Ignacy Jan Paderewski in Deutschland

Paderewski w Berlinie, ok. 1883 r. (Uwaga na podpis na zdjęciu!), The Paderewski – Paso Robles Collection, USC Polish Music Center
Paderewski in Berlin, ca. 1883 (Bitte die Unterschrift im Foto beachten!)

Vorwort
 

Paderewskis Verbindungen nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, wo er Anfang der 1880er Jahre für eine längere Zeit lebt, sind ein durchaus spannender Forschungsgegenstand. Diese Periode erweist sich im Nachhinein als ein bedeutender Wendepunkt im Leben des herausragenden Musikers, denn sie trug entscheidend zu seiner weiteren Entwicklung als Pianist und Komponist bei.

Ende der 1870er Jahre kann das russisch besetzte Warschau keineswegs mit lebhaften internationalen Kulturmetropolen wie Berlin, Wien oder Paris mithalten. Es scheint daher selbstverständlich, dass ein begabter, ehrgeiziger und fleißiger junger Musiker wie Paderewski nach Abschluss seines Studiums in Warschau seinen Horizont im Ausland erweitern will. Um das Studium in Berlin aufnehmen zu können, ist er jedoch – neben seinen eigenen nicht allzu einträglichen Konzerten – auf die Unterstützung seines nicht sonderlich vermögenden Vaters (der damals in Podolien lebte) sowie einiger Warschauer Studienfreund:innen angewiesen; schuld daran sind schwerwiegende familiäre Probleme und die instabile finanzielle Lage des jungen Künstlers. Anfangs beabsichtigt Paderewski, sich in Berlin als Komponist weiterzuentwickeln, doch wie sich bald herausstellen sollte, kann er in der deutschen Hauptstadt einige berühmte Musiker:innen für sich gewinnen, die ihn überzeugen, eine Karriere als Pianist anzustreben.

Zweimal weilt Paderewski länger in Berlin: Anfang Januar bis Ende Juni 1882 sowie Anfang Januar bis Mitte Juli 1884. Seine Aufenthalte fallen in eine Zeit, in der sich die Stadt rasant entwickelt und sowohl zum politischen Zentrum des neuen deutschen Staates als auch zu einer wichtigen Kulturmetropole mit einer regen künstlerischen, literarischen und musikalischen Szene wird. Nicht nur für die Hauptstadt selbst, auch für ganz Deutschland ist dies eine besonders bedeutsame Epoche: Nach dem Beitritt der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund im Januar 1871 wächst der neue Nationalstaat nun zusammen. Als Reichskanzler setzt Otto von Bismarck in den Jahren 1871–1890 zahlreiche soziale Reformen um. Gleichzeitig läutet er aber auch den sogenannten Kulturkampf gegen den Katholizismus ein und richtet sich mit massiven Repressionen gegen die polnische Bevölkerung in den preußischen Teilungsgebieten. Schilderungen der politischen Lage in Deutschland sowie der Haltung Bismarcks gegenüber Pol:innen finden sich in mehreren Briefen, die Paderewski aus Berlin schreibt, sowie in seinen Berichten von Auftritten in diversen anderen deutschen Städten.

 

Berlin in Paderewskis Memoiren
 

In seinen Memoiren, die er Anfang der 1930er Jahre zusammen mit Mary Lawton in den USA niederschreibt, widmet der Musiker ein ganzes Kapitel – Berlin and the World of Music – seiner Studienzeit in der weltweit anerkannten Musikmetropole. Zurückblickend auf die frühen 1880er Jahre, kurz nach einer familiären Tragödie – Paderewskis Ehefrau stirbt und lässt ihn mit einem schwerkranken Kleinkind zurück – beschreibt der Künstler seine Entscheidung, sich zum Studium nach Deutschland zu begeben, in folgenden Worten:

„Nach dem Tod meiner Frau wurde mir klar, dass es in Warschau außer einer Laufbahn als Lehrer keinerlei Perspektiven für mich gab. Daher beschloss ich, nach Berlin zu gehen. Das Kind ließ ich bei seiner Oma, der Mutter meiner Frau zurück und begab mich direkt zu Friedrich Kiel, einem zu der Zeit berühmten Pädagogen, um Komposition zu studieren. Ich hörte von allen Seiten (und begann sogar, es selbst zu glauben), dass ich nie Pianist werden würde, jedoch ein begabter Komponist wäre. Ich hatte bereits einige Stücke geschrieben, die in Warschau herausgegeben worden waren und sich als gewissermaßen erfolgreich erwiesen hatten. Dies ermutigte mich, weiter Komposition zu studieren. […]“[1]

In Berlin widmet sich Paderewski voll und ganz seinem Kompositionsstudium. So schildert er die ersten sechs Monate bei Prof. Kiel:

„Ich arbeitete hart, so hart, dass ich nervlich beinahe zusammengebrochen wäre. Auch gesundheitlich baute ich zusehends ab. Ich widmete zehn bis zwölf Stunden am Tag dem Lernen allein. Zugegebenermaßen machte ich enorme Fortschritte in der Musik und Prof. Kiel hob mich unter seinen Schülern hervor und hielt mich für einen aufgehenden Stern. Zudem war er stolz auf meine Errungenschaften, denn ich hatte in einer vergleichsweise kurzen Zeit tatsächlich viel gelernt. Er pries mich und ermutigte mich, weiterzuarbeiten, mit den Worten, er habe noch nie einen derart talentierten Schüler gehabt. Ich muss es an der Stelle noch einmal betonen, dass Kiel (als einer von wenigen) auch großes Interesse an meinem Klavierspiel zeigte, und wenn ich ihm meine Kompositionen vorspielte, pflegte er mir zu sagen: ‚Sie sollten viel üben, denn Sie sind auch als Pianist außerordentlich begabt.‘“[2]

Neben seinem Kompositionsstudium lernt Paderewski bei diversen Empfängen viele interessante und einflussreiche Persönlichkeiten kennen, die den jungen Musiker gerne unterstützen:

„In meiner Berliner Studienzeit begann ich, mit bekannten Musikern zu verkehren, die mir des Öfteren große Hilfe leisteten. So lernte ich im Hause meines Verlegers, Bock, Richard Strauss kennen. Das Haus Bock war überaus angenehm. Die Familie bestand aus der Ehefrau, der Mutter und mehreren süßen Kindern, denen ich oft etwas vorspielte und die mich deswegen sehr gerne mochten. Wir kamen oftmals abends bei den Bocks zusammen, ich und noch andere Künstler, die nicht so berühmt waren wie Strauss, und wir, Strauss und ich, spielten den Kindern was zum Tanzen vor, nur so zum Spaß. Manchmal tanzten nicht nur die Kinder, denn in dem Haus herrschte eine so vertraute und fröhliche Stimmung, dass auch die Erwachsenen Lust auf ein Tänzchen hatten. Ich weiß noch, dass Strauss und ich des Öfteren stundenlang spielen mussten und die Gäste begeistert tanzten.“[3]

Das „Berliner“ Kapitel von Paderewskis Memoiren verrät auch viel über die allgemeinen Eindrücke des Künstlers aus der musikalisch und intellektuell geprägten Großstadt:

„Ich habe enorm viele Erinnerungen an Berlin. Die Zeit, die ich in dieser Stadt verbracht habe, hat mir unzählige neue Erlebnisse und Kontakte eingebracht. Es war der Anfang eines neuen Lebens. Ich bewegte mich, wenn auch manchmal nur tastend, in Richtung der großen weiten Welt – der Welt der Kunst. 

Damals zog Berlin viele Studenten an; sie strömten dahin wie auf der Suche nach einem magischen Rendez-vous. Die Berliner Universität erfreute sich großer Beliebtheit. Auch einige Polen studierten dort: an der Universität und der Technischen Universität. Ich wohnte bei den Rohdes, einer angesehenen Hamburger Familie. […] Wenn ich an sie denke, bin ich stets zutiefst dankbar für die Fürsorge und das Interesse, das sie mir entgegenbrachten. Ihr Haus wurde mir ein zweites Zuhause, wie schon zuvor das Haus der Familie Kerntopf[4]. Doch ich hatte Glück, denn es hätte auch ganz anders kommen können.

Eigentlich war mein Leben in Berlin alles andere als ein typisches Studentenleben. Ich war als Mensch bereits zu ernst, um mich mit der Studentenschaft zu verbrüdern, insbesondere mit denjenigen, die sich immer nur amüsieren wollten. […] Als Pole fühlte ich mich sehr einsam. Sofern mich mein Gedächtnis nicht täuscht, studierten damals nur wenige meiner Landsleute in Berlin, und die Deutschen waren alles andere als sympathisch. Es war die Zeit der Polenverfolgungen – und das bekam ich auf Schritt und Tritt zu spüren. […] Es wurden zu der Zeit auch gewisse politische Anordnungen erlassen, die mich Ekel gegenüber den Deutschen und ihrem Regime verspüren ließen, zum Beispiel, dass von allen ausländischen Zeitschriften ausschließlich die polnischen verboten waren. In den Bahnhöfen (wo es immer ausländische Zeitungen gibt) waren keine polnischen zu finden. […]

Berlin war zu dem Zeitpunkt bereits eine Großstadt, mit einem weitläufigen Park und einigen prachtvollen Bauwerken. Das schönste von allen war selbstverständlich das Königsschloss. Es ist ein altes Gebäude aus der Zeit des Großen Kurfürsten. […] Ich kann zwar nicht behaupten, die Stadt wäre damals schön gewesen, doch die Sauberkeit und die Ordnung in den Straßen ließen den Eindruck eines gewissen Charmes entstehen. Die Straßen waren wirklich außerordentlich und bewundernswert sauber. Dabei hatte Berlin äußerlich etwas Theatralisches an sich. Alles war militärisch geprägt, überall herrschten Uniformen vor. Zwischen den Offizieren und der Zivilbevölkerung waren gewisse Antagonismen zu spüren. Dennoch konnte man oft beobachten, wie die Leute den Offizieren eifrig Platz auf dem Trottoir machten. […]

Alles war voller Musik, und zwar unterschiedlichster Genres. Ich möchte schon fast sagen, dass es zu viele Konzerte gab, mehrere am Tag, und darüber hinaus eine exzellente Oper. Wagner war damals bereits fest etabliert und erfreute sich großer Bekanntheit und Beliebtheit. Die dramatischen Aufführungen waren hingegen, meines Erachtens, schlecht, unvergleichlich schlechter als beispielsweise die Stücke des Wiener Burgtheaters, das übrigens zu den besten Bühnen Europas zählt.“[5]

Zu den wichtigsten Ereignissen in Paderewskis Leben – insbesondere während seiner ersten Studienzeit in Berlin, als seine künftige Laufbahn noch nicht entschieden ist – gehört die Begegnung mit dem großen russischen Pianisten Anton Rubinstein. Ermöglicht wird diese von Paderewskis Verleger Hugo Bock, der Rubinstein zum Diner einlädt. In Paderewskis Erinnerung ist es ein rundum gelungener Abend: Rubinstein bittet ihn, ein paar seiner Kompositionen vorzuspielen und lauscht aufmerksam, um Paderewski dann zu sagen, er solle viel öfter selbst spielen. „Sie haben eine angeborene Spieltechnik und ich bin mir sicher, dass Sie eine wundervolle Karriere als Pianist machen könnten.“ Ein halbes Jahrhundert später blickt der Musiker immer noch genauso emotional auf diesen entscheidenden Moment seines Lebens zurück:

„Als ich diese Worte hörte, die sich später als Prophezeiung erweisen sollten, verschlug es mir die Sprache. Ich war so überwältigt, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Es hat mich völlig überrascht. Diese Episode mit Rubinstein bedeutete mir sehr viel. Das, was er damals zu mir sagte, hat meine ganze Welt verändert.“[6]

Ein weiterer herausragender Musiker, den Paderewski in Berlin kennenlernt, ist der Geigenvirtuose Joseph Joachim:

„Er war ein edler Mann und ein wundervoller Künstler. Seine Interpretationen klassischer Musik waren exzellent, insbesondere bei Beethoven war er unübertroffen. Er war zudem ein höchst kultivierter Mensch; jungen Musikern gegenüber gab er sich nicht nur zugänglich, sondern stand ihnen stets mit Rat und Tat zur Seite, insbesondere wenn es um ihre Kunst ging. […] Er verfügte über eine hervorragende Technik und beherrschte sein Instrument perfekt. Er war ein Vollblutmusiker und sein Edelmut spiegelte sich schon in seiner Spielweise wider. […] Sobald er mit dem Bogen über die Saiten strich, verströmte er eine erstaunliche Würde – bei Künstlern eine besonders rare Eigenschaft.“[7] 

Bei einem der Empfänge im Hause Joachim, wo die gesellschaftliche und akademische Crème de la Crème Berlins zusammenkam, ist der Hausherr so sehr von einer Miniatur fürs Klavier aus dem Zyklus Chants du voyageur angetan, dass er den jungen Musiker das Stück mehrmals hintereinander spielen lässt. Paderewski fügt hinzu: „Es kam nicht selten vor, dass mich Joachim bei diesen Empfängen bat, meine eigenen Kompositionen zu spielen, was ich als eine außerordentliche Ehre und als Motivation zur Fortsetzung meiner Arbeit empfand.“[8] Auf seinen Aufenthalt in Berlin Anfang der 1880er Jahre zurückblickend, schreibt der Musiker: „In diesen ersten Jahren in Berlin habe ich nahezu alle Titanen der damaligen Musikwelt kennengelernt. Es war eine wundervolle Zeit. Eine Zeit großer Komponisten, großer Pianisten und großer Dirigenten. Die Kontakte zu ihnen haben mein Leben bereichert.“[9]

Nach einer über einjährigen Pause für sein Studium in Berlin kehrt Paderewski nach Warschau zurück und beginnt, am Konservatorium zu unterrichten. Bald darauf wird ihm das Lehren jedoch lästig; er will unbedingt Pianist werden, obwohl ihm sein gesamtes Umfeld diese Laufbahn stets auszureden versucht. Über diese Entscheidung schreibt er in seinen Memoiren:

„Zu diesem Zeitpunkt entschied ich, einem inneren Imperativ folgend, Pianist zu werden. Zugleich wurde mir klar, dass ich vor allem [aus Warschau] weg und das abgebrochene Studium der Komposition abschließen muss. Ich kehrte also nach Berlin zurück. Vor meiner Abreise musste ich eine Entscheidung bezüglich des Schicksals meines armen Sohnes treffen, der zu dieser Zeit schwer erkrankte. Ich brachte ihn zu meinem Vater, der damals in einer Ortschaft lebte, wo es die Möglichkeit gab, einen guten Arzt zu rufen. Mein Sohn hatte damals schon Schwierigkeiten beim Laufen, es war der Beginn der Kinderlähmung. Leider wusste man zu der damaligen Zeit wenig über diese schreckliche Krankheit. Der Junge war damals circa vier Jahre alt.“[10]

 

[1] Paderewski, Ignacy Jan und Lawton, Mary: Pamiętniki [Memoiren]. Polskie Wydawnictwo Muzyczne, 6. Aufl., Kraków 1986, S. 83 [Originalfassung: Paderewski, Ignacy Jan; Lawton, Mary: The Paderewski Memoirs. Charles Scribner’s Sons, New York 1939]. Übersetzung aus dem Polnischen.

[2] Ibid., S. 86.

[3] Ibid., S. 86–87.

[4] Familie Kerntopf besitzt ein Klavierbauunternehmen in Warschau. Paderewski wohnt während seines Studiums bei ihnen.

[5] Pamiętniki, S. 88–90.

[6] Ibid., S. 90–91.

[7] Ibid., S. 92–93.

[8] Ibid., S. 93.

[9] Ibid., S. 96.

[10] Ibid., S. 107–108.

Berlin in Paderewskis Briefen
 

Noch lange nach der Erstveröffentlichung von „The Paderewski Memoirs“, die in den 1930er Jahren in den USA und erst viel später in Polen erscheinen, gilt das Kapitel, in dem der Musiker seine beiden Studienzeiten in Berlin in den Jahren 1882–1884 beschreibt, als die einzige Informationsquelle „aus erster Hand“ über diesen Abschnitt seines Lebens.[11] Erst als das Institut für Musikwissenschaft der Jagiellonen-Universität Krakau 2001 insgesamt 308 eigenhändig geschriebene Originalbriefe von Paderewski erhält, stellt sich heraus, dass neben seinen Memoiren auch zeitgenössische Berichte aus seiner Berliner Studienzeit existieren: im Eifer des Augenblicks verfasste, in einem äußerst persönlichen, ja geradezu intimen Ton gehaltene Schriftstücke. Es handelt sich dabei vorwiegend um Briefe an Helena Górska (mit der Paderewski 1899 seine zweite Ehe eingeht), aber auch an seinen Vater Jan Paderewski, der 1894 in Schytomyr verstirbt. 

Die Geschichte dieser Briefe ist äußerst interessant: Sie werden von Helena Górska und nach ihrem Tod im Jahr 1934 von ihrer persönlichen Sekretärin Helena Liibke[12] sorgfältig aufbewahrt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1941 weiß selbst Paderewski nichts davon, denn seine Frau verschweigt nicht nur ihm, dass sie diesen Teil ihrer Korrespondenz aufbewahrt hat; sie weist sogar ihre Sekretärin an, niemandem auch nur ein Wort über die Briefe zu verraten, die ihr der Musiker in seinen jungen Jahren geschrieben hat. Nach der Auflösung ihres Schweizer Wohnsitzes Anfang der 1950er Jahre wandert Helena Liibke in die USA aus und lässt sich neben der Familie Strakacz in Los Angeles nieder. Paderewski betrachtet Helena Liibke, die jahrelang mit dem Ehepaar eng befreundet ist und sich liebevoll um seine Frau kümmert, als Familienmitglied, ebenso wie seinen Sekretär, Sylwin Strakacz, dessen Ehefrau Aniela und Tochter Anetka, die Paderewskis Patenkind wird. 

Sylwin Strakacz verstirbt 1973 in Los Angeles. Einige Jahre später zieht seine Tochter mit der eigenen Familie in die Gegend von Sacramento im Norden Kaliforniens. Bald darauf zieht auch Helena Liibke bei der jungen Familie ein. Erst nach Helena Liibkes Tod 1986 entdeckt Anetka Strakacz in ihrem Zimmer, unter zahlreichen anderen Dokumenten, Briefe von Paderewski aus einer Zeit von den frühen 1870er Jahren bis Mitte der 1920er Jahre. Der Großteil der Korrespondenz stammt aus den Jahren 1872–1899, also noch vor Paderewskis Hochzeit mit Helena Górska. Małgorzata Perkowska-Waszek – Autorin zahlreicher Bücher und Artikel über Paderewski – kann sich erst Ende der 1980er Jahre während eines Besuchs bei Anetka Strakacz in Kalifornien mit der Briefsammlung vertraut machen und beginnt daraufhin Anfang der 1990er Jahre, diese für eine Veröffentlichung aufzubereiten. 

Die Übergabe der Briefe im Jahr 2001 als Schenkung durch Anetka Strakacz an das Ignacy-Jan-Paderewski-Institut für Musikwissenschaft der Jagiellonen-Universität in Krakau ist ein weiterer Schritt bei dieser so wichtigen Entdeckung. Die insgesamt 308 Briefe umfassende Sammlung wird teilweise von Małgorzata Perkowska-Waszek redaktionell bearbeitet. Nach ihrem Tod 2011 schließen Małgorzata Sułek und Justyna Szombara die Analyse dieser einmaligen Dokumente ab, die bisher unbekannte Aspekte des Lebens und der Persönlichkeit von Paderewski beleuchten.

Die Briefe, die im weiteren Verlauf des Textes zitiert werden, stammen aus Paderewskis Jugend und seiner Studienzeit in Berlin. Sie werfen ein völlig neues Licht auf den Künstler selbst, sein Privatleben, sein Studium, seine familiären Probleme und seine beruflichen Ambitionen. Zudem finden sich darin faszinierende Schilderungen unzähliger hervorragender Künstler:innen seiner Zeit (u. a. Johannes Brahms, Pablo de Sarasate, Eugène d’Albert, Richard Strauss), diverser Konzerte, Vernissagen, Theateraufführungen, künstlerischer Soiréen und weiterer interessanter Ereignisse aus Paderewskis Leben als Student der Komposition bei Friedrich Kiel und Heinrich Urban in Berlin sowie anschließend als Klavierstudent bei Teodor Leschetizky in Wien. 

Die ersten 46 Briefe der Sammlung stammen aus den Jahren 1872–1881 und richten sich überwiegend an Paderewskis Vater und Stiefmutter. Darin berichtet er von seinem Studium in Warschau. Die Briefe enthalten zudem Bemerkungen auf Französisch, die für seine Schwester Antonina und seinen ehemaligen Geschichts- und Französischlehrer Michał Babiański bestimmt sind, der die Geschwister zu Hause in Podolien unterrichtet hatte. Der erste Brief von Paderewski an Helena Górska ist hingegen auf September 1881 datiert. „Verehrteste!“, schreibt der Musiker aus Witebsk und teilt der Empfängerin anschließend mit, er habe einige Tage in der Kreisstadt verbracht, „um diverse Angelegenheiten in der Amtssprache [Russisch] abzuwickeln und lokalen Würdenträgern Besuche abzustatten.“ Im Folgenden erklärt er: „Schließlich erinnerte ich mich, dass bald meine Reise nach Berlin bevorsteht und ich dafür noch Geld benötige, also kam ich nach Witebsk, um ein Konzert zu spielen und lasse Ihnen [hier wendet sich Paderewski sowohl an Helena als auch an ihren Ehemann] nun von hier aus eine Nachricht von mir zukommen.“[13] Am Ende wird Paderewski, wenngleich vorsichtig, etwas direkter und lässt seine wahren Gefühle für Helena Górska ein wenig durchblicken:

„Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, wie sehr es mich danach durstet, Sie wiederzusehen, Nachrichten zu Ihrer Gesundheit und dem Zustand Ihres Herzens (im zutiefst philologischen Sinne) zu erhalten und nicht zuletzt zu allem, was Sie, Herrn Władysław und Ihre Familie angeht. […] In Erwartung Ihrer gnädigen Antwort drücke ich einen imaginären und nichtsdestotrotz herzlichen Kuss auf Ihre Hand, ebenso auf die Wangen Ihres Mannes und Sohnes und bleibe Ihnen stets gewogen, IJPaderewski.“

Aus der bisher veröffentlichten Sammlung von Briefen Paderewskis an seinen Vater und Helena Górska geht klar hervor, dass sie es ist, der er seine intimsten Gefühle, Geständnisse und Erlebnisse anvertraut. Die zunehmend exaltierten und intimen Briefe, die er an sie schreibt, werden letzten Endes zum Scheidungsgrund für Helenas ersten Ehemann Władysław, als er die Korrespondenz entdeckt. Dazu trägt vielleicht u. a. Paderewskis Brief an Helena Górska aus Vilnius vom 8. Oktober 1886 bei. Der Musiker schließt ihn mit zwei selbst komponierten Strophen auf Französisch ab. Die erste beginnt mit den Worten: Je t’aime! Et je ne pense qu’à Toi, die zweite hingegen mit: Je t’aime! Et je pleure après Toi.[14] Im Postskriptum schreibt Paderewski zum Abschied: „Ich bin seit einer Stunde hier, in sehnsüchtiger Erwartung des nächsten Morgens und Deines Briefes. Was mag er mir wohl bringen? Deins, mit vollem Herzen und ganzer Seele Deins, Ignacy.“ 

Interessant und auffällig ist dabei auch, dass die Briefe an Helena Górska viel umfangreicher und detaillierter sind als die zur selben Zeit verfassten Briefe an Paderewskis Vater, die in ihrer Knappheit und Emotionslosigkeit eher Presseberichten ähneln. 

Dadurch, dass Paderewski oft mit Helenas Ehemann, einem bekannten Violinisten, gemeinsame Konzerte gibt, spiegeln sich viele musikalische Angaben zu seinen Kompositionen und Auftritten sowie Eindrücke von der musikalischen, theatralischen und intellektuellen Szene Berlins in seinen Briefen aus Deutschland detailliert wider. Die Überlegungen des Musikers über seine Laufbahn sowie mehr oder weniger gelungene Konzerte und Kompositionen gewähren einen tiefen Einblick sowohl in Paderewskis Persönlichkeit als auch in seine privaten Ansichten zu Themen wie Musik, Kunst oder Politik.

 

[11] Die erste polnischsprachige Ausgabe unter dem Titel „Pamiętniki“ erscheint 1961 im Polnischen Musikverlag (Polskie Wydawnictwo Muzyczne).

[12] Wohl eigentlich „Lübke“ (Anm. der Redaktion).

[13] Brief an Helena Górska vom 19./31. September 1881. Zit. nach: Ignacy Jan Paderewski. Listy do Ojca i Heleny Górskiej (1872–1924) [Ignacy Jan Paderewski. Briefe an den Vater und Helena Górska], bearb. von Małgorzata Perkowska-Waszek, hrsg. von Małgorzata Sułek und Justyna Szombara. Nationales Frederic-Chopin-Institut (Narodowy Instytut Fryderyka Chopina), Warszawa 2018. Übersetzung aus dem Polnischen. Sämtliche im Folgenden zitierten Briefe von Paderewski entstammen derselben Quelle und sind daher nicht mit Fußnoten versehen. 

[14] „Ich liebe Dich! Und ich denke nur an Dich; Ich liebe Dich! Und ich weine Dir nach.“

Der erste Aufenthalt in Berlin
 

In Paderewskis Brief an Helena Górska vom 6. Januar 1882 wird deutlich, dass sein erster Eindruck von Berlin nicht sonderlich positiv, ja geradezu provinziell ist, und mit patriotischen Anmerkungen gespickt:

„Trotz seiner prachtvollen Straßen und Bauten hat mich Berlin nicht besonders beeindruckt. […] Die Einwohner Berlins ähneln ziemlich diesen nach Geld und Brot gierenden Wesen, die sich das Wort ‚Kultur‘ auf die Stirn schreiben und mit löchrigen Schuhen unser armes Polen heimsuchen; der einzige Unterschied ist das Gewand. Persönlich darf ich mich nicht über sie beschweren – diejenigen, an die ich mich Rat oder Erläuterung suchend wandte, erteilten mir dies gerne, diejenigen wiederum, denen ich näher gekommen bin, haben sich meine Dankbarkeit verdient. Ich betone lediglich den allgemeinen Eindruck.“

Im selben Brief berichtet Paderewski von der Unterstützung, die er von dem Pianisten und Komponisten Maurycy Moszkowski[15] erhält:

„Moszkowski ist ein guter, hilfsbereiter Kollege; dank ihm habe ich hier einige Bekanntschaften geschlossen und er war es, der mich zu Kiel[16] gebracht hat, nicht ohne jedoch vorher anzumerken, dass ich dies nun gar nicht mehr nötig hätte. Kiel hat mich in seiner Bescheidenheit bezaubert. Nachdem er sich einige meiner Stücke angehört hatte, sagte er ein paar Sätze, die ich nicht verstanden habe, klopfte mir auf die Schulter, was wiederum sehr gut verständlich war, und ließ mich meinen Namen eigenhändig in das Register seiner Schüler eintragen. Nun kann ich ab Dienstag bereits den ersehnten Unterricht antreten.“

Im Folgenden schildert Paderewski, wie er zu seiner ersten Wohnung in Berlin kommt:

„Ich werde wohl sehr weit vom Stadtzentrum wohnen, draußen in der Brückenallee[17], die von Unter den Linden vergleichbar weit entfernt ist wie Mokotów vom Plac Teatralny[18]. Vor allem die frische Luft zieht mich dorthin, dann die Tatsache, dass die Wohnung über einen Tisch und sämtliche… Unbequemlichkeiten verfügt, und zuletzt der Preis: 100 Mark monatlich, was noch nicht sehr teuer ist.“

Zwei Tage später, am 8. Januar 1882, berichtet Paderewski seinem Vater von dem Besuch bei Prof. Kiel und der Wohnung am damaligen Berliner Stadtrand, die er nun mietet. Die Stadt sei „riesengroß, prachtvoll, sauber gehalten und überaus stark bevölkert“; er fügt jedoch hinzu: „Ich werde nun aber noch viel an meinen Deutschkenntnissen arbeiten müssen, denn hier spricht niemand Französisch, oder genauer gesagt, niemand will Französisch sprechen.“

In seinem Brief vom 16. Januar 1882 teilt der Musiker Helena Górska mit, er habe sich nun „wie es heißt, eingerichtet“ und dass sein „großes, sauberes Wohnzimmer am heutigen Tag dank Herrn Bechsteins Kulanz mit einem Konzertflügel ausgestattet worden sei“. Im Folgenden beschwert er sich ein wenig über seinen Kompositionslehrer:

„Ich war nun bereits zweimal bei Kiel. Der gutmütige ältere Herr hat mir bisher noch nichts Neues gesagt. Ich arbeite am Kontrapunkt, doch alle Anmerkungen, die ich dabei zu hören bekomme, sind mir entweder schon längst vertraut oder ich habe sie zumindest bereits… erahnt. Ich muss Ihnen gestehen, Verehrteste, dass das Abarbeiten von Kontrapunkt-Beispielen für mich eine sinnlose, unerträgliche Pflicht darstellt, doch… ich muss sie erfüllen.“

Der Brief umfasst noch weitere interessante Aspekte, wie etwa Paderewskis Schilderung eines Besuchs in der Berliner Nationalgalerie und seinen umfangreichen Diskurs über die Sammlungen von Kunstwerken „deutscher Pinsel und Meißel“. Er nimmt zudem ein Angebot an, das Helena Górska ihm vor der Abreise nach Berlin unterbreitet hat – nämlich, ihm 500 Rubel zu leihen. Da dies zu dem Zeitpunkt eine recht hohe Summe ist, verspricht der Pianist „hoch und heilig“, ihr das Geld spätestens bis zum 1. Januar 1883 zurückzuzahlen. Den Brief an Górska vom 21. Januar schließt Paderewski mit Klagen über seinen Gesundheitszustand ab – er leidet an Schlaflosigkeit. Zudem verrät er ein wenig über seine täglichen Beschäftigungen:

„Zum Arzt bin ich nicht gegangen, doch ich behandle mich selbst mit Duschen, mache morgens in meiner Wohnung einiges an Gymnastiktheater, abends hingegen gehe ich in den T[h]iergarten und laufe dort wie ein Wahnsinniger in den dunklen, menschenleeren Alleen herum, bis ich ermüde…“

Am 27. Januar 1882 schreibt Paderewski an Helena Górska aus Berlin:

„Ich fühle mich nicht wohl. Seit einigen Tagen habe ich Fieber, bin ein wenig rastlos und fürchte um meine Lunge, wenngleich ich weder über Husten noch Stechen klagen kann. Auf die Arbeit habe ich zudem nicht die geringste Lust. Das wundert mich und ich kann keinen Grund dafür erkennen!“

Zum Glück berichtet Paderewski seiner Freundin bereits am 3. Februar 1882, dass er gesund sei, kein Fieber mehr habe, wie ein Murmeltier schlafe und sowohl Appetit als auch Arbeitslust zurückgekehrt seien. An seinen Vater schreibt Paderewski am 6. Februar:

„Ich arbeite hier ein wenig und kann nicht über mangelnden Erfolg klagen. Überall ist man mir gewogen, von meinem Talent sprechen alle, die mich kennen, nur in den höchsten Tönen, und Kiel ist entzückt. Ich zahle ihm monatlich 30 Mark, das sind 15 Rubel. Das ist sehr günstig; andere Ausgaben wie Notenhefte, Konzerte usw. verschlingen hingegen unvorhergesehene Mengen an Geld.“

Des Weiteren berichtet Paderewski in einem langen Brief an Helena Górska vom 6. Februar 1882 von einer Einladung zur musikalischen Soirée bei dem Komponisten und Musikverlagsinhaber Hermann Erler:

„Ich musste dort meine Stücke vorspielen und gestehe unbefangen, dass es ein volles Fiasko war. Herr Erler fand sie ‚zu schwer, zu melancholisch…‘ mit anderen Worten: sie gefielen ihm nicht. […] Eine halbe Stunde später spielte Moszkowski einige seiner Stücke: ohne Tiefgang und nicht einmal sonderlich gut vollendet. Herr Erler und die gesamte Gesellschaft waren restlos begeistert… Mein Vertrauen in Herrn Erlers Kompetenz wurde erheblich erschüttert…“

Im Folgenden berichtet Paderewski von einem Besuch bei Julisz Janotha und seiner Tochter Natalia[19], die ebenfalls begnadete Pianistin und Komponistin ist:

„Ich war auch bei den Janothas. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und gebeten, zu spielen. Hier passierte: justement le contraire, denn Vater und Tochter lobten mich um die Wette.“

Am 18. Februar schreibt Paderewski seinem Vater, er habe mit Prof. Kiel vierhändig gespielt und dieser habe ihm anschließend gesagt: „Ich habe das Klavierspiel noch nie so genossen. Sie können wunderbar Noten lesen und fabelhaft begleiten.“ Was die musikalische Begleitung angeht, informiert Paderewski seinen Vater zudem, dass er in Berlin ein gemeinsames Konzert mit dem berühmten polnischen Violinisten Stanisław Barcewicz gegeben habe.

