Teilen:

Daniel Libeskind. Ein Virtuose der Architektur

Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
Spuren der Anwesenheit

Daniel Libeskind setzt sich in seinen architektonischen Arbeiten mit dem Thema der Erinnerung an das von den Nazis ausgelöschte jüdische Erbe in Deutschland auseinander. Krönendes Beispiel dafür ist, neben dem Jüdischen Museum in Berlin, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das zum größeren Komplex des „Museumsquartiers“ gehört. In dem Museum werden Werke des jüdischen Malers Felix Nussbaum gezeigt, der kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten von Deutschland nach Brüssel floh. Dort wurde er im Juni 1944 denunziert, verhaftet und an die Nazis ausgeliefert, die ihn zwei Monate später im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau umgebracht haben. Das Felix-Nussbaum-Haus zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass Daniel Libeskind auf eine Reihe von Symbolen zurückgegriffen hat. Die Symbolik spielt in diesem Fall, wie auch bei seinen anderen Projekten, eine tragende Rolle. Das Gebäude besteht aus drei Kuben aus verschiedenen Materialien wie Holz, Beton und Zink, die den Schaffensperioden des Künstlers zugeordnet sind: Das Holzhaus beherbergt Werke aus der Zeit, als Nußbaum in Deutschland lebte. In dem Betongebäude werden Arbeiten gezeigt, die im Exil und in der Zeit, als der Maler sich vor den Nazis versteckte, entstanden, während im letzten Gebäude, das mit Zink verkleidet wurde, früher unbekannte Werke des Künstlers zu sehen sind.

Die größte Aufmerksamkeit der Museumsbesucher findet die besondere Raumaufteilung des Hauses, eines wahren Labyrinths, das seine Gäste mitunter in Sackgassen führt. Diese klaustrophobische Anordnung der Räume wurde von den Kritikern als meisterhafte Wiederspiegelung des Lebens im Versteck, auf der Flucht und in Bedrängnis, so wie auch im Fall von Nußbaum, interpretiert. Die Orientierungslosigkeit im musealen Raum, die zunimmt, je mehr man das Museum durchwandert, macht die Werke des verfolgten jüdischen Künstlers umso eindringlicher.

 

Das geordnete Formchaos

Libeskinds Architekturstil ist ein Beispiel für den Dekonstruktivismus, für die Bewegung, die geltende Normen sowie die räumliche Harmonie und das Gleichgewicht in Frage stellt und stattdessen eine andere Sichtweise auf die Raumstruktur bietet. Libeskind gehörte zu den sieben handverlesenen Architekten, die das New Yorker Museum of Modern Art 1989 zur Teilnahme an der Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ eingeladen hat. Die in diesem Stil errichteten Bauten überraschen durch ihre Formen, sie sind „unvorhersehbar“, auch wenn sich hinter dem Chaos der Formen gewisse Ordnung verbirgt. Ein ausdrückliches Beispiel dafür ist das Imperial War Museum North in Trafford, in der Nähe von Manchester, das nach Libeskinds Entwurf errichtet und 2002 eröffnet wurde. Das Gebäude besteht aus drei sich voneinander absetzenden Baukörpern, die für die drei Elemente – Wasser, Luft, Erde – stehen. Das Museum widmet sich den modernen kriegerischen Konflikten und ihren Auswirkungen auf die Menschheit. Die vom Architekten gewählten Formen, die „einerseits an das Oval der Erde erinnern und andererseits zerfetzt und auseinandergesprengt [wirken] wie nach einer Explosion“, symbolisieren die zerstörerischen Kräfte, die das Leben in den verschiedenen Teilen der Welt verwüsten.[7]

Auch beim Umbau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden setzte sich Daniel Libeskind mit den Themen Krieg und Moral auseinander und auch hier fällt es schwer, die Kühnheit des Projekts zu leugnen: der Architekt hat die Fassade des ursprünglichen Gebäudes erhalten, während er es zugleich buchstäblich zerschnitt, indem er einen spitzen Keil einfügte, in dem sich eine Aussichtsterrasse befindet. Von dort aus fällt ein wunderbarer Blick auf Dresden, insbesondere auf die wieder aufgebauten oder besser gesagt, auf die neu errichteten Stadteile, die nach den alliierten Luftangriffen in Schutt und Asche lagen. Dieser in das ehemalige Waffenarsenal der Königlich Sächsischen Armee getriebene Keil zitiert die Bombardements von Dresden. Die Aussichtsterrasse wiederum grenzt an die Ausstellung über die Zerstörung europäischer Städte im Zweiten Weltkrieg an. Dadurch wird Dresden selbst Teil dieser Exposition, eine Manifestation der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Der halb transparente Keil, durch den die neoklassizistische Fassade des Arsenals hindurch scheint, symbolisiert die Transparenz einer reifen, demokratischen Gesellschaft, die zu ihrem historischen Erbe steht, selbst wenn ihre Geschichte auch dunkle Kapitel kennt. Dieses nach seiner Idee umgebaute Museum der Bundeswehr bezeichnet Daniel Libeskind selbst als den „reinsten“ Bau unter allen Objekten, die er bisher realisiert hat: „Ein avantgardistischer Gebäudekeil aus Stahl, Beton und Glas durchbricht heute den Prunk des vormals einheitlich neoklassizistischen Arsenalgebäudes aus dem Jahr 1877. Einer Zeit, in der man weniger zimperlich mit der Frage nach der Moral des Krieges umging.“[8]

