Der „Narodowiec“ – eine nationalpolnische Ruhrgebietszeitung

Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober, 1909
Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober, 1909

Im Gegensatz zum „Wiarus Polski“ vertrat Michał Kwiatkowski, der politische Kopf des „Narodowiec“ und damit die Zeitung selbst, eine politische „Bewegung, deren Programm dem der in Polen später entstandenen Stronnictwo Chreścijańskiej Demokracji (Partei der Christlichen Demokratie) entsprach“.[5] Demnach war die Gründung schichtenspezifischer Organisationen wie Handwerksvereinigungen und Gewerkschaften zur eigenen Interessenvertretung zwar erlaubt, radikaler Klassenkampf innerhalb der eigenen Nation dagegen nicht. Die Volksgemeinschaft der Nation hatte immer an erster Stelle zu stehen, weshalb die polnischen Organisationen „in der Fremde“ auch den engen Schulterschluss mit denen „in der Heimat“ zu suchen hätten. Der „Narodowiec“ warf dem „Wiarus Polski“ vor, diesen Schulterschluss häufig zu Gunsten des Klassenkampfes gering geschätzt und damit der Politik der Deutschen in die Hände gespielt zu haben. Dabei sprach er der Polenbewegung in der Provinz Posen, woher Michał Kwiatkowski stammte, ein höheres nationales Bewusstsein als der in den anderen Gebieten aus „der Heimat“ zu. Namentlich die Polenbewegung aus Pommern, woher Jan Brejski stammte, spielte hier, so der „Narodowiec“, eine wankelmütige Rolle, weil sie den Deutschen gegenüber zu nachgiebig gewesen sei: „Die deutsche geistliche Hierarchie wie auch die weltliche Regierungsgewalt bekämpften die nationale Bewegung unter der Auswanderung planmäßig. Als polnische Seelsorger bemühten sie sich, nur Kapläne aus Pommern zu berufen, den Priester Szotkowski und später den Priester Dr. Liss. (…) Die deutsche geistliche Hierarchie war bemüht, die polnisch-katholischen Vereine von den deutsch-katholischen Vereinen abhängig zu machen. Um diese wichtige Frage fand in den Jahren 1893 und 1894 ein Kampf zwischen dem Organ von Priester Dr. Liss [das heißt dem „Wiarus Polski“ – Anm. d. V.] und der Posener Presse statt, die hartnäckig alle Versuche, die polnischen Vereine unter das Kuratel der deutsch-katholischen Organisationen zu stellen, bekämpfte (…). Priester Dr. Liss und seine Nachfolger [das war v. a. Jan Brejski – Anm. d. V.] distanzierten sich auf Druck der Auswanderung von ihrer ersten Absicht“.[6]

In erster Linie sahen sich eher die Polinnen und Polen ohne ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein als Arbeiterinnen und Arbeiter, die sie im Ruhrrevier durch ihre gesellschaftliche Stellung in der Produktion geworden waren, oder die nicht bereit waren, dieses dem Nationalgefühl unterzuordneten, durch den „Narodowiec“ vertreten. Dass das eine bemerkenswerte Zahl war, spiegelte sich in den ähnlich hohen Auflagenzahlen wie der des „Wiarus Polski“ sowie in der Wahl bekannter Vertreter und Anhänger des „Narodowiec“ neben denen des „Wiarus Polski“ in die Gremien der zentralen und regionalen Vereinigungen polnischer Organisationen wider. So waren beispielsweise der Herausgeber des „Narodowiec“, Michał Kwiatkowski, und der des „Wiarus Polski“, Jan Brejski, Mitglied im bedeutendsten politischen Organ der Ruhrpolen kurz vor dem Ersten Weltkrieg, dem Komitet Wykonawczy (Ausführendes Komitee), das sich als Vertreter aller polnischer Vereine im Ruhrrevier verstand, ebenso wie in der Westfalenleitung des Towarzystwo Czytelni Ludowych (Verein für Volksbibliotheken), der für die Verbreitung und Festigung der polnischen Sprache und Kultur „in der Fremde“ eine bedeutende Rolle spielte.

 

[5] Ignacy Knapczyk, Wychodztwo polskie i rozwój „Narodowca”, Narodowiec, Jg. 51, Nr. 230 v. 1.10.1959 (Numer jubileuszowy)(Übersetzung: Wulf Schade)

[6] Z historii Wychodztwa [ohne Autor], Narodowiec, Jg. 32, Nr. 1 v. 31.12.1939/1.1.1940 (Übersetzung: Wulf Schade)

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  • Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“

    Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“

    Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober 1909, aus: „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
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    Gebrüder Marian und Michał Kwiatkowski, aus „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
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    Verlag und Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
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    Redakteure und Setzer in der Druckerei

    Redakteure und Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
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    Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
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    An der Druckmaschine

    An der Druckmaschine in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
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    Redaktionsteam von „Naród“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
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    Titelseite der letzten Ausgabe von „Naród“, Herne, 1. September 1939, aus: „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
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    Narodowiec 1972-1959, darunter die Jubiläumsausgabe "Narodowiec-50 Jahre" (Seite 89)