Knapp zwei Monate später, am 11. April 1882, wendet sich der Musiker erneut an seinen Vater:

„Ich bin nun seit einigen Tagen mittellos, und da ich mich hier noch an niemanden wenden kann und die Briefe an Mutter[20] zu lange unterwegs sind, schreibe ich Dir, Vater, um Dich um Hilfe zu bitten – glaube mir bitte, es zerreißt mir das Herz. Ich brauche hundertfünfzig Rubel. Diese Summe reicht mir bis Mitte Mai, später erhalte ich höchstwahrscheinlich Geld von Mutter. Sei bitte so gnädig und schicke mir schnellstmöglich diesen Betrag, und ich werde mich bemühen, Dir das Geld im Sommer zurückzuzahlen. Selbst wenn ich Zinsen auf das Geld bezahlen sollte, bin ich dazu bereit.“

Ende April 1882, möglicherweise immer noch in Erwartung des Geldes, berichtet Paderewski seiner Stiefmutter, er habe den ersten Teil seiner Sonate für Violine und Klavier abgeschlossen: „Der erste Teil der Sonate ist bereits fertig. Ich habe an ihr noch viel auszusetzen, doch Kiel erscheint sie ‚ganz reizend‘.“ In einem ganz kurzen Brief vom 8. Mai schreibt Paderewski jedoch an Helena Górska:

„Ich halte es in Berlin nicht länger aus. Ich verlasse die Stadt. Vielleicht schreibe ich Ihnen noch, doch falls ich nicht schreiben sollte, falls ich nicht schreiben kann, so werden Sie mir, Verehrteste, doch nicht böse sein!“

Doch Paderewski verlässt Berlin nicht Anfang Mai. Darüber setzt er seine Freundin in knappen Worten in Kenntnis:

„Ich bin nicht gesund. Ich kann nicht spielen, da ich seit mehreren Wochen unangenehme Krämpfe in den Fingern erleide, dennoch werde ich versuchen, meinen Aufenthalt hier bis zum 15. Juni zu verlängern.“

Letztendlich verlässt der krankheitsgeplagte Paderewski Berlin Ende Juni. Sein monatelanges Leiden beschreibt er in einem Brief an den Vater vom 12. August 1882 aus Nałęczów, wohin er sich zur Kur begeben hat:

„Über den gesamten Zeitraum von Februar bis Juni, bis zu meiner Abreise also, war ich krank und zwar so, dass ich mehrmals dem Jenseits näher war als dem Diesseits. […] Die Ärzte erklärten sich mein Leiden auf verschiedenste Weise. Die einen schrieben die Kopfschmerzen, den starken Haarausfall, das Jucken in den Augenbrauen, den Wimpern, den Händen und am ganzen Körper sowie den allgemeinen Kräfteverlust einem Nervenleiden zu; andere wiederum wollten darin Spätfolgen einer früheren Krankheit sehen. Nachdem ich lange und erfolglos bei den einen in Behandlung war, begab ich mich schließlich zu anderen – mit dem Ergebnis, dass ich nach meiner Rückkehr nach Warschau nicht mehr laufen konnte. […] Nach Nałęczów habe ich es kaum geschafft. Jetzt, nach einer zehntägigen Kur, geht es mir erheblich besser. Ich weiß nicht, ob es so auch weitergehen wird, doch wenn dies der Fall ist, könnte ich sogar vollständig genesen. Man behandelt mich hier gegen Nerven- und Magenleiden sowie gegen die Magenblutungen, die infolge der Hämorrhoiden zurückgeblieben sind. Als Heilmittel wird kaltes Wasser in Form von Bädern oder aber auch Wickeln und Einreibungen angewandt.“

Im selben Brief berichtet Paderewski seinem Vater, er habe die Absicht, „ein kleines Gutshöfchen auf fruchtbarem Boden in Bahnnähe in Wolhynien“ zu erwerben und fügt hinzu: „Für diesen Zweck könnte ich 10 bis 11 Tausend Rubel in bar aufbringen. Mich dafür verschulden möchte ich nicht.“

 

[15] Maurycy Moszkowski (1854–1925), Klaviervirtuose, Komponist und Dirigent. In Breslau geboren, Studium in Dresden und Berlin, anschließend viele Jahre lang in der deutschen Hauptstadt wohnhaft. Verstorben in Paris.

[16] Friedrich Kiel (1821–1885), deutscher Komponist und Pädagoge. Zu seinen Absolvent:innen gehören u. a. Gustaw Roguski, Zygmunt Noskowski und Maurycy Moszkowski.

[17] Die Brückenallee ist teilweise deckungsgleich mit der heutigen Bartningallee im Berliner Hansaviertel, das im Zweiten Weltkriegs nahezu vollständig zerstört wurde.

[18] Paderewski bezieht sich hier auf ein damals südlich von Warschau gelegenes Dorf (heute ein Warschauer Stadtbezirk) und den zentral gelegenen Theaterplatz (Anm. der Redaktion).

[19] Juliusz Janotha (1819–1883), Pianist, Komponist und einer von Paderewskis Dozenten am Konservatorium in Warschau. Natalia Janotha (1856–1932) studiert in Berlin u. a. bei Clara Schumann, angeblich nimmt sie auch mehrmals Unterricht bei Johannes Brahms. 

[20] Gemeint ist Paderewskis Stiefmutter, Anna geb. Tańkowska, die zweite Ehefrau von Jan Paderewski.

Ein kurzer Ausflug nach Berlin – inklusive Konzert…
 

Nach einer weiteren Kur in Busko Anfang September 1882 berichtet Paderewski seinem Vater in einem Brief vom 27. Dezember, er habe sich am Warschauer Konservatorium beurlauben lassen und wolle nun die Weihnachtsferien nutzen, um mit Władysław Górski (Helenas Ehemann) auf Konzertreise nach Prag und weiter nach Berlin zu fahren – „mit frischen Stücken“, die ein wenig Geld einbringen sollen, denn auf den Ertrag von den Konzerten könne man sich „nicht verlassen“ und es würde wohl „noch viel Zeit vergehen, bis ich meine – leider zahlreichen – Schulden anfangen kann zurückzuzahlen.“ In dem Brief gibt er auch seine Berliner Adresse an: Brückenallee 35.

Bereits am 1. Januar 1883 schreibt Paderewski in einem langen Brief an seinen Vater, er sei sehr freundlich aufgenommen worden, nicht nur von seiner Vermieterin („Ach! Lieber Herr Paderewski!“), sondern auch von Herrn Bock, dem Inhaber des großen Verlagshauses Bote & Bock, der sich verpflichtet habe, mehrere Konzerte von Paderewski und Górski in Berlin zu veranstalten und die neuesten Stücke des Pianisten zu veröffentlichen. Zwei Tage später erläutert Paderewski in einem Brief an Helena Górska weitere Details zu seinem gemeinsamen Konzert mit ihrem Ehemann am 12 Januar im Saal des Grand Hotel de Rome. Er berichtet zudem von zahlreichen Konzertbesuchen, Treffen mit Freund:innen sowie von einem Besuch bei Prof. Kiel, dem er seine Sonate für Violin und Klavier vorspielt, und von dessen Rat, das Stück nicht bei dem Konzert mit Górski am 12. Januar aufzuführen. Den Brief schließt Paderewski mit den Worten ab: „Es wird Sie wohl nicht überraschen, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich nicht gedenke, Kiels Rat zu befolgen.“

Das Konzert gelingt, wie es Paderewski in einem Brief an seinen Vater aus Warschau am 22. Januar 1883 formuliert, „gar nicht mal schlecht“. Im Folgenden geht er näher darauf ein:

„Von Gewinn kann keine Rede sein, denn in Berlin verdient niemand an seinen Konzerten. Mein Hauptziel hingegen, die Kritiker zu überzeugen, habe ich erreicht. Manche Zeitschriften haben uns zwar ordentlich verrissen, vor allem für den nationalen, sehr polnischen Charakter unserer Stücke, doch der Großteil der scharfen Berliner Kritiker hat sich sehr positiv geäußert. Für die Kompositionen, von denen ich bereits recht viele habe, bin ich sehr angemessen entlohnt worden.“

Im selben Brief, den Paderewski bereits nach seiner Rückkehr aus Berlin schreibt, gesteht er seinem Vater, er sei nur ungern Dozent am Konservatorium und würde lieber sein Studium im Ausland wieder aufnehmen:

„Ich kehre nun nicht ohne Unmut zum alten, mühseligen Lehrerdasein zurück. Mich reizt diese Arbeit nicht, sie spricht mich nicht an, sie nimmt mir die Lust am Komponieren und den Spaß am Spielen. Gott gebe, dass es nicht mehr so lange dauert, vielleicht begebe ich mich noch diesen Herbst ins Ausland, um dort meine Ausbildung abzuschließen.“

 

Die zweite Berliner Studienzeit…
 

Wie sich später herausstellt, kehrt Paderewski erst Anfang 1884 nach Berlin zurück. In seinem Brief an Helena Górska vom 5. Januar berichtet er vom Besuch bei seinem ehemaligen Professor Friedrich Kiel („er hat nur 4 Stunden geplaudert“) und von der Premiere von Brahms’ 3. Sinfonie („Irgendwie übers Knie gebrochen, inkonsequent ausgearbeitet – und vor allem kein organisches Ganzes. Dennoch haben die Deutschen applaudiert und gejubelt, denn er ist ja ihr musikalischer Götze.“) Er schreibt auch, dass sich sein Verleger, Herr Bock, entschieden habe, sämtliche Stücke von Paderewski herauszugeben: „‚Das Einzige, was man Ihnen vorwirft,‘ sagte er zu mir, ‚ist, dass Sie zu Polnisch [sic] sind!‘“ Dennoch zahlt Bock Paderewski 400 Mark Vorschuss als erste Ratenzahlung für das Recht auf Veröffentlichung des Klavierzyklus Danses polonaises, Op. 9. 

Bereits eine Woche später, am 12. Januar 1884, teilt Paderewski Helena Górska mit, dass sein ehemaliger Professor Friedrich Kiel schwer erkrankt sei und ihm empfohlen habe, bei Heinrich Urban weiter zu studieren, bei dem auch jüngere polnische Komponist:innen studieren würden, u. a. Mieczysław Karłowicz, Henryk Opieński und Wanda Landowska. Zudem teilt der Musiker seiner Freundin mit, dass der Briefträger aufgehört habe, seine Post zuzustellen und alles nach Warschau weitergeschickt habe, weil er der Meinung gewesen sei, „jemand mit polnischem Nachnamen“ wohne nicht mehr in der Brückenallee 35.

Aus seinem Brief an Helena Górska vom 23. Januar 1884 geht hervor, dass der Unterricht beim neuen Kompositionslehrer nicht sonderlich gut anläuft:

„Ich war heute bei ihm und habe ihm den ersten Teil der Suite für das Streichorchester vorgestellt, den ich in Marschform verfasst habe. Er fand darin viele Fragmente, die auf Violine und Bratsche unbequem zu spielen sind, und achtete dabei genau auf Quinten, Stimmführung und anderen akademischen Unsinn. Ich schlussfolgere also, dass er eine Art Berliner Gegenpart zu Roguski[21] ist – nur etwas dicker. Davon abgesehen ist er ein ganz erträglicher Deutscher.“

Die Beziehung zu seinem Verleger Bock ist hingegen weiterhin gut. Er und Paderewski spielen Schach („nach dem Mittagessen habe ich ihn zweimal großartig matt gesetzt“) und es erweist sich oft als gewinnbringend („ich sollte es ihm nicht übel nehmen, dass er wieder nach meinen Stücken gefragt hat. Ich werde ihn wohl mit einigen Mai-Liedern beglücken.“)[22] 

Diesmal läuft der Aufenthalt in Berlin für Paderewski hervorragend. Am 25. Januar 1884 schreibt er Helena Górska: „Geld brauche ich gerade nicht. Ich habe viel davon, doch sollte es mir ausgehen, schreibe ich Ihnen, Verehrteste, und Sie schicken mir ein wenig.“ Abschließend fügt er hinzu: „Ich bin von Sehnsucht und Trauer erfüllt! Dagegen hilft nicht mal Lebertran.“

Aus dem Brief an das Ehepaar Górski vom 30 Januar 1884 geht hervor, das Wetter in Berlin sei „fürchterlich, vor einigen Tagen war der Wind sogar so stark, dass er Bismarck den Hut von der Glatze gerissen haben soll.“ Des Weiteren berichtet Paderewski, „der gute [Professor] Kiel ist krank“ und sein neuer Kompositionslehrer, „Urban langweilt mich. Er ist so langsam, ungeschickt, unbeholfen, dumpf. Bis er einen Takt durchgelesen hat, geht seine Zigarre zweimal aus. Kein Wunder, dass er es bei diesem Tempo noch nicht geschafft hat, den ganzen Marsch durchzulesen. Wann ich mit der kompletten Suite fertig bin, ist wirklich nicht abzusehen.“ Im selben Brief verrät er, dass ihm das Konzert von Brahms (2. Klavierkonzert und 3. Sinfonie) diesmal besser gefallen hat: „Vorgestern habe ich Brahms gehört, wie er sein eigenes Klavierkonzert gespielt und die neue Sinfonie dirigiert hat. Diesmal fand ich mehr Gefallen daran. Das Tempo war lebhafter, die Ausführung sorgfältiger, denn Brahms ist ein exzellenter Dirigent.“

Zwei Wochen später, am 13. Februar 1884, beschreibt Paderewski seine finanzielle und schöpferische Situation in einem Brief an Helena Górska in folgenden Worten:

„Verehrteste, ich habe heute Ihren Brief mitsamt dem Geld erhalten. Ich brauche es nicht. Bisher fehlt es mir an nichts: Wohnung und Verpflegung sind bis Ende März bezahlt, der Unterricht bis Ende Februar ebenfalls und ich habe noch mehrere Dutzend Mark in Reserve. Daraus können Sie schließen, dass ‚Paderek‘[23] in Berlin alles andere als verschwenderisch lebt. Verschwenden tut er nur Zeit, sonst nichts. Können Sie sich vorstellen, dass sich zu der alten Tanzsammlung bis auf einen neuen Krakowiak nichts Nennenswertes gesellt hat? Darüber bin ich nicht erfreut. Der Unterricht mit Urban geht recht langsam voran – ich schließe gerade das Scherzo für die Suite ab und fange bald mit dem Adagio an, doch all das wird in einer Aktentasche vor sich hin modern. Heute hat sich Urban für einige Details des Scherzo begeistert und mir versprochen, dass ich schon bald anfangen kann, für die Trommel zu komponieren. Natürlich hat mich dieses Versprechen mehr erfreut als die ungerechtfertigte Begeisterung.“

Ende Februar 1884 schreibt Paderewski an seinen Vater: „Einkünfte erziele ich noch nicht, doch bald werde ich ein wenig Geld für meine Kompositionen erhalten. Das reicht mir eine Zeitlang, danach wird sich schon etwas finden.“ In einem etwa zur gleichen Zeit verfassten Brief an das Ehepaar Górski berichtet Paderewski, er habe mit Geigenunterricht angefangen, ein Konzert des Pianisten Alexander Siloti (Schüler von Franz Liszt) besucht und sei im Panoptikum, dem Berliner Kuriositätenkabinett gewesen, um eine Ausstellung über die amerikanischen Ureinwohner:innen aus dem Volk der Sioux zu sehen, inklusive Zelten, Rüstungen und Stoffen, die, wie Paderewski vermerkte, „von fraglicher Echtheit waren… Die Zelte sind nämlich aus Kautschuk, den Stoffen ist ihre ägyptische Provenienz anzumerken, die Rüstungen wirken völlig ausgedacht und die letzten Details präsentieren sich im ‚echt Berliner‘ Stil.“

 

[21] Gustaw Roguski (1839–1921), Komponist und Pädagoge, ebenfalls Schüler von Prof. Kiel und Paderewskis Dozent am Konservatorium in Warschau.

[22] Bote & Bock veröffentlicht das Album de mai, Op. 10 noch im selben Jahr.

[23] Vom Nachnamen „Paderewski“ abgeleiteter Spitzname (Anm. der Übersetzerin).

In den Berliner Salons…
 

Was sein Berufsleben angeht, so gelingt es Paderewski nicht, einen Auftritt am kaiserlichen Hof zu bekommen, weil dies, wie er in seinem Brief vom 2. März 1884 an Helena Górska berichtet, „nur von Augusta allein“ abhänge, der Gemahlin von Wilhelm I. Erklärend fügt er jedoch hinzu: „Für die Kaiserin zu spielen ist in den Augen der hiesigen Gesellschaft keine große Ehre – zudem spiele ich aufgrund meiner notorischen Fingerschmerzen so schlecht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit wäre, neben Sarasate zu glänzen. Die Bezahlung ist zwar recht gut – 300 Mark pro Stück, d. h. pro Künstler – doch das ist wohl auch das Angenehmste an einem solchen Auftritt.“ Während einer Soirée bei seinem Verleger, Herrn Bock, bei der Paderewski eigentlich zusammen mit dem russischen Virtuosen Iossif Kotek Beethovens Sonaten für Violine und Klavier spielen soll, wird er um ein Solo gebeten. Daraufhin bietet er dem Hausherrn „etwas von Chopin oder Schumann“ an; doch Bock besteht darauf, dass Paderewski das Album de mai spielt, an dem die geladenen Gäste großen Gefallen finden.

In seinem Brief an Helena Górska vom 8. März 1884 berichtet Paderewski von einer weiteren Soirée bei einem anderen wichtigen Verleger, Hans Simrock. Es ist der Geigenvirtuose Pablo Sarasate, der Paderewski mit dem Inhaber des prestigeträchtigen Verlagshauses bekanntmacht, das bereits Ende des 18. Jahrhunderts gegründet wurde und seither zahlreiche Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Schumann, Mendelssohn und Brahms veröffentlicht hatte. Bei der Soirée treten der Komponist Aleksander Zarzycki (der laut Paderewski leicht angetrunken ist: „Dort fand ich ‚ Zarzyś‘[24] vor, bestens gelaunt nach einem Mittagessen und einem guten Tropfen Wein“), der Pianist und Chopin-Schüler Otto Goldschmidt sowie Sarasate selbst auf: „Gegen Ende des Abends spielte S. seine Tänze und die Etüde, die er – wohl irrtümlich – als Serenade bezeichnete. Er spielte wundervoll, doch seine Persönlichkeit hat mich noch tiefer beeindruckt als sein Spiel. Wenn an ihm tatsächlich was Teuflisches dran sein sollte, dann ist es wohl nur, dass er ein teuflisch netter Kerl ist.“ Derselbe Brief lässt durchblicken, dass es bei der Soirée um mehr als nur Musik geht:

„Nach der Musik kam die… Gymnastik. Sarasate tollte auf dem Trapez herum, vielmehr mit affengleicher als teuflischer Geschicklichkeit. Dann schlug er Purzelbäume und ermutigte mich, es ihm gleich zu tun. Das fiel mir jedoch nicht mehr so leicht wie einst in Nałęczów. Goldschmidt prahlte mit seiner Muskelstärke, insbesondere mit seinen Beinmuskeln, da er früher mal bei einem Turnwettbewerb eine Auszeichnung erhalten hatte. Er schlug vor, dass wir gegeneinander anhüpfen. ‚Sie werden schon sehen‘, sagte er, ‚wer von uns länger durchhält.‘ Doch oh weh! Nach einer Viertelstunde musste sich G. hinsetzen – ich dagegen hätte noch eine Stunde weiterhüpfen können. Lieber Gott! Wieso können meine Finger nicht so ausdauernd sein?“

Nach all dem Herumtoben im Laufe der Soirée bei Simrock muss sich Paderewski glücklicherweise nicht mehr ans Klavier setzen: „Ich wurde nicht gebeten, zu spielen und das war auch gut so, denn trotz des netten Umfelds glich meine Laune der eines Flohs, der über Feuer gehalten wird.“ Im selben Brief teilt Paderewski Helena Górska mit, dass er eine Vernissage in Berlin besucht habe und ihn ein Werk des auf religiös-patriotische Motive spezialisierten ungarischen Malers Mihály von Munkácsy, nämlich „Christus vor Pilatus“, zutiefst beeindruckt habe. „Vor ein paar Wochen habe ich eins der größten Kunstwerke der zeitgenössischen Malerei gesehen. Mir fehlen die Worte, um meine Begeisterung auszudrücken!“ Des Weiteren stellt Paderewski fest, dass der Vergleich zwischen „Christus vor Pilatus“ und Siemiradzkis „Begräbnis eines russischen Häuptlings“ ihn „bitter enttäuscht“ habe: „Ich hatte etwas Besseres erwartet.“ Im Postskriptum teilt er seiner Freundin mit: „Sarasate spielt bei einem hiesigen Bankier, Bleichröder, und bekommt pro Abend gerade mal 4500 Mark. Es leben die Juden!“

Bereits am 15. März 1884 schreibt Paderewski Helena Górska, dass seine polnischen Freund:innen abgereist seien: „und ich trauere ihnen nach. Die ganze Woche war ich mit ihnen zusammen – jeden Tag habe ich mehrere Stunden mit ihnen verbracht und dabei vergessen, dass ich in Berlin bin. Ich weiß nicht, ob ich mich hier je wieder so wohlfühlen kann.“ Er berichtet zudem, dass sein Verleger sich verpflichtet habe, einige Stücke von Aleksander Zarzycki zu veröffentlichen: „Bock hat die Polonaise, die Mazurka und die Serenade gekauft, angeblich sehr gut bezahlt und ist mit der Anschaffung sehr zufrieden.“ Bei der Abschiedssoirée bei Bock („gutes Diner und miserable Musik“) seien Stücke von Zarzycki aufgeführt worden:

„Zuerst musste [der Violinist] Kotek die Mazurka abfiedeln. Wie holprig das lief! Mir war zum Weinen zumute. Anschließend jaulte eine Sängerin mit meiner Begleitung einige Lieder vor. Dann setzte sich Richard Strauss ans Klavier. Ein 19-jähriger Komponist aus München, Autor zweier Sinfonien, einer Ouvertüre, mehrerer Sonaten und unzähliger anderer Sachen, und er spielte zwei kleinere Stücke. An Talent mangelt es ihm nicht, aber gespielt hat er widerlich. Schließlich fing ‚Zarzyś‘ auf Bitten des Hausherrn mit seiner Serenade an. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch Herzklopfen ich hatte, wie ich vor Angst um ihn zitterte. Es waren nur wenige Gäste anwesend, nicht so viele wie bei Simrock, also wünschte ich mir für ihn, er möge spielen wie [Anton] Rubinstein. Irgendwie schaffte er es und die Serenade machte einen guten Eindruck – sogar die Mazurka gefiel den Piefkes gut, trotz Koteks Spielweise. Nach der Musik kam das Abendessen, das wir nicht zu Ende genießen konnten, den gleich nach dem ‚Hoch!‘ mussten wir zum Zug.“

Abschließend schreibt Paderewski, er sei nun allein und mache sich an die Arbeit – trotz mangelndem Schlaf, allgemeinem Stress und der Sorge um seinen erkrankten kleinen Sohn Alfred. „Vater schreibt mir, dass Fredzio[25] schon seit einer Woche an irgendeiner Art Fieber leidet. Wenn es nicht besser wird, fahre ich vielleicht zu ihm. Ihm wird das zwar nicht helfen, doch mich wird es beruhigen.“ An dieser Stelle ist hinzuzufügen, dass sich Paderewskis zurückgelassener Sohn zu dem Zeitpunkt unter der Obhut von dessen Vater und Stiefmutter in dem weit entlegenen ukrainischen Dorf Chrolin befand, das Paderewski erst über ein Jahr später, Anfang Mai 1885 aufsucht.

