Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki im Studio des ZDF
Marcel Reich-Ranicki im Studio des ZDF Titel der Sendung: Aus gegebenem Anlass - Marcel Reich-Ranicki im Gespräch mit Thomas Gottschalk Sendedatum: 17.10.2008 Quelle: ZDF

Info

Marcel Reich-Ranicki ist 92 Jahre alt, als er am 27.01.2012 - dem Holocaustgedenktag - als Zeitzeuge vor dem Deutschen Bundestag spricht. Auch hier kritisch, auch hier literarisch, auch hier klar und deutlich.

Er stellt sich allerdings nicht als Zeitzeuge, sondern als Überlebender des Warschauer Ghettos vor und schildert in seiner langen Rede einen einzigen Tag im Ghetto, den Tag, an dem die “Umsiedlung” des Ghettos befohlen wurde.

“Was die "Umsiedlung" der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod”, sagte Marcel Reich-Ranicki als Schlusswort seiner Rede.

Seine Mitarbei für den polnischen Staatssicherheitsdienst in den 1950er Jahren werfen einen tiefen Schatten auf seine Person und sein intelektuelles Erbe.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Es war der erste und bis jetzt der einzige literarische Straßenfeger in Deutschland. Man verabredete sich zum gemeinsamen Gucken. Am Tag darauf diskutierten die Leute, man ahmte IHN mit seinem unverkennbaren osteuropäischen Akzent nach, zitierte DEN Superstar des “Literarischen Quartetts” im ZDF: Marcel Reich-Ranicki. In den späten 80er Jahren ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er ist nun der erfolgreichste Literaturkritiker Deutschlands. Gern wird er von der deutschen Presse als Literaturpapst bezeichnet.

Hinter ihm liegt bereits die Arbeit als Literaturkritiker im Feuilleton der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, später als Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit” und schließlich als Leiter der Literaturredaktion der FAZ.

 

Hinter Marcel Reich-Ranicki liegt der Besuch des Gymnasiums in der „Reichshauptstadt“ Berlin, die Deportation nach Polen im Zuge der “Polenaktion” 1938, das unfassbare Grauen im Warschauer Ghetto, der Verlust seiner Familienangehörigen in den Konzentrationslagern, die Flucht und Jahre im Versteck, die Zusammenarbeit mit der polnischen Geheimpolizei (UB), mit dem polnischen Auslandsnachrichtendienst (MBP) und die Arbeit in der polnischen Botschaft in London. Hinter ihm liegt auch die Rückkehr nach Polen, die erneute Inhaftierung, das Publikationsverbot und schließlich 1958 die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland. Ab da lebt der polnisch-deutsche Publizist und Literaturkritiker in der BRD und ist an der Popularisierung der deutschen Literatur maßgeblich beteiligt. Er hat nie seine jüdische und seine polnisch-deutsche Herkunft geleugnet, schrieb jedoch in seiner Autobiographie, dass er "kein eigenes Land, keine Heimat und kein Vaterland" hat. Seine Heimat sei im Letzten die Literatur gewesen. Betrachtet man sein Leben, ist man mehr als geneigt, dies zu glauben.

Historische und biographische  Daten

 

