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Madame Szymanowska und Goethe – eine aufflammende Liebe?

Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu
Walenty Wańkowicz (1799-1842): Porträt der Pianistin Maria Szymanowska, 1828. Öl auf Leinwand, Bibliothèque polonaise de Paris/Biblioteka Polska w Paryżu

Dass Goethe die international berühmte polnische Pianistin Maria Szymanowska und ihre Schwester Kazimiera Wołowska im August 1823 im böhmischen Kurort Marienbad und wenig später in Weimar traf, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig, dass er beiden Frauen Gedichte widmete, Werke der Weltliteratur, deren Anfangszeilen bis heute zitiert werden. „Die Leidenschaft bringt Leiden! – Wer beschwichtigt, / Beklommnes Herz, dich, das zu viel verloren“, schrieb er für Szymanowska und setzte ihrem Klavierspiel ein ewiges Denkmal: „Da fühlte sich – o daß es ewig bliebe! – / Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.“ Ihrer Schwester widmete er die Zeilen: „Dein Testament verteilt die holden Gaben, / Womit Natur dich mütterlich vollendet“ und pries denjenigen als glücklich, dem sie künftig ganz gehören sollte: „Doch wenn du Glückliche zu machen trachtest, / So wär es der, dem du dich ganz vermachtest.“

Beide Gedichte erschienen mit den jeweiligen Widmungen „An Madame Marie Szymanowska“ und „An Fräulein Kasimira Wolowska“ 1828 in der frühesten Ausgabe von „Goethes Werken. Vollständige Ausgabe letzter Hand“ bei Cotta in Stuttgart und Tübingen im vierten Band im Abschnitt „Inschriften, Denk- und Sendeblätter“.[1] Die drei Strophen für Szymanowska wurden bereits im dritten Band im Abschnitt „Lyrisches“ ohne die Widmung unter dem Titel „Aussöhnung“ als dritter Teil der „Trilogie der Leidenschaft“ nach den Gedichten „An Werther“ und „Elegie“ abgedruckt.[2] Am bekanntesten aus dieser Trilogie wurde der mittlere Teil, die heute so genannte „Marienbader Elegie“.

Goethes persönliche Wertschätzung der polnischen Pianistin erfuhren die Leserinnen und Leser erstmals 1834 aus dem von Goethes Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer veröffentlichten Briefwechsel zwischen Goethe und dem Musiker und Komponisten Carl Friedrich Zelter, dem Goethe am 24. August 1823 aus dem böhmischen Eger schrieb: „In völlig anderem Sinne und doch für mich von gleicher Wirkung, hört‘ ich Mad. Szymanowska, eine unglaubliche Pianospielerin; sie darf wohl neben unsern Hummel gesetzt werden, nur daß sie eine schöne liebenswürdige Polnische Frau ist […]; hört sie aber auf und kommt und sieht einen an, so weiß man nicht ob man sich nicht glücklich nennen soll daß sie aufgehört hat? Begegne ihr freundlich, wenn sie nach Berlin kommt […]“.[3] Goethe war bei Erscheinen des Briefwechsels zwei Jahre tot. Szymanowska starb bereits ein Jahr vor ihm.

In der Folge fand die Begegnung zwischen Szymanowska und Goethe Eingang in die frühen Goethe-Biographien. Der Londoner Schriftsteller, Literaturkritiker und Philosoph George Henry Lewes berichtete in seinem Hauptwerk „The Life of Goethe“ (1855), dass nicht nur Goethes Marienbader Favoritin, Ulrike von Levetzow, von dem „alten, eloquenten Herrn“ fasziniert gewesen sei: „Madame Szymanowska, according to Zelter, was ‚madly in love‘ with him; and however figurative such a phrase may be, it indicates, coming from so grave a man as Zelter, a warmth of enthusiasm one does not expect to see excited by a man of seventy-four.“[4]

 

[1] Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, Vierter Band, Stuttgart, Tübingen: Cotta 1828, Seite 114, 120, Bayerische Staatsbibliothek München, Online-Ressource: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10109008/bsb:2190269

[2] Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, Dritter Band, Stuttgart, Tübingen: Cotta 1828, Seite 27, Bayerische Staatsbibliothek München, Online-Ressource: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10109007/bsb:2190265 – In modernen Ausgaben verfügbar als Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe, Poetische Werke (Band 1-16), herausgegeben von Siegfried Seidel, Berlin: Aufbau, 1960 ff.; Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte, Berliner Ausgabe, bearbeitet von Michael Holzinger, North Charleston, USA, 2013; Trilogie der Leidenschaft: Seite 360-365; An Fräulein Kasimira Wolowska, Seite 522; An Madame Marie Szymanowska, Seite 524

[3] Goethe an Zelter, Eger, 24. August 1823. Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832, Band 3: Jahre 1819 bis 1824, herausgegeben von Friedrich Wilhelm Riemer, Berlin: Duncker und Humblot, 1834, Seite 329 f., Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10621139?q=%28Briefwechsel+zwischen+Goethe+und+Zelter+in+den+Jahren+1796+bis+1832.+3%29&page=334,335

[4] George Henry Lewes: The Life of Goethe, 2. Auflage, Band 2, Leipzig 1864, Seite 305, Online-Ressource: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10068735?page=320,321&q=S…

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  • PDF 2: Kurjer Warszawski, 1822

    Nowosci Warszawskie. Kurjer Warszawski, Nr. 77, 31. März 1822, Seite 1, Biblioteka Jagiellońska w Krakowie
  • PDF 3: Kurjer Warszawski, 1823

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  • PDF 4: Allgemeine musikalische Zeitung, 1824

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  • PDF 5: Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, 1823

    Madam Szymanowska – zu Weimar. Journal für Literatur, Kunst, Luxus und Mode, Jahrgang 38, Nr. 109, November 1823, Seite 889-892, Klassik Stiftung Weimar
  • PDF 6: Kurjer Warszawski, 1824

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