Pfaffenwald. Ein Lager, mehrere Verbrechen

Lager Pfaffenwald. Fundament einer Sanitärbaracke (2015, © Martin Engel)
Lager Pfaffenwald. Das Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

„Entbindungsheim“
 

Die Schwangerschaften polnischer und osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen waren für den NS-Staat in zweifacher Hinsicht unerwünscht. Zum einem war die Arbeitskraft während der Schwangerschaft entweder für eine gewisse Zeit oder sogar dauerhaft nicht verfügbar. Zweitens stellten Neugeborene einen unerwünschten Zuwachs der „rassisch minderwertigen” Bevölkerung dar. Aus wirtschaftlicher und rassistischer Sicht galt es, beide Folgen zu verhindern. In den ersten Jahren des Zwangsarbeitssystems wurden schwangere Polinnen noch meistens in ihre Heimat zurückgesandt. Doch seit 1943 kam es zu einem Politikwechsel. Im Reichsarbeitsministerium wurde beschlossen, dass schwangere Polinnen und Bürgerinnen der Sowjetunion nicht nach Hause geschickt werden, sondern in der Nähe ihres Arbeitsplatzes entbinden sollten. Die Landesarbeitsämter hatten in Zusammenarbeit mit Betrieben entsprechende Entbindungsmöglichkeiten mit guter verkehrstechnischer Erreichbarkeit sicherzustellen. Das Lager Pfaffenwald mit der Bahnlinie im nahliegenden Asbach eignete sich für diese neue Aufgabe passgenau, weshalb dort ein „Entbindungsheim“ für osteuropäischen Frauen aus Nordhessen eingerichtet wurde. Die ersten Geburten hatten schon im September 1942 stattgefunden. Insgesamt wurden im Lager 758 Geburten standesamtlich registriert, von denen offiziell 53 Kinder starben.[15] In dieser Zahl ist die Anzahl der Totgeburten nicht enthalten; sie wurden vermutlich überhaupt nicht erfasst. Da Pfaffenwald zum Zuständigkeitsbereich der Standesämter in Hersfeld und Kerspenhausen gehörte, wurden Geburten und Sterbefälle dort gemeldet. Mindestens 114 der Kinder waren polnischer Herkunft.[16] Die polnische Datenbank straty.pl („Verluste“) verzeichnet zahlreiche Geburten lediglich mit der Angabe „Hersfeld-Beiershausen“ oder „Hersfeld“. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich diese Einträge auf das Lager Pfaffenwald beziehen.[17] Mehr als 50 Jahre später konnten einige Überlebende, die damaligen polnische Kinder, dank Zahlungen der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung Entschädigung beantragen. Im Archiv der Neuen Akten (Archiwum Akt Nowych) in Warschau gibt es einen Bestand, der die Anträge auf Entschädigung umfasst. Diese wertvollen autobiografischen Zeugnisse könnten ein Ausgangspunkt für künftige Forschungen über die Geschichte des Lagers Pfaffenwald und seiner Opfer sein. 

Das Schicksal der meisten Neugeborenen ist jedoch weitgehend unbekannt. Sicher ist, dass viele Kinder in Pfaffenwald innerhalb weniger Wochen oder Monate nach der Geburt starben, was darauf hindeutet, dass sie unter katastrophalen Bedingungen gelebt haben müssen. Manche Kinder überlebten nur wenige Tage, wie z. B. Krystyna Derejak, die am 4. März 1945 in diesem Lager geboren wurde und am 21. März, kurz vor der Ankunft der Amerikaner, an „Herzschlag“ starb.[18] Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Kinder auch durch Injektionen oder pseudomedizinische Experimente gezielt getötet wurden. Daher reihte Susanne Hohlmann Pfaffenwald in die Orte ein, „in denen die systematische Ausrottung des sogenannten ‚unerwünschten Volkstums‘“ stattfand.[19]

Manche Mütter konnten ihre Kinder in die bisherige Arbeitsstätte mitnehmen. Da ihre Arbeitskraft unabdingbar war, wurden ihnen oft die Kinder weggenommen und in „Ausländerkinder-Pflegestätten“ untergebracht.[20] Die Sterblichkeit war dort besonders hoch. Es war nur selten möglich, dass die Frauen ihren Nachwuchs mit zur Arbeit nehmen konnten. Anastazja S. brachte in Pfaffenwald ein Kind zur Welt. Sie arbeitete als Landarbeiterin in der Nähe von Wiesbaden und wurde im September 1944 vom Arbeitsamt zur Entbindung nach Pfaffenwald gebracht. Unmittelbar nach der Geburt kehrte sie mit ihrem neugeborenen Sohn zu ihrem Arbeitgeber zurück. Ihr Kind lebte jedoch nur drei Monate. Es hat sich vermutlich nie von den verheerenden Bedingungen in Pfaffenwald erholt.[21]

