Von polnischen Kumpels, „Polenzechen“ und „Ostarbeitern“ – Ein Blick auf 100 Jahre polnische Arbeitsgeschichte in Bochum (1871-1973)

Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H. “ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer
Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H. “ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
 

Während des Zweiten Weltkrieges schöpfte die Kriegswirtschaft der Nationalsozialisten, ähnlich wie in der Zeit zwischen 1914 und 1918, einen großen Teil ihrer Beschäftigten aus dem ausländischen Arbeitskräftepotenzial. Nach heutigem Forschungsstand leisteten im Verlauf des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet des sogenannten Großdeutschen Reiches insgesamt etwa 13,5 Millionen Menschen Zwangsarbeit für NS-Deutschland, davon rund 2,8 Millionen Polen.[22] Die Arbeitskräfte wurden in allen Bereichen des Wirtschaftslebens, z.B. in der Land- und Forstwirtschaft, im Bergbau, der (Rüstungs-)Industrie aber auch in Handwerksbetrieben oder Privathaushalten, zur Zwangsarbeit eingesetzt. Das Ruhrgebiet galt dabei mit seinem reichen Vorkommen an Steinkohle als „(…) zentrales Segment der NS-Kriegswirtschaft“[23] (siehe Bild 7).

In Bochum wird für den Verlauf des Zweiten Weltkrieges von einer Zahl von insgesamt über 30.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern verschiedener Nationalitäten, darunter auch vielen Polen, ausgegangen.[24] Die Zwangsarbeitenden waren in etwa 100 verschiedenen, kleineren und größeren Zwangsarbeiterlagern und -baracken untergebracht, die auf dem gesamten Stadtgebiet verteilt waren. In vielen dieser Lager waren unter anderem auch polnische Zwangsarbeitende untergebracht. Das Lager Bergen beispielsweise, welches in den Jahren 1941 und 1942 für die zivilen Arbeitskräfte der Zeche Constantin eingerichtet wurde, soll im Kriegsverlauf etwa 600 Personen beherbergt haben, von denen die meisten zwangsverpflichtete Polen und Galizier waren (siehe Bild 8 & 9).[25] Bis 1943 wurden in Bochum und der Region vorwiegend Holzbaracken für die Unterbringung der Zwangsarbeitenden genutzt, die sich nach Bombenangriffen jedoch „(…) aufgrund ihrer leichten Brennbarkeit nicht bewährt haben“[26], woraufhin auf Anordnung des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition diese aus massiven Baustoffen errichtet werden sollten. Der zahlenmäßig größte Einsatz der Bochumer Zwangsarbeitenden erfolgte im Montanunternehmen des Bochumer Vereins, das seit 1937 als „NS-Musterbetrieb“[27] bekannt war und eine kriegswirtschaftliche Stütze darstellte, indem es wichtiges Kriegsmaterial für die Wehrmacht, Luftwaffe und die Marine produzierte.[28]

Wie im Ersten Weltkrieg musste der Bochumer Verein mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 einen Teil der männlichen Arbeitskräfte für den Kriegsdienst bereitstellen, wodurch viele Arbeitsplätze in der Montanindustrie unbesetzt blieben und seit 1940 zunehmend durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt wurden.[29] Im Juni 1944 wurde beim Bochumer Verein sogar ein Außenlager des KZ-Buchenwald für etwa 2.000 KZ-Häftlinge eingerichtet, welches der SS unterstand (siehe Bild 10).[30] Es befand sich im Westen Bochums an der Brüllstraße auf dem Werksgelände des Bochumer Vereins zwischen der Kohlen- und Alleestraße und war damit in nächster Nähe zu Rüstungs- und Munitionsbetrieben gelegen. Das Lager bestand aus 17 Baracken, war mit Wachtürmen sowie einer elektrischen Hochspannungsleitung umzäunt. Die KZ-Häftlinge wurden überwiegend zu Bau- oder Erdarbeiten im Lager oder in der nahegelegenen Geschossfabrik zur Zwangsarbeit in zwei 12-stündigen Schichten eingesetzt. In der Fabrik wurde vorwiegend Munition produziert und im dazugehörigen Pressbau wurden die KZ-Häftlinge an sogenannten Monsterpressen eingesetzt, an denen glühende Eisenblocks verarbeitet wurden. Die Häftlinge bekamen für die schweren Arbeiten keinerlei Schutzkleidung, was oftmals schwere Verbrennungen zur Folge hatte.[31]

