Eine verbotene Liebe – Prinzessin Elisa Radziwiłł und Wilhelm von Preußen

Julius Ludwig Sebbers (1804–1843): Prinzessin Elisa Radziwiłł, 1835. Lithographie nach einem Aquarell.
Julius Ludwig Sebbers (1804–1843): Prinzessin Elisa Radziwiłł, 1835. Lithographie nach einem Aquarell.

Info

Sie kannten sich seit ihrer Kindheit: Elisa, geboren 1803 und Tochter des Fürsten Anton Radziwiłł, und Wilhelm, geboren 1797 und zweiter Sohn König Friedrich Wilhelms  III. von Preußen.  Schon ihre Mütter, Fürstin Luise Radziwiłł, eine Tochter des Prinzen Ferdinand von Preußen, und Königin Luise waren eng befreundet. Gemeinsam waren sie 1806 vor den heranrückenden Truppen Napoleons mit ihren Familien nach Königsberg geflohen. Zwölf Jahre später wurde die ständig wachsende Liebe zwischen Elisa und Wilhelm öffentlich. Der König und seine Berater waren außer sich. Eine Heirat zwischen einem Hohenzollern-Prinzen und einer polnischen Fürstentocher war nicht standesgemäß. Würde Wilhelm seine Elisa dennoch heiraten können?

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Mitte Juni 1820 verbrachte die Familie Radziwiłł anlässlich des Geburtstags des Fürsten einige Tage auf Schloss Freienwalde bei Berlin, das seit dem Tod der Königin Friederike Luise, für die es 1798 errichtet worden war, leerstand. Wenig später kam auch Wilhelm (Abb. 1) mit seinen beiden Brüdern zu Besuch. Wilhelm und Elisa verlebten dort ihre glücklichsten Momente und gestanden sich gegenseitig ihre Liebe. Wieder zurück in Berlin, sah man Wilhelm fast täglich aus dem Palais Radziwiłł in der Wilhelmstraße kommen.  Beunruhigt von den inzwischen öffentlichen Gerüchten, dass der Vierundzwanzigjährige der sechzehnjährigen Tochter des Fürsten Radziwiłł Avancen machte, konsultierte der König seine Berater.

Sein Schwager, Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, ein Bruder der Königin Luise, empfand Elisa als eine reizende und hervorragende Partie für seinen Neffen, da die Fürsten Radziwiłł zu den ehemals regierenden Reichsfürsten zählten. 1515 war das polnisch-litauische Adelsgeschlecht der Radziwiłł von Kaiser Maximilian zu Fürsten des Heiligen Römischen Reichs erhoben worden. Jedoch besaßen sie kein reichsunmittelbares Territorium, weil ihre umfangreichen Besitzungen nicht im Reich lagen. Sie verfügten daher über keinen Sitz im Reichstag und gehörten folglich auch nicht dem Reichsfürstenrat an. Schon seit zweihundert Jahren hatte es Ehen zwischen den Kurfürsten von Brandenburg und den Radziwiłłs gegeben. So hatte Ludwig, der dritte Sohn des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 1681 in Königsberg Prinzessin Luise Charlotte Radziwiłł geheiratet, die einzige Tochter und Alleinerbin von Boguslaw Radziwiłł, dem Fürst-Statthalter von Preußen. Allerdings besaßen die Kurfürsten von Brandenburg zu dieser Zeit noch nicht die Königswürde, die sie erst 1701 durch die Selbstkrönung Friedrichs III. von Brandenburg zum König von Preußen erlangten.

Gemäß dem seit Friedrich dem Großen geltenden Hausgesetz der Hohenzollern waren für heiratsfähige Prinzen nur Töchter regierender Fürstenhäuser oder reichsständischer Landesherren standesgemäß. Der unter König Friedrich Wilhelm III. (Abb. 2) für dynastische Fragen zuständige Geheime Rat Friedrich von Raumer wies in einem Gutachten darauf hin, dass bereits die Ehe von Elisas Mutter, Luise Friederike von Preußen, einer Tochter des jüngsten Bruders Friedrichs des Großen, mit dem Fürsten Anton Radziwiłł nicht standesgemäß gewesen war. Der engste Berater des Königs, Reichsfürst Wilhelm zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, erstellte eine Liste, nach der Töchter von neunundzwanzig regierenden europäischen Fürstenhäusern auf eine Heirat warteten, sodass Wilhelms Heirat mit einer polnischen Dame nun wirklich nicht notwendig war.

