Teilen:

Waren sie wirklich "Rebellen"? Zur Münchner Ausstellung "Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900"

Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917-23. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Inv. Nr. MP 387 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie

Mit dem Kapitel „Verborgene Kräfte“ kehrt die Ausstellung zu einem polnischen Sonderweg zurück und diskutiert den Rückgriff auf „Mythen“, so der Saaltext, der polnischen Geschichte und die bewusste Mythisierung der polnischen Kultur, historischer Fakten und Personen durch die Malerei.[45] Ähnlich wie die heimatliche Landschaft galt auch das traditionelle bäuerliche Leben als wiederkehrender Topos für das Nationalbewusstsein der nicht über einen eigenen Staat verfügenden Nation. Ein kindlicher Satyr, der einem Bauernmädchen auf der Panflöte vorspielt („Kunst auf dem Gutshof“, 1896) und eine Göttin aus dem Reich der Toten im Harnisch und mit einer Sense, die einem betenden Bauern die Augen schließt („Der Tod“, 1902, Abb. 17), beides Gemälde von Malczewski, heben das polnische Bauerntum in die Sphäre eines das Ursprüngliche und das ewig Gültige verklärenden Mythos. Wojciech Weiss gestaltete eine visionäre und ins Dynamische gesteigerte Szenerie, in der „Vogelscheuchen“ (1905), ebenfalls Sinnbild für urtümliches bäuerliches Leben, hinter einer barfüßigen Hirtin herjagen. 

Gegenstand der Mythologisierung wurde auch die weibliche Allegorie der Polonia, der Personifizierung Polens, die sich bei Malczewski auf freiem Feld in einer „Staubwolke“ (1893-95, Abb. 18) mit gefesselten Händen und in einem schnellen Wirbel vom Boden erhebt und ihre Kinder unter sich zurücklässt. Darüber hinaus malte der Künstler zahlreiche Bilder mit mythologischen Szenen und Einzelfiguren, die durch die polnische Literatur der Romantik verbreitet worden waren und aus lokalen Legenden, Märchen und religiösen Quellen stammten. Die Tragödie „Lilla Weneda“ (1839/40) von Juliusz Słowacki ebenso wie Untersuchungen zeitgenössischer Historiker, die einen Ursprung Polens bei den Kelten sahen, verleiteten ihn zu dem Porträt des Wenenden-Königs „Derwid“ (1902, Abb. 19), der von seinen Feinden geblendet wurde und den Klängen der von ihm geraubten magischen Harfe lauscht. Auch Wyczółkowski folgte dieser Mythologie und malte einen „Versteinerten Druiden“ (1894), den man an einem weiteren mythologischen Ort, einem Berg in der Tatra, verortete. Dessen Gemälde „Sarkophage“ (1895) erweckte die königlichen Reliefporträts von Kasimir dem Großen und Hedwig von Anjou in der Wawel-Kathedrale soweit zum Leben, dass ihre Wiederkehr bevorzustehen schien. Anders als die Maler des Historismus, die mythologische Themen durch eher unbewegte Alltagsszenen darstellten, versah man derartige Inhalte jetzt mit so vielen kontextuellen, emotionalen und gestalterischen Ebenen, dass sie eine neue Begeisterung für das Volkstümliche und Nationale auslösen konnten.

Auch jenseits jeder Mythologisierung galten das Landvolk, seine lebendigen Traditionen und eine tief empfundene Religiosität als Hauptstützen des polnischen Nationalbewusstseins. Der Katholizismus hatte für den führenden Philosophen und Literaturkritiker Stanisław Brzozowski die Funktion einer ordnenden Kraft sowohl für den Einzelnen als auch für das Leben der kulturellen Gemeinschaft. Die Religion sei eine „übernatürliche, übermenschliche Tatsache … ein lebendig Ding“, so auch der Titel des sechsten Kapitels der Ausstellung (Saaltext: „Tradition und Religion“).[46] Für zahlreiche Kunstschaffende, katholische ebenso wie jüdische, war die „Volksreligiosität ein Beispiel für die lebendige Kraft der Tradition“.[47] Zu den von ihnen gepflegten Bildsujets gehören Ansichten aus Gotteshäusern (Wyczółkowski: „Christus am Ölberg“, 1896), betende und in Andacht versunkene Menschen (Aleksander Grodzicki: „Betender Jude“, 1893) ebenso wie die stumme Szene eines schmerzerfüllten Elternpaars von Aleksander Gierymski, das neben dem kreuzgeschmückten Deckel eines Kindersargs vor seiner Bauernkate sitzt („Der Bauernsarg“, 1894, Abb. 20). Hofman, der außer bei Malczewski um die Jahrhundertwende auch in Paris an der École des beaux-arts bei dem schon sehr alten Spätklassizisten und Orientalisten Jean-Léon Gérôme studiert hatte und nichts weniger als eine Erneuerung der religiösen Kunst anstrebte, malte einen knienden Bauern, der auf freiem Feld vor einer verwitterten Christusfigur die „Beichte“ (1906) ablegt.[48]

 

[45] Nerina Santorius: Verborgene Kräfte. Mythen und Mythisierung in der polnischen Malerei um 1900, in: Ausstellungs-Katalog Stille Rebellen 2022, Seite 129-137

[46] Agnieszka Skalska: „Ein lebendig Ding“. Zur Tradition und Religion in der Malerei des Jungen Polen, in: Ausstellungs-Katalog Stille Rebellen 2022, Seite 153-161

[47] Ebenda, Seite 153

[48] Abbildung auf dem digitalen Sammlungsportal des Nationalmuseums Warschau, MN Cyfrowe, https://cyfrowe.mnw.art.pl/pl/katalog/508015

Mediathek Sorted

Mediathek
  • Abb. 1: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke, 1874

    Jan Matejko: Das Aufhängen der Sigismund-Glocke im Domturm zu Krakau im Jahr 1521, 1874. Öl auf Karton, 94 x 189 cm, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 2: Stańczyk, 1862

    Jan Matejko: Stańczyk, 1862. Öl auf Leinwand, 88 x 120 cm, Nationalmuseum Warschau/ Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 3: Ohne Land, 1888

    Wojciech Gerson: Ohne Land. Pomoranen, von den Deutschen auf die baltischen Inseln vertrieben, 1888. Öl auf Leinwand, 114,8 x 207 cm, Nationalmuseum Stettin/Muzeum Narodowe w Szczecinie
  • Abb. 4: Raum 2. Die Kunstzentren Krakau und Warschau

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 2. Von links: J. Malczewski, „Die Inspiration des Malers“, 1897; „Teufelskreis“, 1895/97; „Der Traum des Malers“, um 1888; J. Matejko: „Der blinde Veit Stoß“, 1865;...
  • Abb. 5: Teufelskreis, 1895-97

    Jacek Malczewski: Teufelskreis, 1895-97. Öl auf Leinwand, 174 x 240 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 6: Raum 3. Im Dialog mit der europäischen Kunst

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 3. Von links: A. Gierymski, „Die Ludwigsbrücke“, 1896/97; W. Czachórski, „Friedhof in Venedig“, 1876; W. Pruszkowski, „Allerseelen“, 1888; J. Pankiewicz, „Heuwagen“...
  • Abb. 7: Altweibersommer, 1875

    Józef Chełmoński: Altweibersommer, 1875. Öl auf Leinwand, 119,5 x 156 cm, Inv. Nr. MP 423 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 8: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97

    Aleksander Gierymski: Die Ludwigsbrücke in München, 1896/97. Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm, Inv. Nr. MP 4758 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 9: Heuwagen, 1890

    Józef Pankiewicz: Heuwagen, 1890. Öl auf Leinwand, 50,5 x 69,2 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 10: Japanerin, 1908

    Józef Pankiewicz: Japanerin, 1908. Öl auf Leinwand, 200 x 94 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 11: Raum 4. Polnische Landschaften

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 4. Von links: F. Ruszczyc: „Wolke“, 1902; „Wintermärchen“, 1904; „Alte Apfelbäume“, 1900; K. Krzyżanowski: „Verkiai bei Vilnius“, 1907; fünf Landschaftsskizzen; K. ...
  • Abb. 12: Pappeln am Wasser, 1900

    Jan Stanisławski: Pappeln am Wasser, 1900. Öl auf Leinwand, 145,5 x 80,5 cm, Inv Nr. MNK II-b-550, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 13: Wolke, 1902

    Ferdynand Ruszczyc: Die Wolke, 1902. Öl auf Leinwand, 103,5 x 78 cm, Nationalmuseum Poznań/Muzeum Narodowe w Poznaniu
  • Abb. 14: Raum 5. Frühlingserwachen

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 5. Von links: J. Malczewski: „Frühling“, 1898; W. Hofman: „Frühling“, 1918; „Krippenspiel“, 1918; K. Sichulski: Triptychon „Frühling“, 1909
  • Abb. 15: Frühling, 1898

    Wojciech Weiss: Frühling, 1898. Öl auf Leinwand, 96,5 x 65,5 cm, Inv. Nr. MP 3879 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 16: Meine Modelle, 1897

    Jacek Malczewski: Meine Modelle, 1897. Öl auf Leinwand, 63 x 36 cm, Inv. Nr. MNK II-b-159, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 17: Der Tod, 1902

    Jacek Malczewski: Der Tod, 1902. Öl auf Leinwand, 98 x 75 cm, Inv. Nr. MP 373 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 18: In der Staubwolke, 1893-95

    Jacek Malczewski: In der Staubwolke, 1893-95. Öl auf Leinwand, 78 x 150 cm, Raczyński-Stiftung, Nationalmuseum Poznań/Fundacja im. Raczyńskich przy Muzeum Narodowym w Poznaniu
  • Abb. 19: Derwid, 1902

    Jacek Malczewski: Derwid, 1902. Öl auf Karton, 53 x 45 cm, Inv. Nr. MNK II-b-900, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 20: Der Bauernsarg, 1894