  • 1920 geboren in Wloclawek (Polen) als Kind des polnischen Juden David Reich und der deutschen Jüdin Helene Reich, geb. Auerbach.
  • 1927 Deutschsprachige Volksschule in Wloclawek.
  • 1929 Ausreise nach Berlin zur Familie der Mutter
  • 1930 Werner-von-Siemens-Gymnasium (Berlin-Schöneberg).
  • 1934 Mitglied des "Jüdischen Pfadfinderbundes Deutschland".
  • 1935 Fichte-Gymnasium (Berlin-Wilmersdorf).
  • 1938 Abitur
  • 1938 Ablehnung des Immatrikulationsgesuchs (Germanistik)
  • 1938 Deportation aus Berlin nach Polen (“Polenaktion”)
  • 1940 Zwangsumsiedlung in das Warschauer Ghetto, Mitarbeit beim Ältestenrat “Judenrat”
  • 1942 Deportationen der Getto-Bewohner ins Vernichtungslager Treblinka beginnen, Eheschließung mit Teofila Langnas (Mitglieder des “Judenrates” und Eheleute werden vorerst nicht deportiert)
  • 1943 Flucht aus dem Getto
  • 1944 Befreiung aus dem Versteck durch die Rote Armee.
  • 1944 Beginn der Arbeit für die Postzensur, die dem Ministerium für Öffentliche Sicherheit (MBP) unterstellt ist.
  • 1945 stellvertretender Leiter der Abteilung III des Hauptamtes für Zensur in Warschau
  • 1945 Eintritt in die Kommunistische Partei Polens PPR ("Polnische Arbeiterpartei").
  • 1946 Arbeit in der Polnischen Militärmission und für den Auslandsnachrichtendienst in Berlin. Ab April in Warschau Mitarbeiter in der Abteilung II, Sektion IV, des MBP.
  • 1948 unter dem Namen Ranicki Vizekonsul (später Konsul) der Republik Polen in London und im Rang eines Hauptmanns leitender Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes.
  • 1949 Abberufung aus London und Rückkehr nach Warschau. 14 Tage Haft in einer Einzelzelle.
  • 1950 Entlassung aus dem Auswärtigen Dienst und aus dem Geheimdienst
  • 1950 Ausschluss aus der Kommunistischen Partei
  • 1950 Lektor für deutsche Literatur im Verlag des Verteidigungsministeriums
  • 1951 Veröffentlichungen in der Warschauer Wochenzeitung Nowa Kultura (Neue Kultur).
  • 1952 Freier Mitarbeiter der Warschauer Monatszeitschrift Twórczość (Schaffen). 
  • 1953 Publikationsverbot.
  • 1954 Aufhebung des Publikationsverbots.
  • 1957 Erste Studienreisen auf Vermittlung des polnischen Schriftstellerverbandes nach Österreich und in die Bundesrepublik.
  • 1958 Studienreise in die Bundesrepublik ohne Rückkehr nach Polen. Wohnort in Frankfurt am Main.
  • 1958 erste Teilnahme an einer Tagung der "Gruppe 47", demokratischer Zusammenschluss aus Literaten und Publizisten
  • 1958 Literaturkritiker im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)
  • 1959 Umzug nach Hamburg-Niendorf
  • 1960 Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit”
  • 1971 bis 1975 Gastprofessur in Stockholm und Uppsala
  • 1973 bis 1988 die Leitung der Literaturredaktion der FAZ
  • 1974 Honorarprofessor an der Eberhard Karls Universität Tübingen
  • 1988 bis 2001 die Sendung “Das Literarische Quartett” im ZDF
  • 1990 die Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
  • 1991 die Heinrich-Hertz-Gastprofessur der Universität Karlsruhe
  • 1999 erscheint seine Autobiographie “Mein Leben”
  • 2001 Ehrendoktorwürde der Universität Utrecht
  • 2002 Ehrendoktorwürde der Universität München
  • 2006 Ehrendoktorwürde der Freien Universität zu Berlin und in Tel Aviv
  • 2007 Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität zu Berlin
  • 2013 stirbt Marcel Reich-Ranicki in Frankfurt am Main

Historische, biographische Zusatzinformationen

 

Auf diesen Augenblick hat Marcel Reich-Ranicki 69 Jahre gewartet. Als er an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin im Jahre 1938 Germanistik studieren wollte, wurde er aus politischen und antisemitischen Gründen abgelehnt. Die Rechtsnachfolgerin der Universität, die Humboldt-Universität in Berlin, fand erst 2007 die passenden Worte und Form der Entschuldigung. Am 16. Februar 2007 wurde Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität verliehen.

“Ich nehme diesen Preis nicht an!” - wie immer kritisch, wie immer eindeutig und wie immer hart im Urteil, sprach Marcel Reich-Ranicki diese Worte beim Verleih des “Deutschen Fernsehpreises” im Jahre 2008. Ganz spontan bat der damals 88 Jährige am Rednerpult vor Hunderten von Gästen im Saal und einem Millionenpublikum vor den Fernsehern, um Entschuldigung und Nachsicht, aber der „Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben“, zwinge ihn, die Auszeichnung abzulehnen.

Marcel Reich-Ranicki ist 92 Jahre alt, als er am 27.01. 2012, dem Holocaustgedenktag, als Zeitzeuge vor dem Deutschen Bundestag spricht. Auch hier kritisch, auch hier literarisch, auch hier klar und deutlich. Er stellt sich allerdings nicht als Zeitzeuge, sondern als Überlebender des Warschauer Ghettos vor und schildert in seiner langen Rede einen einzigen Tag im Ghetto, den Tag, an dem die “Umsiedlung” des Ghettos befohlen wurde. Erschreckend genau, einfach, glasklar, scharf und schmerzvoll vermittelt er die Stimmung und das unvorstellbare, von der SS verbreitete Grauen im Warschauer Ghetto. “Was die "Umsiedlung" der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod”, sagte Marcel Reich-Ranicki als Schlusswort seiner Rede.

Adam Gusowski

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