Die Kinder der Radziwiłłs und des preußischen Königspaars hatten im Königsberger Exil gemeinsam drei Jahre einer unbeschwerten Kindheit verlebt. Während die Eltern nach der verlorenen Schlacht gegen die napoleonischen Truppen bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 um den Fortbestand Preußens fürchten mussten, war es für die Kinder, so Dagmar von Gersdorff in ihrem 2013 erschienenen Buch „Auf der ganzen Welt nur sie“, eine Zeit großer Ungebundenheit: „Man erlebte den Sommer an der Bernsteinküste, den Winter auf den Schlittenbahnen, es gab Spielplätze vor dem Steindammer Tor [...] und im alten Schloss [...] Elisa konnte mit ihren Geschwistern Wilhelm, Ferdinand und Luise spielen, Prinz Wilhelm mit dem zwei Jahre älteren Kronprinzen und seiner Lieblingsschwester Charlotte. Bei gutem Wetter fuhr man zu den Dönhoffs aufs Land oder in den weiten Park der Lehndorffs […] Die Kinder trafen hier Leute, denen sie sonst wohl kaum begegnet wären, den witzigen Herrn von Humboldt, den brummigen Freiherrn vom Stein und den schiefen Herrn von Staegemann, sogar den Dichter Achim von Arnim, der bei der Zeitung arbeitete und einen Bart trug […] Prinz Wilhelm fand im ältesten Sohn der Radziwiłłs, der ebenfalls Wilhelm hieß und im selben Jahr und Monat geboren war wie er, einen Freund fürs Leben“ (S. 11 ff.).  

1809 konnten die königliche Familie und die Radziwiłłs nach Berlin zurückkehren, nachdem der König auf Reparationsforderungen von Napoleon eingegangen war. Ein Jahr später starb Königin Luise (Abb. 3) mit vierunddreißig Jahren. Die Fürstin Radziwiłł (Abb. 4), als Tochter des Prinzen Ferdinand eine Kusine des Königs, wurde für den zwölfjährigen Wilhelm zur Ersatzmutter. Als die Provinz Posen 1815 durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses als Großherzogtum Posen an Preußen fiel, ernannte der König Fürst Anton Radziwiłł (Abb. 5) zum Statthalter des neuen Großherzogtums, zum Generalleutnant und später zum Mitglied des preußischen Staatsrats. Im Januar 1817 kehrte die Familie Radziwiłł nach Berlin zurück, um künftig sowohl im Palais in der Wilhelmstraße als auch in Posen jeweils für längere Zeit zu wohnen. Wilhelm, inzwischen zwanzig Jahre alt, vermerkte die Rückkehr nicht nur in seinem Taschenkalender. Er traf die jetzt vierzehnjährige Elisa im Prinzessinnenpalais Unter den Linden, wo Wilhelms Schwestern wohnten, und sah sie regelmäßig auf den Festen und Empfängen der Karnevalssaison und auf gemeinsamen Ausflügen. Wilhelms Verliebtheit war nicht mehr zu übersehen. Ein Spottvers der Prinzessinnen auf die Buchstaben von Elisas Namen, „Ewig / Liebe / Ich / Solche / Anmut“, verhalf ihr zu dem Spitznamen Ewig, mit dem sie später sogar Briefe unterschrieb. Im Januar 1818 traf Wilhelm Elisa in Posen auf der Rückreise von St. Petersburg, wo seine Schwester Charlotte den Bruder des russischen Zaren, den Großfürsten Nikolaus, geheiratet hatte. „Elisa ist sehr gewachsen und etwas stärker geworden, und überhaupt charmant“, notierte Wilhelm. 

