Pfaffenwald. Ein Lager, mehrere Verbrechen

Lager Pfaffenwald. Fundament einer Sanitärbaracke (2015, © Martin Engel)
Lager Pfaffenwald. Das Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

Im Jahr 1983 stellte Susanne Hohlmann aus Bad Hersfeld, Autorin einer umfangreichen Lokalstudie fest, dass „das Lager Pfaffenwald ein in Vergessenheit geratener Ort“ sei. In diesem berührenden Buch fragte sie: „Ist es überhaupt möglich, dass im Wald von Asbach und Beiershausen ein Lager stand, in dem mehrere hundert Menschen starben, ohne dass die Bewohner der angrenzenden Dörfer darüber Näheres wissen?“[1] In dieser Hinsicht hat sich mehr als 40 Jahre später nicht viel verändert. Wir wissen nach wie vor sehr wenig über das Lager Pfaffenwald und seine Opfer. Es mangelt zudem an einer angemessenen Erinnerung, da das Lager völlig überwuchert ist. Lediglich eine ein Kilometer entfernte Kriegsgräberstätte erinnert an die Todesopfer. Ziel dieses Textes ist es, die Geschichte des Lagers und der dort begangenen Verbrechen darzustellen. 

 

Reichsautobahnlager 1938–1942
 

Die Geschichte dieses Ortes begann im Sommer 1938, als das Deutsche Reich nach und nach mit Autobahnen überzogen wurde. Auch hier, zwischen den Städten Kirchheim und Hersfeld (heute Bad Hersfeld), wurde eine der Schnellstraßen gebaut, die bis heute wichtige Bundesautobahn „A 4“. Eine besondere bauliche Herausforderung war die Brücke über das Asbachtal. Mit dem Bau dieses Abschnitts wurde die Hersfelder Firma Bolender beauftragt. Neben den deutschen Dienstverpflichteten arbeiteten dort Männer aus dem Sudetenland und aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, für die in unmittelbarer Nähe ein Reichsautobahnlager (RAB-Lager) mit einer Kapazität von etwa 400 Personen eingerichtet wurde. Der Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 erschloss dann ein neues „Reservoir“ an Arbeitskräften, sodass bald darauf auch polnische Zivilisten gegen ihren Willen nach Pfaffenwald kamen. Unter ihnen war der 29-jährige Albert N., der im November 1939 trotz seiner psychischen Erkrankung harte Arbeit verrichten musste.[2] Im Sommer 1940 wurden zudem französische Kriegsgefangene aus dem Stalag IX A Ziegenhain nach Pfaffenwald abkommandiert und in einer separaten, bewachten Baracke untergebracht. Ab Herbst 1941 wurden auch „Ostarbeiter“ zur Arbeit an diesem Autobahnabschnitt eingesetzt. Aus anderen RAB-Lagern wissen wir, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen äußerst hart waren.[3] Darüber hinaus kehrten die Arbeiter nach Abschluss der Autobahnbauarbeiten im Frühjahr 1942 nicht in ihre Heimat zurück, sondern wurden in der damals stark expandierenden Rüstungsindustrie beschäftigt. Doch auch in der Landwirtschaft in der Umgebung von Pfaffenwald war die Zwangsarbeit gang und gäbe. „Jeder Bauer im Dorf hatte seinen Polen“, schrieb einst Susanne Hohlmann.[4]

 

[1] Hohlmann, Susanne: Pfaffenwald: Sterbe- und Geburtenlager 1942–1945, Kassel 1984, S. 14 (abrufbar unter: https://kobra.uni-kassel.de/bitstreams/eb6b513f-1711-49d7-8c9f-b00cbad3a704/download).

[2] Ebner, Susanne: Schizophrene Patienten in der Marburger Universitätspsychiatrie während des Zweiten Weltkrieges, Marburg 2010, S. 67 (Dissertation im Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg, abrufbar unter: https://d-nb.info/1003898238/34).

[3] Vgl. Schmitt-Kölzer, Wolfgang: Polnische Zwangsarbeiter an der „Reichsautobahn“ im Rheinland. Der Leidensweg des Norbert Widok, in: Porta Polonica vom November 2022: https://porta-polonica.de/de/node/1274 (zuletzt aufgerufen am 27.11.2025). 

[4] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 28.

