziemann, Heinz Rühmann, Maria Schell, Cornelia Froboess, Peter Alexander, Freddy Quinn, Caterina Valente, Klaus Kinski, Curd Jürgens oder Gert Fröbe.

Artur Brauner suchte immer wieder Kontakt zu Polen. Er war auch der erste westliche Produzent, der in Polen produzierte, so bereits 1958  bei dem Film “Der achte Tag der Woche” (Ósmy dzień tygdonia), frei nach einer Erzählung von Marek Hłasko. Die Regie führte Aleksander Ford, die Hauptrolle spielte Brauners Entdeckung Sonja Ziemann. Aus der Zusammenarbeit mit Ford entstanden noch drei weitere Filme. Nach den Ereignissen vom “März 1968” und den antisemitischen Kampagnen im sozialistischen Polen unterbrach Artur Brauner die Kontakte zu seinem Heimatland. Erst in den 1980er Jahren kehrte er in die “polnische Filmlandschaft” zurück und produzierte u. a. Filme von Andrzej Wajda, Agnieszka Holland und Jerzy Hoffman.

Adam Gusowski


Zusatzinformation:

Artur Brauner gründete 1991 die “Artur Brauner Stiftung”. Nach eigenen Angaben ist der Zweck der Stiftung die Förderung der Verständigung zwischen Juden und Christen sowie der Toleranz zwischen Menschen unterschiedlicher Religion, Kulturkreise, Hautfarbe und gesellschaftlicher oder ethnischer Herkunft. Der Stiftungszweck wird insbesondere durch die in der Regel jährlich erfolgende Verleihung eines "Artur-Brauner-Filmpreises" an Filmproduzenten verwirklicht, die

durch ihre entsprechend themenbezogenen deutschsprachigen Filme dem Filmpublikum Toleranz und humanistische Ethik näher bringen.

1976 erschien im Herbig-Verlag eine Autobiographie Artur Brauners: “Mich gibt's nur einmal. Rückblende eines Lebens”. Für den Leser entpuppt sich “Atze” Brauner (so ist der Name des Autors auf dem Buchumschlag angegeben) als begnadeter Geschichtenerzähler. Die spannend und nicht ohne Humor beschriebenen Erinnerungen von Artur Brauner geben einen Einblick in das bewegte Leben eines erfolgreichen Filmproduzenten. Leider auch nicht mehr. Das Buch konzentriert sich auf die 50er Jahre und weniger auf die Person Artur Brauner, im Zentrum stehen Drehbuchautoren, Regisseure und Filmstars, die mit ihm zusammen gearbeitet und gelebt haben.

Auszeichnungen:
 

1961: Bambi für “Die Ratten”

1963: Zürcher Filmpreis für “Die Ehe des Herrn Mississippi”

1965: Goldene Leinwand für “Old Shatterhand”

1965: Goldene Leinwand für “Der Schut”

1967: Goldene Leinwand für “Die Nibelungen”

1970: Goldener Bär für “Der Garten der Finzi Contini”

1972: Oscar (Bester nicht englischer Film) für “Der Garten der Finzi Contini”

1983: IFF Gijon: 3. Preis für “Nach Mitternacht”

1983: Deutscher Filmpreis: Filmband in Silber für “Die weiße Rose”

1985: Oscar-Nominierung für “Bittere Ernte”

1990: Deutscher Filmpreis: Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im   deutschen Film

1992: Golden Globe für “Hitlerjunge Salomon”

1992: Ehrenbürger von Łódź

1993: Bundesverdienstkreuz I. Klasse

1996: DIVA-Award (gemeinsam mit Franz Seitz)

1996: Scharlih-Preis (Karl-May-Preis)

2000: Goldene Kamera

2002: Deutscher Kritikerpreis (Ehrenpreis)

2003: Berlinale Kamera

2008: Askania Award / Berlinale-Uhr für sein Lebenswerk

2010: Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin

Filmografie:


1948: Morituri

1949: Mädchen hinter Gittern

1950: Maharadscha wider Willen

1951: Sündige Grenze

1952: Der keusche Lebemann

1953: Hollandmädel

1954: Große Star-Parade

1955: Liebe, Tanz und 1000 Schlager

1956: Du bist Musik

1957: Die Unschuld vom Lande

1958: Wehe, wenn sie losgelassen

1958: Mädchen in Uniform

1959: Der Tiger von Eschnapur – Regie: Fritz Lang

1959: Das indische Grabmal – Regie: Fritz Lang

1960: Der brave Soldat Schwejk – Regie: Axel von Ambesser

1960: Die 1000 Augen des Dr. Mabuse – Regie: Fritz Lang

1961: Willy auf Sondermission

1961: Via Mala

1961: Im Stahlnetz des Dr. Mabuse – Regie: Harald Reinl

1962: Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse – Regie: Harald Reinl

1962: Das Geheimnis der schwarzen Koffer

1962: Im Schatten einer Nacht

1962: Der Tod fährt mit

1962: Das Ungeheuer von London-City

1962: Das Testament des Dr. Mabuse

1962: Der Fluch der gelben Schlange

1962: Sherlock Holmes und das Halsband des Todes

1963: Old Shatterhand

1963: Der Würger von Schloss Blackmoor

1963: Scotland Yard jagt Dr. Mabuse

1963: Der Henker von London

1964: Das Phantom von Soho

1964: Das 7. Opfer

1964: Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse

1964: Der Schut

1964: Fanny Hill – Memoiren eines Freudenmädchens – Regie: Russ Meyer

1965: Der Schatz der Azteken

1965: Durchs wilde Kurdistan

1965: Die Pyramide des Sonnengottes

1965: Im Reiche des silbernen Löwen

1966: Die Nibelungen 1 – Siegfried – Regie: Harald Reinl

1967: Die Nibelungen 2 – Kriemhilds Rache – Regie: Harald Reinl

1967: Geheimnisse in goldenen Nylons

1968: Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten

1968: Kampf um Rom 1 – Regie: Robert Siodmak

1968: Kampf um Rom 2

1969: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

1970: Black Beauty

1970: Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula – Regie: Jess Franco

1970: Sie tötete in Ekstase – Regie: Jess Franco

1971: Der Todesrächer von Soho – Regie: Jess Franco

1971: Der Teufel kam aus Akasava – Regie: Jess Franco

1971: X 312 – Flug zur Hölle – Regie: Jess Franco

1972: Das Geheimnis des gelben Grabes

1972: Dr. M schlägt zu – Regie: Jess Franco

1974: Ein Unbekannter rechnet ab

1983: S. A. S. Malko – Im Auftrag des Pentagon

1983: Eine Liebe in Deutschland

1983: Blutiger Schnee

1987: Hanussen – Regie: István Szabó

1990: Hitlerjunge Salomon – Regie: Agnieszka Holland

1996: Von Hölle zu Hölle

2002: Babij Jar – das vergessene Verbrechen

2002: Der Teufel, der sich Gott nannte

2006: Der letzte Zug – Regie: Joseph Vilsmaier

2010: Wunderkinder

2013: Auf das Leben!

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