 

[22] Die während des Zweiten Weltkrieges in NS-Deutschland eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte lassen sich in folgende drei Gruppen einordnen: Erstens Zivilarbeiterinnen und -arbeiter. Zweitens Kriegsgefangene, drittens Häftlinge aus Arbeitserziehungs- und Konzentrationslagern.
Vgl. Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz: ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, S. 9 ff., S. 90 ff.

[23] Seidel, Hans-Christoph: Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg. Zechen – Bergarbeiter – Zwangsarbeiter, S. 21.

[24] Vgl. Grieger, Manfred: Zwangsarbeit in Bochum – Die Geschichte der ausländischen Arbeiter und KZ-Häftlinge 1939-1945, S. 4.

[26] Fernbrief der Bezirksgruppe Steinkohlebergbau Ruhr Essen an die Gruppe Bochum vom 29. Mai 1943: Betrifft: Baracken, in: Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv (BBA) 40/487.

[27] Der Bochumer Verein erhielt am 1. Mai 1937 als eines von insgesamt 30 Betrieben und als einziges Unternehmen aus der Montanindustrie den Titel „NS-Musterbetrieb“, welcher durch das der Deutschen Arbeitsfront unterstehende (sogenannte) Amt „Schönheit der Arbeit“ vergeben wurde;
Vgl. Seebold, Gustav-Hermann: Ein Stahlkonzern im Dritten Reich. Der Bochumer Verein 1927-1945, S.255 f.

[28] Insgesamt mussten etwa über 10.000 Menschen Zwangsarbeit beim Bochumer Verein leisten, die sich auf 15 dem Betrieb zugehörige Lager verteilten. Die Zwangsarbeitenden wirkten an der Produktion verschiedener Kriegsgüter wie z.B. Geschosse, Granaten, Artilleriegeschütze oder verschiedener Panzerteile mit;
Vgl. Gleising, Günter: Bochums Stellung in der Rüstungs- und Kriegswirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des Bochumer Vereins und dessen Zwangsarbeitereinsatz, S.
32 f., S. 35 f.

[29] Vgl. Seebold, Gustav-Hermann: Ein Stahlkonzern im Dritten Reich. Der Bochumer Verein 1927-1945, S. 159.

[30] Das Lager bestand vom Juni 1944 bis zu dessen Auflösung im März 1945, als sich die alliierten Truppen Bochum näherten. Die SS-Leitung des Außenkommandos in Bochum hatte Obersturmführer der Waffen-SS Hermann Großmann inne, der nach Kriegsende im Rahmen eines Prozesses gegen Täter des KZ-Buchenwald vom US-Militärgericht zum Tode verurteilt und im Jahre 1948 in Landsberg am Lech hingerichtet wurde;
Vgl. Wölk, Ingrid: Das Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald beim ‚Bochumer Verein‘, S. 50 f.

[31] Vgl. Wölk, Ingrid: Das Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald beim ‚Bochumer Verein‘, S. 47.