„Hilfskrankenhaus“ Pfaffenwald
 

Das RAB-Lager stand nur wenige Monate leer, bevor es eine neue Bestimmung erhielt. Im Jahr 1942 verschärfte das nationalsozialistische Regime den Umgang mit ausländischen Arbeitskräften im Fall der Arbeitsunfähigkeit. In dem von totalitärer Herrschaft und radikalem Rassismus bestimmten System gab es keinen Platz für kranke Zwangsarbeiter:innen. Um sie von ihren deutschen „Volksgenossen“ zu trennen, wurden zunehmend separate Stationen und sogar „Ausländerkrankenhäuser“ mit „fremdvölkischem“ Personal eingerichtet.[5] Sollte die Arbeitsfähigkeit innerhalb weniger Wochen nicht wiederhergestellt werden, durften die Kranken in ihr Heimatland zurückkehren. Man brachte die „arbeitsunfähigen Ausländer“ in Rückkehrersammellager, die dem Arbeitsamt unterstanden und auf maximale physische Ausbeutung ausgelegt waren.[6] Ein solches Lager wurde im Spätsommer 1942 auch in Pfaffenwald vom Landesarbeitsamt Hessen in Zusammenarbeit mit der Landesversicherungsanstalt eingerichtet. Das Lager bestand aus fünf gemauerten Baracken, wurde überwacht, und die Wachleute misshandelten die dort inhaftierten Frauen, Kinder und Männer. Zwei sowjetische Ärzte kümmerten sich um die über 400 Patient:innen. Die primitiven Bedingungen im Lager ließen keine sterile medizinische Versorgung zu. Verbandsmaterial und Medikamente waren Mangelware. Operationen wurden mit einem Taschenmesser durchgeführt.[7] Ein ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener und Patient in diesem Lager nannte es „Seuchenhölle“. In seinen Memoiren beschrieb er die dortigen Zustände wie folgt: „50 bis 60 Kranke sind in einem 49 Quadratmeter großen Raum zusammengepfercht. Die Betten sind voll belegt, dort liegen sterbende Tuberkulosepatienten, zusammen mit Menschen mit Herzproblemen, Magenbeschwerden, Geschlechtskrankheiten, Geisteskranken usw., oft Schwangere und Frauen, die zur Abtreibung gekommen sind, Männer und Frauen zusammen. Das Stöhnen, Fluchen und Schluchzen der Sterbenden machen das Leben unerträglich.“ Der Verfasser dieses Erlebnisberichtes war sich klar darüber, dass das Lager der physischen Vernichtung der Kranken diente.[8] Marcin B., ein ehemaliger polnischer Krankenlagerinsasse, betonte in einem Interview 1981 besonders die mangelhafte Verpflegung, da man dort nur man nur Brennnesseln erhalten habe sowie „ein kleines Brot für 12 Personen, welches aus Kastanien gebacken wurde. […] Wir sind dann krank geworden von dem Essen. Daran sind wir langsam zugrunde gegangen.“[9]

Die Verstobenen wurden zunächst auf dem Friedhof in Beiershausen und später im nahegelegenen Wald begraben, wobei mehrere Leichen ohne Sarg in ausgehobene Gruben geworfen wurden. Die Kranken wurden trotz ihrer gesundheitlichen Probleme zur Arbeit gezwungen, zumeist im Wald und auf umliegenden Bauernhöfen. Unter den Internierten im Lager war auch der zehnjährige Mitka Kalinski, der krank aus dem Konzentrationslager Dachau gekommen war. Im Dezember 1942 verließ er das Lager und wurde zur Zwangsarbeit in Rotenburg an der Fulda eingezogen.[10]

Spätestens mit dem Erlass des Reichsarbeitsministeriums vom 21. Mai 1943 wurde ein Rückführungsstopp angeordnet, was bedeutete, dass Kranke nicht mehr in ihre Heimat zurückgebracht wurden.[11] Die Krankenlager wurden damit endgültig zu Sterbelagern. Während die Schwerstkranken in diesen Lagern ohne medizinische Hilfe qualvoll starben, sollten psychisch kranke polnische und sowjetische Insassen in einem der elf Sammelzentren im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasieaktion „T4“ getötet werden, unter anderem in der Landesheilanstalt Hadamar.[12] Mehrere „Geisteskranke“ aus dem Krankenlager in Pfaffenwald fanden dort ihren Tod.[13]

