Birgitta M. Schulte. Auf den Spuren der Vergangenheit
„Grün und Blau – Polackenfrau!“. Die sechsjährige Erstklässlerin Birgitta versteht gar nicht, was sie da mit den anderen Kindern einem Mädchen nachruft. Erst recht ahnt sie nicht, dass sie eigentlich auch selbst betroffen sein könnte. Wenn sie an sich herunterschaut, sieht sie die Farben Grün und Blau in ihrem akkurat gefältelten Rock, genau wie bei der Mitschülerin.
Geboren wurde Birgitta M. Schulte 1951 in Bochum. Dort wurde sie auch eingeschult, musste die erste Klasse der Drusenbergschule aber bald schon wieder verlassen. Die Eltern zogen mit Birgitta und ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder nach Steinheim in Westfalen, weil sie dort eine eigene Apotheke betreiben konnten. Ab der Obertertia wechselte Birgitta M. Schulte ans Aufbau-Gymnasium Detmold, dem späteren Grabbe-Gymnasium, und machte Abitur. Schon ihr Vater hatte sein Abitur an einem Aufbau-Gymnasium erhalten, der Freiherr-vom-Stein-Schule in Recklinghausen, dem ersten Gymnasium des Ruhrgebiets, das Schüler:innen von Haupt- oder Realschulen einen Quereinstieg bot und damit vor allem Arbeiterkindern half, höhere Bildung zu erwerben. Genau so eine schulische Möglichkeit erträumt sich die Romanfigur Adam in Schultes „Ruhrgemüse, polnisch“.
Schultes Vater wollte, dass seine Tochter in die Apotheke einsteigt. Also studierte Birgitta auf seinen Druck hin Pharmazie. Sie, die immer gut in der Schule gewesen war und gerne gelernt hatte, litt nun unter den Prüfungen. Irgendwann schmiss sie hin. Das war nicht, was sie wollte. Der Vater musste es akzeptieren. Letztlich sollte Birgitta M. Schulte Germanistik und Politische Wissenschaften auf Lehramt in Braunschweig und Bremen studieren. Sie veröffentlichte ihre Examensarbeit über Ödön von Horváth und arbeitete danach nicht als Lehrerin, sondern in der Redaktion des Westermann-Verlages (Abteilung „Pädagogische Fachzeitschriften“). Später schrieb sie für das Jugend-Gewerkschaftsmagazin „ran“ sowie für „päd.extra“, einen selbstverwalteten Betrieb, der neben Büchern und einem einflussreichen Magazin für Lehrkräfte auch eines zum Thema „Sozialarbeit“ herausgab.
1984 wagte Schulte den nächsten Schritt und machte sich als Journalistin selbständig. Zunächst arbeitete sie vor allem für den Hörfunk. So entstanden beispielsweise Beiträge zum Geschlechterverhältnis im 1. Weltkrieg für die Redaktion „Kultur und Wissenschaft“ des WDR, oder halbstündige Features wie „Der Beinah-Mord in Mesopotamien. Agatha Christie und die Archäologie“ für den Hessischen Rundfunk. Weitere Aufträge übernahm die Journalistin beispielsweise vom Deutschlandfunk oder Radio Bremen. Auch in Bezug auf Printmedien kann Schulte auf ein beeindruckendes Spektrum zurückblicken. Ihre Texte wurden nicht nur in Fachzeitschriften wie „Pädagogik“, „Deutsche Lehrerzeitung“ oder „Erziehung und Wissenschaft“ publiziert, sondern auch in bekannten Tageszeitungen wie der „Süddeutschen Zeitung“, dem „Tagesspiegel“ oder der „Frankfurter Rundschau“. Dabei zeigten sich früh ihre Themenschwerpunkte. Neben „Bildung“ interessierte sich Schulte für „Frauen“, „Kultur“ und „Ökologie“.
Stillstand ist in einem journalistischen Beruf nicht möglich. Schulte arbeitete sich immer wieder in interessante Themen ein und liebt bis heute das Lernen. Als die Sendeplätze für Wortbeiträge zunehmend weniger wurden, sah sich die Journalistin nach neuen Möglichkeiten um und machte an der Uni Bielefeld eine Ausbildung zur Coachin. Einer ihrer Schwerpunkte wurde das kulturelle Geschlecht, kurz „gender“. Wie wirken sich die gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen auf Frauen und Männer aus? Wie gehe ich bewusst damit um? Was sind die Möglichkeiten und Grenzen eines gendergerechten Sprechens und Schreibens? Seit 1999 Fachfrau für „Genderfragen“ des Journalistinnenbundes, führte Birgitta M. Schulte verschiedene Gender-Trainings durch, u. a. in Zusammenarbeit mit dem Bundespresseamt für die Zeitschrift „Deutschland“ und für die JournalistenAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Schulte war Mitglied im Netzwerk „Gender-Training“, bot entsprechende Kurse im In- und Ausland an und war von 2002 bis 2006 stellvertretende Vorsitzende des Journalistinnenbundes.
