Über die fotografische Arbeit von Marian Stefanowski

Drogi – Wege
Der Nomade oder auf der Suche nach einem Stückchen Freiheit. Über die fotografische Arbeit von Marian Stefanowski
 

„Man muss unbedingt an die Orte der Sehnsucht zurückkehren, sonst belästigt man die Welt unnötigerweise mit seiner Sehnsucht ”
Aleksander Janta

„Du weißt, dass es keine Vergebung gibt, vergeblich ist deine Reue.
Sei daher, was du sein sollst: ein Mann. 
Auch über dein Leben wächst irgendwann Gras.”[*] 
Attila Josef

Theodor W. Adorno schrieb in seinem Versuch einer Definition des Spätstils, dies sei das, was dann stattfindet, wenn die Kunst angesichts der Wirklichkeit ihr Recht einfordert. Anders gesagt – der Spätstil ist die Etappe in der Schaffenskunst, in der der Künstler sich darüber im Klaren ist, was er schon geschafft hat und was nicht; in der er aufhört, auf etwas Bezug zu nehmen, was über die Gesamtheit der eigenen Erlebnisse hinausgeht.

Die Arbeiten von Marian Stefanowski sind keine Reportagen. Nur dem Anschein nach bilden sie die Wirklichkeit ab und lassen sich konkreten Orten zuordnen. Die Kunst der Fotografie bedarf natürlich neuer Bereiche des Ausdrucks, bedarf eines engeren Kontakts mit dem Betrachter, und stets erhöht die Dramaturgie die Attraktivität. In diesem Fall aber dienen die fotografisch entzauberten Orte – sowohl die echten, als auch die eingebildeten – der Bildung einer Geschichte, und dieser Schaffensprozess ordnet die Erfahrungen des Fotografen und gibt ihnen Sinn. Dass die Zeit verrinnt, empfinden wir nur dann, wenn wir sie irgendwie ausfüllen,  schrieb Alan Budrick in seiner Abhandlung „Why Time Flies“ aus dem vergangenen Jahr. Inhaltsleeres Warten reizt und befriedigt unsere Neugier nicht. Kreieren die Aufnahmen von Stefanowski also künstlerische Utopien? Oder stellen sie eher eine akribische Analyse der uns umgebenden Welt dar? Was macht das Wesen seiner Bilder aus?

Es war der Vorreiter der modernen experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt, der im Jahre 1868 für den kurzen Moment, in dem Eindrücke unser Gefühl für die Gegenwart ausmachen, die Behandlung des  Raumes als Bild des Bewusstseins und somit auch als Bild der Identität des Menschen vorschlug. Die fotografischen Landschaftsdarstellungen Stefanowskis haben keinerlei konkrete Bezüge zu Zeit und Raum, sie existieren sozusagen außerhalb des politischen, gesellschaftlichen und religiösen Kontextes. Außerhalb der Realität. Es hat den Anschein, als sei ihre metaphorische Botschaft wichtiger als das im Bild Dargestellte. Einige der Bilder sind gar leidenschaftslos, gefühllos – und dennoch … lassen sie einen nicht in Ruhe. Und selbst wenn der Mensch in ihnen nicht vorkommt, erzählen sie von ihm.

Das fotografische Reisetagebuch (Tagebuch des Reisenden) ist die Gestaltung der Narration über  ihn selbst  und die Konstruktion der Identitätsetikette. Weniger verständlich sind daher die Zivilisationsschlüssel, sehr viel mehr sind es die persönlichen, die die Winkel des Gedächtnisses ausleuchten – das Wissen über sich selbst, das Selbst-Bewusstsein, die Möglichkeit (wie auch der Wille) andere darüber zu informieren.

Die Geschichte der Reisetagebücher reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück und steht im Zusammenhang mit der ganzen Mythologie des pilgernden Menschen. Die Grand Tour zu absolvieren, war eine absolute Notwendigkeit, eine gängige Praxis und Bestandteil aufgeklärter Erziehung. Gibt es doch nichts, was interkulturelle Bande mehr knüpft als das Reisen.

Marian Stefanowski umreißt mit den fotografischen Landkarten seiner Reisen für sich selbst die Grenzen seines schöpferischen Hoheitsgebietes. Für die Verbindung zwischen Künstler und Betrachter aber schlägt er ein ungeschriebenes Abkommen vor: soll der Betrachter doch über die Grenzen des Hoheitsgebietes entscheiden, das man ihn betreten ließ oder in das man ihn einlud. Soll er doch diese Grenzen überschreiten oder auch nicht. Wenn wir diese Entscheidung treffen, berühren wir gleichzeitig Fragen der Perzeption, bzw. deren Veränderbarkeit – in der Regel sehen wir das, was wir erwarten und was wir sehen wollen.

Bleibt dann nur noch die Pflicht, die Situation der Schreibenden (Person) zu erläutern, derjenigen also, die für die Dauer des Prozesses des Schreibens mit dem Fotografen eine besondere Beziehung eingeht. Das Fotografieren hat viel zu tun mit dem psychologischen Phänomen des Ins-Gedächtnis-Rufens, also des Registrierens des Faktischen unter Einhaltung einer größtmöglichen Faktentreue zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Fakten sind unantastbar, und der Fotograf ist der unmittelbare und auch der einzige Verwirklicher der Idee, wenn er diese Fakten in Erinnerung bringt.

Die schreibende Person bekommt eine erstklassige Ware angeboten, aber sie (diese Person) hat bei ihrer Vermittlung einige Grenzen zu überwinden. 

Zwischen den beiden genannten Personen bedarf es also der gegenseitigen Aufmerksamkeit und des Vertrauens.
 

 

Magda Potorska

Berlin, März 2018

 

Übersetzung aus dem Polnischen: Dagmar Domke

[*]  Übersetzung aus dem Ungarischen: Laszlo A. Marosi

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