Als unheilbar krank und damit arbeitsunfähig galten auch Zwangsarbeiter:innen mit Tuberkulose, die in Unterkünften einfachster Form isoliert wurden. Aus Sicht des für diese Region zuständigen Arbeitsamts in Hersfeld, welches dem Gauarbeitsamt Kurhessen unterstellt war, erschien das Lager Pfaffenwald mit seinen primitiven Baracken sehr gut dafür geeignet, Tuberkulosepatienten unterzubringen. Allerdings erhielten sie dort keine medizinische Versorgung; entweder wurden sie ihrem Schicksal überlassen oder auf Anordnung des Arbeitsamts mit Sammeltransporten von Pfaffenwald in die 150 Kilometer entfernte Landesheilanstalt Hadamar gebracht, wo sie im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ ermordet wurden. Mit diesen Transporten „sank in Pfaffenwald die offiziell angegebene Mortalität stark ab“. Insgesamt wurden in Hadamar 180 Kranke aus dem „Hilfskrankenhaus Pfaffenwald“ mit Gas getötet. In einigen Fällen befanden sich unter den Transporten auch Mütter mit Neugeborenen, für die keine ärztliche Einweisung vorlag.[14]

 

[5] Woniak, Katarzyna: Polen als Patienten während der NS-Zwangsarbeit, in: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Philosophica. Ethica-Aesthetica-Practica 37/2020, S. 51–66.

[6] Schäfer, Annette: Durchgangs- und Krankensammellager im Zweiten Weltkrieg: Schnittstelle zwischen „Arbeit“ und „Vernichtung“ beim Zwangsarbeitereinsatz, in: Frewer, Andreas/Siedbürger, Günther (Hrsg.): Medizin und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Einsatz und Behandlung von „Ausländern“ im Gesundheitswesen, Frankfurt am Main 2004, S. 203–227.

[7] Hamann, Matthias: Die Morde an polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern in deutschen Anstalten, in: Aly, Götz (Hrsg.): Aussonderung und Tod: die klinische Hinrichtung der Unbrauchbaren, Berlin [West] 1985, S. 121–187, hier 124.

[8] Sowjetische Zeitzeugen der NS-Herrschaft: Erinnerungen von Pantelejew, https://qed.perspectivia.net/soviet-survivors-backend/receive/sovsurv_mods_00000380, S. 4 (eigene Übersetzung aus dem Russischen, zuletzt aufgerufen am 1.12.2025). 

[9] Transkript des Gesprächs mit Marcin B. vom 2.09.1981, in: Archiv der Gedenkstätte Breitenau, Sign. 515, S. 38–39.

[10] Brallier, Steven W. u.a. (Hrsg.): Ich war doch noch ein Junge. Ein Holocaustüberlebender versöhnt sich mit seiner Vergangenheit, Holzgerlingen 2023, S. 29–41.

[11] Lilienthal, Georg: Das Schicksal von „Ostarbeiter“-Kinder am Beispiel der Tötungsanstalt Hadamar; in: Beddies, Thomas/Hübener, Kristina (Hrsg.): Kinder in der NS-Psychiatrie, Berlin 2004, S. 167–184, hier 170.

[12] Hördler, Stefan/Rachbauer, Markus/Schwanninger, Florian: Die Ermordung der „Unproduktiven“. Zwangsarbeiter als Opfer der NS-Euthanasie, in: Hördler, Stefan u.a. (Hrsg.): Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Begleitband zur Ausstellung, Göttingen 2016, S. 232–243.

[13] Hamann: Morde, S. 168–170.

[14] Lilienthal: Schicksal, S. 180. Aus Pfaffenwald wurde u. a. die belarusische Familie Gawrow nach Hadamar gebracht und dort getötet. Siehe: https://www.gedenkstaette-hadamar.de/blog/2024/07/29/hadamar1942bis1945-familie-gawrow/ (zuletzt aufgerufen am 6.02.2026).

