Die Haft als Zwischenstation. Polnische Zivilgefangene in Göttingen während des Zweiten Weltkriegs
Mediathek Sorted
Schicksalsskizzen
Auf der Grundlage einer erweiterten Quellenbasis möchte ich im Folgenden anhand von sechs kurzen Beispielen die Schicksale einiger polnischer Insassen des Gerichtsgefängnisses, die in den Häftlingslisten angeführt werden, umreißen.
Ein Beispiel für die vielen Polinnen, die in sehr jungem Alter zum „Arbeitseinsatz“ in Südniedersachsen gezwungen wurden und die sich hier bald als Häftlinge im Gerichtsgefängnis Göttingen wiederfanden, ist Barbara Stępien.[22] Sie wurde am 4. oder am 8. September 1927 in Łódź (Lodz)[23] geboren. 1942 wurde sie nach Göttingen verschleppt, wo die Gestapo sie im Frühjahr 1943 in „Schutzhaft“ nahm. Nach fünf Tagen im Gerichtsgefängnis Göttingen[24] lernte die 15-jährige Polin die Verhältnisse im berüchtigten AEL Watenstedt kennen. Den dort ausgeübten Terror überstand sie offenbar, denn am 3. September 1943 kam sie aus Göttingen in das Dorf Reinhausen, wo sie als „Hausgehilfin“ arbeiten musste. Fünf Monate später wurde Barbara Stępien, inzwischen 16 Jahre alt, aus unbekannten Gründen in Polizeihaft genommen und erneut ins Göttinger Gerichtsgefängnis eingeliefert. Nach zwei Tagen Haft holte die Gestapo sie am 14. Februar 1944 von dort ab[25] und ließ sie in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück bringen, wo sie bis zur Befreiung 1945 inhaftiert blieb. (Abb. 30 . ) Am 2. Februar 1996 starb Barbara Stępien im Alter von 69 Jahren.[26]
Bereits im Sommer 1941 saß Bronisław Mazurek, Jahrgang 1915, im Gerichtsgefängnis Göttingen in Untersuchungshaft. Vor dem Amtsgericht Göttingen wurde er wegen Arbeitsvertragsbruchs angeklagt. Am 19. August 1941 holte die Gestapo ihn ab. Soweit die Informationen aus der Nachkriegsliste.[27] Aus anderen Quellen ist Weiteres zu erfahren: Mazurek wurde am 19. März 1915 im Kreis Opatów geboren. Vor seiner Verhaftung hatte er schon mindestens an zwei Stationen im Kreis Göttingen Zwangsarbeit verrichten müssen, zunächst im Dorf Groß Lengden, ab dem 25. Mai 1941 dann bei August Schlote in Klein Lengden. Ob dieser Wechsel ohne Genehmigung durch das Arbeitsamt erfolgt war und dies den Grund für die Verhaftung Bronisław Mazureks wegen Arbeitsvertragsbruchs bot oder ob er sich unerlaubt vom Zwangsarbeitsplatz bei Schlote verabschiedet hatte, ist ebenso unbekannt wie der weitere Strafverlauf nach dem 19. August 1941. Zwei Sommer darauf jedoch, am 19. Juli 1943, wurde der Pole als „landwirtschaftlicher Arbeiter“ bei Hinterthür in Niedernjesa angemeldet. Von dort wurde er sieben Monate später, am 27. Februar 1944, nach Göttingen abgemeldet mit der Bemerkung: „in Haft“. Diese zweite Haftzeit Mazureks ist in der Nachkriegsliste über die ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses Göttingen nicht vermerkt, und nun geben auch die regionalen Quellen keine Auskünfte mehr. Er muss aber erneut der Gestapo in die Hände gefallen sein, die ihn dieses Mal in das AEL Lahde einwies. Und hier richtete sie Bronisław Mazurek am 10. Mai 1944 um 10.25 Uhr hin, indem sie ihn am Galgen erhängte. Bronisław Mazurek wurde keine 30 Jahre alt. Ob und wo sein Leichnam bestattet wurde, ist unklar.[28] (Abb. 31 . )
Zur selben Zeit wie Bronisław Mazurek saß Leokadia Wojczek im Gerichtsgefängnis Göttingen ein. Am 8. August 1941 kam sie hier in Untersuchungshaft, aus der sie erst knapp drei Monate später, am 1. Oktober 1941, entlassen und nach Hannover, vermutlich in das dortige Strafgefängnis, geschickt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die am 25. Dezember 1922 in Komarów bei Tomaszów geborene Polin 19 Jahre alt.[29] Am 26. Februar 1940 war sie mit einem „Transport poln[ischer] Gesindekräfte aus dem Kreis Zamość“ in den Landkreis Münden zu Robert Scheidemann im Dorf Landwehrhagen gekommen, wo sie Zwangsarbeit leisten musste.[30] Über die weitere Haftzeit und die anschließende Zwangsarbeit Leokadia Wojczeks in Südniedersachsen ist nichts bekannt. (Abb. 32 . , 33 . ) Im Sommer 1944 aber, am 24. Juli, wurde sie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Göttingen eingewiesen. Die Diagnose lautete „Gemütserkrankung“. Drei Wochen später wurde sie wieder entlassen. (Abb. 34 . ) Von hier ab verliert sich ihre Spur wie die so vieler Patient:innen aus psychiatrischen Anstalten dieser Jahre.[31]
