Polnische Plakatkunst in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit

Jan Lenica, Wozzeck, 1964
Jan Lenica, Wozzeck, 1964

Begleitend zu den Ausstellungen leisteten auch Zeitschriften und Buchpublikationen Vermittlungsarbeit in der Bundesrepublik. Besonders engagiert war der Bund deutscher Gebrauchsgraphiker, der in seiner bereits erwähnten Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“ regelmäßig über polnische Plakatkunst berichtete. Gleiches gilt für die legendäre Monatsschrift „Polen“ des Warschauer Polonia-Verlags; sie erschien in mehreren europäischen Ländern, darunter auch in einer west- und einer ost-deutschen Ausgabe, und erfreute sich in der Bundesrepublik schon aufgrund ihrer erfrischenden Aufmachung einer breiten Leserschaft. (Abb. 18)

Hinzu kamen verschiedene Buchpublikationen, darunter der Band „Polnische Plakatkunst“ von Józef Mroszczak, der 1962 in deutscher Sprache erschien, einführende Beiträge von Jan Lenica und Jan Białostocki enthielt und mit Beispielen von über 40 Künstlern ein breites Panorama zeitgenössischer polnischer Plakatkunst entfaltete.[14]

Gegen Ende der 1960er Jahre verebbte die Polnische Welle in der Bundesrepublik allmählich. Dafür wurde im Dezember 1970 im Zuge der Neuen Ostpolitik unter Willy Brandt der Warschauer Vertrag unterzeichnet, der die Grundlagen schuf für die Normalisierung des polnisch-bundesdeutschen Verhältnisses und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Damit wurden auch die kulturellen Kontakte unter neue Vorzeichen gestellt und eine neue, kleine polnische Welle ausgelöst.

Polnische Plakate und Plakatkünstler erfreuten sich weiterhin ungebrochener Popularität (auch wenn ihre Qualität in den Augen mancher Kritiker „ihren Zenit überschritten“ hatte[15]), aber auch die zunehmende Musealisierung setzte sich fort. So war gleich eine der ersten Ausstellungen des neu gegründeten Deutschen Plakatmuseums in Essen 1971 „Vier polnischen Plakatkünstlern“ gewidmet, nämlich Roman Cieślewicz, Jan Lenica, Józef Mroszczak und Henryk Tomaszewski.[16] Auch die große Retrospektive „Polnische Plakate der Nachkriegszeit“ in der Neuen Sammlung München von 1984 wurde komplett aus den eigenen Beständen zusammengestellt.[17]

Neue Namen und neue Bildsprachen kamen in den 1970er und 1980er Jahren hinzu, vor allem Plakate von Franciszek Starowieyski (1930-2009) waren in dieser Zeit gefragt. (Abb. 19-20)

Daneben blieben weiterhin einige der Plakatkünstler in der Bundesrepublik präsent, die bereits seit den späten 1950er und frühen 1960er Jahren regelmäßig auf Ausstellungen vertreten gewesen waren, allen voran Roman Cieślewicz[18] und Jan Lenica. Vor allem Lenica blieb der Bundesrepublik eng verbunden. Er hatte sich dort inzwischen nicht nur als Plakatkünstler einen Namen gemacht, sondern auch als Trickfilmkünstler, Bühnenbildner und Kinderbuchillustrator, wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. bereits 1965 mit dem Bundesfilmpreis sowie 1980 mit dem Plakatpreis der Stadt Essen; auch war er an der Plakat-Edition „Olympia“ für die Olympischen Spiele in München 1972 beteiligt (s. Abb. 17 oben); 1979 erhielt er die neu geschaffene Professur für Animationsfilm an der Kunsthochschule Kassel, und auch als Gestalter von Postwertzeichen für die Deutsche Bundespost (etwa zum Internationalen Friedensjahr 1986) hinterließ er Spuren in der westdeutschen Gebrauchsgrafik-Landschaft. (Abb. 21)

 

[14] Józef Mroszczak, Polnische Plakatkunst, Wien und Düsseldorf 1962.