Zur Wintersaison war die Familie Radziwiłł wieder in Berlin. Der Salon der Fürstin, also die regelmäßigen kulturell-gesellschaftlichen Zusammenkünfte, gehörte zu den angesehensten und war wohl einer der ersten gemischt aristokratisch-bürgerlichen Salons in Berlin. Hier tauschte sich nicht nur der Adel untereinander aus, sondern Gelehrte, Dichter, Schriftsteller und Musiker trugen eigene Arbeiten und Stücke vor. Die Fürstin legte Wert darauf, dass die Kinder am Leben der Erwachsenen teilnahmen. Fürst Anton Radziwiłł  galt als talentierter Gastgeber und Grandseigneur, der laut dem Bericht der Gräfin Elise von Bernstorff über die Zeit von 1789 bis 1835 „deutsche Treuherzigkeit und polnische Grazie“ in sich vereinte, der originelle Persönlichkeiten, aber auch polnische Verwandte und Freunde einlud, und der selbst hervorragend komponierte. Anlässlich eines Besuchs von Goethes Sohn August, so Dagmar von Gersdorff, wurden Szenen aus Goethes „Faust“ aufgeführt, zu denen Fürst Radziwiłł Kompositionen für Solisten, Chor und Orchester lieferte. Die Dekorationen gestaltete der Architekt Karl Friedrich Schinkel. Zur Aufführung erschien die gesamte königliche Familie einschließlich Prinz Wilhelm. Unter den Zuhörern waren der Freiherr vom und zum Stein, General Gneisenau, Opernintendant Graf Brühl, Bettina Brentano und viele andere.

Im Januar und Februar 1820 häuften sich Wilhelms Besuche im Hause Radziwiłł. Im März wurde Elisa zusammen mit ihrer Kusine Blanche von Wildenbruch in der Kapelle des königlichen Schlosses, die der König zur Verfügung gestellt hatte, durch den Hof- und Domprediger konfirmiert. Die Gräfin Bernstorff vermutete, der König wolle die junge Dame, die durch die Firmung heiratsfähig geworden war, dadurch zur Schwiegertochter erheben. Möglicherweise war auch Wilhelm dieser Ansicht, was ihn dazu beflügelte, Elisa im Juni 1820 auf Schloss Freienwalde seine Liebe zu gestehen. Von den Gutachten und Dossiers, die gegen eine eheliche Verbindung mit den Radziwiłłs erstellt wurden, erfuhr Wilhelm zunächst nichts. Jedoch wurde weiterhin im Hintergrund gegen ihn gearbeitet. Schwester Charlotte riet unerwartet zu einer Heirat mit Prinzessin Marie von Hessen. Sein Adjutant Oldwig von Natzmer redete ihm ins Gewissen, woraufhin er sich schließlich eingestehen musste, dass ohne eine Zustimmung des Königs keine weitere Verbindung mit Elisa möglich sein würde. Als er Elisa während ihrer Ferien auf Schloss Fürstenstein in Schlesien sah, gab er sich daher unzugänglich und frostig. Beim Abschied in Bad Landeck brach er jedoch vor der Fürstin Radziwiłł in Tränen aus.

Im Januar 1821 fand zu Ehren von Prinzessin Charlotte, inzwischen verheiratete Großfürstin Alexandra Feodorowna, wieder eine Theateraufführung statt, bei der Elisa vor dreitausend Gästen im Weißen Saal des königlichen Schlosses die Göttin Peri in dem orientalischen Stück „Lalla Rookh“ von Thomas Moore zu sehen war. Der Maler Wilhelm Hensel lieferte nicht nur die Bühnenbilder und Kostüme, er malte Elisa auch in ihrer Rolle (Abb. 6). Schinkel, Graf Brühl und Operndirektor Gaspare Spontini als Komponist waren ebenfalls beteiligt, und auch Wilhelm, Kronprinz Friedrich Wilhelm sowie die Prinzen Wladislaw und Boguslaw Radziwiłł hatten Rollen in dem Stück übernommen. Elisa traf mit ihrer Verkörperung der „Himmelssehnsucht“ die romantischen Erwartungen des Publikums und Wilhelm notierte in seinem Kalender: „Zauberisch, idealisch, ätherischer Hauch über dem Ganzen. Unvergesslich!!! – E! – semper!“, was „Elisa! Für immer!“ heißen sollte. Spätestens bei der zweiten Aufführung im Februar sah Fürst Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, ehemaliger Polizeiminister und für die Verfolgung nationaler und liberaler Bewegungen in Preußen zuständig, in der himmlischen eine irdische Romanze und verlangte Aufklärung über die polnische Familie Radziwiłł. Raumer erstellte ein zweites Dossier, in dem er die Fürstenfamilie zum niederen polnischen Adel herabstufte. Gleichzeitig wurden Elisa und Wilhelm gemeinsam auf der Silberhochzeit des Ehepaars Radziwiłł gesehen.