Eugenia B. hatte mehr Glück. Geboren am 27. Mai 1944 in Pfaffenwald, kam sie eine Woche später mit ihrer Mutter ins katholische Kinderheim in Marburg. Am 8. Juni 1944 kehrten Mutter und Kind nach Allendorf zurück. Dort war Eugenias Vater, Stanisław B., seit Anfang 1940 als Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit gezwungen worden. Eugenias Mutter, die ebenfalls Eugenia hieß, lebte bis August 1943 in ihrem Heimatdorf Osuchy im Kreis Biłgoraj. Als die Deutschen im Zuge der „Aktion Zamość“ brutale Deportationen durchführten, floh sie mit ihrem einjährigen Sohn Stanisław zu seinem Vater nach Allendorf und arbeitete dort ebenfalls. Nach dem Krieg, als polnische Paare endlich die Erlaubnis zur Heirat erhielten, heirateten sie – kein Zufall – am ersten Geburtstag ihrer Tochter, dem 27. Mai 1945. 1947 wurde ihr drittes Kind, Barbara, im DP-Lager Wildflecken geboren. Zusammen mit ihren drei Kindern wanderte die Familie 1949 von Wildflecken nach Australien aus.[22]

Der Aufenthalt im Entbindungslager Pfaffenwald war eine Tragödie für werdende Eltern und neugeborene Kinder, wie man an der Geschichte von Katarzyna W. und Antoni S. sehen kann. Beide stammten aus derselben Region im Generalgouvernement und beide waren gezwungen, bei demselben Bauer in Sontra-Hornel in Nordhessen zu arbeiten. Katarzyna wurde im Mai 1940 zur Zwangsarbeit deportiert. Antoni kämpfte in der polnischen Armee, geriet nach der Kapitulation in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde zunächst im Stalag Altengrabow und seit 1940 im Stalag Ziegenhain interniert. Die gemeinsame Arbeit auf dem Bauernhof und die gemeinsam ertragenen Strapazen brachten Katarzyna und Antoni einander näher. Bald darauf erwartete das Paar Nachwuchs. Gemäß dem oben genannten Erlass wurde die Polin nach Pfaffenwald gebracht. Ihr Sohn Antoni kam hier im Oktober 1943 zur Welt, lebte aber nur fünf Tage. Nach diesem traumatischen Erlebnis kehrte Katarzyna zu ihrem Arbeitgeber und zu dem Kindsvater Antoni zurück. Ende 1944 kamen beide auf einen anderen Bauernhof in der Gegend, und ihr zweiter Sohn, Marian, wurde dort im Februar 1945 geboren. Man kann annehmen, dass sie alles dafür taten, dass die Geburt nicht wieder in Pfaffenwald stattfinden würde, sondern dort, wo sie lebten und arbeiteten. Ihr zweites Kind überlebte. Kurz nach dem Krieg heirateten Katarzyna und Antoni und beantragten zusammen mit ihrem Sohn im DP-Lager in Coburg die Auswanderung in die USA, da für sie die politische Lage im Nachkriegspolen eine Rückkehr zu keiner Option machte.[23]

Im Lager Pfaffenwald, wie in anderen rassistischen Einrichtungen dieser Art, wurden medizinische und menschliche Bedürfnisse hochschwangerer Polinnen und Ostarbeiterinnen missachtet, was u. a. dazu führte, dass viele Frauen bei der Geburt starben. Oberste Priorität war es, die Zwangsarbeiterinnen nach der Entbindung so schnell wie möglich wieder zur Arbeit zu zwingen. Viele Frauen verbrachten mehrere Monate ihrer Schwangerschaft in Pfaffenwald und arbeiteten dort bis zur Geburt. Sie litten unter Hunger, Kälte und Erschöpfung.

 

[15] Hamann: Morde, S. 130.

[16] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 139.

[17] Siehe z. B. die Angaben zu Aleksander Koman: https://straty.pl/szukaj-mrk.php (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[19] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 146 und 155–156.

[20] Die „Ausländerkinder-Pflegestätten“ sind in der Geschichtswissenschaft mittlerweile gut erforscht. Siehe u. a.: Prieler-Woldan, Maria: „Vielleicht hätte ich eine Familie. Vielleicht hat jemand um mich geweint“. Das „fremdvölkische“ Kinderheim in Spital am Pyhrn 1943–1945, Innsbruck 2023.

[21] Götz, Hartmann: Kinder von Zwangsarbeiterinnen und ihre Gräber, in: archiv nachrichten aus hessen, Sonderheft 2023, S. 34–38.

[22] Arolsen Archives, 2.1.1/70453592: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/70453592; 3.1.1/66497385: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/66497385. Siehe auch: Nils Bernahrd, Was waren „Ausländer“? Displaced Persons, Geflüchtete und Vertriebene in der Behördensprache der Nachkriegszeit am Beispiel von Eheschließungsurkunden in Allendorf 1946–1947, Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Stadtallendorf 2024, S. 41 (unveröffentlichtes Manuskript: https://www.diz-stadtallendorf.de/site/assets/files/1/auslander_diz_studien_7_bernhardt.pdf).

Mediathek
  • Eltern: Katarzyna W. und Antoni S. Ihr Kind: Antoni Wenek, am 5.10.1943 in Pfaffenwald geboren

    Eigene Collage
  • Das am 10.10.1943 gestorbene Kind Antoni Wenek

    Liste des Standesamts Hersfeld
  • Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

    Lager Pfaffenwald
  • Gedenkkreuz und Grabsteine, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen
  • Namen der Opfer auf der Gedenktafel, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen