Maciej Rusinek: Auch das Unbewegliche tanzt

Maciej Rusinek
Maciej Rusinek

BK: Es ist Ihnen das Unmögliche gelungen: die Bewegung und ihre Dynamik festzuhalten. Wie konnten Sie eine so poetische Wirkung erzielen? Was hat das mit dem „Paradoxon der Theaterfotografie“ zu tun, über das Sie in Ihrem zweiten Album schreiben?

MR: Ich habe in keinem konventionellen Labor experimentiert. Die Motive meiner Fotografien werden nicht digital bearbeitet. Abgesehen von dem Übergang von der Farbfotografie zur Schwarz-Weiß-Versionen, resultiert alles, was auf meinen Fotos zu sehen ist daraus, was mit der Kamera eingefangen wurde, einschließlich der Doppelbeleuchtung.

Tanztheater bedeutet Bewegung, Dynamik, etwas Elementares und Flüchtiges, während die Fotografie etwas Ruhiges, Anhaltendes zu sein scheint, etwas, das diese Lebendigkeit und Dynamik aufhebt, scheinbar völlig gegensätzlich. Es scheint sich um sich ausschließende Phänomene zu handeln. Als ich über dieses Paradoxon nachdachte, drängte sich mir die Ähnlichkeit zu einem anderen Gegensatzpaar auf  – das der Elemente Wasser und Feuer. Jedes dieser Elemente zieht mit seiner Dynamik und seinem stetigen Streben nach Veränderung an. Doch sobald sie miteinander in Verbindung treten, löscht das eine das andere aus. Es gibt jedoch einen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, in dem Wasser, das plötzlich ein Feuer flutet, zu unerwarteten bildlichen Explosionen führt. Es wird zu einem Ereignis von großer ästhetischer Kraft. Es dauert nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde, dann verschwindet es wieder, mich hat aber dieses nur einen kurzen Augenblick explodierende Bild immer fasziniert und es ist mir lange im Gedächtnis geblieben... Wenn ich einer Theaterdarbietung beiwohne, insbesondere einem Tanztheater, meinen Fotoapparat benutze, dann ist das für mich wie dieser Moment, in dem „sich das Wasser über das Feuer ergießt“.

Ich wähle die Theatervorstellungen bewusst aus, ich weiß, wann ich den Auslöser drücken muss, aber das finale Bild ist auch für mich überraschend. Die eigentliche „Qual“ beginnt für mich erst während der Bearbeitung des Films im Labor, wenn Bilder ausgesucht werden sollen, die ich für mich und für andere festhalten will.

Deswegen ist für mich das Festhalten, das Einfrieren, das „Erschießen“ der Bewegung auf dem Filmmaterial am Anfang des Prozesses nur die Einleitung, die dazu führt, diese Bewegung in Form eines Bildes im Gedächtnis zu speichern und zu bewahren, eines Bildes, dessen endgültige Wirkung meist meine eigenen Vorstellungen von ihm übertrifft.

Das Wasser, das jäh das Feuer flutet, explodiert in einem unheimlichen Bild, das verschwindet. Ich hoffe, mit den "Explosionen" meines Fotoapparats Bilder zu erschaffen, die es vermögen, so flüchtige Phänomene wie Theater und Tanz für die Ewigkeit festzuhalten. Nicht als objektives Fotodokument, sondern als mein sehr subjektives Bild, das selbst für diejenigen interessant sein mag, die keine Berührung mit der jeweiligen Theatervorstellung hatten.

 

Barbara Kowalewska, Mai 2021

 

Das Interview erschien auf dem Portal Kultura u Podstaw, dem Kulturportal des Marschallamts der Woiwodschaft Großpolen in Posen (Urząd Marszałkowski Województwa Wielkopolskiego w Poznaniu).

Webseite von Maciej Rusinek: https://www.fotoloft-maciejrusinek.de/&nbsp

 

 

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  • Maciej Rusinek, aus "Butoh I"

    Maciej Rusinek, aus "Butoh I", Frankfurt am Main, 2011
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    Maciej Rusinek, aus "Butoh I", Göttingen, 2017
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    Maciej Rusinek, aus "Butoh II", Frankfurt am Main, 1999
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