„Entbindungsheim“
 

Die Schwangerschaften polnischer und osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen waren für den NS-Staat in zweifacher Hinsicht unerwünscht. Zum einem war die Arbeitskraft während der Schwangerschaft entweder für eine gewisse Zeit oder sogar dauerhaft nicht verfügbar. Zweitens stellten Neugeborene einen unerwünschten Zuwachs der „rassisch minderwertigen” Bevölkerung dar. Aus wirtschaftlicher und rassistischer Sicht galt es, beide Folgen zu verhindern. In den ersten Jahren des Zwangsarbeitssystems wurden schwangere Polinnen noch meistens in ihre Heimat zurückgesandt. Doch seit 1943 kam es zu einem Politikwechsel. Im Reichsarbeitsministerium wurde beschlossen, dass schwangere Polinnen und Bürgerinnen der Sowjetunion nicht nach Hause geschickt werden, sondern in der Nähe ihres Arbeitsplatzes entbinden sollten. Die Landesarbeitsämter hatten in Zusammenarbeit mit Betrieben entsprechende Entbindungsmöglichkeiten mit guter verkehrstechnischer Erreichbarkeit sicherzustellen. Das Lager Pfaffenwald mit der Bahnlinie im nahliegenden Asbach eignete sich für diese neue Aufgabe passgenau, weshalb dort ein „Entbindungsheim“ für osteuropäischen Frauen aus Nordhessen eingerichtet wurde. Die ersten Geburten hatten schon im September 1942 stattgefunden. Insgesamt wurden im Lager 758 Geburten standesamtlich registriert, von denen offiziell 53 Kinder starben.[15] In dieser Zahl ist die Anzahl der Totgeburten nicht enthalten; sie wurden vermutlich überhaupt nicht erfasst. Da Pfaffenwald zum Zuständigkeitsbereich der Standesämter in Hersfeld und Kerspenhausen gehörte, wurden Geburten und Sterbefälle dort gemeldet. Mindestens 114 der Kinder waren polnischer Herkunft.[16] Die polnische Datenbank straty.pl („Verluste“) verzeichnet zahlreiche Geburten lediglich mit der Angabe „Hersfeld-Beiershausen“ oder „Hersfeld“. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich diese Einträge auf das Lager Pfaffenwald beziehen.[17] Mehr als 50 Jahre später konnten einige Überlebende, die damaligen polnische Kinder, dank Zahlungen der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung Entschädigung beantragen. Im Archiv der Neuen Akten (Archiwum Akt Nowych) in Warschau gibt es einen Bestand, der die Anträge auf Entschädigung umfasst. Diese wertvollen autobiografischen Zeugnisse könnten ein Ausgangspunkt für künftige Forschungen über die Geschichte des Lagers Pfaffenwald und seiner Opfer sein. 

Das Schicksal der meisten Neugeborenen ist jedoch weitgehend unbekannt. Sicher ist, dass viele Kinder in Pfaffenwald innerhalb weniger Wochen oder Monate nach der Geburt starben, was darauf hindeutet, dass sie unter katastrophalen Bedingungen gelebt haben müssen. Manche Kinder überlebten nur wenige Tage, wie z. B. Krystyna Derejak, die am 4. März 1945 in diesem Lager geboren wurde und am 21. März, kurz vor der Ankunft der Amerikaner, an „Herzschlag“ starb.[18] Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Kinder auch durch Injektionen oder pseudomedizinische Experimente gezielt getötet wurden. Daher reihte Susanne Hohlmann Pfaffenwald in die Orte ein, „in denen die systematische Ausrottung des sogenannten ‚unerwünschten Volkstums‘“ stattfand.[19]

Manche Mütter konnten ihre Kinder in die bisherige Arbeitsstätte mitnehmen. Da ihre Arbeitskraft unabdingbar war, wurden ihnen oft die Kinder weggenommen und in „Ausländerkinder-Pflegestätten“ untergebracht.[20] Die Sterblichkeit war dort besonders hoch. Es war nur selten möglich, dass die Frauen ihren Nachwuchs mit zur Arbeit nehmen konnten. Anastazja S. brachte in Pfaffenwald ein Kind zur Welt. Sie arbeitete als Landarbeiterin in der Nähe von Wiesbaden und wurde im September 1944 vom Arbeitsamt zur Entbindung nach Pfaffenwald gebracht. Unmittelbar nach der Geburt kehrte sie mit ihrem neugeborenen Sohn zu ihrem Arbeitgeber zurück. Ihr Kind lebte jedoch nur drei Monate. Es hat sich vermutlich nie von den verheerenden Bedingungen in Pfaffenwald erholt.[21]