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  • Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H. “ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer

    Bild 1: „Bank Robotników“

    Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H. “ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer
  • Nahaufnahme der Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H.“ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer

    Bild 2: Nahaufnahme der Aufschrift „Bank Robotników“

    Nahaufnahme der Aufschrift „Bank Robotników e.G.m.b.H.“ (Polnische Arbeiterbank) in der Straße Am Kortländer
  • Informationstafel der Stadt Bochum zur Erwerbsmigration im Kaiserreich mit einem Bild des polnischen Vereins Heiliger Josef im Stadtteil Dahlhausen

    Bild 3: Informationstafel zur Erwerbsmigration im Kaiserreich

    Informationstafel der Stadt Bochum zur Erwerbsmigration im Kaiserreich mit einem Bild des polnischen Vereins Heiliger Josef im Stadtteil Dahlhausen
  • St. Joseph Kirche an der Stühmeyerstraße

    Bild 4: St. Joseph Kirche an der Stühmeyerstraße

    St. Joseph Kirche an der Stühmeyerstraße
  • Kruzifix mit polnischer Inschrift vor der St. Joseph Kirche an der Stühmeyerstraße

    Bild 5: Kruzifix mit polnischer Inschrift

    Kruzifix mit polnischer Inschrift vor der St. Joseph Kirche an der Stühmeyerstraße
  • Gußstahlglocke des Bochumer Vereins für die Weltausstellung in Paris 1867 am Willy-Brandt-Platz vor dem Bochumer Rathaus

    Bild 6: Gußstahlglocke des Bochumer Vereins für die Weltausstellung in Paris 1867

    Gußstahlglocke des Bochumer Vereins für die Weltausstellung in Paris 1867 am Willy-Brandt-Platz vor dem Bochumer Rathaus
  • Fotografie einer Kundgebung auf der Zeche Hannibal in Bochum aus dem Jahre 1943

    Bild 7: Fotografie einer Kundgebung auf der Zeche Hannibal, 1943

    Fotografie einer Kundgebung auf der Zeche Hannibal in Bochum aus dem Jahre 1943
  • Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender während des Zweiten Weltkrieges im Stadtteil Bergen an der Bergener Straße

    Bild 8: Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender

    Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender während des Zweiten Weltkrieges im Stadtteil Bergen an der Bergener Straße
  • Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender während des Zweiten Weltkrieges im Stadtteil Bergen an der Bergener Straße

    Bild 9: Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender

    Barackensiedlung ehemaliger Zwangsarbeitender während des Zweiten Weltkrieges im Stadtteil Bergen an der Bergener Straße
  • Stolperschwelle zur Erinnerung an das KZ-Außenlager an der Kreuzung Kohlenstraße Höhe Obere Stahlindustrie

    Bild 10: Stolperschwelle

    Stolperschwelle zur Erinnerung an das KZ-Außenlager an der Kreuzung Kohlenstraße Höhe Obere Stahlindustrie
  • Kolonie Dahlhauser Heide im Bochumer Stadtteil Hordel

    Bild 11: Kolonie Dahlhauser Heide

    Kolonie Dahlhauser Heide im Bochumer Stadtteil Hordel
  • Eine von der IGBE-Ortsgruppe Oberhordel und dem Förderverein Hannover zur Erinnerung an den Bergbau in Hordel gestiftete Seilscheibe in der Kolonie Dahlhauser Heide

    Bild 12: Gestiftete Seilscheibe in der Kolonie Dahlhauser Heide

    Eine von der IGBE-Ortsgruppe Oberhordel und dem Förderverein Hannover zur Erinnerung an den Bergbau in Hordel gestiftete Seilscheibe in der Kolonie Dahlhauser Heide
  • Am Rübenkamp 4 – Sitz der Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland Porta Polonica

    Bild 13: Arbeiterhäuser

    Am Rübenkamp 4 – Sitz der Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland Porta Polonica
  • Malakowturm mit angrenzender Maschinenhalle der Zeche Hannover / LWL-Industriemuseum im Bochumer Stadtteil Hordel

    Bild 14: LWL-Industriemuseum Zeche Hannover

    Malakowturm mit angrenzender Maschinenhalle der Zeche Hannover / LWL-Industriemuseum im Bochumer Stadtteil Hordel