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Der Anlass für die Pogromnacht. Oder: Vom Schicksal des Herschel Grynszpan

Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938
Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938
Weltwirtschaftskrise, Antisemitismus und eine (illegale) Ausreise nach Frankreich
 

Nicht nur die neuen Grenzziehungen als Folge der Ersten Weltkrieges haben unmittelbaren Einfluss auf die Familienbiografie von Herschel Grynszpan, sondern auch tiefgreifende wirtschaftliche, politische und private Ereignisse: Wie überall in der jungen Weimarer Republik wirkt sich die dramatische Geldentwertung von 1918 bis 1923 sowie die Weltwirtschaftskrise ab 1929/1930 merklich auf die Wirtschaft und das Alltagsleben der breiten Bevölkerungsschichten in Deutschland aus. Sozialer Abstieg, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit bedroht viele Millionen Menschen und die allgemeine Katastrophenstimmung verändert zunehmend auch die politischen Rahmenbedingungen. Das Geschäft der Grynszpans findet sich in finanziellen Nöten wieder, bis schließlich Vater Sendel seine Schneiderei von 1930 bis 1933 aufgeben muss und einen Altwarenhandel in der Burgstraße 19 eröffnet. Die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen und hat zudem private Tragödien sowie zunehmende Diskriminierungserfahrungen zu beklagen: Im Jahr 1928 stirbt die älteste Tochter Sophia Helena im Alter von etwa 14 Jahren, im Jahr 1931 dann der Zweitjüngste Sohn Salomon im Alter von 11 Jahren. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wird der Judenhass zur Staatsdoktrin. Angriffe gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger auf offener Straße, antijüdische Boykotte, Blockaden und Plünderungen jüdischer Geschäfte gehörten mittlerweile zum Repertoire der judenfeindlichen NS-Politik und ihrer Akteure. Die zweitgeborene Tochter Beile (Berta) bekommt die Judenfeindlichkeit deutlich zu spüren und findet nach ihrem Schulabschluss keine Anstellung. Herschel als jüngstes Kind – körperlich sehr schmächtig und auffallend zu klein für sein Alter – verlässt die Volksschule im Jahr 1935 ohne Abschluss und wechselt an die Rabbinische Lehranstalt in Frankfurt am Main zu einer Ausbildung in Hebräischer Sprache. Obwohl ihm die Rabbiner und Lehrer ein großes Gerechtigkeitsempfinden, Aufgewecktheit und Impulsivität sowie überdurchschnittliche Intelligenz und politisches Interesse attestieren, glänzt er aber nur wenig mit Fleiß, Sorgfalt und Eifer. Nach nur wenigen Monaten bricht er die Ausbildung wieder ab. Für den damals 15-jährigen Jungen jüdischen Glaubens und polnischer Staatsangehörigkeit scheint sich in Nazi-Deutschland keine realistische Perspektive zu ergeben, weder auf einen Ausbildungs- noch auf einen Arbeitsplatz.

Der immer aggressiver werdende deutsche Antisemitismus veranlasst Herschel und seine Familie zur Überlegung einer Ausreise aus Deutschland. Herschel hofft auf eine Emigration nach Palästina, dem wichtigste Exilland für jüdische Flüchtlinge aus Europa seit der Machtübernahme der Nationalsozialistischen 1933. Hoffnungsvoll auf eine Ausreise ins „gelobte Land“ und froh den Demütigungen der Nationalsozialisten zu entfliehen, entschließt sich der jetzt 15-jährige Herschel im Juli 1936 Deutschland zunächst alleine den Rücken zu kehren und mit belgischem Visum nach Brüssel zu seinem Onkel Wolff Grynszpan zu reisen. Dort wartet er auf das notwendige Zertifikat der britischen Mandatsregierung zur Einreise nach Palästina. Vor dem Hintergrund einer immer restriktiveren Immigrationspolitik der britischen Mandatsregierung aber bleibt Herschel, wie vielen anderen Jüdinnen und Juden, die Ausreise nach Palästina verwehrt.[7] Da der mittellose Junge nicht für lange Zeit bei seinem Onkel Wolff in Brüssel willkommen ist, folgt er der Einladung seines in Paris lebenden Onkels Abraham und dessen Frau Chawa, die sich bereiterklären, Herschel bei sich aufzunehmen. Herschel reist also im August/September 1936 illegal weiter über die belgisch-französische Grenze nach Paris – und verstößt damit gegen die geltenden Pass- und Ausreisebestimmungen, was ihm später zum Verhängnis werden wird.