Eugenia B. hatte mehr Glück. Geboren am 27. Mai 1944 in Pfaffenwald, kam sie eine Woche später mit ihrer Mutter ins katholische Kinderheim in Marburg. Am 8. Juni 1944 kehrten Mutter und Kind nach Allendorf zurück. Dort war Eugenias Vater, Stanisław B., seit Anfang 1940 als Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit gezwungen worden. Eugenias Mutter, die ebenfalls Eugenia hieß, lebte bis August 1943 in ihrem Heimatdorf Osuchy im Kreis Biłgoraj. Als die Deutschen im Zuge der „Aktion Zamość“ brutale Deportationen durchführten, floh sie mit ihrem einjährigen Sohn Stanisław zu seinem Vater nach Allendorf und arbeitete dort ebenfalls. Nach dem Krieg, als polnische Paare endlich die Erlaubnis zur Heirat erhielten, heirateten sie – kein Zufall – am ersten Geburtstag ihrer Tochter, dem 27. Mai 1945. 1947 wurde ihr drittes Kind, Barbara, im DP-Lager Wildflecken geboren. Zusammen mit ihren drei Kindern wanderte die Familie 1949 von Wildflecken nach Australien aus.[22]

Der Aufenthalt im Entbindungslager Pfaffenwald war eine Tragödie für werdende Eltern und neugeborene Kinder, wie man an der Geschichte von Katarzyna W. und Antoni S. sehen kann. Beide stammten aus derselben Region im Generalgouvernement und beide waren gezwungen, bei demselben Bauer in Sontra-Hornel in Nordhessen zu arbeiten. Katarzyna wurde im Mai 1940 zur Zwangsarbeit deportiert. Antoni kämpfte in der polnischen Armee, geriet nach der Kapitulation in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde zunächst im Stalag Altengrabow und seit 1940 im Stalag Ziegenhain interniert. Die gemeinsame Arbeit auf dem Bauernhof und die gemeinsam ertragenen Strapazen brachten Katarzyna und Antoni einander näher. Bald darauf erwartete das Paar Nachwuchs. Gemäß dem oben genannten Erlass wurde die Polin nach Pfaffenwald gebracht. Ihr Sohn Antoni kam hier im Oktober 1943 zur Welt, lebte aber nur fünf Tage. Nach diesem traumatischen Erlebnis kehrte Katarzyna zu ihrem Arbeitgeber und zu dem Kindsvater Antoni zurück. Ende 1944 kamen beide auf einen anderen Bauernhof in der Gegend, und ihr zweiter Sohn, Marian, wurde dort im Februar 1945 geboren. Man kann annehmen, dass sie alles dafür taten, dass die Geburt nicht wieder in Pfaffenwald stattfinden würde, sondern dort, wo sie lebten und arbeiteten. Ihr zweites Kind überlebte. Kurz nach dem Krieg heirateten Katarzyna und Antoni und beantragten zusammen mit ihrem Sohn im DP-Lager in Coburg die Auswanderung in die USA, da für sie die politische Lage im Nachkriegspolen eine Rückkehr zu keiner Option machte.[23]

Im Lager Pfaffenwald, wie in anderen rassistischen Einrichtungen dieser Art, wurden medizinische und menschliche Bedürfnisse hochschwangerer Polinnen und Ostarbeiterinnen missachtet, was u. a. dazu führte, dass viele Frauen bei der Geburt starben. Oberste Priorität war es, die Zwangsarbeiterinnen nach der Entbindung so schnell wie möglich wieder zur Arbeit zu zwingen. Viele Frauen verbrachten mehrere Monate ihrer Schwangerschaft in Pfaffenwald und arbeiteten dort bis zur Geburt. Sie litten unter Hunger, Kälte und Erschöpfung.

 

[15] Hamann: Morde, S. 130.

[16] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 139.

[17] Siehe z. B. die Angaben zu Aleksander Koman: https://straty.pl/szukaj-mrk.php (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[19] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 146 und 155–156.

[20] Die „Ausländerkinder-Pflegestätten“ sind in der Geschichtswissenschaft mittlerweile gut erforscht. Siehe u. a.: Prieler-Woldan, Maria: „Vielleicht hätte ich eine Familie. Vielleicht hat jemand um mich geweint“. Das „fremdvölkische“ Kinderheim in Spital am Pyhrn 1943–1945, Innsbruck 2023.

[21] Götz, Hartmann: Kinder von Zwangsarbeiterinnen und ihre Gräber, in: archiv nachrichten aus hessen, Sonderheft 2023, S. 34–38.