Als sich Kronprinz Friedrich Wilhelm in eine katholische Prinzessin von Bayern verliebte, die dieser wegen der falschen Religionszugehörigkeit niemals hätte heiraten sollen, beschloss der König, auch Wilhelms Eheabsicht aufs Neue untersuchen zu lassen. Raumer erstellte zwei weitere Gutachten, die die Ehe mit Elisa als vollkommen unmöglich hinstellten. Der als Kopf der Demagogenverfolgung agierende Polizeipräsident Karl Albert von Kamptz verfasste ein weiteres Dossier mit dem Titel „Promemoria über die Standeswidrigkeit der Ehe eines königlichen Prinzen von Preußen mit der Prinzessin Radziwill“, aufgrund dessen bereits Luise von Preußen, verheiratete Fürstin Radziwiłł, bei ihrer Eheschließung auf die Thronfolge und auf Erbansprüche ihrer Nachkommen, also auch Elisas, hatte verzichten müssen. Als Wilhelms militärischer Mentor, Johann Georg von Brause, dem Prinzen Raumers Gutachten vorlegte, fiel dieser aus allen Wolken. Dass die Radziwiłłs nicht standesgemäß sein sollten, hatte Wilhelm niemals für möglich gehalten. Als Grund für die Ablehnung des Königs hatte er die illoyale Haltung einzelner Mitglieder der Familie Radziwiłł gegenüber Preußen vermutet. Unter anderem hatte Michael Radziwiłł, der Bruder von Elisas Vater, beim polnischen Aufstand unter Poniatowski und Kościuszko gekämpft und war später in die Armee Napoleons eingetreten.

Falls Wilhelm seine Absichten nicht ändern sollte, so wurde ihm mitgeteilt, würde der König ein Kommitee mit der Angelegenheit betrauen, das dann auch die Ehe des Fürstenpaars erneut unter die Lupe nehmen würde. Insgeheim unterstellte man der Fürstin Radziwiłł, aus Elisa durch die Heirat mit Wilhelm wieder eine preußische Prinzessin machen zu wollen. Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz wurde bemüht, um Wilhelm ins Gewissen zu reden, denn, sollte sein Bruder Kronprinz Friedrich Wilhelm ohne Nachkommen sterben, so würde er auf den Thron folgen und schon deshalb müsste er aus Gründen der Staatsräson auf die Heirat mit der polnischen Prinzessin verzichten. Im Februar 1822 wurde Wilhelm vom König persönlich darüber belehrt, dass seine privaten Neigungen gegenüber dem Hausgesetz der Hohenzollern zurückzutreten hätten, und Wilhelm gab sofort jeden Widerstand auf. „Es ist aus!! Das teure, liebe, engelsgute Wesen ist für mich verloren!“ notierte er. Auf Bällen und bei geheimen Verabredungen sahen sich Wilhelm und Elisa dennoch wieder und schworen sich, für immer Freunde zu bleiben. 

Überstürzt reiste Wilhelm in die Rheinprovinzen und in die Niederlande, um vor seinen Problemen zu fliehen. Längst nahm ganz Berlin, durch die Zeitungen von der Abreise des Prinzen informiert, am Verlauf des Dramas teil. Unterdessen warb Prinz Oskar von Schweden, für den der Standesunterschied offenbar kein Problem darstellte, um Elisas Hand. Wilhelm verlebte den fünfundzwanzigsten Geburtstag, an dem er Elisa eigentlich hatte heiraten wollen, in Holland. Elisa durfte ihm nur Unverfängliches schreiben, und wenn Wilhelm ihr eine Nachricht zukommen lassen wollte, so schrieb er an ihre Mutter. Von seiner Schwester Charlotte erhielt er aus Russland Elisas Bildnisminiatur als Geschenk, die bis zu seinem Tod 1888 auf seinem Schreibtisch stehen sollte.

