Pfaffenwald. Ein Lager, mehrere Verbrechen

Lager Pfaffenwald. Fundament einer Sanitärbaracke (2015, © Martin Engel)
Lager Pfaffenwald. Das Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

Zwangsabtreibungen
 

Der Erlass über die Behandlung schwangerer osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen vom Mai 1943, ebnete den Weg für Zwangsabtreibungen, selbst in fortgeschrittenen Stadien einer Schwangerschaft, sofern die „Gefahr“ bestand, dass ein „rassisch unerwünschtes Kind“ zur Welt gebracht würde. Die Schwangerschaften der Polinnen waren der Gestapo unter Angabe des Monats der Schwangerschaft und der Volks- bzw. Staatszugehörigkeit des Partners unverzüglich zu melden. Dieser Meldung sollte auch die schriftliche Einwilligung der Polin zum Schwangerschaftsabbruch beigefügt werden. Im Falle einer Einwilligungsverweigerung konnte die Gestapo die betreffende Polin verhaften. Jegliche administrativen Verzögerungen sollten vermieden werden, da „ein Eingriff sofort erfolgen muss“.[24]

In vielen Fällen wurden Schwangerschaften jedoch ohne die Zustimmung der Frauen abgebrochen oder ihre Zustimmung wurde erzwungen. Im April 1944 verweigerten in Pfaffenwald acht Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion und Polen eine Abtreibung, obwohl sie zuvor unter Druck der Behörden zugestimmt hatten. Das medizinische Personal vor Ort verzichtete jedoch auf die Durchführung der Zwangsabtreibungen und erkundigte sich vorerst nach der Rechtslage, „wonach solche Ausländerinnen zur Unterbrechung gezwungen werden können.“[25] Ein weiteres Problem war der Mangel an „ärztlichen Instrumenten“, was bedeutete, dass zuständige sowjetische Ärzte nicht alle ihnen zugewiesenen Fälle sofort erledigen konnten.[26] Tatsächlich heben neuere historische Forschungen Ambivalenzen in diesem Bereich hervor. Einerseits weigerten sich einige Ärzte, Abtreibungen durchzuführen, andererseits sind intensive Bemühungen der regionalen Behörden um „Schwangerschaftsunterbrechung“ zu beobachten.[27] Die Abtreibung bot auf jeden Fall die Möglichkeit, dass die betroffene Frau in kurzer Zeit wieder arbeiten konnte. 

Es ist nicht möglich, die Anzahl der in Pfaffenwald durchgeführten Abtreibungen zu ermitteln. Ebenso schwierig ist es, die Zahl der Frauen zu schätzen, die durch Zwangsabtreibungen nachhaltige gesundheitliche Schäden erlitten haben oder gestorben sind. Einzig sicher ist der unglaubliche Schmerz und das psychische wie physische Leid der betroffenen Frauen. Erst mit der Ankunft der Amerikaner am 30. März 1945 fanden die NS-Verbrechen in diesem Lager ein Ende. 

Im Jahr 1947 wurde ein Prozess gegen einen Angehörigen des Wachpersonals wegen Misshandlung der Lagerinsassen eingeleitet, der 1949 wegen Mangel an Beweisen eingestellt wurde.[28] Danach griff die deutsche Justiz die Verbrechen von Pfaffenwald nicht mehr auf.

 

Gedenken
 

Die Anwohner wussten von der Existenz des Lagers, zeigten aber kein großes Interesse daran.[29] Nach dem Krieg wurde das Gebiet schnell überwuchert und geriet in Vergessenheit. Lediglich die Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen wurde im Jahr 1960 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtet, wo über 400 Opfer aus Pfaffenwald und anderen exhumierten Friedhöfen der Region beigesetzt wurden. Zwei Bronzetafeln mit den Namen von 453 Opfern wurden in die Friedhofsmauer eingelassen. Auf einer Tafel steht geschrieben: „Hier ruhen 453 Kriegstote, die in der schweren Zeit 1940–1945 fern ihrer Heimat starben“. Auf der zweiten Tafel befindet sich die russische Übersetzung. In dieser Form hat der Friedhof bis heute überdauert und am Volkstrauertag finden hier Gedenkfeiern statt. Es wäre sicherlich sinnvoll, die Gedenkinschrift um einen Text in polnischer Sprache zu ergänzen, da mindestens 46 der eingravierten Namen polnische Opfer sind.[30] Eine weitere Möglichkeit, sich mit der Geschichte dieses Ortes vertraut zu machen, ist eine Wanderung mit der Geocache-App „Pfaffenwald-Gedenkrunde”.[31] Im Jahr 2016 rekonstruierte der Hersfelder Geschichtsverein einen Lageplan des Lagers und brachte ihn in Form einer Tafel an der historischen Stelle an. Ferner veröffentlichte er eine Informationsbroschüre mit dem Titel „Pfaffenwald. Zeugnis nationalsozialistischer Gräueltäten in Bad Hersfeld“. Darin wurde zu Recht kritisiert, dass die Gedenktafeln nicht einmal die Herkunft der Opfer erwähnen, geschweige denn ihre individuellen Geschichten erzählen.[32]

Das ehemalige Lagergelände selbst ist vollständig von der Natur zurückerobert worden. Es ist weitgehend bewaldet und nur vereinzelt finden sich noch die Fundamente der Baracken. Man kann kaum erahnen, dass an diesem Ort Rassismus und wirtschaftliche Ausbeutung zum Tod vieler Menschen polnischer und osteuropäischer Herkunft führten.

 

Pfaffenwald war zunächst ein Arbeitslager und ab der zweiten Hälfte des Krieges ein Ort des Todes für kranke osteuropäische Zwangsarbeiter:innen, schwangere Frauen und ihre neugeborenen Kinder. Bis Kriegsende hatten in diesem „Hilfskrankenhaus“ mindestens 376 Menschen ihr Leben verloren.[33] Viele Kinder, die unter diesen katastrophalen Bedingungen in Pfaffenwald geboren wurden, starben jedoch in den folgenden Wochen und Monaten, u. a. in den „Ausländerkinder-Pflegestätten“. Auch die entkräfteten Mütter litten nach den Entbindungen oder Zwangsabtreibungen und kamen nicht selten auch ums Leben. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an dieses Lager auch vor Ort in Form einer angemessenen, dem Stand historischer Forschung entsprechenden Beschilderung sichtbar zu machen.

 

Katarzyna Woniak, März 2026

 

[24] Arolsen Archives, 4.1.2 / 81794715, Schwangerschaftsunterbrechungen bei Ostarbeiterinnen vom 17.01.1944. 

[25] Zitat nach: Hamann: Morde, S. 132.

[26] Abgedruckt in: Bembenek, Lothar (Hrsg.): Hessen hinter Stacheldraht. Verdrängt und vergessen: KZs, Lager, Außenkommandos, Frankfurt am Main 1984, S. 125.

[27] Brüntrup, Marcel: Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik: Die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und die Praxis der Zwangsabtreibungen im Nationalsozialismus, Göttingen 2024, S. 208 und 230.

[28] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 136.

[29] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 14.

[30] Pfaffenwald Waldfriedhof, in: https://polskiegroby.pl/cmentarz.php?jez=de&cmentarzok=611&miejsceok=716&landok=8 (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[31] Pfaffenwald-Gedenkrunde Ehrenfriedhof, in: https://www.geocaching.com/geocache/GC9QY1Z (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[32] Hersfelder Geschichtsverein (Hrsg.): Paffenwald. Zeugnis nationalsozialistischer Gräueltäten in Bad Hersfeld, Bad Hersfeld 2016.

[33] Hamann: Morde, S. 157. 

Mediathek
  • Eltern: Katarzyna W. und Antoni S. Ihr Kind: Antoni Wenek, am 5.10.1943 in Pfaffenwald geboren

    Eigene Collage
  • Das am 10.10.1943 gestorbene Kind Antoni Wenek

    Liste des Standesamts Hersfeld
  • Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

    Lager Pfaffenwald
  • Gedenkkreuz und Grabsteine, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen
  • Namen der Opfer auf der Gedenktafel, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen