Eine verbotene Liebe – Prinzessin Elisa Radziwiłł und Wilhelm von Preußen

Julius Ludwig Sebbers (1804–1843): Prinzessin Elisa Radziwiłł, 1835. Lithographie nach einem Aquarell.
Julius Ludwig Sebbers (1804–1843): Prinzessin Elisa Radziwiłł, 1835. Lithographie nach einem Aquarell.

Mitte Juni 1820 verbrachte die Familie Radziwiłł anlässlich des Geburtstags des Fürsten einige Tage auf Schloss Freienwalde bei Berlin, das seit dem Tod der Königin Friederike Luise, für die es 1798 errichtet worden war, leerstand. Wenig später kam auch Wilhelm (Abb. 1) mit seinen beiden Brüdern zu Besuch. Wilhelm und Elisa verlebten dort ihre glücklichsten Momente und gestanden sich gegenseitig ihre Liebe. Wieder zurück in Berlin, sah man Wilhelm fast täglich aus dem Palais Radziwiłł in der Wilhelmstraße kommen.  Beunruhigt von den inzwischen öffentlichen Gerüchten, dass der Vierundzwanzigjährige der sechzehnjährigen Tochter des Fürsten Radziwiłł Avancen machte, konsultierte der König seine Berater.

Sein Schwager, Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz, ein Bruder der Königin Luise, empfand Elisa als eine reizende und hervorragende Partie für seinen Neffen, da die Fürsten Radziwiłł zu den ehemals regierenden Reichsfürsten zählten. 1515 war das polnisch-litauische Adelsgeschlecht der Radziwiłł von Kaiser Maximilian zu Fürsten des Heiligen Römischen Reichs erhoben worden. Jedoch besaßen sie kein reichsunmittelbares Territorium, weil ihre umfangreichen Besitzungen nicht im Reich lagen. Sie verfügten daher über keinen Sitz im Reichstag und gehörten folglich auch nicht dem Reichsfürstenrat an. Schon seit zweihundert Jahren hatte es Ehen zwischen den Kurfürsten von Brandenburg und den Radziwiłłs gegeben. So hatte Ludwig, der dritte Sohn des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 1681 in Königsberg Prinzessin Luise Charlotte Radziwiłł geheiratet, die einzige Tochter und Alleinerbin von Boguslaw Radziwiłł, dem Fürst-Statthalter von Preußen. Allerdings besaßen die Kurfürsten von Brandenburg zu dieser Zeit noch nicht die Königswürde, die sie erst 1701 durch die Selbstkrönung Friedrichs III. von Brandenburg zum König von Preußen erlangten.

Gemäß dem seit Friedrich dem Großen geltenden Hausgesetz der Hohenzollern waren für heiratsfähige Prinzen nur Töchter regierender Fürstenhäuser oder reichsständischer Landesherren standesgemäß. Der unter König Friedrich Wilhelm III. (Abb. 2) für dynastische Fragen zuständige Geheime Rat Friedrich von Raumer wies in einem Gutachten darauf hin, dass bereits die Ehe von Elisas Mutter, Luise Friederike von Preußen, einer Tochter des jüngsten Bruders Friedrichs des Großen, mit dem Fürsten Anton Radziwiłł nicht standesgemäß gewesen war. Der engste Berater des Königs, Reichsfürst Wilhelm zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, erstellte eine Liste, nach der Töchter von neunundzwanzig regierenden europäischen Fürstenhäusern auf eine Heirat warteten, sodass Wilhelms Heirat mit einer polnischen Dame nun wirklich nicht notwendig war.

Die Kinder der Radziwiłłs und des preußischen Königspaars hatten im Königsberger Exil gemeinsam drei Jahre einer unbeschwerten Kindheit verlebt. Während die Eltern nach der verlorenen Schlacht gegen die napoleonischen Truppen bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 um den Fortbestand Preußens fürchten mussten, war es für die Kinder, so Dagmar von Gersdorff in ihrem 2013 erschienenen Buch „Auf der ganzen Welt nur sie“, eine Zeit großer Ungebundenheit: „Man erlebte den Sommer an der Bernsteinküste, den Winter auf den Schlittenbahnen, es gab Spielplätze vor dem Steindammer Tor [...] und im alten Schloss [...] Elisa konnte mit ihren Geschwistern Wilhelm, Ferdinand und Luise spielen, Prinz Wilhelm mit dem zwei Jahre älteren Kronprinzen und seiner Lieblingsschwester Charlotte. Bei gutem Wetter fuhr man zu den Dönhoffs aufs Land oder in den weiten Park der Lehndorffs […] Die Kinder trafen hier Leute, denen sie sonst wohl kaum begegnet wären, den witzigen Herrn von Humboldt, den brummigen Freiherrn vom Stein und den schiefen Herrn von Staegemann, sogar den Dichter Achim von Arnim, der bei der Zeitung arbeitete und einen Bart trug […] Prinz Wilhelm fand im ältesten Sohn der Radziwiłłs, der ebenfalls Wilhelm hieß und im selben Jahr und Monat geboren war wie er, einen Freund fürs Leben“ (S. 11 ff.).  