    Aleksander Gierymski: Der Bauernsarg, 1894. Öl auf Leinwand, 141 x 195 cm, Inv. Nr. MP 964 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 21: Musikanten in Bronowice, 1891

    Włodzimierz Tetmajer: Musikanten in Bronowice. Vor dem Gasthaus, 1891. Öl auf Leinwand, 106 x 182 cm, Inv. Nr. MP 5500 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 22: Kołomyjka, 1895

    Teodor Axentowicz: Kołomyjka, 1895. Öl auf Leinwand, 85 x 112,5 cm, Inv. Nr. MP 359 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 23: Raum 7. Tradition und Religion

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 7. Von links: W. Jarocki: „Huzulen in den Karpaten“, 1910; „Helenka aus Poronin“, 1913; W. Tetmajer: „Musikanten in Bronowice“, 1891; T. Axentowicz: „Kołomyjka“, 18...
  • Abb. 24: Raum 8. Porträts

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 8. Von links: E. Okuń: „Selbstbildnis in spanischer Tracht“, 1911; J. Fałat: „Selbstbildnis“, 1896; J. Malczewski: „Auf einer Saite. Selbstbildnis“, 1908; J. Malcze...
  • Abb. 25: Auf einer Saite, 1908

    Jacek Malczewski: Auf einer Saite. Selbstbildnis, 1908. Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm, Inv. Nr. MP 1276 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 26: Selbstbildnis mit Masken, 1900

    Wojciech Weiss: Selbstbildnis mit Masken, 1900. Öl auf Leinwand, 90 x 72 cm, Inv Nr. MNK II-b-877, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 27: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913

    Józef Mehoffer: Bildnis der Ehefrau des Künstlers vor Pegasus, 1913. Öl auf Leinwand, 95 x 78 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 28: Damenbildnis, 1891

    Olga Boznańska: Damenbildnis, 1891. Öl auf Leinwand, 122 x 80 cm, Inv. Nr. MP531 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 29: Melancholiker, 1898

    Wojciech Weiss: Melancholiker (Totenmesse), 1898. Öl auf Leinwand, 128 x 65,5 cm, Inv. Nr, MNK II-b-2158, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 30: Besessenheit, 1899/1900

    Wojciech Weiss: Besessenheit, 1899/1900. Öl auf Leinwand, 101 x 186 cm, Literaturmuseum Warschau/Muzeum Literatury im. Adama Mickiewicza w Warszawie, Dauerleihgabe im Nationalmuseum Warschau/Muzeum Na...
  • Abb. 31: Wahn, 1893

    Władysław Podkowiński: Wahn, Skizze, 1893. Öl auf Leinwand, 56 x 46 cm, Inv. Nr. MP 338 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 32: Trauermarsch, 1894

    Władysław Podkowiński: Trauermarsch, 1894. Öl auf Leinwand, 83,5 x 119,5 cm, Inv. Nr. MNK II-b-154, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 33: Die Unzüchtige

    Witold Wojtkiewicz: Die Unzüchtige (Gefallene Frau), 1904. Aus dem Zyklus „Tragikomische Skizzen“, Tusche, Gouache, Buntstift auf Papier, 47,5 x 38,7 cm, Inv. Nr. MNK III-r.a-11688, Nationalmuseum Kra...
  • Abb. 34: Zirkus I, 1907

    Witold Wojtkiewicz: Zirkus I, 1907. Öl auf Leinwand, 59,5 x 71,5 cm, Schlesisches Museum, Kattowitz/Muzeum Śląskie w Katowicach
  • Abb. 35: Pflügen, 1905

    Witold Wojtkiewicz: Pflügen, 1905. Öl auf Leinwand, 57,7 x 96 cm, Inv. Nr. MP 5157 MNW, Nationalmuseum Warschau/Muzeum Narodowe w Warszawie
  • Abb. 36: Die Inspiration des Malers, 1897

    Jacek Malczewski: Die Inspiration des Malers, 1897. Öl auf Leinwand, 79 x 64 cm, MNK II-b-2543, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie
  • Abb. 37: Raum 11. Polonia

    Ausstellung „Stille Rebellen“, Raum 11. Von links: J. Malczewski: „Polnischer Hamlet“ (1903); „Pythia“, 1917; „Junges Polen“, 1917; L. Wyczółkowski: „Ritter inmitten von Blumen“, 1904; J. Malczewski: ...
  • Abb. 38: Nec mergitur, 1904/05

    Ferdynand Ruszczyc: Nec mergitur, 1904/05. Öl auf Leinwand, 219 x 203 cm, Litauisches nationales Kunstmuseum/Lietuvos nacionalinis dailės muziejus, Vilnius
  • Abb. 39: Ritter inmitten von Blumen, 1904

    Leon Wyczółkowski: Ritter inmitten von Blumen, 1904. Pastellkreide auf Papier, 176 x 300 cm, Société Historique et Littéraire Polonaise / Bibliothèque Polonaise de Paris
  • Abb. 40: Pythia, 1917

    Jacek Malczewski: Pythia, 1917. Öl auf Leinwand, 210 x 110 cm, Nationalmuseum Krakau/Muzeum Narodowe w Krakowie