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Die Kinder vom Bullenhuser Damm

Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945.
Die ehemalige Schule Bullenhuser Damm in Hamburg, Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, nach der Räumung im Mai 1945. Zu sehen sind auch die Auswirkungen eines Bombenangriffs vom 27./28. Juli 1943 und des anschließenden Brandes.

Georges André Kohn (Abb. 6) wurde am 23. April 1932 in Paris in einer Familie geboren, die mit der englischen Bankiersfamilie Rothschild verwandt war. Die Mutter Suzanne (1895-1945), geborene Nêtre, war Tochter eines Tabakfabrikanten und über einen Cousin 1. Grades mit der Familie Rothschild verschwägert. Der Vater Armand Edouard Kohn (1894-1962), Nachfahre einer der ältesten und etabliertesten jüdischen Familien Frankreichs, war Bankier und seit 1940 Generalsekretär der Hôpital Fondation Adolphe de Rothschild und Geschäftsführer des Hôpital Rothschild, des ersten jüdischen Krankenhauses in Paris,[2] in dem während der deutschen Besatzung die Kranken aus dem Sammellager Drancy vor dem Transport in die Vernichtungslager untergebracht waren. Die Familie hatte noch drei weitere Kinder, Antoinette, Rose Marie und Philippe, die zum Zeitpunkt der Deportation 22, 18 und 21 Jahre alt waren. Mit der Familie zusammen lebte die Großmutter Marie Jeanne, geborene Weisweiler, aus Frankfurt am Main im Alter von 72 Jahren. Mutter Suzanne konvertierte 1942 zusammen mit ihren Kindern zum katholischen Glauben, um sich vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu schützen. Gleichwohl wurde die Familie im Juli 1944 zusammen mit einer zuvor weniger gefährdeten Gruppe prominenter Juden verhaftet, im Durchgangslager Drancy interniert und am 17. August 1944, eine Woche vor der Befreiung von Paris, mit dem letzten Deportationszug nach Deutschland gebracht. Auf dem Zug diente die Gruppe von einundfünfzig Deportierten dem mitreisenden SS-Hauptsturmführer Alois Brunner und seinem Militärpersonal als Geiseln. Noch auf französischem Gebiet konnten die Geschwister Rose Marie und Philippe zusammen mit dreißig anderen aus dem Zug fliehen und wurden bis zur Befreiung Frankreichs in Saint-Quentin versteckt. Der Vater Armand wurde ins KZ Buchenwald bei Weimar transportiert, dort im April 1945 befreit und kehrte nach Frankreich zurück. Die verbliebenen Familienmitglieder wurden weiter ins KZ Auschwitz-Birkenau geschickt. Suzanne Kohn und ihre Tochter Antoinette wurden einige Zeit später ins KZ Bergen-Belsen verlegt, wo sie wenig später starben. Die Großmutter Marie Jeanne wurde nach ihrer Ankunft in Auschwitz vergast. Georges André kam, so berichtete ein französischer Mithäftling später, nach seiner Ankunft ins Arbeitslager D und wurde als Transportarbeiter bei den Rollwagen eingesetzt. Bis zum Abtransport seiner Mutter konnte er für einige Wochen mit ihr über geheime Briefe in Kontakt bleiben. Er war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt.

Bluma (Blumel) Mekler wurde 1934 im polnischen Sandomierz geboren. Ihre Eltern, Sara, geborene Taitelbaum, geboren 1903 in Koćmierzów im Landkreis Sandomierz, und Herszel/Hershel Mekler, geboren 1889 in Sandomierz, führten einen Landhandel. Der Vater war auch Religionslehrer im Cheder, einer Grundschulklasse, in der die Jungen in der jüdischen Religion und Kultur unterrichtet wurden. Blumel hatte zwei Schwestern, Gita und Szifra, und zwei Brüder, Berl und Alter. Seit der Einrichtung eines geschlossenen Gettos in Sandomierz durch die deutsche Besatzung im Juni 1942 musste die Familie dort leben. Während der brutal durchgeführten Auflösungen des Gettos[3] am 29.10.1942 und am 4.1.1943 wurde die Familie getrennt. Bei einer Razzia im Oktober 1942 lief die Schwester Szifra/Shifra nach Aufforderung durch die Mutter weg, wurde bis zum Kriegsende von polnischen Nachbarn versteckt und gelangte über ein jüdisches Waisenhaus in Lublin 1947 in einen Kibbuz in Israel.[4] Der 1929 geborene Bruder Alter gelangte über das KZ Majdanek ins Konzentrationslager Auschwitz, das er überlebte. Er traf seine Schwester Shifra in Israel wieder. Wie Bluma Mekler nach Auschwitz kam und was mit ihren Eltern und ihren anderen Geschwistern geschah, ist nicht bekannt. Sie wurde ebenfalls am 28. November 1944 ins KZ Neuengamme gebracht. Sie war zehn oder elf Jahre alt.

