Von “radio multikulti” zum Funkhaus Europa

Auf dem Foto der Musikredakteur Johannes Theurer mit seinen Gästen im Studio von “radio multikulti”. Neben vielen Sprachen präsentierte “radio multikulti” die große Musikwelt. Johannes Theurer mit seiner Sendung “Dschungelfieber” war ein wichtiger Bestandteil des Senders. “Dschungelfieber” mit Johannes Theurer gibt es bis heute auf “Funkhaus Europa”.
Neben vielen Sprachen präsentierte “radio multikulti” die große Musikwelt. Johannes Theurer mit seiner Sendung “Dschungelfieber” war ein wichtiger Bestandteil des Senders. “Dschungelfieber” mit Johannes Theurer gibt es bis heute auf “Funkhaus Europa”.

Die frühen 1990er Jahre begünstigten die Bemühungen um ein eigenes mediales Sprachrohr für die in Deutschland lebenden Ausländer. Das wieder vereinte Deutschland definierte sich gerade neu, politisch wie auch gesellschaftlich. Viele Bereiche mussten neu strukturiert, neu überdacht werden. Bereits Ende der 1980er Jahre entstand in Berlin der Sender “radio100”. Es war ein Pilotprojekt von links-alternativen Gruppierungen. In dem Programm von “radio100” fanden neben der deutschen auch eine türkische, arabische, kurdische, kurzzeitig eine griechische und zum ersten mal auch eine polnische Sendung ihren Platz. Nach der Abwicklung von “radio100” im Jahre 1991 blieben auf der Frequenz die fremdsprachigen Sendungen noch für ein Jahr bestehen, allerdings bereits im Programm des kommerziellen Senders “Radio NRJ”, der den Zuschlag für das Betreiben der Frequenz bekam. Damit musste “NRJ” leben, wollte es auf der Frequenz senden. Allerdings war die Regelung nur für ein Jahr festgelegt. Nach genau einem Jahr war die Präsenz des polnischen Radioprogramms im Berliner Senderaum zu Ende. Eine Lehre für die polnischen Journalisten ging jedoch aus der Situation ganz klar hervor: Statt sich über die deutsch-polnischen Beziehungen um einen Medienzugang zu bemühen, ist es womöglich sinnvoller, mit anderen Migranten dieser Stadt zusammenzuarbeiten und zusammen einen Sendeplatz zu “erzwingen“. So kam es auch, dass sich eine Gruppe von türkischen, arabischen, vietnamesischen, griechischen sowie polnischen Journalisten und Aktivisten in Berlin zu einem Verein zusammenschloss. Das hatte zwei Vorteile. Zum einen wuchs der Druck auf die Medienpolitiker, auf den Senat und den Landtag, zum anderen aber bot der Verein einen ernstzunehmenden Gesprächspartner an. Nach vielen und intensiven Gesprächen war es am 18. September 1994 so weit. Berlin bekam einen multikulturellen Sender, in dem viele Sprachen und Kulturen vertreten waren. Den Startschuss gab der erste Wellenchef von “SFB4 radio multikulti” Friedrich Voß.

Seit dem 19. September 1994 sendet in dem öffentlich-rechtlichen Radio auch die polnische Sendung, ununterbrochen, unter veränderten Bedingungen und Namen bis heute. Die Sendung “radio multkulti po polsku” informierte die Polen über ihre “beiden Heimatländer”, über die Veränderungen in den europäischen und deutsch-polnischen Beziehungen, über die Gesellschaft, über die Wirtschaft, über die Kultur, über Sport, vor allem aber über das Leben der Polen in Deutschland. Die polnische Sendung war aber auch, besonders in der praeinternetalen Zeit, wichtiger Zugang zur polnischen Musik, zu alten und aktuellen Erscheinungen, zu musikalischen Tendenzen, zu den Musikern und Interpreten. Oft änderte sich das Format und die Sendezeit. Anfangs waren es 20 Minuten täglich, später 30. Heute hört man die polnische Sprache von Montag bis Freitag ab 22.00 Uhr, eine Stunde lang im Großraum Norddeutschland mit zwei thematischen Zentren Berlin-Brandenburg und Nordrhein-Westphalen. Bundesweit empfängt man das Programm über das Digital Audio Broadcasting (DAB). Der Sender heißt aber nicht mehr “radio multikulti”, sondern “Funkhaus Europa”.

Im Mai 2003 fusionierte aus Gründen der finanziellen und journalistischen Effizienz der Sender Freies Berlin SFB und dem Ostdeutschen Rundfunk ORF zu Rundfunk Berlin-Brandenburg RBB. Fünf Jahre später war dennoch die finanzielle Lage des RBB dramatisch. In der Kasse des Senders fehlten Millionen. Da entschloss sich der RBB 2008, den Sender “radio multikulti” aus finanziellen Gründen zu schließen. Am 31. Dezember 2008 um 22.00 Uhr übernimmt der WDR-Sender “Funkhaus Europa” die Berliner Frequenz von “radio multikulti”. Seit dem sendet die polnische Sendung “radio multikulti po polsku” als “Polski Magazyn Radiowy” weiter unter der Flagge von “Funkhaus Europa”. Nach wie vor ist “Polski Magazyn Radiowy” das einzige Radiomagazin in polnischer Sprache in der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft in Deutschland. Von Montag bis Donnerstag produziert die polnische Redaktion ein publizistisches Magazin mit den deutsch-polnischen Themen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Sport. Die Freitage sind den Autorensendungen vorbehalten. Darunter sind polnische Reportagekunst, schlesisches Magazin und eine Satiresendung vertreten.

 

Adam Gusowski

 

Zusatzinformationen:

Frequenzen - Berlin und Brandenburg 96,3 Mhz / Nordrhein-Westfalen 103,3
Funkhaus Europa über Internet - www.funkhauseuropa.de
Polnische Sendung auf Funkhaus Europa über Internet - www.funkhauseuropa.de/sprachen/polnisch/index.html

Mediathek
  • Das Studio von radio multikulti im Haus des Rundfunks in Berlin. Von hier aus wurden die Sendungen auf der Berliner Frequenz UKW 106,8 Mhz (später 96,3 Mhz) ausgestrahlt.

    Das Studio von radio multikulti

    Das Studio von radio multikulti im Haus des Rundfunks in Berlin. Von hier aus wurden die Sendungen auf der Berliner Frequenz UKW 106,8 Mhz (später 96,3 Mhz) ausgestrahlt.
  • In den Containern waren die deutschsprachigen Redaktionen untergebracht. Die Container standen am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Erst später zogen die deutschsprachigen Sendungen und ihre Macher in das Berliner Haus des Rundfunks (Masurenallee). Dort waren die fremdsprachigen Redaktionen bereits untergebracht.

    SFB 4 Radio Multikulti

    Auf dem Foto die ersten provisorischen Redaktionsräume von SFB 4 Radio Multikulti.
  • Jacek Tyblewski war von Anfang an nicht nur in der polnischen Redaktion tätig, sondern moderierte auch Sendungen im deutschsprachigen Tagesprogramm von “radio multikulti”. Heute ist er Redakteur von “Polski Magazyn Radiowy” und der Fremdsprachenkoordinator von “Funkhaus Europa” Standort Berlin. Das Foto entstand 2008 in den Fluren vom “Haus des Rundfunks” in Berlin.

    Jacek Tyblewski

    Jacek Tyblewski war von Anfang an nicht nur in der polnischen Redaktion tätig, sondern moderierte auch Sendungen im deutschsprachigen Tagesprogramm von “radio multikulti”.