Selmar Cerini

Selmar Cerini als Kantor der Breslauer Neuen Synagoge, um 1895
Selmar Cerini als Kantor der Breslauer Neuen Synagoge, um 1895

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Zu den Begleitveranstaltungen des „Marsches Gegenseitiger Achtung“ 2016 in Wrocław gehörte auch die Enthüllung einer Installation der amerikanischen Künstlerin Kitty Hubbard, die Selmar Cerini (1860-1923), dem Breslauer Opernsänger und Oberkantor der Breslauer Neuen Synagoge, gewidmet war. Die Künstlerin hat für ihr Werk einen Teil der Mauer genutzt, die das einzige Überbleibsel der Neuen Synagoge ist und heute durch das Denkmal zur Erinnerung an das zerstörte Gotteshaus verstellt wird. Auf dessen Gelände hatte Cerini mit seiner Familie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewohnt.

Die Enthüllung wurde von Cerinis Archivaufnahmen begleitet sowie von einem Lied aus seinem Repertoire, das Marek Belko, ein Sänger an der Oper in Wrocław, interpretierte. Damit hat dieses Projekt eine faszinierende und nicht nur für das jüdische Breslau wichtige Persönlichkeit aus den Dunkelkammern der Erinnerung hervorgeholt. Wer aber war dieser außergewöhnliche dramatische Tenor?

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Selmar Cerini (eigentlich Salomo Izich-ha-Kohen Steifmann) wurde am 15 Dezember 1860 in Wólka bei Warschau, im damaligen russischen Teilungsgebiet, als Kind einer Familie orthodoxer polnischer Juden geboren. Seit er denken konnte, war sein größter Traum zu singen. Um ihn zu verwirklichen, hatte er zahlreiche Hürden zu meistern. Als Zwölfjähriger riss er von Zuhause aus und ging nach Płońsk (Plonsk), wo er zwei Jahre im Chor der dortigen Synagoge sang. Nach dieser Zeit plagten ihn gesundheitliche Probleme, ein vorübergehender Stimmverlust und existentielle Sorgen. Trotz alledem widmete er sich jedoch hartnäckig seiner Berufung und zwar bis zu dem Zeitpunkt, als er sich verliebte. Die Eltern der Auserwählten glaubten freilich nicht, dass ein armer junger Mann allein mit Gesang für den Unterhalt der Tochter und der künftigen Familie sorgen könne. Erst nach vielen Bemühungen und nach seinem Gelübde, die Laufbahn des angesehenen Kaufmannsberufes einschlagen zu wollen, stimmten sie der Verlobung zu. Kurz darauf erfolgte die Einberufung in die russische Armee. Der Soldatendienst verschlug ihn in das weit entfernte Kasan. Allerdings wurde er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen. Bald darauf fand die Eheschließung statt und seitdem soll Cerini seine Lieder nur noch während der Arbeit im Kontor seines Schwiegervaters in Gąbin bei Płock (Plock) vor sich hin gesummt haben.

Doch wie das Schicksal so spielt, kehrte er sehr bald wieder zur Musik und zum Gesang zurück. Weil die Familie seiner Frau durch das Pogrom von 1882 ihr gesamtes Vermögen verlor, begab er sich auf die Suche nach einer neuen Einkommensquelle und nahm die Stelle des Kantors in der Synagoge von Zagórów an. Inzwischen erblickten zwei Kinder das Licht der Welt. Man blieb jedoch nicht sehr lange in Zagórów. Nach einer kurzen Episode in Łódź (Lodz) entschied sich Cerini dafür, nach Deutschland zu emigrieren. 1887 ließ er seine Familie in der Obhut der Schwiegereltern zurück und ging nach Breslau. Seine Stimme gefiel dem Oberkantor der dortigen Synagoge Moritz Deutsch, der ihm vorschlug, ein Studium am Konservatorium in Berlin oder in Wien zu absolvieren. Auch der Opernhausdirektor Georg Brandes beurteilte seine Stimme als recht gut, empfahl jedoch, sie weiter zu bilden.

Nach mehreren Abenteuern wurde Cerini an der Königlichen Musikhochschule Berlin aufgenommen. Sein Aufenthalt in Deutschland erwies sich aber als illegal, so dass ihm die Deportation drohte. Er musste sich einige Monate vor der Polizei verstecken und es schien, als liefe alles auf eine Katastrophe hinaus. Doch sein Schicksal nahm eine überraschende Wendung. Erste Mäzene kamen ihm zur Hilfe, darunter die Brüder Louis und Gustav Sachs sowie deren Schwager Adolf Ginsberg, die alle von Selmars Stimme entzückt waren, so dass es ihm schließlich immer besser ging. Er erhielt einen Pass, holte seine Familie nach Berlin und das Interesse an seiner Stimme stieg. 