1809 konnten die königliche Familie und die Radziwiłłs nach Berlin zurückkehren, nachdem der König auf Reparationsforderungen von Napoleon eingegangen war. Ein Jahr später starb Königin Luise (Abb. 3) mit vierunddreißig Jahren. Die Fürstin Radziwiłł (Abb. 4), als Tochter des Prinzen Ferdinand eine Kusine des Königs, wurde für den zwölfjährigen Wilhelm zur Ersatzmutter. Als die Provinz Posen 1815 durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses als Großherzogtum Posen an Preußen fiel, ernannte der König Fürst Anton Radziwiłł (Abb. 5) zum Statthalter des neuen Großherzogtums, zum Generalleutnant und später zum Mitglied des preußischen Staatsrats. Im Januar 1817 kehrte die Familie Radziwiłł nach Berlin zurück, um künftig sowohl im Palais in der Wilhelmstraße als auch in Posen jeweils für längere Zeit zu wohnen. Wilhelm, inzwischen zwanzig Jahre alt, vermerkte die Rückkehr nicht nur in seinem Taschenkalender. Er traf die jetzt vierzehnjährige Elisa im Prinzessinnenpalais Unter den Linden, wo Wilhelms Schwestern wohnten, und sah sie regelmäßig auf den Festen und Empfängen der Karnevalssaison und auf gemeinsamen Ausflügen. Wilhelms Verliebtheit war nicht mehr zu übersehen. Ein Spottvers der Prinzessinnen auf die Buchstaben von Elisas Namen, „Ewig / Liebe / Ich / Solche / Anmut“, verhalf ihr zu dem Spitznamen Ewig, mit dem sie später sogar Briefe unterschrieb. Im Januar 1818 traf Wilhelm Elisa in Posen auf der Rückreise von St. Petersburg, wo seine Schwester Charlotte den Bruder des russischen Zaren, den Großfürsten Nikolaus, geheiratet hatte. „Elisa ist sehr gewachsen und etwas stärker geworden, und überhaupt charmant“, notierte Wilhelm. 

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  • Prinz Wilhelm von Preußen. Stich nach einem Gemälde von Carl von Steuben, 1814.

    Abb. 1: Wilhelm

    Prinz Wilhelm von Preußen. Stich nach einem Gemälde von Carl von Steuben, 1814.
  • König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Gemälde von Ernst Gebauer, 1831.

    Abb. 2: Wilhelms Vater

    König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Gemälde von Ernst Gebauer, 1831.
  • Königin Luise von Preußen. Gemälde von Josef Grassi, 1802.

    Abb. 3: Wilhelms Mutter

    Königin Luise von Preußen. Gemälde von Josef Grassi, 1802.
  • Fürstin Luise Radziwiłł. Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1801.

    Abb. 4: Elisas Mutter

    Fürstin Luise Radziwiłł. Gemälde von Élisabeth Vigée-Lebrun, 1801.
  • Fürst Anton Radziwiłł. Lithographie von Karol Antoni Simon, 1824/30.

    Abb. 5: Elisas Vater

    Fürst Anton Radziwiłł. Lithographie von Karol Antoni Simon, 1824/30.
  • Gemälde von Wilhelm Hensel, 1821.

    Abb. 6: Elisa als Peri

    Gemälde von Wilhelm Hensel, 1821.
  • Wilhelm von Preußen und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1854.

    Abb. 7: Wilhelm und Augusta von Preußen

    Wilhelm von Preußen und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, 1854.
  • Marmorbüste von Christian Daniel Rauch, 1834.

    Abb. 8: Elisa auf dem Totenbett

    Marmorbüste von Christian Daniel Rauch, 1834.
  • Kaiser Wilhelm I. an seinem Schreibtisch im Alten Palais, Berlin, 1880.

    Abb. 9: Kaiser Wilhelm I.

    An seinem Schreibtisch im Alten Palais, Berlin, 1880.
  • "Die verbotene Liebe", 2016

    Ein Film von Schülerinnen und Schülern der Robert-Jungk-Oberschule in Berlin.