[15] FAZ, 24.7.1972, S. 22.

[16] „Vier polnische Plakatkünstler“, Essen, Deutsches Plakatmuseum, 1.-30.9.1971.

[17] „Polnische Plakate der Nachkriegszeit. Eine Auswahl aus den verborgenen Depots“, München, Die Neue Sammlung, März-Mai 1984.

[18] Cieślewicz z. B. widmete das Deutsche Polen-Institut 1984 eine Retrospektive in der Kunsthalle Darmstadt: „Roman Cieslewicz: Plakate, Affiches, Posters, Collages“, Darmstadt, Kunsthalle, 30.9.-11.11.1984.

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  • Eines der rund 180 Plakate, die 1962 in München zu sehen waren: Wojciech Fangor, Czarna Carmen (Carmen Jones), 1959

    Abb. 1: Wojciech Fangor, Czarna Carmen (Carmen Jones), 1959

    Eines der rund 180 Plakate, die 1962 in München zu sehen waren: Wojciech Fangor, Czarna Carmen (Carmen Jones), 1959
  • Ebenfalls auf der Münchner Ausstellung vertreten: Józef Mroszczak, Student żebrak (Der Bettelstudent), 1961

    Abb. 2: Józef Mroszczak, Student żebrak (Der Bettelstudent), 1961

    Ebenfalls auf der Münchner Ausstellung vertreten: Józef Mroszczak, Student żebrak (Der Bettelstudent), 1961
  • Gezeigt wurde in München 1962 auch ein Plakat, das zu einem der berühmtesten Beispiele polnischer Plakatkunst wurde: Henryk Tomaszewski, Henry Moore, 1959

    Abb. 3: Henryk Tomaszewski, Henry Moore, 1959

    Gezeigt wurde in München 1962 auch ein Plakat, das zu einem der berühmtesten Beispiele polnischer Plakatkunst wurde: Henryk Tomaszewski, Henry Moore, 1959
  • Kulturplakate waren in Polen allgegenwärtig – so jedenfalls wurde einem westlichen Publikum gerne suggeriert

    Abb. 4: Kulturplakate in Polen

    Kulturplakate waren in Polen allgegenwärtig – so jedenfalls wurde einem westlichen Publikum gerne suggeriert zwei Aufnahmen aus Józef Mroszczak, Polnische Plakatkunst, Wien und Düsseldorf 1962, o. P.
  • Ausstellungen polnischer Plakatkunst in der Bundesrepublik 1964-1966, Übersicht

    Abb. 5: Ausstellungen polnischer Plakatkunst in der BRD 1964-1966, Übersicht

    Ausstellungen polnischer Plakatkunst in der Bundesrepublik 1964-1966, Übersicht
  • Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“, Darmstadt, Warenhaus Henschel&Ropertz, Oktober 1964

    Abb. 6: Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“

    Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“, Darmstadt, Warenhaus Henschel&Ropertz, Oktober 1964
  • Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“, Darmstadt, Warenhaus Henschel&Ropertz, Oktober 1964

    Abb. 7: Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“

    Blick in die Ausstellung „Meisterwerke polnischer Plakatkunst“, Darmstadt, Warenhaus Henschel&Ropertz, Oktober 1964
  • Henryk Tomaszewski, 22 Lipca (22. Juli), 1960

    Abb. 8: Henryk Tomaszewski, 22 Lipca (22. Juli), 1960

    Henryk Tomaszewski, 22 Lipca (22. Juli), 1960
  • Fot. W. Zamecznik, Józef Mroszczak, 1962

    Abb. 9: Fot. W. Zamecznik, Józef Mroszczak

    Fot. W. Zamecznik, Józef Mroszczak, 1962
  • Józef Mroszczak, Don Carlos, 1963

    Abb. 10: Józef Mroszczak, Don Carlos, 1963

    Józef Mroszczak, Don Carlos, 1963
  • Fot. W. Zamecznik, Roman Cieślewicz, 1962

    Abb. 11: Fot. W. Zamecznik, Roman Cieślewicz, 1962

    Fot. W. Zamecznik, Roman Cieślewicz, 1962
  • Roman Cieślewicz, Zawrót głowy (Vertigo), 1963

