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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

Szymanowskas Abreise aus Weimar am folgenden Tag stürzte Goethe erneut in seelische Bedrängnis und beschwor die vorangegangene Trennung von Ulrike von Levetzow wieder herauf. Kanzler von Müller berichtete: „Als ich Nachmittags zu Goethe kam, traf ich ihn noch mit Mad. Szymanowska zu Tische sitzend; sie hatte eben an die ganze Familie bis zu dem kleinen Wolf herab, ihrem Liebling, die zierlichsten kleinen Abschiedsgeschenke, zum Theil eigner Hände Arbeit, ausgetheilt, und der alte Herr war in der wunderbarsten Stimmung. Er wollte heiter und humoristisch sein, und überall blickte der tiefste Schmerz des Abschieds durch. – […] Um 5 Uhr war sie zur Abschiedsaudienz bei der Frau Großfürstin bestellt, wo sie, der Hoftrauer entsprechend, ganz schwarz gekleidet erschien, was für Goethe den Eindruck noch erhöhte. Der Wagen fuhr vor und ohne daß er es bemerkte war sie verschwunden. Es schien zweifelhaft, ob sie noch einmal wieder käme. – Da trat das Menschliche in Goethen recht unverhüllt hervor; er bat mich aufs Dringendste zu bewirken, daß sie nochmals wieder erscheinen, nicht ohne Abschied scheiden möchte. Einige Stunden später führten der Sohn und ich sie und ihre Schwester zu ihm. – ‚Ich scheide reich und getröstet von Ihnen […] Sie haben mir den Glauben an mich selbst bestätigt, ich fühle mich besser und würdiger, da Sie mich achten. Nichts von Abschied, nichts von Dank; lassen Sie uns vom Wiedersehen träumen‘ […] … alle Anstrengung des Humors half nicht aus, [bei Goethe] die hervorbrechenden Thränen zurückzuhalten, sprachlos schloß er sie und ihre Schwester in seine Arme und sein Blick begleitete sie noch lange, als sie durch die lange offene Reihe der Gemächer entschwand. – ‚Dieser holden Frau habe ich viel zu danken‘, sagte er mir später, ihre Bekanntschaft und ihr wundervolles Talent haben mich zuerst mir selbst wiedergegeben.“[62]

Szymanowskas Konzerte in Weimar und im Hause Goethe blieben lange Gesprächsthema und die Pianistin und der Dichter hielten über Jahre hindurch wenn auch nur brieflichen Kontakt. In einem Schreiben an den Kölner Gemäldesammler, Kunst- und Architekturschriftsteller Sulpiz Boisserée blickte Goethe im Dezember 1823 auf Szymanowska Besuch in Weimar zurück: „Zu gleicher Zeit langte Graf Reinhard mit Familie bey uns an, sein Geburtsfest ward fröhlich und anständig gefeyert […] Eine unvergleichliche Pianospielerin, Madame Szymanowska, deren anmuthige Gegenwart und unschätzbares Talent mir schon in Marienbad höchst erfreulich gewesen, kam gleich nach ihnen, und mein Haus war 14 Tage der Sammelplatz aller Musikfreunde, angelockt durch hohe Kunst und liebenswürdige Natur. Hof und Stadt, durch sie aufgeregt, lebte so fortan in Tönen und Freuden. – Unmittelbar nach ihr besuchte mich Herr Staatsminister von Humboldt, einer der echten alten Freunde aus der Schillerschen Zeit …“[63]

Am 14. Februar des Folgejahrs notierte Goethe: „Nach Tische Herr Canzler von Müller, Nachrichten von Madame Szymanowska bringend, auch andere Politica durchsprechend“[64], am 27. März: „Nachrichten von Madame Szymanowska im Constitutionnel“,[65] einer Pariser Zeitung für Wirtschaft, Politik und Literatur. Szymanowska drückte in einem Brief aus London vom 2. Juli 1824 ihre Enttäuschung darüber aus, dass Goethe – wie sie von Kanzler von Müller erfahren habe – Marienbad in diesem Jahr nicht besuchen wolle. Mit ihrem Aufenthalt in London sei sie zufrieden. Bei ihrer Rückkehr nach Polen wolle sie einen Zwischenstopp in Weimar einlegen.[66] Im Juni 1829 ließ Szymanowska durch einen Brief von Zelter den Besuch zweier Polen in Weimar ankündigen, und zwar des Dichters Adam Mickiewicz, ihres späteren Schwiegersohns, und des Lyrikers, Dramatikers und Übersetzers Antoni Edward Odyniec: „Unsre Freundin Mad. Szymanowska empfiehlt einen talentvollen Polnischen Compatrioten und Dichter, besonders Dir als Prince des Poètes. Er heißt Mickiewicz und will eine Reise durch Deutschland nach Italien machen. Der junge Mann spricht schon ziemlich Deutsch und ist angelegentlich empfohlen. Das Uebrige magst Du von ihm selbst erfahren.“[67] Tatsächlich trafen Mickiewicz und Odyniec am 18. August 1829 in Weimar ein und blieben dort auf Goethes Einladung hin über dessen Geburtstag hinaus bis zum Monatsende.[68]

 

[62] Mittwochs, den 5. November. Goethes Unterhaltungen (siehe Anmerkung 60), Seite 72 f. – Der kleine Wolf: Goethes Enkel, der dreijährige Wolfgang Maximilian.

