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Der „Anlass“ für die Pogromnacht? Oder: Vom Schicksal des Herschel Grynszpan

Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938
Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938

Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 nimmt zu Recht in der Geschichtsschreibung und der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einen historisch eigenständigen und wichtigen Stellenwert ein. Sie markiert einen Wendepunkt der NS-Politik, in dem die judenfeindliche Strategie der Nationalsozialisten umschlug von Ausgrenzung und Entrechtung hin zur systematischen Beraubung, Verfolgung und Vertreibung von Jüdinnen und Juden. Über die Reichspogromnacht, ebenso wie über die Vorläufer gewalttätiger Übergriffe und des Ausgrenzungsterrors gegenüber jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die sich bereits ab 1933 in vielen Regionen des Deutschen Reiches abzeichneten, sind inzwischen vielfältige historische Studien erschienen. Weniger verankert ist im öffentlichen Bewusstsein dagegen die Lebensgeschichte des 17-Jährigen, dessen Attentat auf den deutschen Legionärssekretär für die NS-Führung als Vorwand für die brutalen Gewaltexzesse diente, und der sich damit tragischer Weise zu einer Schlüsselfigur der Weltgeschichte machte. Noch in den 1980er Jahren wurde er in den Schulbüchern lediglich als namenloser „junger Jude“ benannt.[1] Erst in der jüngeren historischen Forschung rückten neben dem eigentlichen Attentat auch die Hintergründe seiner Tat ebenso wie seine Familiengeschichte in den Fokus einiger weniger wissenschaftlicher Analysen – und er bekam endlich einen Namen: Herschel Feibel Grynszpan.

 

Pogrome, Migration und ein Neuanfang in Deutschland
 

Die Schicksale und Biografien der Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa sind wechselvoll, tragisch und füllen mahnend mehrere hundert Meter von Bücherregalen in historischen Archiven rund um den Globus. Von der Antike bis zur Neuzeit verfestigte sich aufgeladen durch antijüdische Mythen, Nationalismus und Sozialdarwinismus eine christlich-abendländische Feindschaft gegenüber dem Judentum, die im 20. Jahrhundert ein noch ungeahntes und erschreckendes Ausmaß annehmen sollte. Die Dimension des europäischen Antisemitismus im 20. Jahrhundert führt exemplarisch die (Migrations-)Geschichte der Familie Grynszpan vor Augen, die 1911 in dem kleinen Dorf Dmenin bei Radomsko im russisch besetzten Teil Polens[2] beginnt: Neben der elenden wirtschaftlichen Situation und der politischen Spannungen sind im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert Jüdinnen und Juden in Osteuropa mit zahlreichen Restriktionen und zunehmender Gewalt konfrontiert. Die antijüdischen Pogrome im Russischen Zarenreich des Jahres 1881 geben für viele Menschen jüdischen Glaubens den letzten Impuls, in den kommenden Jahrzehnten aus ihrer Heimat in Richtung Westen zu emigrieren. Bis in die frühen 1920er Jahre werden fast drei Millionen Jüdinnen und Juden Osteuropa verlassen haben. In der Hoffnung der Armut, den zunehmenden antisemitischen Ausgrenzungen und Übergriffen zu entgehen, migriert im Jahr 1911 auch das zu diesem Zeitpunkt noch kinderlose jüdisch-polnische Ehepaar Ryfka (geb. Silberberg, *1887) und Sendel Grynszpan (*1886), wie viele andere ihrer Glaubensbrüder und -schwestern, von Russisch-Polen nach Deutschland. Es ist ein hoffnungsvoller Neuanfang.

Das junge Ehepaar Grynszpan lässt sich in Hannover nieder. Die preußische Provinzhauptstadt war im Aufschwung der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts aufgeblüht und ist geprägt vom andauernden Wirtschaftswachstum während der Industrialisierung. Nachdem die Einwohnerzahl im Jahr 1874 noch knapp unter 100.000 gelegen hatte, wuchs die Bevölkerung bis 1911 auf über auf 308.000 an.[3] Die ebenfalls wachsende jüdische Gemeinde Hannovers weihte bereits 1870 den Neubau einer größeren Synagoge in der altstädtischen Bergstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zu den christlichen Hauptkirchen der Stadt ein. Die neue Wahlheimat der Eheleute Grynszpan ist eine der führenden deutschen Groß- und Industriestädte mit einem reichen jüdischen Gemeindeleben.

Sendel Grynszpan verdient sein Geld als Schneidermeister mit einem eigenen Ladengeschäft in der Knochenhauerstraße 5 in der Hannoverschen Altstadt. Im Jahr 1914 wird Ryfkas und Sendels ältestes Kind, Sophia Helena, geboren. Im Jahr darauf verlegt Vater Sendel die Schneiderei in die benachbarte Burgstraße 36 und die kleine Familie bezieht eine bescheidene Wohnung von 40 Quadratmetern in der zweiten Etage über dem Geschäft. In den räumlich beengten Verhältnissen kommen bis 1920 drei[4] weitere Kinder zur Welt: Esther Beile, genannt Berta (*1916), Mordechai Eliezer, genannt Markus (*1919) und Salomon (*1920). Ryfka und Sendel erziehen ihre Kinder im jüdischen Glauben, sind angesehene Mitglieder in der jüdischen Gemeinde und bewahren teils einen traditionell-religiösen Lebensstil. Sie öffnen sich aber auch dem modernen Selbstverständnis der westeuropäischen Jüdinnen und Juden, die sich an die Gesellschaft und Kultur des Landes anpassen wollen. Ihre Kinder erziehen die Grynszpans deutschsprachig, verwenden deutsche Rufnamen, sprechen innerhalb der Familie vor allem Jiddisch. Ihre polnische Herkunftssprache bringen sie ihren Kindern nicht bei.

Eine Rückkehr nach Polen ist ausgeschlossen – als gänzlich unerwartet die bereits sechsköpfige Familie Grynszpan im Jahr 1920 die polnische Staatsbürgerschaft erhält: Mit der Wiedererrichtung des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg erlangt Polen nach 123 Jahren der Teilung die staatliche Unabhängigkeit. Die erste rechtliche Regelung die Polnische Staatsangehörigkeit betreffend ist das Polnische Staatsangehörigkeitsgesetz vom 20. Januar 1920, das nicht nur all jenen Personen das Recht auf die polnische Staatsangehörigkeit zuspricht, die auf polnischem Staatsgebiet angesiedelt sind, sondern auch jenen Personen, die auf dem Gebiet des polnischen Staates geboren wurden, sofern ihnen nicht die Staatsangehörigkeit eines anderen Landes zusteht.[5] Da Sendel und Ryfkas Geburtsort Radomsko auf wiedererrichtetem polnischem Staatsgebiet liegt und sie seit ihrer Emigration versäumt haben, in Deutschland Einbürgerungsgesuche zu stellen, erhalten sie daher die polnische Staatsbürgerschaft, die sich auch auf ihre in Deutschland geborenen Kinder überträgt.[6] Ihr jüngster Sohn Herschel Feibel, genannt Hermann, wird am 28. März 1921 damit als polnischer Jude in Deutschland geboren.

 

[2] Nach den drei schrittweisen Teilungen Polens durch die Nachbarmächte Preußen, Österreich und Russland war Polen als souveräner Staat von 1795 bis hin zum Ende des Ersten Weltkrieges gänzlich von der Landkarte Europas verschwunden und in Teilungsgebiete aufgeteilt.

[4] Aus den Quellen geht hervor, dass Ryfka Grynszpan insgesamt sieben Kinder zur Welt brachte – drei der Kinder sind bereits bei der Geburt bzw. im Säuglingsalter verstorben: ohne Namen (*/†1912), Ida (*/†1918), Charlotte (*/†1922).

[6] Armin Fuhrer, S. 28.

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  • Die Burgstraße in Hannover

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  • Herschels Schulklasse, Hannover 1930

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  • Die Neue Synagoge in Hannover, gelegen in der Bergstraße, 1905.

    Neue Synagoge in Hannover, 1905

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  • Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938.

    Herschel Feibel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung, Paris 1938

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  • Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel Grünspan (Grynszpan) in Hannover an der Burgstraße 36, 2015.

    Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel, 2015

    Die Stolperstein für Esther (Berta) und Herschel Grünspan (Grynszpan) in Hannover an der Burgstraße 36, 2015.
  • Mahnmal für die ermordeten Juden Hannovers, 2020.

    Mahnmal für die ermordeten Juden Hannovers, 2020

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  • Die am 9. September 2013 enthüllte Stadttafel Hannover.

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