[22] Arolsen Archives, 2.1.1/70453592: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/70453592; 3.1.1/66497385: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/66497385. Siehe auch: Nils Bernahrd, Was waren „Ausländer“? Displaced Persons, Geflüchtete und Vertriebene in der Behördensprache der Nachkriegszeit am Beispiel von Eheschließungsurkunden in Allendorf 1946–1947, Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Stadtallendorf 2024, S. 41 (unveröffentlichtes Manuskript: https://www.diz-stadtallendorf.de/site/assets/files/1/auslander_diz_studien_7_bernhardt.pdf).

Zwangsabtreibungen
 

Der Erlass über die Behandlung schwangerer osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen vom Mai 1943, ebnete den Weg für Zwangsabtreibungen, selbst in fortgeschrittenen Stadien einer Schwangerschaft, sofern die „Gefahr“ bestand, dass ein „rassisch unerwünschtes Kind“ zur Welt gebracht würde. Die Schwangerschaften der Polinnen waren der Gestapo unter Angabe des Monats der Schwangerschaft und der Volks- bzw. Staatszugehörigkeit des Partners unverzüglich zu melden. Dieser Meldung sollte auch die schriftliche Einwilligung der Polin zum Schwangerschaftsabbruch beigefügt werden. Im Falle einer Einwilligungsverweigerung konnte die Gestapo die betreffende Polin verhaften. Jegliche administrativen Verzögerungen sollten vermieden werden, da „ein Eingriff sofort erfolgen muss“.[24]

In vielen Fällen wurden Schwangerschaften jedoch ohne die Zustimmung der Frauen abgebrochen oder ihre Zustimmung wurde erzwungen. Im April 1944 verweigerten in Pfaffenwald acht Zwangsarbeiterinnen aus der Sowjetunion und Polen eine Abtreibung, obwohl sie zuvor unter Druck der Behörden zugestimmt hatten. Das medizinische Personal vor Ort verzichtete jedoch auf die Durchführung der Zwangsabtreibungen und erkundigte sich vorerst nach der Rechtslage, „wonach solche Ausländerinnen zur Unterbrechung gezwungen werden können.“[25] Ein weiteres Problem war der Mangel an „ärztlichen Instrumenten“, was bedeutete, dass zuständige sowjetische Ärzte nicht alle ihnen zugewiesenen Fälle sofort erledigen konnten.[26] Tatsächlich heben neuere historische Forschungen Ambivalenzen in diesem Bereich hervor. Einerseits weigerten sich einige Ärzte, Abtreibungen durchzuführen, andererseits sind intensive Bemühungen der regionalen Behörden um „Schwangerschaftsunterbrechung“ zu beobachten.[27] Die Abtreibung bot auf jeden Fall die Möglichkeit, dass die betroffene Frau in kurzer Zeit wieder arbeiten konnte. 

Es ist nicht möglich, die Anzahl der in Pfaffenwald durchgeführten Abtreibungen zu ermitteln. Ebenso schwierig ist es, die Zahl der Frauen zu schätzen, die durch Zwangsabtreibungen nachhaltige gesundheitliche Schäden erlitten haben oder gestorben sind. Einzig sicher ist der unglaubliche Schmerz und das psychische wie physische Leid der betroffenen Frauen. Erst mit der Ankunft der Amerikaner am 30. März 1945 fanden die NS-Verbrechen in diesem Lager ein Ende. 

Im Jahr 1947 wurde ein Prozess gegen einen Angehörigen des Wachpersonals wegen Misshandlung der Lagerinsassen eingeleitet, der 1949 wegen Mangel an Beweisen eingestellt wurde.[28] Danach griff die deutsche Justiz die Verbrechen von Pfaffenwald nicht mehr auf.

 

