Jesekiel Kirszenbaum – Ausstellung in Solingen

Beim Studium des Maimonides, Berlin 1925. Tusche auf Papier, 50 x 32 cm, Privatbesitz
Beim Studium des Maimonides, Berlin 1925. Tusche auf Papier, 50 x 32 cm, Privatbesitz

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Ausstellung unter der Überschrift „Kunst nach der Shoa“ (Abb. 16) zusammengefasst, betrug nur neun Jahre in Kirszenbaums Leben. Aus ihr stammen aber zwangsläufig die meisten Werke. Anders als in den vorangegangenen Kapiteln stehen sie beispielhaft für größere Werkgruppen, die heute noch in Museen und Privatsammlungen vorhanden sind. Kirszenbaums persönliche Situation, so ist in der Literatur nachzulesen, war verzweifelt. Ohne Geld und Familie, am Boden zerstört durch den Verlust seiner Frau und seines Lebenswerks, musste er sich an den französischen Staat wenden um zu überleben. Er fand Freunde wie Alix de Rothschild, die ihm aus finanzieller und psychischer Not heraushalfen, ihn motivierten wieder künstlerisch zu arbeiten und an Ausstellungen teilzunehmen.

In seinen Gemälden beschäftigte er sich mit den Auswirkungen des Krieges. „Flucht einer Mutter mit zwei Kindern“ (1945, Abb. 16, links) variiert das Thema der ewig wandernden, heimatlosen und fliehenden Juden, das ihn schon seit 1938 in Zeichnungen, Radierungen und Gemälden beschäftigte. Mehrfach malte er Engel, die die „verloren Seelen des Stetls“, für die es „auf der Erde keinen Platz mehr gibt“ (Abb. 17), in die Ewigkeit tragen. Er malte Musiker (Abb. 18), die ebenso wie ein „Sitzender Hausierer“ und ein „Jüdischer Mann mit Tallit“ (beide um 1945, Abb. 19) die Erinnerung an die Volkstypen aus Staszów und der für immer verlorenen Welt des Stetls wachrufen. Einen „Trompeter“ (1946, Abb. 20) und einen „Violinisten“ (1949), beide im Galakostüm, könnte er auch in Paris gesehen haben. Beide verweisen auf ein anderes Thema, das Kirszenbaum in dieser Zeit bearbeitete, Clowns oder allgemeiner den Zirkus (in der Ausstellung nicht vertreten), das von den Malern der École de Paris häufig gewählt wurde, vor allem von Georges Rouault (1871-1958), mit dem Kirszenbaum befreundet gewesen sein soll. Die flächige, leuchtende Farbigkeit dieser Figurenbilder verweist auf die Gruppe der Fauves, vielleicht auf André Derain. Französischen Einfluss, offenbar den des jung verstorbenen Amedeo Modigliani (1884-1920), verrät auch das 1946 gemalte Porträt des jugendlichen Journalisten Robert Giraud (1921-1997, Abb. 21), den Kirszenbaum in Limoges kennen gelernt haben könnte, wo dieser als Mitglied der Résistance von den Deutschen verhaftet und mit dem Tod bedroht worden war und der seit Kriegsende in Paris lebte.

Kirszenbaums Rückbesinnung auf die Kindheit in Staszów führte in diesen Jahren auch zu einer verstärkten Beschäftigung mit dem Alten Testament und anderen religiösen Themen. Unter anderem schuf er ein monumentales Triptychon mit den Propheten Moses, Elija und Jeremias in lebensgroßen Formaten (1947), heute im Tel Aviv Museum of Art (nicht in der Ausstellung). In dieses Umfeld gehört auch eine Gruppe mit Bildnissen von christlichen Heiligen und jüdischen Denkern (1945-47), darunter von seinem eigenen Vater, teils in expressionistischem Duktus, teils im flächigen Stil der Fauves, jedoch meist in dunkleren Farben (Abb. 22-23). Auch die Projektion religiöser Thematiken auf den Ort seiner Kindheit nimmt er wieder auf, jetzt jedoch in prägnanter Farbigkeit: Wieder ist die „Ankunft des Messias im Stetl“ zu sehen, daneben ein „Vorüberfliegender Engel“ über den Gebäuden und Bewohnern der Stadt (beide von 1946), vor ähnlicher Kulisse die Entrückung des Propheten Elija auf einem geflügelten Pferd in einer aquarellierten Zeichnung von 1954, schließlich Juden „Vor einer christlichen Statue in der Stadt“ (um 1947) und kniende „Betende Frauen“ vor einer Mariensäule (1949) (Abb. 24). Erneut in den feinen Grautönen der frühen Pariser Zeit mit kleineren Farbereignissen erscheinen hingegen eine „Versammlung unter dem Baum“, vermutlich ebenfalls eine Erinnerung an Staszów, sowie eine nicht zu lokalisierende „Landschaft“, beide um 1947 entstanden, die in der Ausstellung aufgrund der stilistischen Kongruenz mit einem Blumenstillleben und einer „Landschaft mit Haus“ aus der Zeit der ersten Lagerhaft in Meslay du Maine von 1940 zusammengehängt worden sind (Abb. 25).  

Eine wesentliche stilistische Erweiterung erreichte Kirszenbaum, als er am Ende der Vierzigerjahre in einigen Arbeiten mit Wasserfarben die Grenze zur Abstraktion überschritt. Freie, eher organische Formen, wie sie Piet Mondrian und Wassily Kandinsky schon um 1910 erfanden, setzte Kirszenbaum jetzt zu abstrakten Geweben und Arabesken zusammen. Roger Bissière (1886-1964), Mitglied der École de Paris, fand in dieser Zeit zu Tableaus, in denen sich gegenständliche und abstrakte Formen mischen, wie es in Kirszenbaums „Abstraktem Garten“ (1949) und seinem „Fisch mit abstraktem Hintergrund“ (um 1948, Abb. 26, 27), der Fall ist. Deutlich ist der Einfluss von Paul Klee zu sehen, zu dem Kirszenbaum während seines Studiums am Bauhaus eine kollegial-freundschaftliche Beziehung pflegte und dessen Bedeutung für sein Schaffen er in seinen Erinnerungen festhielt. Auch Bissière hat sich in frühen Jahren an Klee orientiert.

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  • Kunsthalle Solingen mit dem Zentrum für verfolgte Künste

    Abb. 1: Kunsthalle Solingen

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  • Der Nachlass-Verwalter, Nathan Diament, während der Eröffnung

    Abb. 2: Nathan Diament

    Der Nachlass-Verwalter, Nathan Diament, während der Eröffnung
  • Reproduktionen von Karikaturen und originale Dokumente aus Kirszenbaums Lebenszeit

    Abb. 3: Karikaturen und Dokumente

    Reproduktionen von Karikaturen und originale Dokumente aus Kirszenbaums Lebenszeit
  • Sammelband der Zeitschrift Ulk mit der Karikatur von Kirszenbaum

    Abb. 4: Der sportliche Hausfreund, 1927

    Sammelband der Zeitschrift Ulk mit der Karikatur von Kirszenbaum
  • Sammelband der Zeitschrift Ulk mit drei Karikaturen von Kirszenbaum

    Abb. 5: Drei Karikaturen, 1926

    Sammelband der Zeitschrift Ulk mit drei Karikaturen von Kirszenbaum
  • Sammelband der Zeitschrift Ulk mit drei Karikaturen von Kirszenbaum

    Abb. 6: Autobiografie

    Autobiografie von J.D. Kirszenbaum in der Solinger Ausstellung
  • Historische Fotografien von J.D. Kirszenbaum und seiner Familie

    Abb. 7: Fotografien

    Historische Fotografien von J.D. Kirszenbaum und seiner Familie
  • Briefe von J.D. Kirszenbaum und seiner Frau Helma, 1940

    Abb. 8: Briefe, 1940

    Briefe von J.D. Kirszenbaum und seiner Frau Helma, 1940
  • Briefe und Ausstellungs-Einladungen, Paris und Brüssel, 1945/46

    Abb. 9: Dokumente, 1945/46

    Briefe und Ausstellungs-Einladungen, Paris und Brüssel, 1945/46
  • „Porträt Dr. Freud“, „Mann mit Zigarette“, „Kirche“

    Abb. 10: Gemälde, 1930-40

    „Porträt Dr. Freud“, „Mann mit Zigarette“, „Kirche“
  • Die Ankunft des Messias im Dorf, 1939, Öl auf Leinwand

    Abb. 11: Die Ankunft des Messias, 1939

    Die Ankunft des Messias im Dorf, 1939, Öl auf Leinwand
  • Während der Lagerhaft und im Untergrund entstandene Gemälde, 1941/42

    Abb. 12: Kunst im Untergrund

    Während der Lagerhaft und im Untergrund entstandene Gemälde, 1941/42
  • Der Messias und die Engel erreichen das Dorf, 1942, Öl auf Leinwand

    Abb. 13: Der Messias und die Engel, 1942

    Der Messias und die Engel erreichen das Dorf, 1942, Öl auf Leinwand
  • Wasserträger, Staszów, 1942, Öl auf Leinwand

    Abb. 14: Wasserträger, 1942

    Wasserträger, Staszów, 1942, Öl auf Leinwand
  • Porträt von Kirszenbaums Frau Helma, 1945; Selbstporträt, 1947; Porträt Kirszenbaum von Alix de Rothschild, 1950

    Abb. 15: Drei Porträts, 1945-50

    Porträt von Kirszenbaums Frau Helma, 1945; Selbstporträt, 1947; Porträt Kirszenbaum von Alix de Rothschild, 1950
  • Flucht einer Mutter, 1945; Die Liebenden, um 1949; In unserer Welt gibt es keinen Platz für Juden, 1947; Engel, eine verlorene Seele des Stetls tragend, 1946

    Abb. 16: Kunst nach der Shoa

    Flucht einer Mutter, 1945; Die Liebenden, um 1949; In unserer Welt gibt es keinen Platz für Juden, 1947; Engel, eine verlorene Seele des Stetls tragend, 1946
  • In unserer Welt gibt es keinen Platz für die Juden, 1947, Öl auf Leinwand

    Abb. 17: Kein Platz für die Juden, 1947

    In unserer Welt gibt es keinen Platz für die Juden, 1947, Öl auf Leinwand
  • Der blinde Geiger, 1945, Öl auf Leinwand

    Abb. 18: Der blinde Geiger, 1945

    Der blinde Geiger, 1945, Öl auf Leinwand
  • Sitzender Hausierer; Jüdischer Mann mit Tallit, beide um 1945, Öl auf Leinwand

    Abb. 19: Volkstypen aus Staszów, um 1945

    Sitzender Hausierer; Jüdischer Mann mit Tallit, beide um 1945, Öl auf Leinwand
  • Der Trompeter, 1946, Öl auf Leinwand

    Abb. 20: Trompeter, 1946

    Der Trompeter, 1946, Öl auf Leinwand
  • Porträt Robert Giraud, 1946, Öl auf Leinwand

    Abb. 21: Porträt Robert Giraud, 1946

    Porträt Robert Giraud, 1946, Öl auf Leinwand
  • Der Denker, 1945; Heiliger, 1947, Öl

    Abb. 22: Denker, Heiliger 1945/47

    Der Denker, 1945; Heiliger, 1947, Öl
  • Apostel, 1946; Der Denker, um 1945; Mann mit Stock, 1946; Vater des Künstlers, 1945

    Abb. 23: Jüdische Denker, 1945/46

    Apostel, 1946; Der Denker, um 1945; Mann mit Stock, 1946; Vater des Künstlers, 1945
  • Gemälde mit religiösen Themen, die in Staszów spielen

    Abb. 24: Staszów in religiöser Thematik

    Gemälde mit religiösen Themen, die in Staszów spielen
  • Landschaften und Blumenstillleben, 1940-47

    Abb. 25: Landschaften

    Landschaften und Blumenstillleben, 1940-47
  • Abstrakte und abstrakt-gegenständliche Bilder, 1949-54

    Abb. 26: Wege zur Abstraktion

    Abstrakte und abstrakt-gegenständliche Bilder, 1949-54
  • Fisch mit abstraktem Hintergrund, um 1948,  Aquarell

    Abb. 27: Fisch, um 1948

    Fisch mit abstraktem Hintergrund, um 1948, Aquarell
  • Stillleben mit Banane, 1952; Brasilianerin mit Kind, undatiert

    Abb. 28: Exotische Motive

    Stillleben mit Banane, 1952; Brasilianerin mit Kind, undatiert
  • Brasilianische Masken, um 1949, Gouache

    Abb. 29: Brasilianische Masken, um 1949

    Brasilianische Masken, um 1949, Gouache