Es zeugt von einer außergewöhnlichen Energie, dass die freie Journalistin nebenher auch immer wieder Zeit zum Schreiben von Sachbüchern oder Kurzgeschichten fand. So erschien beispielsweise 1999 im Christel-Göttert-Verlag unter dem Titel „Ich möchte die Welt hinreißen“ ein Porträt der Schriftstellerin, Dramatikerin und Journalistin Ilse Langner (1899 – 1987). Zunehmend angetan von Leben und Werk der in Breslau geborenen Autorin erarbeitete Schulte obendrein mit der Schauspielerin Cornelia Niemann eine szenische Lesung zu Langner, die unter anderem im Literaturhaus Frankfurt aufgeführt wurde.
Als Schulte 2015 in Rente ging, widmete sie sich verstärkt dem literarischen Schreiben. Beispielsweise überarbeitete sie Erzählungen, die sie in den letzten Jahren geschrieben hatte und veröffentlichte sie unter dem Titel „Findungen. Erzählungen über Annäherung“ 2020 im Chili-Verlag. Bei einem Umzug entdeckte sie das Familienstammbuch und damit die polnischen Namen in der Linie des Vaters. Der hatte nie von Vorfahren aus Polen gesprochen, und sich selbst auch nie in irgendeiner Weise mit Polen in Verbindung gebracht. Wie konnte das nun sein? Schulte hatte sich immer als „reine“ Deutsche betrachtet. Jetzt beschlich sie die Ahnung, dass ihr Gefühl des Nicht-Dazugehörens etwas mit der verschwiegenen Migrationsgeschichte zu tun haben könnte. Sie sagt: „Mein Vater hat seine polnische Herkunft verleugnet. Vielleicht war es Scham, die ihm den Mund verschloss. Denn die polnischen Einwanderer ins Ruhrgebiet waren arm und nicht wirklich willkommen.“
Schulte erinnert sich daran, wie der Vater früher zur Mutter sagte: „Lass bloß den Kohl nicht so lange auf dem Herd stehen.“ Heute versteht sie: Der Geruch nach „Kappes“ war ein „Arme-Leute-Geruch“, der typisch war für die polnischen Einwanderer. Schultes Vater war ein Aufsteiger. Jemand, der mit dem Abitur in der Tasche die Arbeiterklasse hinter sich gelassen hatte. Schulte berichtet: „Ich erlebte meinen Vater, wie er sich als Mitglied der höheren Klasse hervortat und wie er sich gleichzeitig dem Dresscode verweigerte, Knickerbocker statt Anzug, keine Krawatte. Steckte ihm der Geruch nach Kappes noch in den Kleidern?“
Schulte wollte mehr wissen. Sie suchte nach den Geburtsorten der Großeltern im Internet, befragte die Mutter mit dem Stadtplan in der Hand: An welchen Straßennamen erinnerst du dich? Gleichzeitig war sie empört, dass sich Deutschland 2015 noch immer nicht als Einwanderungsland begreifen mochte. Die sogenannte Flüchtlingskrise wurde rauf und runter diskutiert, Migrant:innen oft pauschal als Bedrohung wahrgenommen, was sich zum Beispiel an vielen Reaktionen nach den Ereignissen auf der Kölner Domplatte an Silvester 2015/2016 zeigte. Schulte sagt: „Für das Schreiben des Romans hatte ich sowohl ein persönliches als auch ein politisches Motiv.“
Die Journalistin und zunehmend auch Schriftstellerin rekonstruierte: Die Vorfahren väterlicherseits stammten aus Gryzlin und Löbau (Lubawa), lebten also in dem Streifen Westpreußens an der Grenze zu Ostpreußen, der zu ihrer Zeit (1863 bis ca. 1890) polnisch besiedelt war. Es handelte sich um ein Gebiet, das wenig befestigte Straßen aufwies, dafür mehr mit Stroh gedeckte Häuser und eine höhere Kriminalitätsrate als benachbarte Gebiete Westpreußens. Schulte schloss daraus: Ihre Vorfahren waren arm und hofften auf ein besseres Leben im Ruhrgebiet. Bestätigt fühlte sie sich durch die Tatsache, dass die Auswanderung aus dem östlichen Streifen zahlenmäßig größer war als aus anderen Gebieten.