 

[7] Najsłynniejsze budynki autorstwa Daniela Libeskinda (Daniel Libeskinds berühmteste Bauwerke), [online] https://www.bryla.pl/bryla/56,85301,21520109,kontekst-i-symbol-top-10-daniela-libeskinda.html (letzter Zugriff: 01.04.2021).

[8] Militärhistorisches Museum, Dresden, Daniel Libeskind, Beitrag über den Architekten auf der Internetseite der FSB GmbH, [online] https://www.fsb.de/de/aktuelles/architektouren_referenzen/militaerhistorisches-museum-dresden/ (letzter Zugriff: 01.04.2021).

Mediathek Sorted

Mediathek
  • Abb. 1: Wohnhaus in Covington, USA

    Wohnhaus in Covington, USA.
  • Abb. 2: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 3: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 4: Jüdisches Museum in San Francisco

    Jüdisches Museum in San Francisco.
  • Abb. 5: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA.
  • Abb. 6: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA. 
  • Abb. 7: Denver Art Museum, USA

    Denver Art Museum, USA. 
  • Abb. 8: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 9: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 10: Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen

    Dänisches Jüdisches Museum in Kopenhagen. 
  • Abb. 11: Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 12. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 13. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 14. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 15. Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

    Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück.
  • Abb. 16: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 17: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 18: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 19: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 20: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 21: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England
  • Abb. 22: Imperial War Museum North, Manchester, England

    Imperial War Museum North, Manchester, England.
  • Abb. 23: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 24: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 25: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 26: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 27: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 28: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 29: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 30: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 31: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 32: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 33: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 34: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 35: London Metropolitan University. Graduate Center

    London Metropolitan University. Graduate Center.
  • Abb. 36: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 37: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 38: Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001, Padua, Italien

    Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, Padua, Italien.
  • Abb. 39: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 40: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 41: The Whole Center, Ramat-Gan, Israel

    The Whole Center, Ramat-Gan, Israel. 
  • Abb. 42: Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011

    Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
  • Abb. 43: Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011

    Daniel Libeskind am Tag der Eröffnung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, 2011.
  • Abb. 44: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden

    Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 45: Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden

    Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 46: Aussichtsplattform des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden

    Aussichtsplattform des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.
  • Abb. 47: Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz

    Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz.
  • Abb. 48: Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz

    Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, Bern, Schweiz.
  • Abb. 49: Jüdisches Museum Berlin.

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 50: Jüdisches Museum Berlin

    Jüdisches Museum Berlin.
  • Abb. 51: Warschau, Wohnhaus Złota 44 (rechts)

    Warschau, Wohnhaus Złota 44 (rechts).
  • Abb. 52: Royal Ontario Museum, Kanada

    Royal Ontario Museum, Kanada.
  • Abb. 53: Royal Ontario Museum, Kanada

    Royal Ontario Museum, Kanada.
  • Abb. 54: Wohnanlage in Mailand

    Wohnanlage in Mailand.
  • 55. Budynki tzw. Kö-Bogen w Düsseldorfie

    Budynki tzw. Kö-Bogen w Düsseldorfie
  • 56. Tarasy Kö-Bogen w Düsseldorfie.

    Tarasy Kö-Bogen w Düsseldorfie.
  • 57. Budynek Uniwersytetu Durham, Anglia.

    Budynek Uniwersytetu Durham, Anglia.
  • 58. "Wing" - rzeźba Daniela Libeskinda przed wejściem do budynku firmy Siemens, Berlin.

    "Wing" - rzeźba Daniela Libeskinda przed wejściem do budynku firmy Siemens, Berlin.
  • 59. "Wing" - rzeźba Daniela Libesknda przed wejściem do budynku firmy Siemens.

    "Wing" - rzeźba Daniela Libesknda przed wejściem do budynku firmy Siemens.