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Dynastische Hochzeiten zwischen polnischen und deutschen Fürstenhäusern Piasten: 984 Bolesław I. Chrobry

Widmungsblatt zum Liuthar-Evangeliar (Evangeliar Ottos III., Aachener Evangeliar), um 1000. Buchmalerei aus dem Kloster Reichenau, Domschatzkammer Aachen, Inv. Nr. 25
Widmungsblatt zum Liuthar-Evangeliar (Evangeliar Ottos III., Aachener Evangeliar), um 1000. Buchmalerei aus dem Kloster Reichenau, Domschatzkammer Aachen, Inv. Nr. 25

Bis heute gehen bei deutschen und polnischen Historikern die Meinungen darüber auseinander, ob es sich bei dem Akt von Gnesen um eine Königskrönung oder nur um die „Besiegelung eines besonderen Freundschaftsbundes“ gehandelt habe, da Gallus in seinem Bericht keine für eine Krönung notwendigen kirchlichen Riten erwähnt. Dennoch wurde Bolesław, so Eduard Mühle, „von Otto in Gnesen de facto zu einem königsgleichen, über den Herzögen des Reiches stehenden Herrscher“ erhöht, auch ohne „förmlich zum König gekrönt worden zu sein“.[8] Im Lichte der in den Chroniken geschilderten Vorgänge hat der Historiker und Mittelalterspezialist Johannes Fried (*1942) das Widmungsblatt zum Evangeliar Ottos III. im Aachener Domschatz analysiert, das zur selben Zeit, also um das Jahr 1000, entstanden ist (Titelbild). Nach seiner Ansicht beweist das Bild die vollzogene Königskrönung: Es zeige unterhalb des thronenden Kaisers zwei gekrönte Fahnenträger, die den „Typus der vom Kaiser erhobenen Könige“ repräsentieren. Dabei könne es sich, so Fried, nur um Bolesław I., den ersten König von Polen, und Stephan I., den ersten König von Ungarn, handeln; denn „zu Lebzeiten hat Otto III. nur Stephan von Ungarn und Boleslaw Chrobry erhöht“.[9] Der Warschauer Mittelalterhistoriker Roman Michałowski (*1949) würdigt Frieds grundlegende Forschungsergebnisse zum fraglichen Widmungsblatt, sieht seine Zweifel hinsichtlich der fehlenden kirchlichen Weihe bei der angeblichen Königskrönung jedoch keineswegs ausgeräumt.[10] Er geht von einem Irrtum in Gallus‘ Bericht aus und sieht in der zweifellos erfolgten Rangerhöhung Bolesławs als „frater et cooperator“ des Kaisers den gemeinsamen Auftrag, die Christianisierung Polens voranzutreiben.[11]

Auf der Rückreise begleitet Bolesław den Kaiser mit großem militärischem Gefolge bis nach Magdeburg, wo sie den Palmsonntag feiern. Anschließend reisen sie gemeinsam über Quedlinburg, Heiligenstadt in Thüringen, die Königspfalz Trebur, Mainz und Köln bis nach Aachen, wo sie der Öffnung des Grabes von Karl dem Großen beiwohnen. Insgesamt ist Bolesław I. zwei Monate lang mit Otto III. zusammen, was die Bedeutung des polnischen Fürsten für das Reich unterstreicht.

1002, zwei Jahre nach dem Akt von Gnesen, stirbt Otto III. im Januar in Italien. Bolesław erneuert sein Bündnis mit Ekkehard I. von Meißen, indem er seine Tochter Reglindis mit dessen Sohn Hermann verheiratet. Ekkehard, Mitbewerber auf den Königsthron, wird jedoch wenig später ermordet. Ende Juli nimmt Bolesław an der Nachwahl Heinrichs II. zum König, des Sohns von Heinrich dem Zänker, vor den sächsischen Herzögen in Merseburg teil.[12] Heinrich hat nun über die Nachfolge in Meißen zu entscheiden. Gunzelin, der zuvor die Burg Meißen besetzt hat, erhält Meißen, Bolesław die Lausitz und das Milzener Land auf dem Gebiet der heutigen Oberlausitz als Reichslehen.[13] Unmittelbar nach dem Lehnsakt, der in der Merseburger Königspfalz stattfindet, werden Bolesław und der ihn unterstützende Markgraf Heinrich von Schweinfurt und ihre Gefolge angeblich ohne Wissen des Königs überfallen und entkommen nur mühsam dem Tod, wie Thietmar berichtet. Damit erreicht „das Verhältnis zwischen Heinrich II. und Bolesław Chrobry […] seinen Tiefpunkt.“[14] Bischof Adalbald von Utrecht (†1026) datiert in seiner Lebensbeschreibung Heinrichs II. (Vita s. Heinrici II imperatoris, 1010-1026)[15] mit diesem Ereignis den Beginn der Feindschaft zwischen den beiden Herrschern. „Der Pole“, so Knut Görich, „fühlte sich diesem Lehnsherrn nicht mehr verpflichtet; noch auf seinem Rückweg ließ er die Burg Strehla brandschatzen.“[16]

 

[8] Mühle 2011 (siehe Literatur), Seite 24

[9] Fried 2001 (siehe Literatur), Seite 68

[10] Roman Michałowski: Rezension: Johannes Fried, Otto III. und Boleslaw Chrobry …, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte, Band 18, Ostfildern 1991, Seite 277 f.; derselbe: Rezension zur 2. durchgesehenen und erweiterten Auflage, in: Francia …, Band 30/1, Deutsches Historisches Institut Paris, 2003, Seite 322 f.

[11] Michałowski 2006 (siehe Literatur), Seite 61, 63; vergleiche vor allem den Anhang zu dem Beitrag von Michałowski: Zur Glaubwürdigkeit des Berichts von Gallus Anonymus über das Treffen in Gnesen, Seite 68-72. Auch Kersken/Wiszewski (2020, siehe Literatur, Seite 33) entscheiden sich aufgrund der Titulierung Bolesławs als „frater et cooperator imperii“ für ein „Freundschaftsbündnis“.

[12] Althoff 2006 (siehe Literatur), Seite 16

[13] Görich 2000 (siehe Literatur), Seite 116. Ekkehards Sohn Hermann geht zunächst leer aus, wird sich künftig gegen Gunzelin stellen und diesen 1009 als Markgraf ablösen.

[14] Ebenda, Seite 118

[15] Bayerische Akademie der Wissenschaften, Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters, https://www.geschichtsquellen.de/werk/21

[16] Görich 2000 (siehe Literatur), Seite 122

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  • Christian Daniel Rauch: Doppelstandbild auf Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, 1828/40. Bronze, Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań

    Denkmal auf Mieszko I. und Bolesław I., 1828/40

    Christian Daniel Rauch: Doppelstandbild auf Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, 1828/40. Bronze, Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań
  • Neugotischer Sarkophag für Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, um 1840. Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań

    Sarkophag Mieszko I. und Bolesław I, um 1840

    Neugotischer Sarkophag für Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, um 1840. Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań