Agnieszka Lessmann. Schreiben als Notwendigkeit
Warschau im November 1968. Ein vierjähriges Mädchen steht mit ihren Eltern am Danziger Bahnhof (Dworzec Gdański). Sie weiß, dass sie die Heimat verlassen muss und ihre geliebte Großmutter und Urgroßmutter in Lodz (Łódź) zurückbleiben. Heute hängt am Danziger Bahnhof eine Plakette zum Gedenken an die von dort mit Sonderzügen ausgereisten Juden. Damals aber war es mit dem Gedenken in der polnischen Mehrheitsgesellschaft nicht weit her. Antisemitismus war weit verbreitet, wurde von der Regierung gefördert und schließlich in einer Kampagne ausgelebt: Die regierende kommunistische Partei drängte Hunderte von jüdischen Ärzten, Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten, Generälen und Amtsträgern aus ihrer Arbeit. So verloren die jüdischen Pol:innen ihre Existenzgrundlage und waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Nennenswerte Proteste seitens der nichtjüdischen Bevölkerung gegen diese Grausamkeit gab es kaum.
Bei der Ausreise mussten die Lessmanns ihre Staatsbürgerschaft abgeben, waren dann also staatenlos, und durften nur sieben Dollar pro Kopf mitnehmen, insgesamt also 21 Dollar. Der Zug fuhr nach Wien, wo es ein Auffanglager gab. Bolesław Lessmann ging in Wien zur israelischen Botschaft, die Pässe und Flugtickets nach Israel ausstellte. Agnieszka Lessmann erinnert sich verschwommen an ihre Ankunft in Arad, in Israel. Dort ging sie in den Kindergarten, während die Eltern einen Sprachkurs besuchten. Ihr Vater merkte schnell, dass er nicht genug Hebräisch lernen können würde, um in Israel als Journalist zu arbeiten. Als er ein Angebot eines polnisch-sprachigen Radiosenders in Deutschland erhielt, sagte er zu und die kleine Familie zog im Frühsommer 1969 nach Deutschland. Genauer: nach Hannover. Die Stelle hatte jedoch einen Haken: Es handelte sich um Radio Freies Europa (Radio Free Europe), einen Sender, der mindestens in Osteuropa und Russland als US-Propaganda-Kanal wahrgenommen wurde. Agnieszka Lessmann erinnert sich: „Die jüngere Schwester meiner Mutter war in Polen geblieben. Und meine Eltern befürchteten, dass sie kein Abitur machen können würde, wenn ihr Schwager für einen westlichen Propagandasender arbeitete.“
Zumindest erhielten die Lessmanns die deutsche Staatsangehörigkeit und mit dieser auch ihren Nachnamen in der heutigen Form, da ihn die Behörden von Lesman zu Lessmann änderten. Aus Sicht der Autorin hatte das pragmatische Gründe: So wurde die Aussprache mit kurzem „e“ und kurzem „a“ für deutsche Lese- und Hörgewohnheiten richtig wiedergegeben. Außerdem war „Lessmann“ die Schreibweise des Familiennamens der deutschen Vorfahren. Über eine mögliche Verwandtschaft mit dem bekannten polnischen Dichter Bolesław Leśmian/Lesman (1877–1937) ist Agnieszka Lessmann nichts bekannt.