    Abb. 12: Roman Cieślewicz, Zawrót głowy (Vertigo), 1963

    Roman Cieślewicz, Zawrót głowy (Vertigo), 1963
  • Jan Lenica, 1962

    Abb. 13: Jan Lenica, 1962

    Jan Lenica, 1962, Fot. W. Zamecznik
  • Jan Lenica, Wozzeck, 1964 


    Abb. 14: Jan Lenica, Wozzeck, 1964

    Jan Lenica, Wozzeck, 1964 

  • Jan Lenica, Faust, 1964

    Abb. 15: Jan Lenica, Faust, 1964

    Jan Lenica, Faust, 1964
  • Jan Lenica, Otello, 1968

    Abb. 16: Jan Lenica, Otello, 1968

    Jan Lenica, Otello, 1968
  • Jan Lenica, Olympische Spiele München 1972

    Abb. 17: Jan Lenica, Olympische Spiele München 1972

    Jan Lenica, Olympische Spiele München 1972
  • Monatsschrift Polen, Ausgabe BRD, 1961, Nr. 12

    Abb. 18: Monatsschrift Polen, Ausgabe BRD, 1961, Nr. 12

    Monatsschrift Polen, Ausgabe BRD, 1961, Nr. 12
  • Franciszek Starowieyski, Gombrowicz: Operetka, 1977

    Abb. 19: Franciszek Starowieyski, Gombrowicz: Operetka, 1977

    Franciszek Starowieyski, Gombrowicz: Operetka, 1977
  • Franciszek Starowieyski, Samuel Zborowskii, J. Słowacki, 1980

    Abb. 20: Franciszek Starowieyski, Samuel Zborowskii, J. Słowacki, 1980

    Franciszek Starowieyski, Samuel Zborowskii, J. Słowacki, 1980
  • Deutsche Bundespost, Briefmarke zum Internationalen Friedensjahr der Vereinten Nationen 1986, Entwurf Jan Lenica

    Abb. 21: Briefmarke zum Internationalen Friedensjahr der Vereinten Nationen 1986

    Deutsche Bundespost, Briefmarke zum Internationalen Friedensjahr der Vereinten Nationen 1986, Entwurf Jan Lenica
  • Tomasz Sarnecki, Solidarność. W samo poludnie (Solidarność. Zwölf Uhr mittags), 1989

    Abb. 22: Tomasz Sarnecki, Solidarność

    Tomasz Sarnecki, Solidarność. W samo poludnie (Solidarność. Zwölf Uhr mittags), 1989
  • Die Zeitschrift „Jenseits der Oder“ wurde herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit Polen. Vor dem Hintergrund des Bonner Grenzvorbehalts war bereits der Titel der Zeitschrift eine politische Provokation.

    Abb. 23: Zeitschrift „Jenseits der Oder“

    Die Zeitschrift „Jenseits der Oder“ wurde herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Kultur- und Wirtschaftsaustausch mit Polen. Vor dem Hintergrund des Bonner Grenzvorbehalts war bereits der Ti...
  • Jan Lenica, Wizyta starszej pani (Der Besuch der alten Dame), 1958

    Abb. 24: Jan Lenica, Wizyta starszej pani (Der Besuch der alten Dame), 1958

    Jan Lenica, Wizyta starszej pani (Der Besuch der alten Dame), 1958
  • Leszek Hołdanowicz, Pasażerka, 1963

    Abb. 25: Leszek Hołdanowicz, Pasażerka, 1963

    Leszek Hołdanowicz, Pasażerka, 1963
  • Leszek Hołdanowicz, Bariera, 1966

    Abb. 26: Leszek Hołdanowicz, Bariera, 1966

    Leszek Hołdanowicz, Bariera, 1966
  • Erste Internationale Plakat-Biennale Warschau, 1966

    Abb. 27: Erste Internationale Plakat-Biennale Warschau, 1966

    Erste Internationale Plakat-Biennale Warschau, 1966