„Birkenau“ von Gerhard Richter

Gerhard Richter, Birkenau, 2014, Öl auf Leinwand, 260 x 200 cm, Werkverzeichnis: 937-1
Gerhard Richter, Birkenau, 2014, Öl auf Leinwand, 260 x 200 cm, Werkverzeichnis: 937-1

Info

Gerhard Richter, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, schuf 2014 ein abstraktes Bild mit dem Titel Birkenau. In der vierteiligen Arbeit, die aus gleich großen, großformatigen Gemälden besteht, verwendete Richter authentische Fotografien als Vorlagen, die 1944 vom Sonderkommando der jüdischen Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau heimlich aufgenommen wurden. Das Sonderkommando war u.a. für die Verbrennung der Leichen aus den Gaskammern zuständig. 

Eine polnische Widerstandsgruppe schmuggelte unter Lebensgefahr einen Fotoapparat mit einem Schwarzweißfilm ins Lager, mit dem später insgesamt sieben Fotos angefertigt wurden. Eine Polin, Helena Datoń, brachte anschließend den Film in einer Zahnpastatube aus dem Lager und ermöglichte damit seine Veröffentlichung. Später wurden diese Fotos u.a. dadurch berühmt, dass man sie als wichtige Beweise für die unsäglichen Verbrechen in Birkenau heranzog.

Durch den Diskurs zur Entstehung von Richters Werk Birkenau wurden diese erschütternden Aufnahmen endgültig zu einem besonderen Teil des öffentlichen Gedächtnisses. Gleichwohl überdeckt der Künstler sie in seiner Arbeit vollständig und macht sie dadurch unsichtbar, was sein Gemälde zu einem bemerkenswerten Erinnerungsort macht. 

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Birkenau von Gerhard Richter als Erinnerungsort

 

 

Nach 1945 gab es nur wenige Versuche, authentisches Bildmaterial aus den Konzentrationslagern künstlerisch zu nutzen. Dafür waren der Schock über den Massenmord und der Respekt vor den Opfern einfach zu groß. 

Władysław Strzemiński, bekannter Maler der polnischen Avantgarde, stellte 1945 seinen zehnnteiligen Zyklus aus Collagen mit dem Titel „Meinen jüdischen Freunden“ der Öffentlichkeit vor. Er hatte abstrakten, mit dem Bleistift gezeichneten Kompositionen aus suprematistischen Linien dokumentarische Schwarzweiß-Aufnahmen hinzugefügt, die aus dem Warschauer Ghetto, von Deportationen und aus Konzentrationslagern stammten. Dies führte in der internationalen Kunst- und Kulturszene  zu einem bis heute andauernden Diskurs, ob es moralisch vertretbar sei, das Bildmaterial aus den Fabriken der Massenvernichtung zu nutzten.[1]Strzemiński schenkte seinen Zyklus, bis auf eine Arbeit, schließlich der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel als dem für ihn einzig denkbaren und berechtigten Präsentations- und Aufbewahrungsort. 

Nach Strzemiński gab es erst mit dem monumentalen achtteiligen Filmwerk Histoire(s) de Cinema[2]von Jean-Luc Godard, das 1988 begonnen und erst zehn Jahre später vollendet wurde, einen ersten Versuch, authentische Fotos und Filmsequenzen aus den Konzentrationslagern in eine künstlerische Produktion mit breiter Wirkung einzufügen. Die erschreckenden Archivbilder aus den Todesfabriken erreichten so zum ersten Mal ein Massenpublikum. Godards Intention, die „Schuld“ des Mediums Film anzusprechen, die Lager nicht gefilmt zu haben, mündete bald in eine international geführte Diskussion über die Nutzung solcher Bilder, der „Bilder trotz allem“[3], wie sie der französische Philosoph Georges Didi-Huberman 2003 in einer Publikation bezeichnete. Als beispielhaftes ikonografisches Material wählte Didi-Huberman für seine Erwägungen über die Möglichkeit  oder sogar die Notwendigkeit der Verwendung dieser „Bilder trotz allem“ im Kulturbetrieb gerade jene Aufnahmen, die das jüdische Sonderkommando in Auschwitz-Birkenau 1944 angefertigt hatte.[4]