Zurück in Berlin gab Wilhelm bei zwei Berliner Rechtsgelehrten ein Gegengutachten in Auftrag. Eine Unterredung mit dem König, die kühl und unpersönlich verlaufen war, hatte seinen Widerstand bewirkt. Treffen von Elisa und Wilhelm im Theater, auf Empfängen im Hause Radziwiłł und lange Gespräche im Garten des Palais an der Wilhelmstraße, deren Inhalt der Prinz in Dialogform niederschrieb, folgten. „Auf der ganzen Welt nur sie!“, bekannte er. Sie sei die „Glückseligkeit“ seines Lebens. Die Gegengutachten ergriffen selbstverständlich für ihn Partei und wurden ebenso prompt von den Ministern und von Polizeidirektor Kamptz zurückgewiesen. Am 28. Juli 1822 reiste die gesamte Familie Radziwiłł nach Schlesien, nach Schloss Ruhberg bei Schmiedeberg im Hirschberger Tal. Bekannt für seine liebliche Landschaft zu Füßen des Riesengebirges und umgeben von Teilgebirgen der Sudeten, ließ sich der preußische Adel, darunter zahlreiche Freunde der Radziwiłłs, im 19. Jahrhundert an die dreißig Schlösser, Herrensitze und Parks im Hirschberger Tal errichten. Schloss Ruhberg, unter Beteiligung des Architekten Carl Gotthard Langhans, des Erbauers des Brandenburger Tors, errichtet und von einem weitläufigen Landschaftspark umgeben, hatte Fürst Radziwiłł als Sommersitz zunächst für fünf Monate gemietet, doch die Familie sollte auch für die folgenden acht Jahre nicht nach Berlin zurückkehren.

Unterdessen präsentierte Geheimrat Raumer drei weitere Dossiers, in denen eine Verbindung der beiden Liebenden als „Missheirat“ bezeichnet wurde, welche die hierarchische Struktur des Hauses Hohenzollern untergraben würde. Der preußische Außenminister Christian Günther Graf von Bernstorff wurde um eine Beurteilung des Falls gebeten, sah sich jedoch außerstande, die Ebenbürtigkeit zu beurteilen, da die Radziwiłłs dem polnischen und nicht dem deutschen Adel angehörten, und schlug eine Ebenbürtigkeitserklärung durch den König vor. Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem das Lebensglück seines Bruders am Herzen lag, verurteilte mit Vehemenz die Gutachten und Intrigen der „Hofschranzen“ und stritt sich leidenschaftlich mit seinem Onkel Großherzog Georg, der ebenfalls weitere identische Gutachten anfertigen ließ. Während Wilhelm seinen Vater und die Brüder auf einen Monarchenkongress nach Verona begleitete, wurde Elisa neunzehn Jahre alt. „Elisa ist für mein Lebensglück unentbehrlich geworden“, schrieb Wilhelm an ihre Eltern.

Die Familie Radziwiłł beschloss, nicht nach Berlin zurückzukehren, um Elisa nicht dem Gerede auszusetzen. Die Weigerung des Königs, der Heirat zuzustimmen, empfand sie inzwischen als ungeheure Beleidigung, zumal Fürstin Luise mit dem König verwandt war. Nicht nur sie, auch Wilhelm vermutete, dass politische Gründe ausschlaggebend waren, denn Fürst Radziwiłł hatte sich nicht nur auf dem Wiener Kongress, sondern auch gegenüber dem König für die Wiederherstellung der polnischen Nation, möglicherweise unter der Führung Preußens, eingesetzt, eine Ansicht, die Reichsfreiherr Heinrich vom und zum Stein, ein Freund der Fürstin, ebenso vertrat wie Elisas beste Freundin Luise von Kleist, deren Verlobter zu den aufrührerischen polnischen Studenten gehörte. Im Mai 1823 siedelte die Familie nach Posen ins Statthalterpalais über. Elisa begann, sich einen Kreis polnischer Freundinnen zu schaffen und sich für die Kultur und Geschiche Polens zu interessieren.

Während Wilhelm und Elisa zwischen Berlin und Posen über Familienmitglieder winzige Nachrichten, gepresste Blumen und Blätter, Schmuckstücke und Haarsträhnen austauschten, stellte der Kronprinz, wütend über Raumers Anmaßungen, eigene Nachforschungen über die Geschichte der Hohenzollern an, verfertigte selbst eine Stellungnahme, in der er über die Gutachten des Fürsten Wittgenstein herzog, und ließ dem König ausrichten, dieser möge endlich eine Entscheidung treffen. In zweierlei Hinsicht ließ sich der König erweichen: Er erlaubte dem Kronprinzen, die katholische Prinzessin Elisabeth von Bayern zu heiraten, und Wilhelm durfte – über Posen! – nach St. Petersburg reisen, um Schwester Charlotte zu besuchen. Wilhelm revanchierte sich mit einem Affront gegen den König: Er hatte herausgefunden, dass Elisabeth, die neue Schwiegertochter, über Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz in direkter Linie von Fürst Boguslaw Radziwiłł abstammte. Wittgenstein legte das zweiundzwanzigste Gutachten über eine bevorstehende „Missheirat“ mit einer Prinzessin Radziwiłł vor, da diese nicht aus einer souveränen Dynastie stammen würde.

Aber auch der Druck auf den König wuchs. Der Kronprinz beschwerte sich bei seinem Onkel Georg über die Kälte und die Herzlosigkeit des Monarchen. Wilhelm schrieb einen Brief, in dem er um eine Entscheidung bat und darum ersuchte, auf eine Kommission zu verzichten, die die befreundete Familie Radziwiłł in Bedrängnis bringen würde, unterwarf sich aber jeder Entscheidung des Königs. Die Fürstin Radziwiłł beschwerte sich ebenfalls brieflich über die öffentliche Herabsetzung ihrer Familie und bat, ihr die sicherlich kränkende Beurteilung einer Kommission zu ersparen. Der Bericht der dann im Juni 1824 tatsächlich einberufenen 

Kommission, bestehend aus Wittgenstein, General Graf Gneisenau und mehreren Ministern, fiel nach Wilhelms Ansicht windelweich aus. Der König ordnete unterdessen ein Familientreffen im Hirschberger Tal an, woraufhin die Familie Radziwiłł auf Schloss Ruhberg die gesamte königliche Familie einschließlich Charlotte aus St. Petersburg und der neuen Kronprinzessin Elisabeth erwartete. Möglicherweise wollte der König persönlich die „Dauergeliebte“ seines Sohnes, so Dagmar von Gersdorff, „in Augenschein nehmen“. Das Treffen fiel freundschaftlich und herzlich aus. Elisas Schönheit und Anmut beeindruckten König Friedrich Wilhelm III. nachhaltig, und nach seiner Rückkehr nach Berlin bemühte er sich nach Kräften, ihre Heirat mit Wilhelm doch noch möglich zu machen.

Die standesgemäße Verbindung der künftigen Brautleute sollte nun eine Adoption Elisas durch ein regierendes Fürstenhaus ermöglichen. Kamptz und Raumer legten weitere Gutachten vor, in denen sie nun historische Adoptionen in Europa referierten. Der König bat den russischen Zaren um Hilfe, der Elisas Adoption jedoch ablehnte, weil unstandesgemäße Heiraten im Zarenhause auch nicht auf diese Weise gelöst worden waren. Eine Adoption im Hause Habsburg kam aus politischen Gründen nicht infrage. Die Familie Radziwiłł empfand den Plan einer Adoption als zusätzliche Demütigung, weil dadurch endgültig der geringere Rang der, so Dagmar von Gersdorff, „uralten polnisch-litauischen Fürstenwürde“ gegenüber dem „jüngeren Preußenadel“ dokumentiert werden würde. Infrage kam für eine Adoption letztendlich nur Prinz August von Preußen, jüngster Bruder von Fürstin Luise, General der Infanterie und reichster Grundbesitzer Preußens. Nur mit größtem Widerstand willigte das Ehepaar Radziwiłł ein, denn August galt als Lebemann, der nicht weniger als elf uneheliche Kinder gezeugt hatte. Wilhelm, der Elisa seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, reiste im Februar 1825 nach Posen und verlobte sich im Geheimen mit ihr.

In Berlin zweifelte niemand mehr an der bevorstehenden Hochzeit. Wilhelm schmiedete Pläne für ein eigenes Schloss im Park von Babelsberg und Elisa träumte in Posen von ihrem neuen Hausstand. Bedienstete meldeten sich, um eine Anstellung bei dem künftigen Ehepaar zu finden. Von den Hochzeitsgerüchten alarmiert, berief der König erneut eine Konferenz ein, auf der die Minister bekräftigten, dass die Heirat unerwünscht und eine Adoption die Ebenbürtigkeit Elisas auch nicht würde herstellen können. Inzwischen war bekannt geworden, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm kinderlos bleiben und Wilhelm für die Thronfolge der Hohenzollern verantwortlich sein würde.  Elisa fühlte sich, während alle ihre Freundinnen längst verheiratet waren, durch den langen Wartestand wie im Exil. Es wurde Oktober und Elisa feierte im neuen Jagdschloss Antonin, das Fürst Radziwiłł im Kreis Ostrowo in der Provinz Posen durch Karl Friedrich Schinkel hatte erbauen lassen, ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag. Wilhelm war die Reise nach Schlesien verboten worden. Stattdessen reiste er auf Anregung des Königs mit seinem jüngeren Bruder Carl nach Weimar, wo die sechzehnjährige Marie und die vierzehnjährige Auguste von Sachsen-Weimar-Eisenach auf heiratsfähige Männer warteten.

Carl verliebte sich sofort in Marie. Die Mutter der Prinzessinnen, Großherzogin Maria Pawlowna, Schwester des russischen Zaren und Schwägerin von Charlotte, hätte einer Heirat jedoch nur zugestimmt, wenn Wilhelm auf eine Heirat mit Elisa, einer nicht ebenbürtigen Tochter aus polnischem Hause, verzichten würde. Während in Moskau Zar Alexander I. starb und Charlottes Mann, Nikolaus I., nach einer Offiziersrevolte auf den Zarenthron folgte, intervenierte Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach beim preußischen König mit einem Ultimatum, dass eine Heirat zwischen Carl und Marie nur zustande käme, wenn es zu keiner Verbindung mit dem Hause Radziwiłł kommen würde. Beide Magnaten waren sich im Grunde darüber einig, dass eine Heirat der Prinzessinnen von Sachsen-Weimar-Eisenach mit beiden Preußen-Prinzen die beste Lösung wäre. Brieflich untersagte Friedrich Wilhelm III. daraufhin seinem Sohn Wilhelm im Juni 1826 die Ehe mit Elisa. „Das Band der Liebe ist zwischen Elisa und mir gelöst – möge ihre Freundschaft mir bleiben – bis zum Tode!“, schrieb Wilhelm an Mutter und Tochter. Fürst Radziwiłł war über die Herabsetzung seiner Familie und das jahrelange Hinhalten seiner Tochter zutiefst beleidigt, verzichtete aber darauf, die bereits aufgesetzten empörten Briefe an den König abzusenden.

Im Mai 1827 heirateten Carl und Marie. Ein Jahr später hielt Wilhelm um die Hand von Augusta an, für die er jedoch keine Liebe empfinden konnte. Im Hause Radziwiłł hielt der Tod Einzug. Im September 1827 starb Elisas Bruder Ferdinand an Tuberkulose, drei Monate später Helene, die Frau von Elisas Bruders Wilhelm, im Jahr darauf deren Tochter, Elisas Patenkind. Im Juni 1829 heiratete Wilhelm von Preußen Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (Abb. 7), die sich zeit ihres Lebens bewusst war, dass sie nur ein ungenügender Ersatz für Elisa sein würde. „Erhalten, bleiben Sie mir, was Sie mir waren, was Sie mir sind! Er segne Sie! Ewig Ihr Sie zärtlichst liebender Neffe Wilhelm“, schrieb dieser in seinem für immer letzten Brief an Fürstin Luise Radziwiłł. Als Folge des Novemberaufstands 1830 im russischen Teil Polens, der von einem Schwager des Fürsten Radziwiłł, Fürst Constantin Czartoryski, und von seinem Bruder Michael Radziwiłł angeführt wurde, enthob der preußische König noch im selben Jahr Fürst Anton Radziwiłł seines Postens als Statthalter im Großherzogtum Posen. 1831 starb Elisas Bruder Wladislaw an Tuberkulose. Fürst Anton Radziwiłł wurde 1833 aus dem preußischen Staatsdienst entlassen und starb noch im selben Jahr in Berlin. 

Elisa, die sich offenbar bei der aufopfernden Pflege ihres Bruders Wladislaw angesteckt hatte und seitdem jahrelang leidend war, starb am 27. September 1834 auf Schloss Freienwalde (Abb. 8). Prinzessin Augusta von Preußen gebahr 1831 ihren Sohn Friedrich, den späteren deutschen Kaiser Friedrich III., den sogenannten 99-Tage-Kaiser, 1838 ihre Tochter Luise, die spätere Großherzogin von Baden. Wilhelm, der Elisa auch nach seiner Heirat mit Augusta mehrfach wiedergesehen hatte, wurde nach dem Tod seines Bruders Friedrich Wilhelm IV. 1861 König von Preußen. Am 18. Januar 1871 wurde er im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert (Abb. 9). Die verbotene Liebe zwischen Elisa und Wilhelm beschäftigte nicht nur Zeitzeugen in ihren Lebenserinnerungen, sondern wurde Gegenstand von zahlreichen historischen Abhandlungen und Romanen und 1938 sogar eines Kinofilms, der während der Nazizeit verboten war und 1950 unter dem Titel „Liebeslegende“ in die deutschen Kinos kam.

Axel Feuß

Nachbemerkung:

Dieser Bericht folgt im Wesentlichen der neuesten Publikation zu diesem Thema von Dagmar von Gersdorff: Auf der ganzen Welt nur sie. Die verbotene Liebe zwischen Prinzessin Elisa Radziwill und Wilhelm von Preußen, Berlin 2013; Insel-Taschenbuch 4393, Berlin 2015 / Dagmar von Gersdorff: Na całym świecie tylko ona. Zakazana miłość ksiȩżniczki Elizy Radziwiłł i Wilhelma Pruskiego, Jelenia Góra, 2014. Die Autorin wertete private Aufzeichnungen Wilhelms I. von Preußen (1797-1888) im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin und weitere Dokumente der beteiligten Personen sowie publizierte Erinnerungen von Zeitzeugen aus.


Weitere Literatur:

Gräfin Elise von Bernstorff, geborene Gräfin von Dernath. Ein Bild aus der Zeit von 1789-1835. Aus ihren Aufzeichnungen, 2 Bände, Berlin 1897

Oswald Baer: Prinzeß Elisa Radziwill. Ein Lebensbild, Berlin 1908

Elisa Radziwill: Ein Leben in Liebe und Leid. Unveröffentlichte Briefe der Jahre 1820-1834,  herausgegeben von Bruno Hennig, Berlin 1911

Ernst Philipp Weigel: Elisa Radziwill. Das Drama der Jugendliebe Kaiser Wilhelms I., Leipzig 1911

Anne van den Eken: Kaiser Wilhelm I Jugendliebe: Prinzeß Elisa Radziwill. Historischer Roman (Aus dem Liebesgarten gekrönter und ungekrönter Häupter, 2), Leipzig 1913

Leo Hirsch: Elisa Radziwill. Die Jugendliebe Kaiser Wilhelm I, Stuttgart 1929

Kurt Jagow: Wilhelm und Elisa. Die Jugendliebe des Alten Kaisers, Leipzig 1930

Harald Eschenburg: Die polnische Prinzessin. Elisa Radziwill: die Jugendliebe Kaiser Wilhelms I., Stuttgart 1986

Marta Bzdręga: Prinz Wilhelm von Preußen und seine Jugendliebe Elisa Radziwill, in: Studia Germanica Posnaniensia, XXX, Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu, Poznań 2006, Seite 57-73

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Prinz Wilhelm von Preußen. Stich nach einem Gemälde von Carl von Steuben, 1814.
Abb. 1: Wilhelm
Prinz Wilhelm von Preußen. Stich nach einem Gemälde von Carl von Steuben, 1814.
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Gemälde von Ernst Gebauer, 1831.
Abb. 2: Wilhelms Vater
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Gemälde von Ernst Gebauer, 1831.
Königin Luise von Preußen. Gemälde von Josef Grassi, 1802.
Abb. 3: Wilhelms Mutter
Königin Luise von Preußen. Gemälde von Josef Grassi, 1802.
Fürstin Luise Radziwiłł. Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1801.
Abb. 4: Elisas Mutter
Fürstin Luise Radziwiłł. Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1801.
Fürst Anton Radziwiłł. Lithographie von Karol Antoni Simon, 1824/30.
Abb. 5: Elisas Vater
Fürst Anton Radziwiłł. Lithographie von Karol Antoni Simon, 1824/30.
Gemälde von Wilhelm Hensel, 1821.
Abb. 6: Elisa als Peri
Gemälde von Wilhelm Hensel, 1821.
Wilhelm von Preußen und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1854.
Abb. 7: Wilhelm und Augusta von Preußen
Wilhelm von Preußen und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1854.
Marmorbüste von Christian Daniel Rauch, 1834.
Abb. 8: Elisa auf dem Totenbett
Marmorbüste von Christian Daniel Rauch, 1834.
Kaiser Wilhelm I. an seinem Schreibtisch im Alten Palais, Berlin, 1880.
Abb. 9: Kaiser Wilhelm I.
An seinem Schreibtisch im Alten Palais, Berlin, 1880.
"Die verbotene Liebe", 2016
Ein Film von Schülerinnen und Schülern der Robert-Jungk-Oberschule in Berlin.