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Verbotene Liebe: Ermordung von Leon Szczepaniak in Stadecken-Elsheim

Auf dem Elsheimer Friedhof der rheinhessischen Gemeinde Stadecken-Elsheim wurde im Jahr 1975 ein Gedenkstein für den ermordeten polnischen Zwangsarbeiter Leon Szczepaniak (* 10.2.1912 † 27.5.1942) aufgestellt.
Auf dem Elsheimer Friedhof der rheinhessischen Gemeinde Stadecken-Elsheim wurde im Jahr 1975 ein Gedenkstein für den ermordeten polnischen Zwangsarbeiter Leon Szczepaniak (* 10.2.1912 † 27.5.1942) aufgestellt.

Versöhnung und Freundschaft mit Polen

 

Ein Dankgottesdienst nach der Rückkehr schloss die Reise ab, die der Beginn für bis heute existierende Kontakte und Freundschaften von Gemeindemitgliedern und Polen war: „Es wurde uns klar, daß wir […] eine wichtige Sache begonnen hatten. Unserem Ziel, ein herzliches, unbefangenes Verhältnis zum polnischen Volk zu finden und zwar an der Basis, wie wir es schon seit Jahren zu Frankreich haben, sind wir sicherlich ein Stück nähergekommen.“ Zu den damaligen Leitern des Stammes Greifenklau gehörte auch das Ehepaar Elfriede und Hans Reiser.[21] Sie sollten über Jahrzehnte intensive freundschaftliche Kontakte mit Polen pflegen und sich auch in den 1980er Jahren an der „Polen-Hilfe“ aktiv beteiligen. Elfriede Reiser pflegt bis heute den Gedenkstein und lässt der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter:innen in Elsheim zur Messe gedenken.[22]

Noch im selben Jahr der Polen-Fahrt erhielten erste Besucher:innen aus Polen ein Visum und konnten in Stadecken-Elsheim empfangen werden. Ein neues Bewusstsein für die eigene Verantwortung als Deutsche hatte eine Tür zur Versöhnung geöffnet:

„Es bleibt zu hoffen, daß so Schritt für Schritt alte, schiefe Vorurteile abgebaut werden, daß auch gelernt wird, mit der Geschichte zu leben. […] Es wäre falsch darauf zu hoffen, daß wir die Vergangenheit bewältigen können, um sie dann gewissermaßen zu den Akten zu legen: Wir haben mit der Vergangenheit und eben nicht nur der großartigen, sondern auch der bedrückenden und verbrecherischen zu leben. So werden wir lernen können. Wir – die junge Generation – will aus der Geschichte lernen, wie man in Frieden leben kann. Wichtigste, befreiende Erkenntnis [sic] für uns dabei ist, daß an der Wurzel von Haß, Völkermord und Krieg die eigene, den Menschenbruder verachtende Überheblichkeit steht. Diese, um Jesu Froher Botschaft willen, mit allen Menschen guten Willens zu überwinden helfen, ist unsere Absicht.“

 

Der 80. Jahrestag der Ermordung Leon Szczepaniaks

 

37 Jahre nach der Einweihung des Steines und zum Anlass des 80. Jahrestages der Ermordung Szczepaniaks versammelte man sich am 25. Mai 2022 auf Initiative der Ortsgemeinde Stadecken-Elsheim zu einer „Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Ermordung des polnischen Zwangsarbeiters LEON SZCZEPANIAK“[23]. Ortsbürgermeister Thomas Barth eröffnete die feierliche Veranstaltung mit einer Ansprache, in der er um Vergebung für das während der NS-Zeit begangene Verbrechen bat.[24] Unter den geladenen Gästen fand sich auch die Vizekonsulin des Generalkonsulats der Republik Polen in Köln, Anita Mikołajczak, die zum Abschluss der Veranstaltung gemeinsam mit dem Ortsbürgermeister zur Kranzniederlegung am Gedenkstein schritt. Musikalisch begleitet wurde das Gedenken von den Carolus Magnus Ingelheimer Kaiserpfalz Bläsern, von denen u. a. „Ich bete an die Macht der Liebe“ des ukrainischen Komponisten Dmitrij Stepanowitsch Bortnjanskij (ukr. Dmytro Stepanovyč Bortnjansʹkyj, 1751–1825) zu hören war. Durch die Auswahl der Musik wurde eine inhaltliche Verbindung zum russischen Überfall auf die Ukraine hergestellt, die sich auch in den Wortbeiträgen wiederfand. Für die geladenen Gäste stand auch im Anschluss an die Gedenkveranstaltung das gemeinsame Abendessen in Elsheim, wie bereits am 29. Juni 1975, im Zeichen der Versöhnung und im Bewusstsein, dass Deutsche und Pol:innen die Erinnerung an Leon Szczepaniak nicht mehr teilt, sondern, dass sie sie gemeinsam teilen. Wichtig wäre es allerdings auch Margarete Hess‘ Leidensgeschichte zu gedenken.

 

Christof Schimsheimer, Juni 2022

 

[21] DPSG-Stamm Greifenklau war sehr aktiv. Fazit des Jahres 1965 / Jetzt Schwerpunktthema „Kultur in der Gruppe“ in :Allgemeine Zeitung vom 30.12.1975.

[23] Aus dem Programm der Gedenkveranstaltung für den 25.5.2022.

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Mediathek
  • Leon Szczepaniak, vermutlich 1939

    Als Soldat der polnischen Armee (hintere Reihe Mitte) mit seinen Kammeraden auf einem Gruppenfoto, Jahr unbekannt, vermutlich 1939
  • „Schamloser Verkehr mit einem Polen“

    Margarete Heß’ Demütigung in der NS-Propaganda, 1942. 
  • Beitrag in „Glaube und Leben“ (Mainz) zur Einweihung des Gedenksteines am 8. Juli 1975

    Unter der Überschrift „Deutsch-polnischer Tag“ wurde in der katholischen Zeitung „Glaube und Leben“ aus Mainz vom 29.6.1975 über die Gedenksteineinweihung am 8. Juli 1975 berichtet.
  • Der Gedenkstein für Leon Szczepaniak am 25. Mai 2022

    Der Gedenkstein an der Gedenkveranstaltung für Leon Szczepaniak am 25. Mai 2022 mit den Kränzen des Polnischen Generalkonsulats Köln und der Ortsgemeinde Stadecken-Elsheim, 2022