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Szenische Lesung in Haren (Ems): Graphic Novel „Maczków“ wird auf besondere Weise lebendig

Graphic Novel: MACZKÓW. Eine deutsch-polnische Nachkriegsgeschichte von Marta Schwierz, Rüdiger Ritter und Greta von Richthofen, hrsg. von Porta Polonica
Graphic Novel: MACZKÓW. Eine deutsch-polnische Nachkriegsgeschichte, von Marta Schwierz, Rüdiger Ritter und Greta von Richthofen, hrsg. von Porta Polonica

Mitte Mai veranstaltete das Gymnasium Haren in Kooperation mit dem Dokumentations- und Begegnungszentrum Haren/Maczków eine szenische Lesung zur Graphic Novel „MACZKÓW. Eine deutsch-polnische Nachkriegsgeschichte“. Herausgegeben von PORTA POLONICA und im März 2025 im BeBra Verlag erschienen, verbindet die Graphic Novel von Marta Schwierz, Rüdiger Ritter und Greta von Richthofen historische Ereignisse mit einer persönlichen, wenn auch fiktionalen Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen der Polin Anna und dem Deutschen Johann. Ihre Liebe muss im Verborgenen bleiben und wird durch die Feindschaft ihrer Herkunftsländer, aber auch durch persönliche Verluste, Misstrauen, gesellschaftliche Zwänge und die schwierige Nachkriegsrealität immer wieder auf die Probe gestellt. 

Sechs Schauspieltalente der Theater-AG am Gymnasium Haren unter der Leitung von Katrin Kleesiek-Herding beschäftigten sich intensiv mit der Graphic Novel und brachten ausgewählte Schlüsselszenen auf die Bühne. Licht- und Tontechnik sowie historische Bildprojektionen aus der Zeit, in der Haren für drei Jahre Maczków hieß, unterstützten die Inszenierung eindrucksvoll. Die schauspielerischen Leistungen überzeugten, machten die fiktionale Handlung greifbar und holten das Publikum in die konfliktreiche, angespannte Nachkriegszeit.

Dr. Rüdiger Ritter, Co-Autor und Historiker am Harener Dokumentationszentrum Inselmühle, kontextualisierte die historischen Hintergründe und Einzelereignisse der Jahre 1945 bis 1948 – einer Zeit, in der die britische Militärregierung die Evakuierung Harens anordnete, polnische Displaced Persons in die Stadt zogen und unter dem Namen Maczków eine eigene polnische Gemeinde aufbauten. Seine Erklärungen füllten damit eindrucksvoll die Zwischenszenen. 

Auch Lykka Herding, Schülerin im Jahrgang 12, trug zur Lesung bei. Sie analysierte die Beziehung der Protagonist:innen und reflektierte deren Konflikte und Erwartungen, insbesondere vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und familiären Ablehnung deutsch-polnischer Verbindungen in dieser Zeit. Im Rahmen ihrer Facharbeit hatte sie sich in den Wochen zuvor bereits intensiv damit beschäftigt, inwiefern die Darstellung der Erfahrungen der Protagonist:innen dazu beitragen kann, das gegenseitige Verständnis zwischen Polen und Deutschen zu fördern. Dabei rückte sie besonders die einseitige und wenig empathische Sichtweise vieler Harener:innen auf die polnischen Displaced Persons in den Fokus, die über Jahrzehnte wenig Raum für Verständnis und differenzierte Betrachtung ließ.

Die szenische Lesung war mehr als nur eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Verbindung von Fiktion und historischer Authentizität, die Nähe von Ort und Handlung sowie das beeindruckende Engagement der Schüler:innen machten die Aufführung zu etwas Besonderem – zumal sie im Forum des Schulzentrums stattfand, genau an jenem Ort, an dem auch die Protagonistin Anna ihr Abitur in Maczków absolvierte.

Während die Graphic Novel in anderen Regionen Deutschlands vor allem spannend, berührend und informativ wirkt, ergibt sich in Haren die Chance, dass sie Teil eines kollektiven Erinnerns wird. Sie weckt Erinnerungen, die bislang nur in Erzählungen weitergegeben wurden: Innerhalb von Familien, besonders von Großeltern, die die Zeit selbst erlebt haben. Ganz sicher waren unter den Gästen im Forum auch Harener:innen, die die Maczków-Zeit eventuell noch persönlich erfahren haben. 

In einer Zeit, in der Zeitzeug:innen zunehmend verschwinden, wird deutlich, wie wichtig neue Formen der Erinnerungskultur sind. Gerade das Medium Graphic Novel bietet neue Zugänge, die besonders die neugierigen jüngeren Generationen ansprechen. Besonders dann, wenn ältere Generationen diese Zeit jahrzehntelang verschwiegen haben.

Die Inszenierung machte eindrucksvoll deutlich, wie bedeutsam die Beschäftigung mit der Vergangenheit für das Geschichtsbewusstsein ist. Sie fördert das Verständnis für ein schwieriges Kapitel, ermöglicht einen multiperspektivischen Blick und trägt dazu bei, Erinnerungen über Generationen hinweg lebendig zu halten.

Filmisch begleitet wurde die Lesung von Caroline Wille. Der entstandene Film ist über die Homepage des Gymnasiums Haren und unter diesem Beitrag abrufbar und bietet allen Interessierten die Möglichkeit, diese eindrucksvolle Auseinandersetzung mit der Geschichte von Maczków zu erleben.

 

Lykka Herding, August 2025

 

Mediathek
  • Plakat zur Szenischen Lesung

    Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Forum des Schulzentrums Haren, 15. Mai 2025 (hier die Autorin des Beitrags, Lykka Herding, mit der Graphic Novel)
  • Szenische Lesung der Graphic Novel MACZKÓW

    Video-Mitschnitt vom 15.5.2025, Schulzentrum Haren © Caroline Wille