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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

In einem erneuten Brief an Schultz sprach Goethe die zwischenzeitlich entstandenen Gedichte an und schrieb nach Szymanowskas Abreise aus Marienbad: „Nebenbey sind auch einige Gedichte gelungen, die für mich Werth haben und für Freunde hoffentlich nicht werthlos bleiben sollen. Mehr kann ich wohl nicht verlangen, besonders da noch manches andere Gute, als die unglaubliche Talentsäußerung der Pianospielerin Madame Szymanowska, mit Worten nicht anzudeuten ist. Sie hat ihren Weg nach Berlin genommen; sollten Sie die so liebenswürdige als kunstfertige Frau sehen und hören, so werden Sie mir nicht verargen von ihr entzückt gewesen zu seyn.“[36] Gegenüber dem Frankfurter Bankier, Schriftsteller und Theaterförderer Johann Jakob Willemer und seiner Frau Marianne bekannte Goethe am darauffolgenden Tag: „Madame Szymanovska aus Warschau, die fertigste und lieblichste Pianospielerin, hat auch ganz Neues in mir aufgeregt. Man ist erstaunt und erfreut, wenn sie den Flügel behandelt, und wenn sie aufsteht und uns mit aller Liebenswürdigkeit entgegen kommt, so läßt man sich's eben so wohl gefallen.“[37]

Nach seiner Rückkehr nach Weimar am 13. September 1823 teilte Goethe das Gedicht für Szymanowska mit seinen engsten Vertrauten. Kanzler von Müller berichtet unter dem 25. September: „Von 5-8 Uhr weilte ich bei Goethe, dessen Unterhaltung höchst interessant, vertraulich, gemüthsvoll war. […] Darauf theilte er die Gedichte auf Madame Szymanowska, die Virtuosin, und auf ihre Schwester mit. Jene sei wie die Luft, so umfließend, so alsbald zu setzend, so überall, so leicht und gleichsam körperlos. Er zeigte mir ihre Handschrift. […] Als ich über die Virtuosin Szymanowska einige Querfragen that, äußerte er sanft scheltend: Ach der Kanzler macht mir oft unversehens Verdruß. Den ganzen Abend war keine Spur von Unmuth oder Verstimmung in ihm zu finden …“[38] Nachdem Szymanowska am 24. Oktober für knapp zwei Wochen nach Weimar gekommen war um Goethe zu besuchen, vermerkte dessen Adlatus und späterer Nachlassverwalter Johann Peter Eckermann: „Er sagte, es sei eine junge Polin angekommen, die etwas auf dem Flügel spielen werde. Ich nahm die Einladung mit Freuden an. […] Und was legte er mir vor? Sein neuestes, liebstes Gedicht, seine ‚Elegie‘ von Marienbad. […] Als ich ausgelesen, trat Goethe wieder zu mir heran. ‚Gelt‘, sagte er, ‚da habe ich Euch etwas Gutes gezeigt.‘“[39]

Jahre später, im Dezember 1831, berichtete er Eckermann über die vollständige Entstehungsgeschichte der aus drei Gedichten bestehenden „Trilogie der Leidenschaft“. Sie sei ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert, „vielmehr erst nach und nach und gewissermaßen zufällig zur Trilogie geworden. Zuerst hatte ich, wie Sie wissen, bloß die ‚Elegie‘ als selbständiges Gedicht für sich. Dann besuchte mich die Szymanowska, die denselbigen Sommer mit mir in Marienbad gewesen war und durch ihre reizenden Melodien einen Nachklang jener jugendlich-seligen Tage in mir erweckte. Die Strophen, die ich dieser Freundin widmete, sind daher auch ganz im Versmaß und Ton jener ‚Elegie‘ gedichtet und fügen sich dieser wie von selbst als versöhnender Ausgang. Dann wollte Weygand eine neue Ausgabe meines ‚Werther‘ veranstalten und bat mich um eine Vorrede, welches mir denn ein höchst willkommener Anlaß war, mein Gedicht ‚An Werther‘ zu schreiben. Da ich aber immer noch einen Rest jener Leidenschaft im Herzen hatte, so gestaltete sich das Gedicht wie von selbst als Introduktion zu jener ‚Elegie‘. So kam es denn, daß alle drei jetzt beisammenstehenden Gedichte von demselbigen liebesschmerzlichen Gefühle durchdrungen worden und jene ‚Trilogie der Leidenschaft‘ sich bildete, ich wußte nicht wie.“[40] Allerdings kann diese Chronologie nicht stimmen, denn das Szymanowska gewidmete Gedicht „Aussöhnung“ entstand bis zum 18. August 1823, die „Elegie“ jedoch erst im September und Oktober des Jahres vor Szymanowskas Ankunft in Weimar und wurde Ende November noch mehrfach Korrektur gelesen.[41] Im März 1824 folgte schließlich das Gedicht „An Werther“ anlässlich der Leipziger Jubiläumsausgabe der 1774 erstmals veröffentlichten „Leiden des jungen Werther“.

 

[36] An Christoph Ludwig Friedrich Schultz, Eger, 8.9.1823. Goethe: Briefe (siehe Anmerkung 32), Seite 207

[37] An Johann Jacob und Marianne von Willemer, Eger, 9.9.1823. Ebenda, Seite 211

[38] Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich v. Müller. Herausgegeben von C.A.H. Burkhardt, Stuttgart 1870, Seite 59 f. Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11001483?page=74,75

[39] Montag, den 27. Oktober 1823. Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. 1823-1832, 1. Theil, Leipzig 1836, Seite 68-72, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10068560?page=88,89

[40] Donnerstag, den 1. Dezember 1831. Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Dritter Theil, Magdeburg 1848, Seite 360 f., Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10068562?page=380,381

[41] „30. November. Die Elegie gelesen und wieder gelesen. […] Nach Tische geruht. Abends Gräfin Line. Sodann mit Zelter die Elegie nochmals gelesen.“ Goethe: Tagebücher (siehe Anmerkung 28), Seite 149. – Die beschriebene Unstimmigkeit auch bei Stolarzewicz 2014 (siehe Online), Anmerkung 11: „In his description of the creation of his poems Goethe is wrong.“ Vergleiche auch Urzidil 1981 (siehe Literatur), Seite 361: „Denn das Gedicht ‚Aussöhnung‘ für Madame Szymanowska ist in Marienbad wenige Tage vor und keineswegs nach der ‚Elegie‘ gedichtet worden. Und die Zusammenfügung der drei Gedichte zur ‚Trilogie‘ ereignete sich nicht ‚gewissermaßen zufällig‘, wie Goethe aus großer zeitlicher Distanz bemerkt, sondern entsprach […] dem unbewussten Kausalgesetz des Herzens und der dichterischen Affinitäten.“

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  • Abb. 1: Szymanowska, 1816

    Zofia Woyno (um 1810-1830): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, Miniatur, 1816. Gouache über Bleistift auf Papier, 14 x 10,4 cm, Inv. Nr. Min.628 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Wa...
  • Abb. 2: Serenade für Anton Radziwiłł, 1819

    Marie Szymanowska: Serenade für Klavier und begleitendem Violoncello, komponiert für und gewidmet seiner Hoheit, dem Prinzen Anton Radziwiłł, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1819, Nationalbibliothek War...
  • Abb. 3: Marienbad um 1815

    Der Kreuzbrunnen zu Marienbad, um 1815. Aus: Franz Satori, Oesterreichs Tibur, oder Natur- und Kunstgemählde aus dem oesterreichischen Kaiserthume, Wien 1819, Frontispiz, Österreichische Nationalbibli...
  • Abb. 4: Marienbad um 1820

    Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, 8 x 13 cm. Titelblatt zu: Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823
  • Abb. 5: Marienbad um 1820

    Ludwig Ernst von Buquoy (1783-1834): Ansicht von Marienbad, um 1820. Kupferstich, koloriert, 28,5 x 44 cm, Privatbesitz
  • Abb. 6: Goethe, 1823

    Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Marienbad 1823. Lithographie nach einer Bleistiftzeichnung
  • Abb. 7: Goethe, 1823/26

    Henri Grévedon (1776-1860): Porträt Johann Wolfgang von Goethe, Paris 1826. Nach einer Zeichnung von Orest Adamowitsch Kiprensky (1782-1836) von 1823, Lithographie, Inv. Nr. his-Port-G-0077, Universit...
  • Abb. 8: Goethe, 1828

    Joseph Karl Stieler (1781-1858): Johann Wolfgang von Goethe, 1828. Öl auf Leinwand, 78 x 63,8 cm, Inv. Nr. WAF 1048, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München
  • Abb. 9: Brösigke’sches Haus, um 1821

    Unbekannt: Brösigke’sches Haus (Palais Klebelsberg) in Marienbad, um 1821, kolorierte Lithographie, 44,9 x 65,1 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 10: Ulrike von Levetzow, um 1821

    Unbekannt: Bildnis Theodore Ulrike Sophie von Levetzow, um 1821. Pastell, 43,4 x 33,5 cm, Klassik Stiftung Weimar
  • Abb. 11: Szymanowska, 1825

    Aleksander Kokular: Bildnis Maria Szymanowska/Portret Marii Szymanowskiej, 1825. Öl auf Leinwand, Inv. Nr. K.839, Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza, Warschau
  • PDF 1: Liste der Marienbader Kurgäste, 1823

    Liste der angekommenen respectiven Brunnengäste zu Marienbad im Jahre 1823, Eger 1823 (Titelblatt fehlt), Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 183, 3. August 1823, Seite 1, Spalte 2, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

    Nachrichten. Leipzig, vom Michael 1823 bis zum März 1824, in: Allgemeine musikalische Zeitung, Nr. 13, 25. März 1824, Spalte 204, Münchner Digitalisierungs-Zentrum
  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

    Nowosci Warszawskie, in: Kurjer Warszawski, Nr. 14, 16. Januar 1824, Seite 1, Spalte 1 f., Biblioteka Jagiellońska w Krakowie