In Paris hilft Herschel seinem Onkel Abraham gelegentlich bei der Arbeit, einer geregelten Beschäftigung geht er aber nicht nach. Obwohl er durchaus Schwierigkeiten mit der französischen Sprache hat, geht er als Jugendlicher entsprechend seines Alters vielfältigen Aktivitäten nach, ist zum Beispiel aktiv im jüdischen Sportclub „Aurore“, besucht mit Freunden aus der dortigen jüdischen Gemeinde auch Tanzveranstaltungen des 10. Arrondissements und der Pariser „Halbwelt“ um den Boulevard St. Martin.[8] Über seine Zeit in Paris hält er regen Briefkontakt zu seiner in Hannover verbliebenen Familie, die ihm eigentlich nach Frankreich hat folgen wollen. Aufgrund des Einreisestopps für Jüdinnen und Juden aus Deutschland nach Frankreich, werden aber jegliche Bemühungen der Eltern Grynszpan, ihrem Sprössling zu folgen, zerschlagen.[9]

Daneben beginnt für den gerademal Halbwüchsigen eine frustrierende Odyssee an Anträgen, behördlichen Schreiben, Versteckspielen – und auch selbstverschuldeten Versäumnissen: Herschels Antrag, in Frankreich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, scheitert im April 1937 beim französischen Polizeipräfekt, da Herschel zuvor illegal nach Frankreich eingereist war und entsprechend kein Sichtvermerk in seinem Pass über seine Einreise nach Frankreich zu verzeichnen ist.[10] Ein Einreisevisum nach Übersee – nach Palästina oder in die USA – ist weiterhin nicht in Sicht. In seiner Verzweiflung und vor dem Hintergrund der sich weiterhin zuspitzenden antisemitischen Bedrohung schreibt Herschel sogar einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit der Bitte, ihm und seiner Familie Asyl zu gewähren. Doch die Vereinigten Staaten haben mittlerweile ebenfalls ihre Tore für jüdische Flüchtlinge versperrt.[11]

Wohl aus eigener Fahrlässigkeit, seine Passangelegenheiten rechtzeitig zu klären, verliert sein Rückreisevisum nach Deutschland am 1. April 1937 ohne beantragte Verlängerung seine Gültigkeit. Nachdem zum 1. Februar 1938 zudem sein polnischer Reisepass abläuft, beantragt Herschel beim Polnischen Konsulat in Paris einen neuen Pass, der ihm auch alsbald ausgestellt wird. Auf Grundlage des neuen polnischen Reisepasses stellen ihm die deutschen Behörden aber dennoch kein neues Rückreisevisum nach Deutschland aus. Nach Ablauf des alten Passes und Visums hat Herschel für die deutschen Behörden den Status eines ausländischen Juden, der erstmalig nach Deutschland einreisen möchte:[12] Warum sollten die Deutschen ihm die Einreise genehmigen, sind sie doch mittlerweile froh über jede Jüdin und jeden Juden, die sich außerhalb der deutschen Grenzen befinden? Die Einreise nach Deutschland und Rückkehr zu seiner Familie bleibt Herschel also verwehrt. Im Sommer 1938 spitzt sich die prekäre Situation abermals zu: Am 8. Juni 1938 ergeht vom französischen Innenministerium die Aufforderung an Herschel, Frankreich aufgrund der befristeten Aufenthaltsgenehmigung bis zum 15. August 1938 zu verlassen.[13] In Frankreich von der Abschiebung bedroht, aber ohne Möglichkeit nach Deutschland zurückzureisen, versteckt sich Herschel seither in einem kleinen Mansardenzimmer bei seinen Verwandten, geht tagsüber gar nicht mehr aus dem Haus. Am 15. Oktober 1938 veröffentlicht letztlich der polnische Staat den Erlass, dass Polinnen und Polen, die seit mehr als fünf Jahren ohne Unterbrechung im Ausland leben, die Staatsangehörigkeit zum 29. Oktober entzogen werden soll. Der mittlerweile 17-jährige Herschel Grynszpan wird Ende Oktober 1938 staatenlos.[14]

 

[8] Armin Fuhrer, S. 36.

[9] Armin Fuhrer, S. 37.

[10] Armin Fuhrer, S. 45.

[11] Armin Fuhrer, S. 39.

[12] Armin Fuhrer, S. 46 ff.

[13] Armin Fuhrer, S. 49.

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  • Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938.

    Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938

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  • Die Neue Synagoge in Hannover, gelegen in der Bergstraße, 1905.

    Neue Synagoge in Hannover, 1905

    Die Neue Synagoge in Hannover, gelegen in der Bergstraße, 1905.
  • Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel Grünspan (Grynszpan) in Hannover an der Burgstraße 36, 2015.

    Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel, 2015

    Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel Grünspan (Grynszpan) in Hannover an der Burgstraße 36, 2015.
  • Mahnmal für die ermordeten Juden Hannovers, 2020.

    Mahnmal für die ermordeten Juden Hannovers, 2020

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