 

[24] Vom Nachnamen „Zarzycki“ abgeleiteter Spitzname (Anm. der Übersetzerin).

[25] Vom Vornamen „Alfred“ abgeleiteter Spitzname (Anm. der Übersetzerin).

Künstlerische Arbeit, verlegerischer und finanzieller Erfolg
 

Am 2. April 1884 schreibt Paderewski aus Berlin an seinen Vater, er hätte das Manuskript seines Album de mai, Op. 10 beim Verleger abgegeben. Er erwähnt zudem, dass ihm sein neuer Verlag vorgeschlagen habe, das Tatra-Album, Op. 12 für Klavier zu vier Händen zu veröffentlichen. Stolz fügt er hinzu:

„Dieser Vorschlag des neuen Verlegers ist für mich ein sehr positives Anzeichen. So viele Komponisten bemühen sich darum, ihre Werke veröffentlichen zu lassen, selbst wenn sie dafür kein Geld bekämen, mich aber suchen die Verleger von selbst auf und sind sogar bereit, mir etwas zu bezahlen. Vielleicht werde ich hier mit der Zeit einen guten Ruf und Anerkennung gewinnen. Das wünsche ich mir aus zweierlei Gründen. Für mich selbst, die Familie und unser Land. Ich hege wahrhaftig den Wunsch, ihm zu dienen. Immerhin muss man nicht an der Weichsel wohnen, um sich dem Vaterland nützlich zu erweisen.“

Abschließend teilt Paderewski seinem Vater mit, dass er nun Korrespondent der Warschauer Zeitschrift Echo Muzyczne („Musikalisches Echo“) geworden sei, die bereits zwei Artikel von ihm gedruckt habe und bald „ein größeres Schriftstück, eine Studie über den deutschen Komponisten Brahms“ veröffentlichen wird. Er fügt hinzu: „Wie Du siehst, ist von meiner früheren Faulheit kaum eine Spur übrig geblieben. Vielleicht werde ich doch noch mal ein fleißiges Kind! Was meinst Du, Papi?“

Im nächsten Brief an den Vater aus Berlin vom 1. Mai 1884 schreibt Paderewski, dass er bald seine Ouvertüre für das Orchester fertigstellen werde, dass er viel Klavier spiele, als Pianist Fortschritte mache und dass er nun an den Variationen für Klavier arbeite, die „alsbald gedruckt werden“. Dieses Stück, Variations et Fugue sur un thème original pour piano, Op. 11, wird von Bote & Bock zum Jahreswechsel 1884/1885 herausgegeben.

In seinem Brief an Helena Górska vom 15. Mai 1884 erwähnt Paderewski, er habe seinen schwer erkrankten Professor Kiel besucht, und merkt an: „Der Arme! So krank… kaum wiederzuerkennen – er wird sich wohl nicht mehr erholen.“ Ein paar Tage später schreibt Paderewski seinem Vater: „Mit Kiel werde ich wohl keinen Unterricht mehr haben. Der arme ältere Herr ist erneut erkrankt und es gibt keine Hoffnung, dass er seine Arbeit wieder aufnehmen kann.“[26] Ein weiteres interessantes Thema in dem Brief ist das Verfahren gegen Józef Ignacy Kraszewski, der von der preußischen Regierung der Kollaboration mit dem französischen Geheimdienst bezichtigt wird. Paderewski stellt das Verfahren, das zu dem Zeitpunkt in aller Munde ist, folgendermaßen dar:

„Nicht nur in Polen, sondern auch in Deutschland gilt das gesamte, hitzige öffentliche Interesse Kraszewski, dem ein Prozess wegen Hochverrat (d. h. an Deutschland) vor einem Leipziger Gericht gemacht wurde. Wie viel er sich wirklich hat zuschulden kommen lassen, weiß ich nicht, doch es reicht zu sagen, dass bewiesen wurde, dass er einem Freund in Paris irgendwelche preußischen Militärpläne, Berichte zu Militärtelegraphen usw. hat zukommen lassen. Der ehemalige Hauptmann des preußischen Militärs, der diese Pläne und viele andere, auch für Österreich und Russland erstellt hat, Hentsch, steht mit ihm vor Gericht. Nur der Hauptschuldige, der Hentsch dazu überredet und Kraszewski die Pläne geliefert hat, ein Spion, der Jude Adler, wird nicht zur Verantwortung gezogen – denn er war es, der Kraszewski denunziert hat, nachdem er ihm zuvor durch Erpressung gut 7000 Mark abgenommen hatte. Der arme Kraszewski!! Er ist wohl seiner eigenen Bereitschaft, jedem dienlich zu sein, zum Opfer gefallen. Und nun, an seinem Lebensabend, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als er beinahe zum Vorbild seines Volkes geworden ist, muss er das Urteil eines preußischen Gerichts abwarten, das nicht wohlwollend ausfallen wird, denn Bismarck macht Druck, und er richtet sich gegen alles Polnische. Wenn der Kaiser Kraszewski nicht begnadigt, erwarten ihn zwei Jahre Gefängnis, vielleicht sogar mehr.“[27]

Die letzten Mai- und ersten Junitage 1884 bringen harte Arbeit, aber auch einige berufliche Erfolge mit sich. In seinen Briefen an Helena Górska und den Vater aus dieser Zeit berichtet Paderewski, er habe seine Ouvertüre für Orchester instrumentiert, ein „beträchtliches“ Honorar für das Tatra-Album, Op. 12 erhalten („500 Mark, d. h. rund 250 Rubel. Davon kann ich, nachdem ich einige kleinere Schulden abbezahlt habe, ein paar Monate leben“) und wolle Franz Liszt in Weimar besuchen. Er erwähnt auch, er habe seinen Freund und Verleger, Herrn Bock, besucht und dort Klavier sowie Schach gespielt:

„Gestern war ich zum Mittagessen und anschließend den ganzen Abend bei Bock. Ich habe ihn ein paarmal ordentlich matt gesetzt und eine Menge Stücke gespielt. Er ist von den Variationen und der Ouvertüre (insbesondere vom zweiten Thema) begeistert. Er hat sich bereit erklärt, die Ouvertüre zu drucken, wenn sie denn hier gespielt wird. Das hörte ich mit Freuden.“

Paderewskis finanzielle Lage sieht rosig aus, insbesondere als sich der Verleger des Tatra-Albums verpflichtet, ihm weitere 500 Mark zu bezahlen, sobald sich der Klavierzyklus zu vier Händen 1000-mal verkauft hat. Dadurch ist es Paderewski möglich, einen Sommerurlaub in Zakopane zu planen. In seinem Brief vom 8. Juni 1884 berichtet er Helena Górska von einem potenziell gefährlichen Missgeschick, das ihm in Berlin passiert sei:

„Letzte Woche hatte ich einen recht bizarren Unfall. Ich habe einen Ausflug ins Grüne mit den Bocks gemacht und bin während eines Spiels so unglücklich gegen einen Baum gestoßen, dass ich mehrere Minuten lang bewusstlos war. Mein Gesicht war so errötet und geschwollen, dass mich Menschen lauthals auslachten, wenn ich auf die Straße rausging. Nun ist alles wieder gut, ein paar Spuren sind zwar noch zu sehen, doch ich denke, nicht mehr lange.“

An den Vater schreibt Paderewski am 1. Juli 1884 aus Berlin, er gehe „auf Reisen in die Tatra“ und fügt hinzu: „Ich bin ein wenig erschöpft von der Arbeit und muss auf Anraten von Chałubiński[28] etwas Zeit in den Bergen verbringen.“ Er informiert den Vater zudem, dass mehrere von seinen Klavierstücken veröffentlicht worden seien (6 Danses polonaises, Toccata, Album de mai, das Tatra-Album zu vier Händen, Variations et Fugue sowie der Krakowiak für Violine und Klavier). Darüber hinaus berichtet Paderewski von einer „sehr netten“ Begegnung mit dem russischen Pianisten Anton Rubinstein, der von seinen Klavierstücken sehr angetan sei: „Er hat meine Kompositionen gehört und sich sehr wohlwollend darüber geäußert. Darüber bin ich erfreut, denn immerhin gehört Rubinstein zu den größten Künstlern der Welt.“ Den restlichen Sommer 1884 verbringt Paderewski in Zakopane. Im September reist er nach Krakau, wo er Anfang Oktober ein sehr gelungenes, gemeinsames Konzert mit Helena Modrzejewska[29] gibt. Der beträchtliche Gewinn, den dieser Abend Paderewski einbringt, ermöglicht es ihm, ein Studium in Wien bei Theodor Leschetizky aufzunehmen.

 

[26] Friedrich Kiel verstirbt am 13.9.1885 in Berlin.

[27] Kraszewskis Prozess findet im Mai 1884 in Leipzig statt. Obwohl das Gericht seine Schuld nicht eindeutig feststellen kann, wird er unter Bismarcks Druck zu dreieinhalb Jahren Festungshaft in Magdeburg verurteilt. Aufgrund einer Lungenerkrankung wird er 1885 gegen Kaution entlassen und wandert in die Schweiz aus. Er verstirbt 1887 in Genf im Alter von 75 Jahren.

[28] Tytus Chałubiński (1820–1889), Arzt, Professor für Pathologie, politischer sowie sozialer Aktivist und Mitbegründer der Polnischen Tatra-Gesellschaft (Polskie Towarzystwo Tatrzańskie), die weitgehend zur Entwicklung und Etablierung von Zakopane als Wintersportzentrum beiträgt.

[29] Helena Modrzejewska (1840–1909), polnische Theaterschauspielerin. Geboren in Krakau, weltweit vor allem für ihre Rollen in Shakespeare-Stücken bekannt (teilweise unter dem Künstlernamen Helena Modjeska). Sie verstirbt in Kalifornien (Anm. der Redaktion).

Weitere Aufenthalte in Berlin sowie andere Konzerte in Deutschland (1888–1913)
 

Über ein Jahr später, Anfang September 1885, verbringt Paderewski erneut eine gewisse Zeit in Berlin. Er teilt seinem Vater mit: „Bei mir gibt es nichts Neues. Ich bin in Berlin, schreibe ältere Kompositionen um und arbeite an der neuen Suite für Klavier. Bald kommen wieder einige meiner Stücke heraus. Die Variationen für Klavier sind bei den hiesigen Musikern sehr gut angekommen. Die Lieder werden jetzt von einem guten Freund von mir, Dr. Wiśniewski, ins Deutsche übersetzt.“ Im selben Brief erwähnt Paderewski, dass er „in drei Wochen“ nach Straßburg reise, um am dortigen Konservatorium Klavierunterricht zu geben. Er dankt seinem Vater zudem für die „aufrechte Fürsorge“ für seinen Sohn Alfred, der beinahe seit der Geburt beim Großvater aufgewachsen ist.

Danach vergehen einige Jahre, bis Paderewski erneut nach Berlin kommt. Das belegt sein Brief an das Ehepaar Górski vom 23. August 1888, fast ein halbes Jahr nach seinem sensationellen „Debüt“ in Paris. Paderewski schreibt, er sei „seit einigen Wochen“ (d. h. seit Anfang August 1888) in Berlin und habe zunächst bei seinem Verleger, Herrn Bock, gewohnt. Bald darauf habe er jedoch eine Wohnung in der Turmstraße, einer der Hauptstraßen in Moabit bezogen. Während dieses Aufenthalts arbeitet der Musiker am zweiten Teil des Klavierkonzerts, Op. 17, das Anfang Oktober 1888 in Leipzig mit dem Gewandhaus-Orchester uraufgeführt werden soll. Die Premiere wird jedoch um mehrere Monate verschoben und findet erst am 20. Januar 1889 im Wiener Musikverein unter der Leitung von Hans Richter statt. Als Solistin tritt eine gute Freundin Paderewskis und die Ehefrau seines Wiener Lehrmeisters, Annetta Jessipowa[30] auf.

Ein weiterer Bericht aus Berlin findet sich in einem Brief, den Paderewski nach dem 8. Dezember 1890 an das Ehepaar Górski schreibt. Dieser äußerst persönliche, erbitterte, von pessimistischen Gedanken durchdrungene Brief ist es durchaus wert, fast in seiner gesamten Länge zitiert zu werden:

„In ein paar Stunden reise ich nach Dresden – noch machtloser, verstimmter, niedergeschlagener und zerrütteter als nach jenem ersten Konzert in Berlin. Noch nie, nirgendwo auf der ganzen Welt, wurde jemand von der Kritik so gemein und niederträchtig behandelt wie ich heute. Ich habe exzellent gespielt, glaubt mir, denn ich bin äußerst gewissenhaft und gerecht, wenn es um mein eigenes Spiel geht. Das Publikum hat mich mit ‚Bravo!‘-Rufen dreimal zurück auf die Bühne geholt. Bei der Generalprobe mit zahlendem Publikum erhielt ich so einen Beifall, dass Bülow selbst meinte, so etwas hätte er bei seinen Konzerten noch nie erlebt. Auch er war mir sehr wohlgesonnen. Er sparte nicht mit Lob, ja geradezu Begeisterung, er erzählte herum: ‚das ist das beste moderne Concert‘, war er schon fast übermäßig bemüht, denn obwohl er bei der Generalprobe wie ein Gott dirigiert hatte, hat er beim Konzert – durch seinen zu guten Willen – fast alles durcheinandergebracht, ich möchte fast sagen, verschlampt.

Doch das Konzert kam sehr gut an, überraschend gut. Bock strahlte sogar vor Freude. Und dann? Heute habe ich eine Tracht Prügel bekommen, von der ich mich in Deutschland nicht mehr erholen werde. Bis auf zwei einigermaßen höfliche Tageszeitungen haben mich alle mit Schmutz beworfen. Ich hätte nicht das geringste Talent. Mein Konzert sei miserabel gewesen, kein Fünkchen Kreativität, keinerlei musikalische Phrasen, es sei eine Schande für die Philharmonie, dass sie eine so elende Darbietung ins Programm aufgenommen hat. Ich würde trocken und langweilig spielen; ich hätte weder Ton, noch Kraft, noch Rhythmus, noch Temperament; von Chopin hätte ich keine Ahnung und bei Liszt sei ich lächerlich unfähig. 

All das verpackt in derart brutale und hasserfüllte Worte, dass sich einem alles dreht, wenn man es liest. Nun, da ich in der Musikhauptstadt dieser Welt so hervorragend angekommen bin, frage ich mich, ob dies das Ende meiner Karriere ist! Das muss es wohl sein, denn diese Kritiken haben mir einen brutalen Hieb versetzt. […] Am traurigsten ist jedoch, dass mein eigenes Konzert schon seit langem für den 13. (eine liebenswerte Zahl) Dezember angesetzt ist und ich am Samstag wieder vor dieser Horde Schurken spielen darf. Mich zurückziehen kann ich nicht, obwohl ich weiß, dass ich diesmal verdient durch den Dreck gezogen werde.

Ich habe seit drei Tagen nicht mehr geschlafen, meine Hände und Beine zittern seltsam und mich überkommt eine wahrlich Berliner Melancholie. War ich doch nie so richtig überzeugt von dieser gemeinen Stadt. Na also! Sie hat mich nicht enttäuscht. Wie Ihr seht, lag ich goldrichtig damit, diese preußischen Kriecher zu fürchten. […] Am Sonntag, nach meiner letzten Schmach in Deutschland, werde ich dieses liebenswerte Land verlassen. […]“

Nach diesen unangenehmen Erfahrungen hat Paderewski keine Lust mehr, nach Deutschland zurückzukehren, geschweige denn nach Berlin. Dennoch tritt er 1891 in Dresden (29. Januar), Braunschweig (31. Januar), Hamburg (2., 3. und 4. Februar), Breslau (9. Februar), Berlin (11. und 17. Februar) und Nürnberg (23. Februar) auf. Über seine Hamburger Konzerte mit Orchester (er spielt sein Klavierkonzert, Op. 17, erneut unter der Leitung von Bülow) schreibt er am 2. Februar 1891 an das Ehepaar Górski: „Wie es dort laufen wird, das weiß Gott allein, mir ist es herzlich egal. Durch ganz Deutschland zu bummeln, um gegen miserable Bezahlung vor einem anspruchsvollen Publikum und feindlich gesinnten Kritikern zu spielen, ist mir zuwider geworden, obwohl ich die Reise gerade erst angetreten habe.“ Wie sich herausstellt, hat der Musiker zudem ernsthafte Beschwerden:

„Auf dem Weg nach Dresden bin ich in meinem Schlafwagon eingeschlafen und als ich aufwachte, war mein rechter Arm nahezu völlig taub. Scheinbar nichts Besonderes. Doch nachdem sich das Taubheitsgefühl bis in den Abend hinein gezogen hatte, ging ich unmittelbar vor dem Konzert zum Arzt. Er massierte mich, elektrotherapierte mich, verschrieb mir irgendeine Einreibung und… verbot mir selbstverständlich, zu spielen, als ob ich das könnte. Letztendlich blieb das Taubheitsgefühl nur noch in zwei Fingern zurück, doch im gesamten linken Arm und in der rechten Armbeuge verspürte ich einen fürchterlichen, dumpfen Dauerschmerz. Dennoch habe ich in Dresden und in Braunschweig gespielt, obwohl mir zeitweise die Tränen kamen. Nun wird es immer schlimmer; nachts kann ich vor Schmerz kaum schlafen, doch das Konzert in Breslau und dieser furchtbare, widerliche Auftritt in Berlin nahen. Verzweiflung überkommt mich. Meine Karriere neigt sich dem Ende zu. Sie hat mir alles abverlangt, und dennoch werde ich nicht die Mittel haben, mich auszuruhen. Die diesjährige Saison ist völlig dahin und somit auch alles, was ich mir letzte Saison so hart erarbeitet habe. Ich strenge mich hier mehr an als überall sonst, denn ich muss mich gewissenhaft vorbereiten.“

Im selben Brief bedankt sich Paderewski bei den Górskis für die Pflege seines kranken Sohnes Alfred, der bis dahin in Podolien bei seinem Vater aufgewachsen war: 

„Die Neuigkeiten über Fredzio waren mir ein kleiner Trost. Ich würde mir von Herzen wünschen, dass er Euch nicht zur Last fällt. Wenn ich bei ihm bis zum Sommer nicht den erhofften Fortschritt sehe, werde ich ihn auf jeden Fall woanders unterbringen. Was ich gesehen habe, war für Euch nur eine Qual und auch für mich schmerzhaft.“

Am Ende dieses traurigen Briefes erwähnt Paderewski: „Wenn es meine Arme zulassen, bleibe ich noch 10 Tage in Deutschland und verbringe die nächsten 10 in Wien.“ Aus einem weiteren Brief an das Ehepaar Górski, den Paderewski um den 11. Februar 1891 in Berlin schreibt, geht hervor, dass die Schmerzen in den Armen nach einer Elektrotherapie in Hamburg weitgehend nachgelassen hätten und die Konzerte in Dresden, Braunschweig, Hamburg und Breslau ein künstlerischer sowie finanzieller Erfolg gewesen seien.

Trotz seiner durch die oftmals schlechten Kritiken verursachten Abneigung gegen Auftritte in Deutschland geht Paderewski in den Jahren 1895–1913 noch mehrmals auf Deutschlandtournee – meidet es jedoch tunlichst, in Berlin zu spielen. Genaue Angaben zu seinen Konzerten in diesem Zeitraum finden sich in einem Nachschlagewerk von Małgorzata Perkowska-Waszek: dem „Paderewski-Konzertjournal“ (Diariusz koncertowy Paderewskiego). Aus dieser Quelle geht hervor, dass Paderewski am 15. Februar 1895 am Königlichen Hoftheater in Dresden im Beisein des sächsischen Königspaars auftritt und am 22. Februar ein Konzert am Sächsischen Hoftheater gibt, wovon er das gesamte Honorar an die Angehörigen verstorbener Künstler:innen spendet. Am 19. Februar 1895 spielt Paderewski ein Recital in der Alberthalle des Krystallpalasts in Leipzig und spendet sein Honorar anschließend für den Bau eines Liszt-Denkmals in Weimar.

Zwei Jahre später kehrt Paderewski nach Leipzig und Dresden zurück – am 11. Februar 1897 tritt er im berühmten Gewandhaus in Begleitung des Orchesters unter der Leitung der Dirigentenlegende Arthur Nikisch auf. Am 15. Februar gibt er ein Solo-Recital im Dresdner Gewerbehaus. 

Am 3. und 5. Februar 1898 begibt sich Paderewski erneut nach Leipzig. Die Warschauer Zeitschrift Echo Muzyczne i Teatralne („Musikalisches und Theatralisches Echo“) schreibt: „I. J. Paderewski gab am Leipziger Gewandhaus zwei Konzerte, die jeweils ein voller Erfolg waren.“ Im selben Artikel wird zudem berichtet, der Pianist habe das Manuskript der Orchesterpartie aus seiner Oper Manru bei der Direktion der Dresdner Hofoper vorgelegt, „wo das Werk Anfang der Herbstsaison das Licht der Bühne erblicken soll“. Es ist zudem belegt, dass Paderewski am 25. März im Rahmen des Niederrheinischen Musikfestes in der Gürzenich-Festhalle in Köln auftritt. 

1901 spielt Paderewski zahlreiche Konzerte in Deutschland, das erste davon mit Orchesterbegleitung unter der Leitung von Karl Schuh am 5. Mai am Königlichen Opernhaus in Dresden. Dort gibt er, erneut im Beisein des Königspaars, das 5. Klavierkonzert von Beethoven zum Besten. Der gesamte Erlös dieses Konzerts ist für wohltätige Zwecke bestimmt. Eine Woche später, am 12. Mai 1901, beteiligt sich Paderewski an einem Kammerkonzert in Bonn – er spielt zusammen mit dem Violinisten Joseph Joachim und dem Cellisten Robert Hausmann[31] Beethovens Klaviertrio in B-dur, Op. 97. Am 29. Mai findet am Königlichen Opernhaus in Dresden die Uraufführung von Paderewskis Oper Manru statt.

Im Herbst 1901 tritt Paderewski besonders oft in Deutschland und dem damals noch preußisch besetzten Westpolen auf. Am 26. Oktober gibt er ein Recital im Großen Saal des Concerthauses in Breslau, am Tag darauf tritt er im Saal der Reichshalle in Kattowitz auf und bereits am 29. Oktober im Saal des Apollo-Theaters in Posen.

Von Posen aus begibt sich der Musiker nach Hamburg (Recital am 1. November im Großen Saal) und weiter nach Leipzig (Recital am 8. November in der Alberthalle). Anschließend spielt er am 9. November im Magdeburger Fürstenhof; zu diesem Zeitpunkt berichtet die deutsche Presse bereits von Paderewskis großer Deutschlandtournee „unter Umgehung Berlins“. Genauso ist es auch – am 11. November spielt Paderewski im Nürnberger Herkules-Saal, am 26. November im Stuttgarter Festsaal der Liederhalle. Weitere Auftritte finden am 27. November in München (Königliches Odeon), am 28. November in Mannheim (Saalbau) und am 29. November in Frankfurt am Main statt, wo Paderewski wieder Beethovens 5. Klavierkonzert mit Orchesterbegleitung spielt. 

Am 1. Dezember 1901 gibt Paderewski erneut ein Recital in Breslau, einen Tag darauf spielt er im Karlsruher Museumssaal. Am 3. Dezember ist er im Wiesbadener Kurhaus zu hören, am 5. Dezember spielt er ein Solo in Begleitung eines Orchesters unter der Leitung von Julius Buths im Kaisersaal der Städtischen Tonhalle in Düsseldorf.

Am 7. Dezember 1901 gibt Paderewski ein Konzert in der Gürzenich-Festhalle in Köln und spendet 8000 Mark Erlös für den Bau eines Beethoven-Denkmals. Seine letzten drei Deutschlandkonzerte in diesem Zeitraum finden am 11. Dezember im Hannoveraner Konzerthaus, am 12. Dezember im Polnischen Theater (Teatr Polski) in Posen und am 14. Dezember am Königlichen Hoftheater in Dresden statt. Einige Wochen später, am 1. Januar 1902, feiert die Oper Manru in Köln Premiere. Das Orchester des Stadttheaters wird dabei von Arno Kleffel dirigiert.

In den darauffolgenden Jahren begibt sich Paderewski mehrmals auf Tournee in die USA, 1904 auch nach Australien. Nach Berlin kehrt er erst neun Jahre später zurück. Am 29. März 1911 hört er seine Sinfonie in h-Moll „Polonia“, dargeboten von Ignacy Waghalter[32], einem jungen Dirigenten und begnadeten Komponisten, der ebenfalls in Berlin studiert hatte und mit Joseph Joachim und Johannes Brahms befreundet ist. Der letzte bisher bekannte Auftritt Paderewskis in Deutschland ist sein Konzert mit Orchester am Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von Arthur Nikisch am 6. März 1913.

 

[30] Auch: Anette/Anna Essipov/Essipow/Yesipova (Anm. der Redaktion).

[31] Der Violinist Joseph Joachim (1831–1907) und der Cellist Robert Hausmann (1852–1909) sind Mitglieder des sogenannten Joachim-Quartetts. Paderewski lernt Joachim während seines Studiums in Berlin, Anfang der 1880er Jahre kennen. Hausmann ist 1876–1907 Professor für Cello an der Berliner Hochschule für Musik; wahrscheinlich begegnen er und Paderewski sich dort.

[32] Ignacy Waghalter (1881–1949), geboren in Warschau, ab 1898 Studium in Berlin, ab 1907 Dirigent an der Komischen Oper. 1923 Debüt als Dirigent in New York. Ab 1934 in Österreich wohnhaft, 1938 wandert er in die USA aus. Verstorben in New York.

Epilog
 

Anhand der neulich veröffentlichten Briefe von Paderewski sowie seiner altbekannten Memoiren und des „Konzertjournals“ von Małgorzata Perkowska-Waszek wird deutlich, dass seine Verbindungen nach Berlin langfristig und bedeutend sind – ebenso wie seine Präsenz auf deutschen Bühnen. Von Paderewskis erster Reise nach Berlin zu Anfang seines Studiums im Januar 1882 bis zu seinem letzten bekannten Auftritt in Leipzig im Frühjahr 1913 vergehen mehr als 30 Jahre. In dieser Zeit erlangt er Weltruhm – nicht nur als Klaviervirtuose, sondern auch als angesehener Komponist, dessen Werke bereits ab Mitte der 1880er Jahre in Berlin veröffentlicht werden und nach anschließenden Erfolgen auf weiteren Bühnen schrittweise auch in anderen Ländern Europas und Amerikas erscheinen. 

Bei Auftritten in Europa, den USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Südafrika, Australien und Neuseeland nimmt Paderewski gerne Werke deutscher Komponist:innen ins Programm auf, angefangen von den großen Solostücken von Johann Sebastian Bach bis hin zu einer großen Auswahl an Beethovens Klaviersonaten, kammermusikalischen Werken und dem Klavierkonzert in Es-Dur. Gerne spielt Paderewski auch Solostücke und Kammermusik von Brahms, den er in seiner Berliner Studienzeit persönlich kennenlernt und dem er mehrere Jahre später in Wien einige seiner eigenen Kompositionen vorführt. Ab 1913 spielt Paderewski bei seinen Recitals gerne Isoldes Liebestod von Wagner in Franz Liszts Transkription für das Klavier und sieht sich Aufführungen von Wagner-Opern an, u. a. Meistersinger, Tannhäuser, Parsifal sowie Tristan und Isolde. In Paderewskis Soloprogrammen finden sich auch zahlreiche Werke von Mendelssohn und Schumann. Um die Gefühle des Pianisten gegenüber einem der wichtigsten deutschen Komponisten treffend auszudrücken, empfiehlt sich das folgende Zitat:

„Beethoven habe ich stets als denjenigen Komponisten empfunden, der die befriedigendsten Stücke für Klavier erschaffen hat. Er war ein Großmeister der Harmonie und wir alle sollten sein Andenken in Ehren halten – nein, nicht sein Andenken, denn wie kann man es wagen, von so einem Genie zu behaupten, er sei tot! Der unzerstörbare Kranz des unsterblichen Ruhms ziert sein Haupt. Er spricht zu uns durch seine Musik, lebt in den Klängen, die uns zum Zuhören verführen!“[33]

Zum Abschluss dieses tiefen Einblicks in Paderewskis kreatives Schaffen in Deutschland bietet sich sein künstlerisches Credo an: „In der Kunst drückt sich der unsterbliche Part des Menschen aus.“[34]

 

Marek Żebrowski, Juni 2025

 

Literatur:

Paderewski, Ignacy Jan; Lawton, Mary: Pamiętniki [Memoiren]. Übers. ins Polnische von Wanda Lisowska und Teresa Mogilnicka. Polskie Wydawnictwo Muzyczne, 6. Aufl., Kraków 1986.

Perkowska, Małgorzata: Diariusz koncertowy Paderewskiego [Paderewski-Konzertjournal]. Polskie Wydawnictwo Muzyczne, Kraków 1990.

Perkowska-Waszek, Małgorzata (Hrsg.), Sułek, Małgorzata und Szombara, Justyna (Red.): Ignacy Jan Paderewski. Listy do Ojca i Heleny Górskiej (1872–1924) [Ignacy Jan Paderewski. Briefe an den Vater und Helena Górska]Nationales Frederic-Chopin-Institut (Narodowy Instytut Fryderyka Chopina), Warszawa 2018.

Phillips, Charles: Paderewski – The Story of a Modern Immortal [Paderewski – Geschichte eines modernen Unsterblichen]. The Macmillan Company, New York 1934.

 

Paderewski Archive – The Paso Robles Collection:

https://polishmusic.usc.edu/research/pmc-archives/collections/ 

 

[33] Charles Phillips, Paderewski – The Story of a Modern Immortal [Paderewski – Geschichte eines modernen Unsterblichen], S. 187.

[34] Ibid., S. 255.

Mediathek
  • Paderewskis Brief an seinen Vater in Podolien

    Abgeschickt aus Berlin im Jahr 1882
  • Paderewski während seines Studiums in Berlin

    Anfang der 1880er Jahre
  • Paderewski (wahrscheinlich in Berlin)

    Anfang der 1880er Jahre
  • Paderewski in Berlin, ca. 1883

    Bitte die Unterschrift im Foto beachten!
  • Paderewski mit seinem Autogramm

    Veröffentlicht in London kurz nach seinem Debüt 1888 in Paris
  • Paderewski-Werbepostkarte

    Wahrscheinlich für seine erste US-Tournee im Jahr 1891 hergestellt
  • Paderewski-Porträt von Irving Ramsey Wiles (1861–1948)

    Gedrucktes Flugblatt, ca. 1891
  • Paderewski-Fotoporträt

    ca. Mitte der 1890er Jahre
  • Karte zur Ankündigung von Paderewskis Hochzeit

    31. Mai 1899
  • Programm von Paderewskis Konzerten in Paris am 25. und 29. April sowie am 2. Mai 1899

    Neben den Hauptwerken von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann und Strauss sind auch Werke seines Berliner Freundes Moszkowski und seines in Paris lebenden polnischen Freundes Stojowski zu hören.
  • Programm von Paderewskis Konzerten in Paris am 25. und 29. April sowie am 2. Mai 1899

    Neben den Hauptwerken von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann und Strauss sind auch Werke seines Berliner Freundes Moszkowski und seines in Paris lebenden polnischen Freundes Stojowski zu hören.
  • Paderewskis Liederabend vom 24. April 1924 in Galesburg, Illinois

    Nach der Wiederaufnahme seiner Konzertreisen in den frühen 1920er Jahren spielte Paderewski weiterhin Werke von deutschen Komponisten wie Bach, Beethoven, Brahms, Haydn und Mozart.