Jacqueline Morgenstern (Abb. 7) wurde am 26. Mai 1932 in Paris geboren. Ihre Mutter Suzanne war Sekretärin, ihr Vater Charles besaß zusammen mit seinem Bruder Leopold einen Friseursalon. Nach der Besetzung von Paris durch die deutsche Wehrmacht mussten die Brüder Morgenstern ihren Salon an einen Nichtjuden abtreten. 1943 floh die Familie in den nicht besetzten Teil Frankreichs nach Marseille. Dort wurde die Familie verhaftet und in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht. Am 20. Mai 1944 wurde sie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die Mutter wurde dort ermordet, Jacqueline wie die anderen Kinder am 28. November 1944 ins KZ Neuengamme transportiert. Sie war zwölf Jahre alt. Der Vater wurde bei der Räumung des Lagers Auschwitz mit dem letzten Transport ins KZ Dachau gebracht und starb dort nach der Befreiung im Mai 1945.

 

[2] Jeremy Josephs: Swastika over Paris, London 1990, Seite 43

[3] Zur Geschichte des Gettos Sandomierz vergleiche Polin. Virtuelles Schtetl, https://sztetl.org.pl/de/stadte/s/697-sandomierz/116-orte-der-martyrologie/50395-ghetto-sandomierz-sandomir, dort auch Literatur

[4] Günther Schwarberg: Renn, Shifra, renn!, in: Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wissenschaft, Berlin, Nr. 8/2005; online: https://www.sopos.org/aufsaetze/429a0f70ad33e/1.phtml.html

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  • Abb. 1: Sergio De Simone

    Sergio De Simone aus Neapel, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14142831
  • Abb. 2: Alexander Hornemann

    Alexander Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262100
  • Abb. 3: Eduard Hornemann

    Eduard Hornemann aus Eindhoven, um 1942. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14262099
  • Abb. 4: Marek und Adam James

    Marek James aus Radom mit seinem Vater Adam, um 1943. Yad Vashem Photo Collections, Nr. 14265681
  • Abb. 5: Walter Jungleib

    Walter Jungleib aus Holohovec, um 1942
  • Abb. 6: Georges André Kohn

    Georges André Kohn aus Paris, um 1944
  • Abb. 7: Jacqueline Morgenstern

    Jacqueline Morgenstern aus Paris bei ihrer Erstkommunion, 1944
  • Abb. 8: Die Angeklagten, 1946

    Die Angeklagten im Neuengamme-Hauptprozess im Hamburger Curiohaus, 1946
  • Abb. 9: Eingang zum Rosengarten

    Eingang zum Rosengarten, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Juni 2022
  • Abb. 10: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985

    Anatoli Mossitschuk: Denkmal für die ermordeten sowjetischen Häftlinge, 1985. Am Eingang zum Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, 2022
  • Abb. 11: Rosengarten

    Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Blick auf den Zaun mit den Gedenktafeln für die ermordeten Kinder, die Ärzte und die Pfleger. Foto: Juni 2022
  • Abb. 12: Gedenktafel

    Gedenktafel und Zaun mit den Granittafeln für die ermordeten Kinder. Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg. Foto: Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto:...
  • Abb. 13: Gedenktafel für Surcis Goldinger

    Gedenktafel für Surcis Goldinger aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 14: Gedenktafel für Lea Klygerman

    Gedenktafel für Lea Klygerman aus Ostrowiec Świętokrzyski, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 15: Gedenktafel für H. Wasserman

