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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

Nach Szymanowskas Abreise aus Weimar am 5. November 1823[69] fuhr die Pianistin zunächst nach Halle und anschließend nach Dessau, wo sie vor der herzoglichen Familie von Anhalt-Dessau konzertierte. Dann reiste sie weiter nach Berlin, wo sie am 10. Dezember und am 7. Januar des Folgejahrs Konzerte gab. Über das erste Konzert, das am Nachmittag stattfand und für das fünfhundertfünfzig Eintrittskarten verkauft wurden, berichtete der Kurjer Warszawski, dass der preußische König zusammen mit Prinzen, ausgewählten Persönlichkeiten und führenden Künstlern die Aufführung besucht habe. Szymanowskas Schnelligkeit, Strenge und ihr Gefühl beim Vortrag der Stücke von Beethoven, Field und dem preußischen Prinzen Louis Ferdinand sei von einem Berliner Rezensenten gelobt worden. Man habe die Pianistin gebeten, auf ihrem Weg nach Paris auch in Hannover, Braunschweig, Kassel und Frankfurt aufzutreten (PDF 6).[70] Das Konzert am 7. Januar 1824 fand, wie die Allgemeine musikalische Zeitung schrieb, anlässlich einer „Morgenunterhaltung“ statt, bei der ein Quintett für Bläser und Klavier von Beethoven, ein Trio für Klavier, Violine und Violoncello von Prinz Louis Ferdinand sowie ein „Rondo alla Polacca“ von Field „nicht ohne Beyfall der zahlreichen Anwesenden“ aufgeführt wurden.[71] Während ihres Berliner Aufenthalts stand Szymanowska in brieflichem Kontakt mit Kanzler von Müller, dem sie von ihren künftigen Reiseplänen berichtete, den sie Goethe grüßen ließ und von dem sie ein Empfehlungsschreiben nach Braunschweig erbat. Am 1. Januar traf sie Ottilie von Goethe in Berlin.[72]

Tatsächlich machte Szymanowska auf ihrer anschließenden Reise nach Paris Halt in den angekündigten Städten. Goethe vermerkte am 26. Januar 1824 in seinem Tagebuch: „Brief von Madame Szymanowska von Frankfurt“[73] und berichtete noch am selben Tag seiner Schwiegertochter Ottilie: „Freundin Szymanowska war in Braunschweig freundlich aufgenommen, flog durch Hannover durch, gelangte pfeilschnell nach Frankfurt, wo Schlossers ihr gefällig waren …“[74] Nach ihren Konzerten in Braunschweig und Hannover erhielt sie, wie der Kurjer Warszawski berichtete, eine Einladung für eine Konzertreise nach London. In Kassel traf sie den dort als Dirigent und Chorleiter tätigen Violinisten und Komponisten Ludwig Spohr, der sich wie viele andere berühmte Musiker zuvor mit einem für sie komponierten „Rätselkanon“ und einer Widmung in ihr Poesie- und Sammelalbum eintrug.[75]

Im März und April 1824 trat sie in Paris auf, wo sie Fürst Radziwill traf, von Mai bis Juni in London, im Oktober in Mailand, im November in Florenz und bis zum Januar 1825 in Rom, Neapel und Venedig. Von Februar bis September 1825 konzertierte sie erneut in London, anschließend bis zum Jahresende in Paris und Amsterdam. (Abb. 11) In der ersten Jahreshälfte 1826 war sie erneut in London und Paris und kehrte dann nach Warschau zurück. Im Januar und Februar 1827 gab sie Abschiedskonzerte in Warschau und Vilnius, im März und April in Riga und St. Petersburg, um sich anschließend mit ihren Töchtern Helena und Celina in St. Petersburg niederzulassen. 1828 unternahm sie noch einmal eine Konzertreise nach Kiew, Warschau, Moskau und St. Petersburg, die im März des Jahres endete.[76]

Seitdem unterrichtete und verkehrte sie in St. Petersburg in einem Kreis von Freunden und Bekannten, zu denen berühmte Dichter und Musiker wie Mickiewicz, Alexander Puschkin, Michael Glinka und John Field gehörten. Im Juli 1831 starb sie als Opfer einer Cholera-Epidemie, die ganz Europa und Russland erfasst hatte.[77] Ihre Kompositionen hielten noch einige Jahre die Erinnerung an sie wach. Die führenden europäischen Musiklexika verzeichnen sie seit ihrem Ableben bis in die neueste Zeit.[78] Der Komponist Robert Schumann schrieb 1836 über Szymanowska und die von ihr komponierten Etüden: „Der Name wird vielen eine schöne Erinnerung sein. Wir hörten diese Virtuosin oft den weiblichen Field nennen, worin, diesen Etuden nach zu schließen, etwas Richtiges liegen mag. Zarte blaue Schwingen sind’s, die die Wagschale weder drücken noch heben und die Niemand hart angreifen möchte. […] An Erfindung und Charakter heißen wir sie jedenfalls das Bedeutendste, was die musikalische Frauenwelt bis jetzt geliefert …“[79]
 

Axel Feuß, September 2021

 

[69] An ihrem Abreisetag trugen sich Goethes Schwiegertochter Ottilie und die mit Goethe befreundete Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, in Szymanowskas Sammel- und Poesiealben ein (heute in der Bibliothèque polonaise in Paris); vergleiche Bischler 2017, siehe Literatur, Seite 87.

[70] Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f. (siehe PDF 6), Online-Ressource: https://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/publication/744609/edition/706449/content) – Vergleiche auch Kijas 2010 (siehe Literatur), Seite 55 (dort falsch: 10. Januar)

[71] Berlin. Uebersicht des Januar, in: Allgemeine musikalische Zeitung, No. 7, Leipzig, 12. Februar 1824, Spalte 107, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10527974_00069_u001?q=Szy…

[72] Bischler 2017 (siehe Literatur), Seite 92 f.

[73] 26. Januar 1824. Goethe: Tagebücher (siehe Anmerkung 28), Seite 171

[74] An Ottilie von Goethe. Weimar, Montag, den 26. Jenner 1824. Goethe: Briefe (siehe Anmerkung 32), Seite 32

[75] Erstmals publiziert von Józef Mirski 1953 (siehe Literatur). – Vergleiche auch Kijas 2010 (siehe Literatur), Seite 56

[76] Verzeichnis der Konzertreisen bei Kijas 2010 (siehe Literatur), Seite XIII-XV. – Kijas hat Briefe und Tagebücher aus der Familie von Szymanowska akribisch ausgewertet.

[77] „Notiz. Nach zuverlässigen Nachrichten ist leider auch die grosse Pianoforte-Virtuosin und liebenswürdige Frau Szymanowska in Petersburg an der Cholera gestorben.“ (Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 35, Leipzig, 31.8.1831, Spalte 584, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10527981_00331_u001?q=Szymanowska&page=8

[78] Verzeichnis der frühen Lexika bei Bischler 2017 (siehe Literatur), Seite 209 f. Zuletzt Irena Poniatowska: Szymanowska, Maria (Agata), in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), 2. Auflage, Personenteil, Band 16, Kassel/Stuttgart 2006; MGG online 2016, https://www.mgg-online.com/article?id=mgg12647&v=1.0&rs=mgg12647 (Abonnement)

[79] 1836. Maria Szymanowska, 12 Etuden. [Heft 1. 2.], in: Robert Schumann: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, 2. Band, Leipzig, 1854, Seite 17 f., Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10599478?q=Szymanowska&pa…

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  • Abb. 1: Szymanowska, 1816

    Zofia Woyno (um 1810-1830): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, Miniatur, 1816. Gouache über Bleistift auf Papier, 14 x 10,4 cm, Inv. Nr. Min.628 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Wa...
  • Abb. 2: Serenade für Anton Radziwiłł, 1819

    Marie Szymanowska: Serenade für Klavier und begleitendem Violoncello, komponiert für und gewidmet seiner Hoheit, dem Prinzen Anton Radziwiłł, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1819, Nationalbibliothek War...
  • Abb. 3: Marienbad um 1815

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  • Abb. 4: Marienbad um 1820

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  • Abb. 5: Marienbad um 1820

    Ludwig Ernst von Buquoy (1783-1834): Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, koloriert, 28,5 x 44 cm, Privatbesitz
  • Abb. 6: Goethe, 1823

    Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Marienbad 1823. Lithographie nach einer Bleistiftzeichnung
  • Abb. 7: Goethe, 1823/26

    Henri Grévedon (1776-1860): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Paris 1826. Nach einer Zeichnung von Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836) von 1823, Lithographie, Inv. Nr. his-Port-G-0077, Universit...
  • Abb. 8: Goethe, 1828

    Joseph Karl Stieler (1781-1858): Johann Wolfgang von Goethe, 1828. Öl auf Leinwand, 78 x 63,8 cm, Inv. Nr. WAF 1048, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München
  • Abb. 9: Brösigke’sches Haus, um 1821

    Unbekannt: Brösigke’sches Haus (Palais Klebelsberg) in Marienbad, um 1821, kolorierte Lithographie, 44,9 x 65,1 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 10: Ulrike von Levetzow, um 1821

    Unbekannt: Bildnis Theodore Ulrike Sophie von Levetzow, um 1821. Pastell, 43,4 x 33,5 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 11: Szymanowska, 1825

    Aleksander Kokular: Bildnis Maria Szymanowska/Portret Marii Szymanowskiej, 1825. Öl auf Leinwand, Inv. Nr. K.839, Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, Warschau
  • PDF 1: Liste der Marienbader Kurgäste, 1823

    Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823 (Titelblatt fehlt), Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 183, 3. August 1823, Seite 1, Spalte 2, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

    Nachrichten. Leipzig, vom Michael 1823 bis zum März 1824, in: Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 13, 25. März 1824, Spalte 204, Münchner Digitalisierungs-Zentrum
  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f., Biblioteka Jagiellońska w Krakowie