Den Fotoapparat und den dazugehörigen Film hatte eine polnische Widerstandsgruppe in das Lager eingeschmuggelt.[5] Ein Grieche jüdischen Glaubens, Alberto Errera, hatte im August 1944 aus einem Versteck heraus sieben Aufnahmen gemacht, die unter anderem entkleidete Frauen auf dem Weg in die Gaskammer und die Verbrennung von Leichen unter freiem Himmel durch Mitglieder des Sonderkommandos zeigen.[6] Eine Polin, Helena Datoń, brachte den belichteten Film in einer Zahnpastatube aus dem Lager und übergab ihn zusammen mit einer Notiz der polnischen Häftlinge Stanisław Kłodziński[7]und Józef Cyrankiewicz (später Ministerpräsident Polens in der kommunistischen Regierung 1947-52 und 1954-70) an Mitglieder der polnischen Widerstandsgruppe in Krakau.

 

[1] Władysław Strzemiński, "Moim przyjaciołom Żydom" (Meinen jüdischen Freuden), 1945, neunteiliger Zyklus, collagierte Zeichnungen. Eine Version dieses Zyklus befindet sich heute im Nationalmuseum in Kraków. Weitere Informationen zum Zyklus (auf Polnisch): Luiza Nadar: http://www.riha-journal.org/articles/2014/2014-oct-dec/special-issue-contemporary-art-and-memory-part-1/nader-strzeminski-pl sowie von Eleonora Jedlinska http://www.przeglad.uni.lodz.pl/t/2014nr1/05.pdf

[2] Godard verwendet in seinem monumentalen Werk bezeichnenderweise Details aus dem polnischen Spielfilm „Pasażerka“ (Die Passagierin) von Andrzej Munk. Der 1963 entstandene Film, der aufgrund des plötzlichen Unfalltodes des Regisseurs nicht vollendet werden konnte, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz (erschienen auf Polnisch 1962), die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat. 

[3] Georges Didi-Huberman, Bilder Trotz allem, Paris 2003, deutsche Ausgabe München 2007. Siehe Seite 203.

[4] A.a.O. S. 27 ff.

[5] Siehe: Aufzeichnung und Sammlung von Beweisen über die Naziverbrechen, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim, 1999, S. 353-354.

[7] Zitiert nach Didi-Huberman, a.a.O., S. 32-33

2008 sah Gerhard Richter zum ersten Mal in der Ausgabe derFrankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar vier Reproduktionen der damals entstandenen Aufnahmen. Fasziniert von der Wirkungskraft der Fotos beschloss er, sie in seine Sammlung von Fotos und Motiven, den berühmten Atlas, der gleichsam eine Dokumentation seines ikonografischen Gedächtnisses darstellt, aufzunehmen. Er stellte schließlich gemalte Kopien der vier Aufnahmen her und hängte sie in sein Atelier. Schon bald entschied er sich, sie als Vorlagen für ein Werk zu nehmen, das den Titel Birkenau tragen sollte. Nach zahlreichen Überlegungen und Studien entstand 2014 die endgültige Fassung, die aus vier großformatigen abstrakten Gemälden (Öl auf Leinwand, je 260 x 200 cm) besteht.

Durch Übermalungen machte Richter die Vorlagen aus Birkenau jedoch vollkommen unsichtbar. Birkenau wurde dadurch zu einem rein abstrakten Werk. Der Titel, die vom Künstler mitgelieferte Dokumentation und die museale Präsentation, bei der das Werk konsequent zusammen mit den fotografischen Vorlagen ausgestellt wurde, machen die ursprünglichen Vorlagen jedoch auf mehr als subtile Weise anwesend. Das Wissen um diese Vorlagen ist dadurch ständig präsent.

Der Entstehungsprozess, die Wirkung und die vielfältigen Zusammenhänge von Richters Birkenau sind seit der ersten Präsentation des Werks im Museum Frieder Burda in Baden-Baden 2016 häufig und ausführlich beschrieben, rezensiert und interpretiert worden.[8] Bezeichnend ist jedoch, dass das Werk, das dem Holocaust gewidmet ist, auch ein bemerkenswerter Erinnerungsort für die Geschichte der Polen in Deutschland ist, was der Künstler persönlich bestätigt.[9] Ohne die polnische Widerstandsbewegung hätte es Richters Birkenau nicht gegeben.

Dadurch, dass Richter die sichtbare Quelle dieser Erinnerung mit seinem malerischen Gestus künstlerisch überdeckt, konstruiert er geradezu einen Erinnerungsort und regt die Diskussion darüber an.[10] Er schafft eine Balance zwischen der Erinnerung und der Ästhetik des Abstrakten, die eine eigenartige Doppelexistenz beider Bereiche zulässt. Aus Respekt davor, was im Lager Birkenau geschehen ist, zeigt Richter die erschütternden Dokumente nicht, macht sie jedoch in seinen Gemälden mit künstlerischen Mitteln erlebbar und erfahrbar. Das Lager Birkenau ist in dem künstlerischen Werk mit dem gleichen Titel „anwesend, aber nicht sichtbar“.[11]

Der Künstler versetzt den  Betrachter in eine Gratwanderung zwischen Erinnerung und Ästhetik, Grausamem und Schönem, Fassungslosigkeit und Neugierde und führt ihn in den Grenzbereich zwischen Offensichtlichkeit und Verdrängung. Am Ende gewinnt jedoch das Ästhetische, das, was Richter als Künstler zu diesem Thema beizutragen hat: das Bild. Es ist ein „Bild trotz allem“, das, wie Richter bemerkte, vor allem Trost spenden soll.[12]

 

[8] Siehe vor allem: Gerhard Richter, Birkenau, Museum Frieder Burda, Köln 2016 und Benjamin H.D. Buchloh, Gerhard Richters Birkenau-Bilder, Köln 2016

[9] Jacek Barski: Gespräche mit Gerhard Richter am 12. und 26. März 2018

[10] Bereits Paul Valéry (1871-1945) hat 1921-1922 in seinen Cahiers (Heften) auf die Paradoxie des Gedächtnisses hingewiesen: „Die Sensibilität ist das augenblickliche/unaufhörliche / Phänomen, welches das ‚Gedächtnis‘ in einer bestimmten Richtung auflädt– durch Quanten; und das es wieder entlädt – wiederum durch Quanten – in derselben Richtung. Wenn die Ladung ‚Gedächtnis‘ selbst empfunden wird, dann hat man es mit dem Phänomen der Erwartung zu tun. Warten heißt, ein Anwachsen wahrnehmen. Die Entladung verringert jedoch nicht nur die Ladung, sondern läßt sie wachsen oder macht sie zumindest für alle Entlader tauglicher... Das Gedächtnis ist also nicht Akkumulation, sondern Konstruktion. Der Inhalt des Gedächtnisses ist Akt – aktuelles Ereignis“; Paul Valéry, Cahiers, Paris 1973-1974, zitiert nach deutscher Ausgabe: Frankfurt am Main, 1989, Band 3, S. 441.

[11] „Anwesend, aber nicht sichtbar“ gehört als Diktum spätestens seit 2006 (Erscheinungsjahr von Thomas Pynchons Against the Day, York York, 2006, Deutsche Ausgabe Gegen den Tag, siehe hier S. 593) dem postmodernen Diskurs an.

[12] A.a.O.

 

Gerhard Richter wird sein Werk Birkenau nicht dem Kunstmarkt übergeben. Das Original ist Eigentum der Gerhard Richter Stiftung und bleibt auf Dauer der Öffentlichkeit frei zugänglich. Eine digitale Version des vierteiligen Ölgemäldes befindet sich im Reichstagsgebäude des Deutschen Bundestages in Berlin.