[63] An Sulpiz Boisserée [in Paris], Weimar, den 12. December 1823. Goethe: Briefe (siehe Anmerkung 32), Seite 276; auch in: Sulpiz Boisserée, 2. Band: Briefwechsel mit Goethe, Stuttgart: Cotta 1862, Seite 363 f., Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10061843?q=Szymanowska&page=370,371

[64] 14. Februar 1824. Goethe: Tagebücher (siehe Anmerkung 28), Seite 178

[65] 27. März 1824. Ebenda, Seite 197

[66] Neu aufgefundener Brief im Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar, vergleiche Stolarzewicz 2014 (siehe Online), Seite 124. Zu dem erneuten Treffen in Weimar kam es aus unbekannten Gründen offenbar nicht.

[67] An Goethe. Berlin, Freytag, den 12. Junius 1829. Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832, Band 5: Jahre 1828 bis 1830 Juny, herausgegeben von Friedrich Wilhelm Riemer, Berlin: Duncker und Humblot, 1834, Seite 246, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10598617?q=Mickiewicz&page=248,249

[68] Ausführlicher Bericht über den Besuch von Mickiewicz und Odyniec bei Goethe in: Karpeles 1890 (siehe Literatur), Seite 70-97. – Zuvor bei Franz Thomas Bratranek: Zwei Polen in Weimar (1829). Ein Beitrag zur Goetheliteratur aus polnischen Briefen übersetzt und eingeleitet, Wien 1870, Seite 29 f.: „… an Goethe (so wie an seine Schwiegertochter Ottilie), hatte überdies Mickiewicz von Mad. Szymanowska, welche er kurz zuvor in einer Dichtung als ‚Königin der Töne‘ gefeiert, Empfehlungsbriefe erhalten, deren Wirksamkeit man an den Worten Goethe’s ermessen mag, welche er (1823) bei ihrem Abschiede gegen den Kanzler Müller äußerte: ‚Dieser holden Frau habe ich viel zu danken …‘“, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11014107?q=Szymanowska&page=42,43

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  • Abb. 1: Szymanowska, 1816

    Zofia Woyno (um 1810-1830): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, Miniatur, 1816. Gouache über Bleistift auf Papier, 14 x 10,4 cm, Inv. Nr. Min.628 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Wa...
  • Abb. 2: Serenade für Anton Radziwiłł, 1819

    Marie Szymanowska: Serenade für Klavier und begleitendem Violoncello, komponiert für und gewidmet seiner Hoheit, dem Prinzen Anton Radziwiłł, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1819, Nationalbibliothek War...
  • Abb. 3: Marienbad um 1815

    Der Kreuzbrunnen zu Marienbad, um 1815. Aus: Franz Satori, Oesterreichs Tibur, oder Natur- und Kunstgemählde aus dem oesterreichischen Kaiserthume, Wien 1819, Frontispiz, Österreichische Nationalbibli...
  • Abb. 4: Marienbad um 1820

    Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, 8 x 13 cm. Titelblatt zu: Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823
  • Abb. 5: Marienbad um 1820

    Ludwig Ernst von Buquoy (1783-1834): Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, koloriert, 28,5 x 44 cm, Privatbesitz
  • Abb. 6: Goethe, 1823

    Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Marienbad 1823. Lithographie nach einer Bleistiftzeichnung
  • Abb. 7: Goethe, 1823/26

    Henri Grévedon (1776-1860): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Paris 1826. Nach einer Zeichnung von Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836) von 1823, Lithographie, Inv. Nr. his-Port-G-0077, Universit...
  • Abb. 8: Goethe, 1828

    Joseph Karl Stieler (1781-1858): Johann Wolfgang von Goethe, 1828. Öl auf Leinwand, 78 x 63,8 cm, Inv. Nr. WAF 1048, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München
  • Abb. 9: Brösigke’sches Haus, um 1821

    Unbekannt: Brösigke’sches Haus (Palais Klebelsberg) in Marienbad, um 1821, kolorierte Lithographie, 44,9 x 65,1 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 10: Ulrike von Levetzow, um 1821

    Unbekannt: Bildnis Theodore Ulrike Sophie von Levetzow, um 1821. Pastell, 43,4 x 33,5 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 11: Szymanowska, 1825

    Aleksander Kokular: Bildnis Maria Szymanowska/Portret Marii Szymanowskiej, 1825. Öl auf Leinwand, Inv. Nr. K.839, Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, Warschau
  • PDF 1: Liste der Marienbader Kurgäste, 1823

    Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823 (Titelblatt fehlt), Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 183, 3. August 1823, Seite 1, Spalte 2, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

    Nachrichten. Leipzig, vom Michael 1823 bis zum März 1824, in: Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 13, 25. März 1824, Spalte 204, Münchner Digitalisierungs-Zentrum
  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f., Biblioteka Jagiellońska w Krakowie