Daraufhin folgten erste Engagements. Die Auftritte als Chor-Solist in einer der Berliner Synagogen machten ihn rasch bekannt. Die ersten Opernarien seiner Karriere sang er im Victoria-Theater. Zu dieser Zeit nahm er den italienisch klingenden Künstlernamen Cerini an, der sein neuer bürgerlicher Nachname wurde. Zum Wechsel seines Glaubens und zu einer vollständigen Assimilation hat er sich jedoch nie entschieden. Indessen luden ihn immer mehr Opernhäuser ein. Mit der Leipziger Oper hat er fünf Jahre lang gearbeitet. Zu Beginn der 90. Jahre des 19. Jahrhunderts erhielt er ein festes Engagement an der Breslauer Oper und wurde vom dortigen Publikum enthusiastisch empfangen. Eintrittskarten für Opern, in denen er sang, verkauften sich wie von selbst. Außerdem gab er auch Gastauftritte in diversen Städten des Reiches sowie im Ausland.

Nach dem Tod von Oberkantor Max Deutsch beschloss die jüdische Gemeinde, Cerini für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Dieser entschied daraufhin, das Leben eines berühmten Solisten aufzugeben und dem Ruf zu folgen. Doch es taten sich neue Hürden auf. Aufgrund einer Intrige musste er die Stadt verlassen, in die er erst nach seiner Einbürgerung hätte zurückkehren dürfen. Cerini begab sich daraufhin nach Straßburg und wurde dort an der Oper engagiert. Die Erfolge kamen schnell und bald erhielt er auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Letzten Endes gelang es dem armen jüdischen Jungen aus Wólka dank seines Talentes und dank seiner außergewöhnlichen Entschlossenheit, dauerhaften Erfolg und materielle Sicherheit zu erlangen.

Mitte der 90. Jahre des 19. Jahrhunderts kehrte Cerini nach Breslau zurück, um dort Oberkantor der Neuen Synagoge zu werden, eine Stelle, die er bis zu seinem Tod am 11. November 1923 bekleidete. Er wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Frankfurter Chaussee, der heutigen ulica Lotnicza, beigesetzt. Sein Grabstein, der erhalten ist, wurde mit dieser Inschrift versehen:


„Aus der Tiefe rief er zu Gott

Sein Gesang erhob die Herzen der

Beter zu den Höhen der Andacht"


Cerini hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei mehreren Plattenfirmen, darunter Odeon, Regent, Zanophone, einige Schallplatten aufgenommen, auf denen er Arien aus Opern und Operetten, religiöse Lieder und populäres Liedgut auch in polnischer Sprache interpretierte.


Krzysztof Ruchniewicz

 

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Selmar Cerini als Kantor der Breslauer Neuen Synagoge, um 1895
Selmar Cerini
als Kantor der Breslauer Neuen Synagoge, um 1895.
Cerinis Frau Regina, um. 1895
Cerinis Frau Regina
um 1895.
Stadttheater von Breslau, um 1890
Stadttheater von Breslau
um 1890.
Selmar Cerini als Sänger des Breslauer Stadttheaters. ca. 1890
Selmar Cerini, ca. 1890
als Sänger des Breslauer Stadttheaters.
Plakat des Breslauer Stadttheaters mit Cerini, 5.2.1891
Plakat des Breslauer Stadttheaters mit Cerini
5.2.1891.
Plakat des Breslauer Stadttheaters mit Cerini, 27.12.1891
Plakat des Breslauer Stadttheaters mit Cerini
27.12.1891.
Neue Synagoge zu Breslau, ca. 1895
Neue Synagoge zu Breslau
ca. 1895.
Neue Synagoge zu Breslau (Innenansicht), ca. 1895
Neue Synagoge zu Breslau (Innenansicht)
ca. 1895.
Neue Synagoge zu Breslau (Innenansicht), ca. 1895
Neue Synagoge zu Breslau (Innenansicht)
ca. 1895.
Cerinis Grab auf dem Jüdischen Cosel Friedhof in Breslau / Wrocław (heute Lotnicza-Straße 19), zeitgenössische Ansicht
Cerinis Grab auf dem Jüdischen Cosel Friedhof
Breslau / Wrocław (heute Lotnicza-Straße 19), zeitgenössische Ansicht.