Im November 2019 wird das Werk anlässlich einer Einzelausstellung von Gerhard Richter im Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt. In einem der Räume werden die vier Birkenau-Bilder gezeigt sowie die gleichgroßen Reproduktionen und die vier Fotos, die den Künstler zur Entstehung von Birkenau anregten.

 

Jacek Barski

 

 

Offizielle Website von Gerhard Richter:

www.gerhard-richter.com

 

Studien für Birkenau aus dem Atlas von Gerhard Richter:

https://www.gerhard-richter.com/de/art/atlas/studies-for-birkenau-18588/?&referer=search&title=Birkenau&keyword=Birkenau

https://www.gerhard-richter.com/de/art/atlas/studies-for-birkenau-18589/?&referer=search&title=Birkenau&keyword=Birkenau

 

Birkenau auf dem Manchester International Festival 2015 mit Musik von Arvo Pärt:

https://www.gerhard-richter.com/de/videos/exhibitions/richter-part-257

 

Weiterführende Literatur:

93 Details aus meinem Bild Birkenau, ein Kunstbuch von Gerhard Richter, Köln 2015

Gideon Greif, „Wir weinten tränenlos...“. Augenzeugenberichte des Jüdischen ´Sonderkommandos´ in Auschwitz, Frankfurt am Main, 1999

Dow Paisikovic, Zeitzeugenaussage vom 17. Oktober 1963: Staatliches Museum und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Polen

 

Weiterführende Informationen (in Deutsch):

https://de.wikipedia.org/wiki/Auschwitz-Album#„Bilder_trotz_allem

 

Weiterführende Informationen (in Englisch):

The Auschwitz Album von Lilly Jacob-Zelmanovic Meier auf der Website von Yad Vashem:

http://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/album_auschwitz/index.asp

 

Sonderkommando und Alberto Errera:

https://en.wikipedia.org/wiki/Sonderkommando_photographs

https://en.wikipedia.org/wiki/Alberto_Errera

 

Weiterführende Informationen (in Polnisch, po polsku): 

Lekcja internetowa o Sonderkommando: http://lekcja.auschwitz.org/10_sonder/

 

Porta Polonica bedankt sich bei Gerhard Richter und seinem Team sowie bei Dr. Wojciech Płosa, Leiter des Archivs beim Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau (Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau), für die Unterstützung bei der Entstehung dieses Beitrags.

 

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Gerhard Richter, „Birkenau“ 2
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Gerhard Richter, „Birkenau“ 3
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Gerhard Richter, „Birkenau“ 4
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Vorlage 1 zu Birkenau
Vorlage 1 zu "Birkenau"
Das vom Sonderkommando angefertigte Foto Nr. 1, Inventar Nr. 280
Vorlage 2 zu Birkenau
Vorlage 2 zu "Birkenau"
Das vom Sonderkommando angefertigte Foto Nr. 2, Inventar Nr. 281
Vorlage 3 zu Birkenau
Vorlage 3 zu "Birkenau"
Das vom Sonderkommando angefertigte Foto Nr. 3, Inventar Nr. 282
Vorlage 4 zu Birkenau
Vorlage 4 zu "Birkenau"
Das vom Sonderkommando angefertigte Foto Nr. 4, Inventar Nr. 283
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz
Notiz der polnischen Häftlinge Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz vom 4. September 1944 (auf Polnisch)
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz k-136a
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz
Notiz der polnischen Häftlinge Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz vom 4. September 1944 (auf Polnisch)
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz k-137a
Notiz von Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz
Notiz der polnischen Häftlinge Stanisław Kłodziński und Józef Cyrankiewicz vom 4. September 1944 (auf Polnisch)
Dow Paisikovic, Zeitzeugenaussage vom 17. Oktober 1963
Dow Paisikovic, Zeitzeugenaussage vom 17. Oktober 1963, Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau