Roma Ligocka: Das Mädchen im roten Mantel in „Schindlers Liste“

Roma Ligocka auf der Buchmesse in Krakau, 2004.
Roma Ligocka auf der Buchmesse in Krakau, 2004.

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Als der Film „Schindlers Liste“ im Jahr 1994 in die Kinos kommt, brennt er sich in das kollektive Gedächtnis ein – und prägt damit die historische Aufarbeitung des Holocaust für eine ganze Generation. Besonders ein filmisches Motiv bleibt dabei nahezu allen Kinobesuchern in Erinnerung: Oskar Schindler beobachtet ein etwa dreijähriges Mädchen, das alleine und verschreckt inmitten der grausamen und gewaltsamen Auflösung des Krakauer Ghettos umherläuft. Später erkennt es Schindler anlässlich der Exhumierung der Opfer auf einer Leichenkarre wieder. Es war ein Mädchen im roten Mantel. Der einzige Farbakzent in dem sonst gänzlich in Schwarzweiß gehaltenen Film. Ein bewegendes Sinnbild für den Holocaust, das den moralischen Wandel des Oskar Schindler unterstreicht.[1] Anlässlich der Filmpremiere erkennt sich eine erwachsene Frau in diesem Mädchen wieder: Roma Ligocka. Motiviert und inspiriert durch den Film schreibt sie ihre eigene Kindheitserinnerungen an die Zeit im Krakauer Ghetto und die Nachkriegszeit in einem autobiographischen Roman nieder – und schafft damit einen wertvollen Zeitzeugenbericht.

Roma wird am 13. November 1938 als Tochter ihrer jüdischen Eltern Teofila (geb. Abrahamer) und David Liebling in Krakau geboren. Sie ist noch keine zwei Jahre alt, als sie mit ihrer Familie ins Krakauer Ghetto umgesiedelt wird, wo sie die prägenden Jahre ihrer frühesten Kindheit verbringen soll. In ihrem kleinen roten Mantel ist Roma der einzige Farbtupfer im kalten und grauen Ghetto, wird liebevoll von Freunden und Familie „kleine Erdbeere“ genannt. Die Lebensumstände in der Wohnung, die sich die Familie mit mehreren anderen Bewohnern teilen muss, sind unerträglich. Kein Platz, Gestank, kaum Lebensmittel. Warum sich ihr Leben allerdings in Hunger, Armut und Angst darstellt, während sie durchaus wahrnimmt, dass es ein Leben außerhalb des Ghettos gibt, versteht die Dreijährige nicht. Wie sollte sie auch. Als „verstecktes“ Kind kennt sie nichts anderes als das Elend und die tägliche Angst vor den deutschen Soldaten im Ghetto: „Sie brüllen, wir gehorchen. Wer nicht gehorcht, wird getötet.“

Der Terror gegen die Ghettobewohner spitzt sich weiter zu, immer mehr Menschen werden deportiert: „Wir warten immer, auf nichts. Wir warten Tag und Nacht. Keiner weiß, was morgen sein wird. Wir werden aussortiert, wie eine Ware werden wir dauernd aussortiert. Straße für Straße, Haus für Haus werden wir weiter eingekreist. (…) Menschen gehen und kommen einfach nicht wieder. Kaum hat man sich an ein Gesicht gewöhnt, ist es schon weg.“ Erst wird Romas Großmutter, später auch ihren Vater ins Konzentrationslager deportiert. Schließlich gelingt es Mutter und Tochter aus dem Ghetto zu fliehen. Von März 1943 bis zum Kriegsende verstecken sie sich mit falschen Papieren bei einer polnischen Familie und entkommen sie so der Deportation ins Vernichtungslager: „Meine ganze Kindheit hatte ich bei den Kierniks verbracht, auf Zehenspitzen, so scheint es mir heute. Es gab Puppen und Theaterspiele, Bücher, Musik, Stifte und Papier, und so etwas wie ein Zuhause; auch wenn nichts davon mir gehörte. Es war ein geliehenes Lebens, eine geliehene Kindheit bei einer geliehenes Familie. (…) Danach war die Kindheit vorbei.

Bei Kriegsende ist Roma sechs Jahre alt. In den kommenden Wochen finden sich die wenigen Überlebenden aus dem Bekannten- und Familienkreis allmählich wieder in Krakau zusammen. Dabei sieht sich die kleine Roma mit der psychischen Belastung ihres Umfeldes konfrontiert, die sie als Kind nicht richtig einzuordnen und zu verarbeiten weiß: „Auch die Geschichten der Erwachsenen habe ich seit jeher im Ohr und kann sie nie wieder vergessen. Es nutzte nichts, dass ich mir die Ohren zuhielt, unter das Bett kroch, mir die Decke über den Kopf zog. Es gab kein Entrinnen, es gab kein Erbarmen für uns Kinder. Wir wurden ungewollt zu Zeugen gemacht von denen, die Zeugnis ablegten.“ Die Überlebenden der Konzentrationslager erscheinen ihr, als seien sie verrückt geworden. Ihren Vater, der das KZ Plaszów und Auschwitz überlebt und nach Krakau zurückkehrt, erkennt sie nicht einmal wieder. Ihre engste Vertraute ist in dieser Zeit ihre Mutter. Freunde findet sie in dem gleichaltrigen Ryszard Horowitz und in ihrem sechs Jahre älteren Cousin Roman Polański, mit denen sie sich auf abenteuerliche Streifzüge durch die Stadt begibt. Langsam richtet sich Roma wie auch die anderen Überlebenden ein im Leben der Nachkriegszeit: Roma geht zur Schule, macht das Abitur und studiert schließlich Malerei und Bühnenbild an der renommierten Akademia Sztuk Pięknych im. Jana Matejki in Krakau. Das Trauma der frühen Jahre soll sie aber ihr ganzes Leben begleiten.

 

[1] Tobias Ebbrecht: Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis. Filmische Narrationen des Holocaust, S. 288.

Sie verliebt sich in den Regisseur Jan Biczycki, der als Intendant am Juliusz-Słowacki-Theater in Krakau landesweite Popularität erlangt. Während ihrer Hochzeitsreise nach Österreich 1965 entschließt sich das junge Paar nicht nach Polen zurückzukehren. Das Ehepaar zieht jahrelang durch Westeuropa, inszeniert mehrere Theaterstücke – auch nach der Geburt des Sohnes Jakob. Roma arbeitet als Kostümbildnerin und Szenografin an Theatern, Opern sowie in Film und Fernsehen, findet sich mit Ehemann Jan in der internationalen Theaterszene wieder. Stationen dieser Wanderjahre sind Graz, Wien, Köln und Frankfurt am Main und Kopenhagen. Als der gemeinsame Sohn schließlich fünf Jahre alt ist, lässt sich die Familie in Ottobrunn bei München nieder. Trotz des privaten und beruflichen Erfolgs erfährt Roma immer wieder herbe psychische Rückschläge, da sie ihr Kindheitstrauma nicht verarbeiten kann. Es kommt zum Bruch ihrer Ehe woraufhin sie Ottobrunn verlässt und mit dem Sohn nach Stuttgart zieht. Immer weiter durchziehen schwere Depressionen und Angstanfälle ihr Leben.

Nach Jahren der Verdrängung gibt Roma schließlich ein Film den Anstoß sich ganz bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen: Am 2. März 1994 ist die Premiere von Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ in Krakau, zu der neben Persönlichkeiten aus Politik und Kultur auch Holocaust-Überlebende und ihre Familien eingeladen sind. Nach anfänglichen Widerstrebungen der Premiere beizuwohnen, findet sich Roma gemeinsam mit ihrem Sohn doch im Kinosaal wieder – und sieht sich auf der Leinwand mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert: „Im Ghetto. Dunkle Wohnungen. Enge. Flucht, Koffer. Schreie. Tränen. Stiefel. (…) Das kleine Mädchen in dem roten Mantel.“ Ein Wendepunkt im Leben der 55-Jährigen, die sich endlich inspiriert und stark genug fühlt das Erlebte zu erzählen. 

Im Jahr 2000 erscheint schließlich ihr Bestseller-Roman „Das Mädchen im roten Mantel“, der in 25 Sprachen übersetzt wird. Dabei entsteht mit dem autobiographischen Roman nicht nur das Bild einer Kindheit während des Zweiten Weltkriegs. Die Autorin erzählt auch die Geschichte einer jungen Frau, die nach den erschütternden Kriegserfahrungen vergeblich auf der Suche ist nach einem Platz in der polnischen, später in der deutschen Gesellschaft – einen wertvoller Zeitzeugenbericht.

Heute lebt Roma Ligocka in München und Krakau.
 


Katarzyna Salski

 

Roma Ligocka (mit Iris von Finckenstein): „Das Mädchen im roten Mantel“. Droemer, München 2000.

Die Szene mit dem Mädchen in dem roten Mantel aus „Schindlers Liste“: https://www.youtube.com/watch?v=tvALjQ_QuI0

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