Die Recherche für „Ruhrgemüse, polnisch“ verlief nicht immer einfach. Schulte erstellte eine chronologische Übersicht der (politischen) Ereignisse in der Dortmunder Nordstadt, dem Schauplatz des Romans. An dieser versuchte Schulte dann entlangzuschreiben und griff obendrein auf das Wenige zurück, das ihre Mutter ihr erzählt hatte. Sie suchte nach Expert:innen, erhielt eine individuelle Führung durch „Nordstadt-VerFührungen“, recherchierte im Dortmunder Stadtarchiv und durchforstete alte Zeitungen. Außerdem fand die Autorin sehr hilfreiche Einblicke in dem Buch „Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland“ (2014 bei C.H. Beck). Geschrieben hat es Peter Oliver Loew, über den Schulte auch auf die Internet-Plattform Porta Polonica aufmerksam wurde, eine weitere Quelle für ihre Recherchen. Trotzdem wusste die Autorin manchmal nicht weiter. „Geschichte von unten“ ist nicht leicht zu recherchieren, denn über die Lebenswirklichkeit der einfachen Arbeiter wurde nur wenig aufgeschrieben.
Als immerhin der halbe Text schon stand, fand Schulte plötzlich ihre Großcousine väterlicherseits, und damit eine lebendige Quelle, die etliche Informationen beitragen konnte. Die Recherche nahm nun wieder richtig Fahrt auf. Außerdem lernte Schulte die Kulturreferentin des Westpreußischen Landesmuseums in Warendorf kennen und fuhr mit ihr in einer kleinen Gruppe nach Danzig und Marienburg. Auch das Staatsarchiv in Danzig zeigte sich sehr unterstützend für Schultes ambitioniertes Projekt einer fiktionalisierten, aber mit historischen Quellen angereicherten Beschreibung einer polnischen Arbeiterfamilie im Dortmund zwischen den Jahren 1893 und 1931.
Schließlich fand „Ruhrgemüse, polnisch“ auch einen Verlag und wurde 2025 bei STROUX edition veröffentlicht. Die Geschichte entführt in eine weitgehend unbekannte und oft totgeschwiegene Welt. Gleichzeitig gibt Schulte in kursiv geschriebenen Passagen Einblicke in den Entstehungsprozess des Romans, ihre Suche nach den Vorfahren, und in die Fragen, die die Recherche begleitet haben. Durch die Arbeit konnte sie einen abgespaltenen Teil ihrer Familiengeschichte zurückholen und der Selbstverleugnung des 1979 an Krebs gestorbenen Vaters etwas entgegensetzen. Das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, hat Schulte dadurch zwar nicht komplett verloren, aber sie versteht sich selbst nun besser. Ihr ist klar geworden, dass sie von den Werten, Benimmregeln und Erwartungen zweier unterschiedlicher Milieus geprägt wurde. Die Mutter aus großbürgerlichen Verhältnissen, der Vater ein Bildungs- und Armuts-Migrant, der seinen Aufstieg mit rigoroser Abkehr von den eigenen Wurzeln verbunden hatte.
„Ruhrgemüse, polnisch“ ist dabei keineswegs ein therapeutischer Roman, auch wenn die Arbeit daran für Schulte durchaus heilsam gewesen ist. Vielmehr ist es eine packende Geschichte von Menschen, die an einem neuen Ort ihr Glück versuchen und sich dabei mit wenigen Ressourcen in einer Umgebung behaupten müssen, die nicht auf sie gewartet hat. Der unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte Roman fand ein gutes Echo in der Presse, wurde strukturell mit den Buddenbrooks verglichen und als vielschichtiger Familienroman gelobt, der historische Erfahrungen mit aktuellen Fragen verbindet. Manche Leserin und mancher Leser erkannte in dem schlanken Band voller interessanter Details etwas aus der eigenen Familiengeschichte wieder und fand so Zugang zu einem bisher verborgenen Teil der eigenen Identität.
Birgitta M. Schulte sieht ihren polnischen Hintergrund als eine Bereicherung, eine kulturelle Erweiterung. Gerade in Hinblick auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre wünscht sie sich eine engere wirtschaftliche und militärische Kooperation von Polen und Deutschland. Sie arbeitet bereits an einem neuen Roman-Projekt. Worum es darin geht, verrät die Autorin aber noch nicht.
Anselm Neft, Mai 2026
Die Autorin im Netz: https://www.birgittam-schulte.de/sites/de/aktuell.php