Die Polnische Buchhandlung in Westberlin

Das Interieur der Polnischen Buchhandlung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Das Interieur der Polnischen Buchhandlung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die angespannte politische Situation in Polen löste in der Bundesrepublik starkes Interesse an dem Land an der Weichsel aus. Westliche Medien berichteten ausführlich über die Ereignisse in Polen, während die deutsche Bevölkerung und die deutschen Wohltätigkeitsorganisationen hoch engagiert humanitäre Hilfe leisteten. Dieses gesteigerte Interesse war auch in der Polnischen Buchhandlung zu spüren. „Es war ein Ort, an dem man seine intellektuellen und kulturellen Bedürfnisse befriedigen konnte, ein Treffpunkt, zu dem man kommen und an dem man sich aufhalten konnte. Es war aber auch ein Ort politischer Aktivitäten“ - erinnert sich Barbara Drozdek, ihres Zeichens Mitbegründerin der Arbeitsgruppe Solidarność, der ersten westdeutschen Organisation, die der Solidarność-Bewegung freundlich gesonnen war.

Damals wurde die Buchhandlung rasch zu einem Unterstützungszentrum für polnische Oppositionelle. Von hier aus wurden Untergrundschriften in beide Richtungen geschleust. Publikationen in Miniaturformat gelangten mit Medikamentenlieferungen und Lebensmitteltransporten nach Polen. Die Buchhändler wiederum erwarben von den nach Berlin kommenden Polen Schallplatten, Bücher und Musikkassetten und baten diese, bei nächster Gelegenheit die in Polen erscheinenden, unabhängigen Publikationen mitzubringen. Aus den Verkaufserlösen finanzierte die Buchhandlung Projekte in Polen mit, deren Schirmherrschaft sie übernahm; seit 1985 profitierte davon vor allem der Verlag Pusty Obłok/Przedświt.[1]

Bei alledem entging das Interesse an der Buchhandlung, sowohl der Deutschen als auch der Polen, der Polnischen Militärmission (Polska Misja Wojskowa) in Berlin nicht, zu der unter anderem auch Nachrichtendienste und Spionageabwehr gehörten. Im Archiv des Instituts für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej) finden sich zum Beispiel Vermerke über versuchte Kontaktaufnahmen mit dem polnischen Buchhändler und eine detaillierte Skizze der Buchhandlung. Wojciech Drozdek erinnert sich an den Besuch zweier Agenten, der kurz nach der Eröffnung der Buchhandlung 1980 stattgefunden hat: „Es waren Leute aus der Militärmission oder aus der Botschaft – ganz genau weiß ich das nicht. Sie sagten, unsere Geschäftstätigkeit wäre mit dem Status Westberlins unvereinbar und sie würden es den Amerikanern melden, falls wir die polnischen Bücher nicht aus dem Verkauf nähmen. Ich sagte ihnen, dass es in Deutschland keine Zensur gäbe und wir uns außerdem hier in Charlottenburg befänden, also in der britischen und nicht in der amerikanischen Zone. Man versuchte offenbar, uns einzuschüchtern.“

 

[1]  Marian Stefanowski, Für Solidarność. Hinter der Mauer - Fotografien / Solidarni zza Muru. Fotografie, [Ausstellung], Berlin - Warszawa 2014.

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  • Das Interieur der Polnischen Buchhandlung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Das Interieur der Polnischen Buchhandlung

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  • Das Interieur der Polnischen Buchhandlung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Das Interieur der Polnischen Buchhandlung

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  • Die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Polnischen Buchhandlung, 80er Jahre des 20. Jahrhunderts.

    Die Kinder- und Jugend-buchabteilung

    Die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Polnischen Buchhandlung, 80er Jahre des 20. Jahrhunderts.
  • Lesung mit dem Dichter und Oppositionellen Zdzisław Jaskuła, 1984.

    Lesung mit dem Dichter und Oppositionellen Zdzisław Jaskuła

    Lesung mit dem Dichter und Oppositionellen Zdzisław Jaskuła, 1984.
  • Autorenabend mit Adam Zagajewski, 1985.

    Autorenabend mit Adam Zagajewski

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  • Der „Veto“-Verlag in einer Ausstellung der Akademie der Künste Berlin.

    Der „Veto“-Verlag in einer Ausstellung

    Der „Veto“-Verlag in einer Ausstellung der Akademie der Künste Berlin.
  • Barbara Nowakowska-Drozdek und Zbigniew Dominiak (1947-2002)

    Barbara Nowakowska-Drozdek und Zbigniew Dominiak (1947-2002)

    arbara Nowakowska-Drozdek und Zbigniew Dominiak (1947-2002), Dichter und Herausgeber der Vierteljahresschrift „Tygiel“, in der Polnischen Buchhandlung, 1988.
  • Vierzigjähriges Jubiläum von Stodieck´s Buchhandlung, November 2019

    Vierzigjähriges Jubiläum von Stodieck´s Buchhandlung

    Wojciech Drozdek (links) und Thomas Stodieck bei der Feier zum vierzigjährigen Jubiläum von Stodieck´s Buchhandlung, November 2019.