Gedenken
 

Die Anwohner wussten von der Existenz des Lagers, zeigten aber kein großes Interesse daran.[29] Nach dem Krieg wurde das Gebiet schnell überwuchert und geriet in Vergessenheit. Lediglich die Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen wurde im Jahr 1960 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtet, wo über 400 Opfer aus Pfaffenwald und anderen exhumierten Friedhöfen der Region beigesetzt wurden. Zwei Bronzetafeln mit den Namen von 453 Opfern wurden in die Friedhofsmauer eingelassen. Auf einer Tafel steht geschrieben: „Hier ruhen 453 Kriegstote, die in der schweren Zeit 1940–1945 fern ihrer Heimat starben“. Auf der zweiten Tafel befindet sich die russische Übersetzung. In dieser Form hat der Friedhof bis heute überdauert und am Volkstrauertag finden hier Gedenkfeiern statt. Es wäre sicherlich sinnvoll, die Gedenkinschrift um einen Text in polnischer Sprache zu ergänzen, da mindestens 46 der eingravierten Namen polnische Opfer sind.[30] Eine weitere Möglichkeit, sich mit der Geschichte dieses Ortes vertraut zu machen, ist eine Wanderung mit der Geocache-App „Pfaffenwald-Gedenkrunde”.[31] Im Jahr 2016 rekonstruierte der Hersfelder Geschichtsverein einen Lageplan des Lagers und brachte ihn in Form einer Tafel an der historischen Stelle an. Ferner veröffentlichte er eine Informationsbroschüre mit dem Titel „Pfaffenwald. Zeugnis nationalsozialistischer Gräueltäten in Bad Hersfeld“. Darin wurde zu Recht kritisiert, dass die Gedenktafeln nicht einmal die Herkunft der Opfer erwähnen, geschweige denn ihre individuellen Geschichten erzählen.[32]

Das ehemalige Lagergelände selbst ist vollständig von der Natur zurückerobert worden. Es ist weitgehend bewaldet und nur vereinzelt finden sich noch die Fundamente der Baracken. Man kann kaum erahnen, dass an diesem Ort Rassismus und wirtschaftliche Ausbeutung zum Tod vieler Menschen polnischer und osteuropäischer Herkunft führten.

 

Pfaffenwald war zunächst ein Arbeitslager und ab der zweiten Hälfte des Krieges ein Ort des Todes für kranke osteuropäische Zwangsarbeiter:innen, schwangere Frauen und ihre neugeborenen Kinder. Bis Kriegsende hatten in diesem „Hilfskrankenhaus“ mindestens 376 Menschen ihr Leben verloren.[33] Viele Kinder, die unter diesen katastrophalen Bedingungen in Pfaffenwald geboren wurden, starben jedoch in den folgenden Wochen und Monaten, u. a. in den „Ausländerkinder-Pflegestätten“. Auch die entkräfteten Mütter litten nach den Entbindungen oder Zwangsabtreibungen und kamen nicht selten auch ums Leben. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an dieses Lager auch vor Ort in Form einer angemessenen, dem Stand historischer Forschung entsprechenden Beschilderung sichtbar zu machen.

 

Katarzyna Woniak, März 2026

 

[24] Arolsen Archives, 4.1.2 / 81794715, Schwangerschaftsunterbrechungen bei Ostarbeiterinnen vom 17.01.1944. 

[25] Zitat nach: Hamann: Morde, S. 132.

[26] Abgedruckt in: Bembenek, Lothar (Hrsg.): Hessen hinter Stacheldraht. Verdrängt und vergessen: KZs, Lager, Außenkommandos, Frankfurt am Main 1984, S. 125.

[27] Brüntrup, Marcel: Zwischen Arbeitseinsatz und Rassenpolitik: Die Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und die Praxis der Zwangsabtreibungen im Nationalsozialismus, Göttingen 2024, S. 208 und 230.

[28] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 136.

[29] Hohlmann: Pfaffenwald, S. 14.

[30] Pfaffenwald Waldfriedhof, in: https://polskiegroby.pl/cmentarz.php?jez=de&cmentarzok=611&miejsceok=716&landok=8 (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[31] Pfaffenwald-Gedenkrunde Ehrenfriedhof, in: https://www.geocaching.com/geocache/GC9QY1Z (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

[32] Hersfelder Geschichtsverein (Hrsg.): Paffenwald. Zeugnis nationalsozialistischer Gräueltäten in Bad Hersfeld, Bad Hersfeld 2016.

[33] Hamann: Morde, S. 157. 

Mediathek
  • Eltern: Katarzyna W. und Antoni S. Ihr Kind: Antoni Wenek, am 5.10.1943 in Pfaffenwald geboren

    Eigene Collage
  • Das am 10.10.1943 gestorbene Kind Antoni Wenek

    Liste des Standesamts Hersfeld
  • Fundament einer Sanitärbaracke, 2015

    Lager Pfaffenwald
  • Gedenkkreuz und Grabsteine, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen
  • Namen der Opfer auf der Gedenktafel, 2015

    Kriegsgräberstätte Pfaffenwald-Beiershausen