Birgitta M. Schulte. Auf den Spuren der Vergangenheit

Birgitta M. Schulte – © Masako Kato, 2025
Birgitta M. Schulte

Es zeugt von einer außergewöhnlichen Energie, dass die freie Journalistin nebenher auch immer wieder Zeit zum Schreiben von Sachbüchern oder Kurzgeschichten fand. So erschien beispielsweise 1999 im Christel-Göttert-Verlag unter dem Titel „Ich möchte die Welt hinreißen“ ein Porträt der Schriftstellerin, Dramatikerin und Journalistin Ilse Langner (1899 – 1987). Zunehmend angetan von Leben und Werk der in Breslau geborenen Autorin erarbeitete Schulte obendrein mit der Schauspielerin Cornelia Niemann eine szenische Lesung zu Langner, die unter anderem im Literaturhaus Frankfurt aufgeführt wurde. 

Als Schulte 2015 in Rente ging, widmete sie sich verstärkt dem literarischen Schreiben. Beispielsweise überarbeitete sie Erzählungen, die sie in den letzten Jahren geschrieben hatte und veröffentlichte sie unter dem Titel „Findungen. Erzählungen über Annäherung“ 2020 im Chili-Verlag. Bei einem Umzug entdeckte sie das Familienstammbuch und damit die polnischen Namen in der Linie des Vaters. Der hatte nie von Vorfahren aus Polen gesprochen, und sich selbst auch nie in irgendeiner Weise mit Polen in Verbindung gebracht. Wie konnte das nun sein? Schulte hatte sich immer als „reine“ Deutsche betrachtet. Jetzt beschlich sie die Ahnung, dass ihr Gefühl des Nicht-Dazugehörens etwas mit der verschwiegenen Migrationsgeschichte zu tun haben könnte. Sie sagt: „Mein Vater hat seine polnische Herkunft verleugnet. Vielleicht war es Scham, die ihm den Mund verschloss. Denn die polnischen Einwanderer ins Ruhrgebiet waren arm und nicht wirklich willkommen.“

Schulte erinnert sich daran, wie der Vater früher zur Mutter sagte: „Lass bloß den Kohl nicht so lange auf dem Herd stehen.“ Heute versteht sie: Der Geruch nach „Kappes“ war ein „Arme-Leute-Geruch“, der typisch war für die polnischen Einwanderer. Schultes Vater war ein Aufsteiger. Jemand, der mit dem Abitur in der Tasche die Arbeiterklasse hinter sich gelassen hatte. Schulte berichtet: „Ich erlebte meinen Vater, wie er sich als Mitglied der höheren Klasse hervortat und wie er sich gleichzeitig dem Dresscode verweigerte, Knickerbocker statt Anzug, keine Krawatte. Steckte ihm der Geruch nach Kappes noch in den Kleidern?“

Schulte wollte mehr wissen. Sie suchte nach den Geburtsorten der Großeltern im Internet, befragte die Mutter mit dem Stadtplan in der Hand: An welchen Straßennamen erinnerst du dich? Gleichzeitig war sie empört, dass sich Deutschland 2015 noch immer nicht als Einwanderungsland begreifen mochte. Die sogenannte Flüchtlingskrise wurde rauf und runter diskutiert, Migrant:innen oft pauschal als Bedrohung wahrgenommen, was sich zum Beispiel an vielen Reaktionen nach den Ereignissen auf der Kölner Domplatte an Silvester 2015/2016 zeigte. Schulte sagt: „Für das Schreiben des Romans hatte ich sowohl ein persönliches als auch ein politisches Motiv.“

Die Journalistin und zunehmend auch Schriftstellerin rekonstruierte: Die Vorfahren väterlicherseits stammten aus Gryzlin und Löbau (Lubawa), lebten also in dem Streifen Westpreußens an der Grenze zu Ostpreußen, der zu ihrer Zeit (1863 bis ca. 1890) polnisch besiedelt war. Es handelte sich um ein Gebiet, das wenig befestigte Straßen aufwies, dafür mehr mit Stroh gedeckte Häuser und eine höhere Kriminalitätsrate als benachbarte Gebiete Westpreußens. Schulte schloss daraus: Ihre Vorfahren waren arm und hofften auf ein besseres Leben im Ruhrgebiet. Bestätigt fühlte sie sich durch die Tatsache, dass die Auswanderung aus dem östlichen Streifen zahlenmäßig größer war als aus anderen Gebieten.

Mediathek
  • Birgitta M. Schulte: Ruhrgemüse, polnisch, München 2025

    Buchumschlag