Wiarus Polski

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Im September 1890 erschien sie zum ersten Mal in Bochum und wurde schnell zur einflussreichsten Zeitung für den katholischen Teil der Ruhrpolen - “Wiarus Polski“ (Polnischer Kämpe)  - die erste Zeitung, die speziell für die polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet gegründet worden war.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Im September 1890 erschien sie zum ersten Mal in Bochum und wurde schnell zur einflussreichsten Zeitung für den katholischen Teil der Ruhrpolen - “Wiarus Polski“ (Polnischer Kämpe)  - die erste Zeitung, die speziell für die polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet gegründet worden war.

Der Pfarrer Franciszek Liss kam 1890 als 35 jähriger aus Westpreußen ins Ruhrgebiet. Er übernahm von Józef Szotkowski nicht nur Seelsorge der Ruhrpolen, kämpfte für die polnische Sache im Ruhrgebiet und im gesamten Deutschen Kaiserreich, er war auch der Urheber und Gründer der Zeitung “Wiarus Polski“. So schrieb der Pfarrer über seine Motive: “Es ist mir gänzlich gelungen, die 25.000 – 30.000 Polen vor der Pest des Sozialismus zu bewahren“[1]. Der „Wiarus Polski“ verstand sich bereits zu Beginn seines Erscheinens als eine Art Opposition zu dem “sozialdemokratischen“ Blatt “Gazeta Robotnicza“ (Arbeiter Zeitung). Mit dem Motto: „Módl się i pracuj!“ (bete und arbeite) knüpfte der “Wiarus Polski“ an einen Grundsatz des Benediktinerordens an. So betete und arbeitete Franciszek Liss für die Polen und neben seinen Verpflichtungen als Seelsorger und Verleger gelang es ihm darüber hinaus  30 neue katholisch - polnische Vereine zu gründen.

Als der „Wiarus Polski“ zum wichtigsten Organ der polnisch - katholischen Vereine avancierte, wurde die Zeitung von staatlicher Seite misstrauisch beobachtet und deren Artikel übersetzt, um sie an entsprechende Behörden weiterzuleiten. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass vom “Wiarus Polski“ eine politische Gefahr ausginge. Der Druck seitens der preußischen Behörden auf Franciszek Liss wuchs zunehmend, bis er vom Paderborner Bischof von seinen Aufgaben als “Polenseelsorger“ abberufen und angewiesen wurde, den “Wiarus Polski” zu verlassen. Der Bischof konnte nicht ahnen, dass Franz Liss ausgerechnet durch seine Abberufung weit über die Grenzen des Ruhrgebietes hinaus zu einem polnischen Helden wurde.

Am 1. April 1893 kam Jan Brejski an die Spitze des Blattes, der die polnisch-nationale Linie fortsetzte. Jan Brejski holte auch seinen Bruder Anton nach Bochum. Ihm übertrug Jan Brejski die Redaktion, er selbst übte aber weiterhin einen politischen Einfluss auf die Zeitung aus. Mit der Übernahme der Zeitung durch die beiden Brüder wurde aus der vorwiegend religiösen Zeitung ein radikales national-politisches Organ. Der “Wiarus Polski“ mahnte nun stärker als je zuvor und mit erhobenem Zeigefinger das polnische Bewusstsein an: “Polnische Eltern! Lehrt eure Kinder polnisch zu sprechen, zu lesen und zu schreiben! Es gibt keinen Polen, der es seinem Nachwuchs erlaubt, deutsch zu werden!“[2] schrieben die Herausgeber am 20. Juni 1893. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Jan Brejski nicht nur Gründer oder zumindest Initiator vieler polnischer Chöre, “Sokół” Turnvereine und kirchlicher Vereine war, sondern auch die polnische Gewerkschaft "Zjednoczenie Zawodowe Polskie" (ZZP) mitgegründet hat. Die Gründung einer eigenen Gewerkschaft hatte für die Polen im Ruhrgebiet eine große Bedeutung.

Der „Wiarus Polski“ war zwar eine Tageszeitung und deshalb mit tagesaktuellen Themen bestückt – er gab aber auch gleichzeitig zwei Sonderbeilagen heraus: Posłaniec Katolicki (Polnischer Bote) und Szkółka Narodowa (Nationale Schule). Darüber hinaus druckte und verschickte der „Wiarus Polski“ an die Vereinsvorsitzenden wöchentlich die kostenlose Broschüre „Odczyty dla towarzystw“ (Vorträge für die Vereine) mit wichtigen Informationen und praktischen Tipps für die polnisch-katholischen Vereine. Die verlagseigene Druckerei in Bochum druckte sogar Postkarten, auf denen polnische Nationalhelden, Heilige und historische Ereignisse abgebildet waren.

Der „Wiarus Polski“ verfügte über ein Netz lokaler Autoren, die aus dem Leben der vielen katholisch-polnischen Vereine berichteten. Diese Vereine waren in ihren entsprechenden Kirchengemeinden tätig und informell durch den “Wiarus Polski” verbunden. So konnte man in der Zeitung über Sitzungstermine, anstehende Jubiläen oder organisatorische Belange der Vereine lesen. Der “Wiarus Polski“ informierte aber auch über aktuelle Ereignisse in anderen Städten des Ruhrgebietes und aus den Teilungsgebieten. (In den Jahren 1772, 1793 und 1795 teilten die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich den Unionsstaat Polen-Litauen schrittweise unter sich auf. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 existierte für über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Nationalstaat.) 1923 wurde die Zeitung im Ruhrgebiet eingestellt. Der “Wiarus Polski“ folgte den in den 1920er Jahren ins nordfranzösisch-belgische Industriegebiet abgewanderten Polen. Mit einer Unterbrechung durch die deutsche Besatzung erschien der “Wiarus Polski” 1924 -1961 im französischen Lille (1940-1949 in Lyon).

Adam Gusowski

 

[1]  Christoph Kleßmann, Der „Wiarus Polski“, Zentralorgan und Organisationszentrum der Polen im Ruhrgebiet 1891 - 1923, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, (1974) 69, S. 383

[2] Rodzice polscy! Uczcie dzieci swe mówić, czytać i pisać po polski! Nie jest Polakiem, kto potomstwu swemu zniemczyć się pozwoli!, in: Wiarus Polski, Nr. 70, 20. Juni 1893.

 

Die Porta Polonica bereitet in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (http://zeitungsforschung.dortmund.de) eine umfassende Digitalisierungsmaßnahme des „Wiarus Polski“ vor.

 

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