    Gedenktafel für das Mädchen H. Wasserman aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 16: Gedenktafel für Marek James

    Gedenktafel für Marek James aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 17: Gedenktafel für Roman und Eleonora Witoński

    Gedenktafel für Eleonora und Roman Witoński aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 18: Gedenktafel für R. Zeller

    Gedenktafel für den Jungen R. Zeller aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 19: Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann

    Gedenktafel für Eduard und Alexander Hornemann aus Eindhoven, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 20: Gedenktafel für Riwka Herszberg

    Gedenktafel für Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 21: Gedenktafel für Georges André Kohn

    Gedenktafel für Georges André Kohn aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 22: Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern

    Gedenktafel für Jacqueline Morgenstern aus Paris, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 23: Gedenktafel für Ruchla Zylberberg

    Gedenktafel für Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 24: Gedenktafel für Eduard Reichenbaum

    Gedenktafel für Eduard Reichenbaum aus Kattowitz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 25: Gedenktafel für Mania Altman

    Gedenktafel für Mania Altman aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 26: Gedenktafel für Sergio De Simone

    Gedenktafel für Sergio De Simone aus Neapel, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 27: Gedenktafel für Lelka Birnbaum

    Gedenktafel für Lelka Birnbaum aus Polen, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 28: Gedenktafel für Walter Jungleib

    Gedenktafel für Walter Jungleib aus Hlohovec, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 29: Gedenktafel für Bluma Mekler

    Gedenktafel für Bluma Mekler aus Sandomierz, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 30: Gedenktafel für Marek Steinbaum

    Gedenktafel für Marek Steinbaum aus Radom, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 31: Gedenktafel für den Arzt Gabriel Florence

    Gedenktafel für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 32: Gedenktafel für den Arzt René Quenouille

    Gedenktafel für den Arzt René Quenouille aus Villeneuve-Saint-Georges, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 33: Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom

    Gedenktafel für den Pfleger Dirk Deutekom aus Amsterdam, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 34: Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel

    Gedenktafel für den Pfleger Anton Hölzel aus Deventer, Rosengarten bei der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 35: Gemälde von Jürgen Waller, 1987

    Jürgen Waller: 21. April 1945, 5 Uhr morgens, 1987. Öl auf Leinwand, Montagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg
  • Abb. 36: Gedenkstele von Leon Mogilevski, 2000

    Leonid Mogilevski: Gedenkstele für die Kinder vom Bullenhuser Damm, 2000. Roman-Zeller-Platz, Hamburg
  • Abb. 37: Ehemalige Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 38: Denkmaltafeln für die ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafeln für die Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 39: Denkmaltafel der ehem. Janusz-Korczak-Schule, Hamburg

    Denkmaltafel der Freien und Hansestadt Hamburg für die ehemalige Janusz-Korczak-Schule am Bullenhuser Damm 92, Hamburg-Rothenburgsort, Foto: Juni 2022
  • Abb. 40: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 41: Ausstellungsraum 1

    Ausstellungsraum 1 mit symbolischen Koffern für die Biografien der Kinder, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 42: Koffer für Riwka Herszberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Riwka Herszberg aus Zduńska Wola, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 43: Koffer für Ruchla Zylberberg

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Ruchla Zylberberg aus Zawichost, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 44: Koffer für Mania Altman

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Mania Altman aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 45: Koffer für Eleonora Witońska

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Eleonora Witońska aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 46: Koffer für Roman Witoński

    Symbolischer Koffer für die Biografie von Roman Witoński aus Radom, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 47: Koffer für Professor Gabriel Florence

    Koffer für den Arzt Professor Gabriel Florence aus Lyon, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 48: Ausstellungsraum 2

    Ausstellungsraum 2 mit vertiefenden Materialien zu den Biografien der Kinder und allen Aspekten des Tatgeschehens, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 49: Tatraum

    Tatraum mit einem Verschlag, in dem Leichen der Kinder lagen, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022
  • Abb. 50: Gedenkraum für die Opfer

    Gedenkraum für die ermordeten Opfer vom Bullenhuser Damm, Gedenkstätte Bullenhuser Damm, Hamburg, Foto: Juni 2022