Pfaffenwald. Ein Lager, mehrere Verbrechen
„Hilfskrankenhaus“ Pfaffenwald
Das RAB-Lager stand nur wenige Monate leer, bevor es eine neue Bestimmung erhielt. Im Jahr 1942 verschärfte das nationalsozialistische Regime den Umgang mit ausländischen Arbeitskräften im Fall der Arbeitsunfähigkeit. In dem von totalitärer Herrschaft und radikalem Rassismus bestimmten System gab es keinen Platz für kranke Zwangsarbeiter:innen. Um sie von ihren deutschen „Volksgenossen“ zu trennen, wurden zunehmend separate Stationen und sogar „Ausländerkrankenhäuser“ mit „fremdvölkischem“ Personal eingerichtet.[5] Sollte die Arbeitsfähigkeit innerhalb weniger Wochen nicht wiederhergestellt werden, durften die Kranken in ihr Heimatland zurückkehren. Man brachte die „arbeitsunfähigen Ausländer“ in Rückkehrersammellager, die dem Arbeitsamt unterstanden und auf maximale physische Ausbeutung ausgelegt waren.[6] Ein solches Lager wurde im Spätsommer 1942 auch in Pfaffenwald vom Landesarbeitsamt Hessen in Zusammenarbeit mit der Landesversicherungsanstalt eingerichtet. Das Lager bestand aus fünf gemauerten Baracken, wurde überwacht, und die Wachleute misshandelten die dort inhaftierten Frauen, Kinder und Männer. Zwei sowjetische Ärzte kümmerten sich um die über 400 Patient:innen. Die primitiven Bedingungen im Lager ließen keine sterile medizinische Versorgung zu. Verbandsmaterial und Medikamente waren Mangelware. Operationen wurden mit einem Taschenmesser durchgeführt.[7] Ein ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener und Patient in diesem Lager nannte es „Seuchenhölle“. In seinen Memoiren beschrieb er die dortigen Zustände wie folgt: „50 bis 60 Kranke sind in einem 49 Quadratmeter großen Raum zusammengepfercht. Die Betten sind voll belegt, dort liegen sterbende Tuberkulosepatienten, zusammen mit Menschen mit Herzproblemen, Magenbeschwerden, Geschlechtskrankheiten, Geisteskranken usw., oft Schwangere und Frauen, die zur Abtreibung gekommen sind, Männer und Frauen zusammen. Das Stöhnen, Fluchen und Schluchzen der Sterbenden machen das Leben unerträglich.“ Der Verfasser dieses Erlebnisberichtes war sich klar darüber, dass das Lager der physischen Vernichtung der Kranken diente.[8] Marcin B., ein ehemaliger polnischer Krankenlagerinsasse, betonte in einem Interview 1981 besonders die mangelhafte Verpflegung, da man dort nur man nur Brennnesseln erhalten habe sowie „ein kleines Brot für 12 Personen, welches aus Kastanien gebacken wurde. […] Wir sind dann krank geworden von dem Essen. Daran sind wir langsam zugrunde gegangen.“[9]
Die Verstobenen wurden zunächst auf dem Friedhof in Beiershausen und später im nahegelegenen Wald begraben, wobei mehrere Leichen ohne Sarg in ausgehobene Gruben geworfen wurden. Die Kranken wurden trotz ihrer gesundheitlichen Probleme zur Arbeit gezwungen, zumeist im Wald und auf umliegenden Bauernhöfen. Unter den Internierten im Lager war auch der zehnjährige Mitka Kalinski, der krank aus dem Konzentrationslager Dachau gekommen war. Im Dezember 1942 verließ er das Lager und wurde zur Zwangsarbeit in Rotenburg an der Fulda eingezogen.[10]
Spätestens mit dem Erlass des Reichsarbeitsministeriums vom 21. Mai 1943 wurde ein Rückführungsstopp angeordnet, was bedeutete, dass Kranke nicht mehr in ihre Heimat zurückgebracht wurden.[11] Die Krankenlager wurden damit endgültig zu Sterbelagern. Während die Schwerstkranken in diesen Lagern ohne medizinische Hilfe qualvoll starben, sollten psychisch kranke polnische und sowjetische Insassen in einem der elf Sammelzentren im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasieaktion „T4“ getötet werden, unter anderem in der Landesheilanstalt Hadamar.[12] Mehrere „Geisteskranke“ aus dem Krankenlager in Pfaffenwald fanden dort ihren Tod.[13]
Als unheilbar krank und damit arbeitsunfähig galten auch Zwangsarbeiter:innen mit Tuberkulose, die in Unterkünften einfachster Form isoliert wurden. Aus Sicht des für diese Region zuständigen Arbeitsamts in Hersfeld, welches dem Gauarbeitsamt Kurhessen unterstellt war, erschien das Lager Pfaffenwald mit seinen primitiven Baracken sehr gut dafür geeignet, Tuberkulosepatienten unterzubringen. Allerdings erhielten sie dort keine medizinische Versorgung; entweder wurden sie ihrem Schicksal überlassen oder auf Anordnung des Arbeitsamts mit Sammeltransporten von Pfaffenwald in die 150 Kilometer entfernte Landesheilanstalt Hadamar gebracht, wo sie im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ ermordet wurden. Mit diesen Transporten „sank in Pfaffenwald die offiziell angegebene Mortalität stark ab“. Insgesamt wurden in Hadamar 180 Kranke aus dem „Hilfskrankenhaus Pfaffenwald“ mit Gas getötet. In einigen Fällen befanden sich unter den Transporten auch Mütter mit Neugeborenen, für die keine ärztliche Einweisung vorlag.[14]
[5] Woniak, Katarzyna: Polen als Patienten während der NS-Zwangsarbeit, in: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Philosophica. Ethica-Aesthetica-Practica 37/2020, S. 51–66.
[6] Schäfer, Annette: Durchgangs- und Krankensammellager im Zweiten Weltkrieg: Schnittstelle zwischen „Arbeit“ und „Vernichtung“ beim Zwangsarbeitereinsatz, in: Frewer, Andreas/Siedbürger, Günther (Hrsg.): Medizin und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Einsatz und Behandlung von „Ausländern“ im Gesundheitswesen, Frankfurt am Main 2004, S. 203–227.
[7] Hamann, Matthias: Die Morde an polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern in deutschen Anstalten, in: Aly, Götz (Hrsg.): Aussonderung und Tod: die klinische Hinrichtung der Unbrauchbaren, Berlin [West] 1985, S. 121–187, hier 124.
[8] Sowjetische Zeitzeugen der NS-Herrschaft: Erinnerungen von Pantelejew, https://qed.perspectivia.net/soviet-survivors-backend/receive/sovsurv_mods_00000380, S. 4 (eigene Übersetzung aus dem Russischen, zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).
[9] Transkript des Gesprächs mit Marcin B. vom 2.09.1981, in: Archiv der Gedenkstätte Breitenau, Sign. 515, S. 38–39.
[10] Brallier, Steven W. u.a. (Hrsg.): Ich war doch noch ein Junge. Ein Holocaustüberlebender versöhnt sich mit seiner Vergangenheit, Holzgerlingen 2023, S. 29–41.
[11] Lilienthal, Georg: Das Schicksal von „Ostarbeiter“-Kinder am Beispiel der Tötungsanstalt Hadamar; in: Beddies, Thomas/Hübener, Kristina (Hrsg.): Kinder in der NS-Psychiatrie, Berlin 2004, S. 167–184, hier 170.
[12] Hördler, Stefan/Rachbauer, Markus/Schwanninger, Florian: Die Ermordung der „Unproduktiven“. Zwangsarbeiter als Opfer der NS-Euthanasie, in: Hördler, Stefan u.a. (Hrsg.): Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Begleitband zur Ausstellung, Göttingen 2016, S. 232–243.
[13] Hamann: Morde, S. 168–170.
[14] Lilienthal: Schicksal, S. 180. Aus Pfaffenwald wurde u. a. die belarusische Familie Gawrow nach Hadamar gebracht und dort getötet. Siehe: https://www.gedenkstaette-hadamar.de/blog/2024/07/29/hadamar1942bis1945-familie-gawrow/ (zuletzt aufgerufen am 6.02.2026).