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Kollegialität und Solidarität bei Opel in Bochum. Erinnerungen von Bochumer Opelanern mit transnationalem Hintergrund

Verwaltungsgebäude Werk I, Bochum
Verwaltungsgebäude Werk I, Bochum
Die Opel-Werke in Bochum – über 30 Jahre ein attraktiver Arbeitgeber
 

Was für die Urgroßväter- und Großvätergeneration der Arbeitsmigranten aus den heutigen Teilen Polens die guten Einkommensmöglichkeiten im Kohlebergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebietes während der ersten Moderne der Industrialisierung darstellten, waren für die Generation der Spätaussiedler die seit 1962 entstandenen, vielen Tausende von Arbeitsplätzen bei Opel Bochum, einem Ableger des US-amerikanischen General Motors Konzerns, der Opel bereits im Jahr 1929 aufkaufte. Auf dem ersten Höhepunkt der Bergbaukrise zu Beginn der 1960er Jahre angesiedelt, entwickelte sich der bislang einzige Automobilstandort im Ruhrgebiet zu einem besonders attraktiven Arbeitgeber mit über 22.000 Beschäftigten in den 1980er Jahren. Die legendären Modelle dieser Hochphase waren der Kadett, GT, Manta und Ascona, erst später erfolgte der Zafira. Die Ansiedlung von Opel war der Ausgangspunkt der zweiten Moderne Bochums, der weitere bedeutsame Ansiedlungen, wie die Ruhr-Universität und das Ruhr-Park-Einkaufszentrum folgten und nicht nur das Bild, sondern auch das Lebensgefühl in der ehemals von Kohle und Stahl geprägten Stadt veränderten. Einen Arbeitsplatz bei Opel innezuhaben, bedeutete über 30 Jahre bis in die 1990er hinein besonders sichere Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen. Angst um den Arbeitsplatz war in dieser Phase der zweiten Modernisierung Bochums eine Unbekannte. Willi Gröber, Opelaner der ersten Stunde, später Betriebsrat und schließlich Gewerkschaftssekretär bei der Bochumer IG Metall, erinnert: „Man musste schon bei Opel goldene Löffel klauen, um die Arbeit zu verlieren.“ Das Auto wurde zum Sinnbild des Aufschwungs in der Stadt, mit dem die Arbeitsmarktfolgen der Kohlekrise überwunden schienen, es ging für viele Jahrzehnte schwungvoll bergauf oder es war einfach O.K.!

Dieses gute Lebensgefühl auf der Grundlage sicherer Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse änderte sich für die Bochumer Opelaner*innen erst allmählich in den 1990er Jahre. Im Zuge der Herausbildung des einheitlichen europäischen Marktes und des Zerfalls des Eisernen Vorhangs entwickelten die großen deutschen Automobilhersteller, allen voran Volkswagen und Opel, fortan grenzüberschreitende Produktions- und Zuliefernetzwerke, die dem Management ermöglichen sollten Vergleiche der Arbeits- und Produktionskosten zwischen verschiedenen Standorten in Europa anzustellen. Diese betriebswirtschaftlichen Analysen schufen schließlich die Voraussetzungen die Beschäftigten verschiedener Produktionsstandorte gegeneinander auszuspielen.

Für Opel Bochum spielte dabei die Eröffnung des Opel-Werks in Gliwice, dem ehemaligen oberschlesischen Gleiwitz, im Jahre 1998 eine besondere Rolle. Denn in Polen wurde zunächst nur der Opel Astra aus Bochum gebaut, später dann auch der Zafira, womit Kostenvergleiche zwischen beiden Standorten einfacher wurden. Wie in den 1960er Jahren in Bochum, hatte die Ansiedlung von Opel in Schlesien eine sehr ähnliche wirtschaftliche Bedeutung für die Menschen als attraktiver Arbeitgeber. Opel hat auch in Polen erheblich zum wirtschaftlichen Aufschwung und zur positiven Veränderung der industriellen Struktur der Region beigetragen. Für die Beschäftigten bei Opel Bochum leitete der neue Standort in Gliwice jedoch eine – vom europäischen Opel-Management auch so beabsichtigte – Phase der offenen Konkurrenz um den Erhalt von Arbeitsplätzen und der Sicherung von Einkommensmöglichkeiten ein, die zur Verlagerung von Produktionskapazitäten innerhalb Europas und schließlich zur Schließung von Opel Bochum im Jahr 2014 – nach 52 Jahren – mitbeigetragen hat. Die in die Jahre gekommenen Bochumer Opel-Werke waren dem innereuropäischen Konkurrenzkampf mit vergleichsweise jungen Standorten und ihren schlanken, dem japanischen Toyota-System entlehnten Produktionskonzepten schließlich unterlegen.

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  • Werbeanzeige der Adam Opel AG, 1962

    Werbeanzeige der Adam Opel AG, 1962

    Werbeanzeige der Adam Opel AG, 1962
  • Werbeanzeige der Adam Opel AG

    Werbeanzeige der Adam Opel AG

    Werbeanzeige der Adam Opel AG
  • Der Ruhr-Park wurde 1964 in Bochum als damals zweitgrößtes Einkaufszentrum der jungen BRD am Ruhrschnellweg eröffnet.

    Eröffnung des Ruhr-Parks in Bochum, 1964

    Der Ruhr-Park wurde 1964 in Bochum als damals zweitgrößtes Einkaufszentrum der jungen BRD am Ruhrschnellweg eröffnet.
  • Ruhr-Universität Bochum

    Ruhr-Universität Bochum

    Ruhr-Universität Bochum
  • In der Produktionshalle des Adam Opel AG Werk Bochum.

    In der Produktionshalle des Adam Opel AG Werk Bochum

    In der Produktionshalle des Adam Opel AG Werk Bochum.
  • Lothar Degner und seine Kollegen (von links nach rechts): Rainer Schikopanski, Klaus Klinger, Horst Gröne und Lothar Degner.

    Lothar Degner und seine Kollegen

    Lothar Degner und seine Kollegen (von links nach rechts): Rainer Schikopanski, Klaus Klinger, Horst Gröne und Lothar Degner.
  • Andreas Gilner und seine Kollegen (von links nach rechts): Manfred Hyna, Werner Ushakov und Andreas Gilner.

    Andreas Gilner und seine Kollegen

    Andreas Gilner und seine Kollegen (von links nach rechts): Manfred Hyna, Werner Ushakov und Andreas Gilner.