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Eine Spurensuche – NS-Verbrechen an Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen in einem Dorf im Sauerland

Frühstück bei der Ernte bei Bauer Paul Lohmann, links und rechts Zwangsverpflichtete polnische Landarbeiter, 1940. Es war den Bauern bei Strafe verboten, mit den Polen gemeinsam zu essen.
Frühstück bei der Ernte bei Bauer Paul Lohmann, links und rechts Zwangsverpflichtete polnische Landarbeiter, 1940. Es war den Bauern bei Strafe verboten, mit den Polen gemeinsam zu essen.
Garbeck unter dem Hakenkreuz

 

Die Gemeinde Garbeck gehört bis zur Gebietsreform 1975 zum Amt Balve, heute zur Stadt Balve. 1939 zählt das Dorf mit den Ortsteilen Levringhausen, Hövringhausen und Frühlinghausen 1.419 Einwohner. Ganze drei Zeilen widmet der Heimforscher und Ehrenbürger der Stadt Balve, Josef Pütter, in seinem Buch über die Geschichte der Region[1] der Herrschaft des Nationalsozialismus. Selbstkritisch heißt es dazu auf der Homepage der Stadt Balve: „Eine profunde Darstellung der Wirkungen und Auswirkungen der NS-Zeit ist aus Pietätgründen bisher nicht geschrieben worden. Ehemalige Nazis, vor allem ihre Familien, sollten geschont werden“. Und: „Erst nach der Machtergreifung konnten NSDAP und ihre Gliederungen in Balve festeren Fuß fassen, wie die Wahlergebnisse vor und nach 1933 zeigen. Die Reichstagswahl am 31.11.1932 brachte der NSDAP nur 15,6, dem Zentrum 68,2 Prozent der Stimmen. Zur Reichstagswahl und zum Volksentscheid 1933 war die Stimmung umgeschlagen.“[2] Im benachbarten Garbeck erzielt die NSDAP bei der Wahl am 5. März 1933 bereits 31,3 Prozent, das Zentrum kommt immer noch auf 62,8 und die SPD auf 3,4 Prozent. Die Kommunisten erhalten ganze acht Stimmen.

Die Nazis hatten nun auch das katholische Sauerland fest im Griff. Bei der Pogromnacht im November 1938 misshandeln Nazis den letzten in Balve verbliebenen Juden und demolieren seine Wohnung, entnahm ich der Polizeiakte.[3] David Bondy war 1922 zum ersten Balver Ehrenbürger ernannt worden. Er hatte eine Stiftung zugunsten der Armen gegründet und der Kirchengemeinde eine Turmuhr gestiftet. Seitens der Balver sei dem jüdischen Kaufmann kein Leid geschehen, behauptet Pütter. „Leider musste die Bevölkerung es traurig und machtlos geschehen lassen, dass auswärtige SA-Leute“ dem alten Mann zusetzen.“[4] Einem Musikfreund schreibt Bondy eine letzte Karte aus Theresienstadt. Über das weitere Schicksal des von den Menschen in Balve so „hochgeschätzten“ Juden erfahren wir bei Pütter nichts.

Auch in Garbeck begeistern sich viele für „Führer, Volk und Vaterland“. Ein Viertel aller Erwachsenen im Dorf gehört einer Parteigliederung an, kann ich der NSDAP-Mitgliedskartei entnehmen. Nicht eine Handvoll, wie bis heute vielfach behauptet, fast achtzig Mitglieder zählt die NSDAP-Ortsgruppe. Fünfundzwanzig Männer tragen die Uniform der SA, zum Teil bereits seit Mitte der Dreißigerjahre. Die Lehrer*innen der Garbecker Volksschule sind Mitglieder des NS-Lehrerbundes, selbst das Nationalsozialistische Fliegerkorps und der Deutsche Luftsportverband zählen ein paar Mitglieder im Dorf. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind in der Hitlerjugend oder im Bund Deutscher Mädel organisiert. Selbst der Garbecker Kindergarten posiert für ein Erinnerungsfoto mit Hakenkreuzfähnchen.[5] 

 

[1] Josef Pütter, Sauerländisches Grenzland im Wandel der Zeit, Balve 1965

[3] Archiv Märkischer Kreis, A Ba 2114

[4] Josef Pütter, Sauerländisches Grenzland im Wandel der Zeit, Balve 1965

[5] 100 Jahre Pfarrgemeinde Hl. Drei Könige Garbeck, Balve 1995

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