Der „Narodowiec“ – eine nationalpolnische Ruhrgebietszeitung

Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober, 1909
Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober, 1909

Der politischen Entwicklung im neuen, jetzt republikanischen Deutschland stand der „Narodowiec“ deutlich reservierter gegenüber als der „Wiarus Polski“, obwohl beide den Sturz des Kaiserreiches und die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie begrüßten, auch deshalb, weil sie die politischen Handlungsräume für die nationalpolnischen Organisationen erweiterte. Die größere Distanz des „Narodowiec“ zeigte sich in der zurückhaltenden Loyalität zum neuen Deutschland und entsprach damit der ebenfalls bei einem wachsenden Teil der ruhrpolnischen Bevölkerung sichtbar werdenden Distanz. Diese zunehmende Distanz war wesentlich Reaktion auf die weiterhin auch im neuen Deutschland praktizierte Diskriminierung durch die staatlichen und örtlichen Behörden sowie deutschnationalen Kräfte gegenüber den sich als Polinnen und Polen bekennenden Menschen. So trug der „Narodowiec“ recht schnell der Tatsache Rechnung, dass neben der Übersiedlung ins neue Polen ein ständig wachsender Teil der polnischen Arbeiterschaft mit ihren Familien nach Frankreich und Belgien übersiedelte, und errichtete schon 1922 im nordfranzösischen Lens, wo sich das größte französische Kohlerevier befand, eine Filiale seiner Redaktion. Wie groß die Bedeutung der politischen Unterschiede zwischen den durch die beiden Zeitungen „Wiarus Polski“ und „Narodowiec“ vertretenen nationalpolnischen Strömungen war, zeigte sich bei der Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen. Während der „Wiarus Polski“ am 16. Januar 1923 einen Aufruf an die Polinnen und Polen in Westfalen und im Rheinland veröffentlichte, in dem die polnischen Arbeiterinnen und Arbeiter an ihre Pflichten erinnert wurden, die sich aus der deutschen Staatsangehörigkeit ergaben, und die mit ihm verbundene polnische Gewerkschaft ZZP (Zjedoczenie Zawodowe Polskie-Polnische Berufsvereinigung) sich in einer gemeinsamen Erklärung mit den deutschen Gewerkschaften gegen die Ruhrbesetzung und für Boykottmaßnahmen aussprach, tat der „Narodowiec“ das genaue Gegenteil. In seiner Jubiläumsnummer 1959 führte er dazu aus, wobei er in unzulässiger Weise für alle Ruhrpolen sprach: „Die Deutschen entzogen sich beharrlich durch Sabotage und Streiks dieser Pflicht [der festgelegten Mengen von Kohlelieferungen an Frankreich und Belgien – Anm. d. V.], denn für sie war der Versailler Vertrag bereits kurz nach dem Krieg nur ein Stück Papier. Die Absichten Frankreichs wurden durch das besiegte Deutschland durchkreuzt. In dieser Situation half ein Aufruf des „Narodowiec“ an die im Bergbau des Ruhrgebiets zahlreich arbeitende polnische Bevölkerung, die offen die französische Armee unterstützte, weshalb die Deutschen tobten. Der polnische Arbeiter arbeitete weiterhin in den Bergwerken und boykottierte die deutschen Streiks, deren Ziel die Verringerung der Profitabilität der deutschen Industrie im Ruhrgebiet war.“[7]

1924, mitten in der Zeit der „Ruhrbesetzung, verlegte Michał Kwiatkowski die Redaktion des „Narodowiec“ dann im Einverständnis mit der französischen Besatzungsmacht im Ruhrgebiet und der französischen Zentralregierung seine Redaktion endgültig nach Lens in die Rue Émile Zola, wo sie seit dem 12. Oktober bis zu ihrem Ende 1989 erschien. Zurück blieb allerdings noch die von seinem Bruder herausgegebene Zeitung „Naród“ (Volk) mit ähnlicher politischer Grundausrichtung wie der „Narodowiec“. Diese ebenfalls polnischsprachige Tageszeitung, mit deutlich geringerer Auflagenhöhe als der „Narodowiec“, erschien seit 1912, zuerst in Oberhausen, dann später bis zu ihrem Verbot 1939 durch das nationalsozialistische Deutschland in Herne.[8] Der Herausgeber und Chefredakteur, Marian Kwiatkowski, wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, wo er am 4.12.1941 im Krankenrevier starb.

 

Wulf Schade, Februar 2020

 

 

Literatur:

Wulf Schade, Wiarus Polski – Eine polnische Zeitung aus dem Ruhrrevier, https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/wiarus-polski-eine-polnische-zeitung-aus-dem-ruhrrevier?page=1#body-top

Jerzy Kozłwski, Rozwój organizacji społeczno-narodowych wychodźstwa polskiego w Niemczech 1870-1914, Biblioteka Polonijna 18, Wrocław 1987

 

 

[7] Ignacy Knapczyk, Wychodztwo polskie i rozwój „Narodowca”, Narodowiec, Jg. 51, Nr. 230 v. 1.10.1959 (Numer jubileuszowy) (Übersetzung: Wulf Schade)

[8] Kilkadziesiąt lat pracy Wychodztwa w Polsce, Narodowiec, 32. Jg., Nr. 1 v. 31.12.1939/ 1.1.1940

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  • Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“

    Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“

    Titelseite der ersten Ausgabe von „Narodowiec“, Herne, 2. Oktober 1909, aus: „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
  • Gebrüder Marian und Michał Kwiatkowski

    Gebrüder Marian und Michał Kwiatkowski

    Gebrüder Marian und Michał Kwiatkowski, aus „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
  • Verlag und Druckerei von „Narodowiec“

    Verlag und Druckerei von „Narodowiec“

    Verlag und Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
  • Redakteure und Setzer in der Druckerei

    Redakteure und Setzer in der Druckerei

    Redakteure und Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
  • Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“

    Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“

    Setzer in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
  • An der Druckmaschine

    An der Druckmaschine

    An der Druckmaschine in der Druckerei von „Narodowiec“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
  • Redaktionsteam von „Naród“

    Redaktionsteam von „Naród“

    Redaktionsteam von „Naród“ auf der Bahnhofstraße in Herne, aus „Narodowiec“, Jubiläumsausgabe 1959, siehe PDF Narodowiec 1972-1959, S. 91
  • Titelseite der letzten Ausgabe von „Naród“

    Titelseite der letzten Ausgabe von „Naród“

    Titelseite der letzten Ausgabe von „Naród“, Herne, 1. September 1939, aus: „Polak w Niemczech”, Bochum 1972, S. 44
  • Narodowiec 1954-1959

    Narodowiec 1954-1959
  • Narodowiec 1972-1959

    Narodowiec 1972-1959, darunter die Jubiläumsausgabe "Narodowiec-50 Jahre" (Seite 89)
  • Bestandstabelle "Narodowiec"

    Übersicht über vorhandene Ausgaben und Jahrgänge in Bibliotheken, Institutionen und Archiven