Barbara Krycka gehört zu einer recht großen Gruppe von Zwangsarbeiter:innen, bei der die deutschen Behörden aufgrund ihrer geographischen Herkunft Unsicherheiten bei der Nationalitätenzuordnung zeigten: In manchen Quellen waren sie „Polen“, in anderen „Russen“, „Ostarbeiter“ oder „Ukrainer“. In der nach dem Krieg angefertigten Liste der ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses Göttingen wird Barbara Krycka als Polin geführt. Sie wurde am 23. September 1923 in Popowicze im Kreis Kowel geboren.[32] (Abb. 35 . ) Laut Liste nahm die Gestapo sie in „Schutzhaft“ und überführte sie am 26. Mai 1943 in das AEL Watenstedt.[33]
Über die Zeit der Zwangsarbeit gibt es eine Beschreibung aus der Hand einer Schicksalsgefährtin. Leokadia Respondek, geb. Adamkiewicz beantwortete im Jahr 2001 im Rahmen der Nachweissuche für das damalige Entschädigungsverfahren einen Fragebogen des Autors.[34] Am 12. Januar 1926 in Łuczyce[35] geboren, war sie 16 Jahre alt, als sie im Frühjahr 1942 nach Duderstadt deportiert wurde. Das lief folgendermaßen ab:
„[Ich war] bei meinen Eltern […]. Der Bürgermeister unseres Dorfes hat uns nach Kowel gebracht. Aus Kowel mit dem Güterzug weiter. Das war ein großer Transport von Frauen. Wir sind zwei Wochen gefahren mit Unterbrechungen in Łódź (Desinfektion), Berlin, Wolterburg [sic!] (eine Woche). Nach Wolterburg sind Arbeitgeber gekommen (Besitzer von Gutshöfen, Fabrikvertreter), um uns abzuholen. Ich wurde nach Duderstadt gebracht zur Munitionsfabrik.“
[22] In manchen Quellen „Stempien“, „Stepien“ und „Stempin“.
[23] In den Quellen mit dem seit 11. April 1940 gültigen Namen „Litzmannstadt“ bezeichnet.
[24] Vom 14. bis zum 19. Mai 1943.
[25] Arolsen Archives, 1.2.2.1, Signatur 8183000, Land Niedersachsen - 1. Haftanstalt Emden und Aurich - 2. Gerichtsgefängnis Eschershausen - 3. Gerichtsgefängnis Gifhorn - 4. Landgerichtsgefängnis Göttingen, DocID 11337487 und DocID 11337467 (hier mit abweichendem Geburtsdatum [4.9.1924]); Reinhausen, Verzeichnis der Anziehenden [sic].
[26] Suche nach Barbara Stępien (hier mit abweichendem Geburtsdatum [8.9.1927]) in https://straty.pl/szukaj-osoby.php.
[27] Arolsen Archives, 1.2.2.1, Signatur 8183000, Land Niedersachsen - 1. Haftanstalt Emden und Aurich - 2. Gerichtsgefängnis Eschershausen - 3. Gerichtsgefängnis Gifhorn - 4. Landgerichtsgefängnis Göttingen, DocID 11337482.
[28] Verzeichnis der An- u. Abmeldungen der Gemeinde Klein Lengden, 01.10.38 bis 17.01.50; Niedernjesa, Verzeichnis der An- und Abmeldungen 01.01.1930 – 16.09.1940; Arolsen Archives, 2.1.2.1, Signatur NW 058 3 POL ZM, DocID 70690128; 2.1.2.1, Signatur NW 058 3 UNB ZM, DocID 70690144 und 1.2.2.1, Signatur 8185200, DocID 11354399.
[29] Arolsen Archives, 1.2.2.1, Signatur 8183000, Land Niedersachsen - 1. Haftanstalt Emden und Aurich - 2. Gerichtsgefängnis Eschershausen - 3. Gerichtsgefängnis Gifhorn - 4. Landgerichtsgefängnis Göttingen, DocID 11337464.
[30] KreisA GOE, LK HMÜ 424: Arbeitsamt Kassel, Nebenstelle Hann. Münden, 3. April 1940, an den Landrat des Kreises Münden: „Betr.: Einsatz poln[ischer] landw[irtschaftlicher] Gesindekräfte“.
[31] Arolsen Archives, 2.1.2.1, Signatur NI 027 9 POL ZM, Ursprüngliche Erhebung, DocID 70633995. Über die Bedeutung der Göttinger Landes-Heil- und Pflegeanstalt für die Situation ausländischer Zwangsarbeiter:innen liegen bisher keine ausreichenden Untersuchungen vor.
[32] Vermutlich handelt es sich um den Ort Popovychi (pl. Popowicze) in Wolhynien in der heutigen Ukraine, etwa 35 Kilometer südöstlich von Kowel.
[33] Arolsen Archives, 1.2.2.1, Signatur 8183000, Land Niedersachsen - 1. Haftanstalt Emden und Aurich - 2. Gerichtsgefängnis Eschershausen - 3. Gerichtsgefängnis Gifhorn - 4. Landgerichtsgefängnis Göttingen, DocID 11337480.
[34] Heute im Kreisarchiv Göttingen und in Kopie beim Autor. (Es existiert kein „Wolterburg“, evtl. ist Woltersburg (bei Uelzen) gemeint.)
[35] Luchychi, Wolhynien, 50 Kilometer nördlich von Kowel.