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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

Namentlich erwähnte er Szymanowska und ihre Schwester erstmals am 14. August in seinem Tagebuch. Nach Unterredungen mit Baron von Manteuffel und Major von Wartenberg traf er die Pianistin an diesem Tag vermutlich auf jenem Konzert, von dem er Zelter zehn Tage später in einem Brief berichtete. Für sich privat notierte er: „Zu Madame Szymanowska, welche in einem benachbarten Hause auf dem Flügel spielte, ein Stück von Hummel, eins von sich und noch zwey andere, ganz herrlich. Mit ihr spazieren gegen die Mühle. Der Regen überfiel uns. Mit Regenschirmen an die Quelle. Abends auf der Terrasse.“[28] Am übernächsten Tag und am Tag darauf schrieb er die Gedichte für die beiden Schwestern, übertrug sie am dritten Tag in zwei Alben und überreichte sie dann vermutlich in französischer Sprache[29]: „Gedichte in die zwey Albums vollbracht und geschrieben. Madame Szymanowska besuchte mich. Neugierig auf den Inhalt des Albums.“[30] Folgt man dem Tagebuch, fanden weitere Treffen erst am 20. August und dann wieder am 4. September statt, weil Goethe zwischenzeitlich nach Eger und Karlsbad gefahren war, unter anderem um in der Umgebung geologische Studien zu betreiben und seine Mineraliensammlung zu vervollständigen. Am 7. September war Szymanowska offenbar aus Marienbad abgereist ohne Goethe noch einmal gesehen zu haben, denn dieser vermerkte: „Fand den gestickten Teller von Madame Szymanowska. Ingleichen anderes Eingesendete während meiner Abwesenheit.“[31]

Auch anderen Adressaten berichtete Goethe über die polnische Pianistin. An seine Schwiegertochter Ottilie und an den Berliner Juristen, Philologen und Staatsrat Christoph Ludwig Friedrich Schultz schrieb er am 18./19. August mit denselben Zeilen: „Madame Szymanowska, ein weiblicher Hummel mit der leichten polnischen Facilität, hat mir diese letzten Tage höchst erfreulich gemacht; hinter der polnischen Liebenswürdigkeit stand das größte Talent gleichsam nur als Folie oder […] umgekehrt. Das Talent würde einen erdrücken, wenn es ihre Anmuth nicht verzeilich machte.“[32] An Sohn August ließ er Liebeskummer wegen Ulrike durchblicken, den die beiden Musikerinnen Anna Milder-Hauptmann und Szymanowska gelindert hätten: „Nur ist noch eine gewisse Reizbarkeit übrig geblieben, die ich erst bey'm Anhören der Musik gewahr geworden; ohne die Frauen Milder und Szymanowska wär ich nie dazu gekommen.“[33] Der Komponist und Pianist Johann Nepomuk Hummel, so ist zu ergänzen, Schüler von Mozart, Antonio Salieri und Haydn, war seit 1819 Hofkapellmeister in Weimar und eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt. Ohne Goethe gesehen und Hummel spielen gehört zu haben, so der Musikwissenschaftler Joel Sachs, sei für keinen Touristen ein Besuch in Weimar komplett gewesen.[34] Szymanowska dürfte Hummel 1822 in St. Petersburg getroffen haben, wo dieser zur selben Zeit wie sie auf seiner einzigen Russland-Reise konzertierte, wie die Allgemeine musikalische Zeitung berichtete.[35]

 

[28] 14. August 1823. Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, III. Abteilung (Tagebücher), Band 9, 1897, Seite 92

[29] Beide Gedichte „sowohl deutsch wie französisch“ (Karpeles 1890, siehe Literatur, Seite 39). „… das er für sie [Szymanowska] in deutscher und französischer Fassung niederschreibt.“ (Urzidil 1981, siehe Literatur, Seite 170). Der Schweizer Privatgelehrte und Numismatiker Frédéric Soret, der einige von Goethes naturwissenschaftlichen Werken ins Französische übersetzte, berichtet: „Goethe hatte die auf die Szymanowska gedichteten Verse in französische Prosa übersetzt, war aber damit sehr unzufrieden und bat mich, eine neue Übersetzung von dem Kanzler von Müller anfertigen zu lassen.“ (19.1.1824, in: Goethes Unterhaltungen mit Friedrich Soret. Nach dem französischen Texte … herausgegeben von C.A.H. Burkhardt, Weimar 1905, Seite 35. Online-Ressource: https://archive.org/details/goethesunterhal00goetgoog/page/n5/mode/2up)– „… he even translated this poem in French as Szymanowska couldn’t speak German that well“ (Stolarzewicz 2014, siehe Online, Seite 118). – Auch seine Korrespondenz mit Szymanowska anlässlich seines Ausflugs nach Eger und Karlsbad führte Goethe auf Französisch: „Malheureusement, Madame, étant condanné à partir demain il ne me reste que de soigner mes lèvres informes que déteste de tout mon coeur. Je me vois à grand regret privé de l'aimable societé qui me preparoit une si belle soirèe, et je serois tout à fait inconsolable si je ne me repetois toujours en prose ce que j'ai osé dire en Verse, y joignant l'espérance de me réjouir bientot à Weimar du plus beau talent et de la plus intéressante societé qu'on puisse imaginer. Adieu donc, Madame, gardés moi Votre précieux Souvenir. M.[arien] B.[ad] 19 Aout 1823 (An Maria Szymanowska, 19.8.1823. Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung [Briefe], Bd. 38, 1897, Seite 183)

[30] 18. August 1823. Goethe: Tagebücher (siehe Anmerkung 28), Seite 94

[31] 7. September 1823. Ebenda, Seite 110

[32] An Ottilie von Goethe, Marienbad, 18.8.1823. Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung (Briefe), Bd. 38, 1897, Seite 175; An Christoph Ludwig Friedrich Schultz, Marienbad, 19.8.1823, ebenda, Seite 181

[33] An August von Goethe, Eger, 24.8.1823. Ebenda, Seite 192

[34] Joel Sachs: Johann Nepomuk Hummel, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, herausgegeben von Stanley Sadie, Band 8, London 1980, Seite 782

[35] „Petersburg. Im Winter und in dem grossen Fasten von 1822 war die Anzahl der von Künstlern zu ihrem Besten veranstalteten öffentlichen Concerte, im Verhältnis zu denen in vorhergehenden Jahren, nur gering, aber desto grösser die der Armen-Concerte […] Madame Symanoffska, Klavierspielerin aus Warschau, die sich mit Hrn. Hummel zu gleicher Zeit hier befand, interessierte das Publikum für sich durch Schilderung ihrer Lage; auch gefiel ihr Spiel in einigen Privat-Gesellschaften: denn sie zeigte natürliches Gefühl und bedeutende Fertigkeit …“ Allgemeine musikalische Zeitung, No. 34, Leipzig, 20. August 1823, Spalte 552 f., Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10527973?page=288,289

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    Joseph Karl Stieler (1781-1858): Johann Wolfgang von Goethe, 1828. Öl auf Leinwand, 78 x 63,8 cm, Inv. Nr. WAF 1048, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München
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    Unbekannt: Bildnis Theodore Ulrike Sophie von Levetzow, um 1821. Pastell, 43,4 x 33,5 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 11: Szymanowska, 1825

    Aleksander Kokular: Bildnis Maria Szymanowska/Portret Marii Szymanowskiej, 1825. Öl auf Leinwand, Inv. Nr. K.839, Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, Warschau
  • PDF 1: Liste der Marienbader Kurgäste, 1823

    Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823 (Titelblatt fehlt), Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 183, 3. August 1823, Seite 1, Spalte 2, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

    Nachrichten. Leipzig, vom Michael 1823 bis zum März 1824, in: Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 13, 25. März 1824, Spalte 204, Münchner Digitalisierungs-Zentrum
  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f., Biblioteka Jagiellońska w Krakowie