Kacperkowo 1945/46 – Als ein Dorf im Emsland polnisch war

Die neue Kirche in Kacperkowo/ Deutschland, gebaut von Displaced Persons, 1945 (?), POSK.
Die neue Kirche in Kacperkowo/ Deutschland, gebaut von Displaced Persons, 1945 (?), POSK, Polski Ośrodek Społeczno-kulturalny. London.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete für all jene, die als ehemalige Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter aus ihrer Heimat geschleppt wurden, die Möglichkeit zur Rückkehr. Da Sowjetrussland aber einen Teil ehemaliger polnischer Gebiete besetzte, lehnten viele polnische Zivilisten aus politischen Gründen eine Rückführung in ihre Heimat ab. Mit dem Status von „heimatlosen Ausländern“, sogenannten Displaced Persons (DPs), kamen sie zunächst in Lagern unter. Ihre Anzahl ist im Laufe der Zeit so stark angewachsen, dass die britische Militärregierung mehrere Orte im Emsland von den deutschen Bewohnern räumte, um die heimatlosen Polen dort anzusiedeln. Einer dieser Orte war das Dorf Neuvrees, ein heutiger Stadtteil der Gemeinde Friesoythe.

Die Nachricht, dass eine Räumung des Ortes von den deutschen Einwohnern bevorstand, erreichte die Neuvreeser am 27. Mai 1945 noch vor der offiziellen Verlautbarung der Militärs: Die Bewohner mussten unverzüglich ihre Häuser verlassen und bei Verwandten und Bekannten in den Nachbargemeinden unterkommen. Noch am selben Tag zogen die polnischen DPs in die Häuser ein – und sollten dort für die nächsten anderthalb Jahre, bis Dezember 1946, bleiben.  

Während dieser Monate benannten die nun hier lebenden Polen den Ort in Kacperkowo[1] um. Laut Chronik von Neuvrees sei dies der Name einer Gemeinde in Polen. Und auch Straßen erhielten eine polnische Bezeichnung.[2]

Polnisches Leben in Kacperkowo

Versorgt wurden die Einwohner von Kacperkowo durch die britische Militärregierung, die neben Nahrung auch Sachmittel bereitstellte. Im Laufe des Jahres 1946 nahm diese Versorgung allerdings ab. Als Folge kam es zu gehäuftem Diebstahl in den Nachbargemeinden, bspw. von Vieh, um die eigene Ernährung gewährleisten zu können. Ein weiteres Problem lag in der fehlenden Beschäftigung der polnischen DPs, die die Zeit deswegen oft mit Trinken von selbstgebranntem Alkohol verbrachten. Streitigkeiten, die zwischen den alkoholisierten Polen ausbrachen, häuften sich und endeten nicht selten mit körperlichen Auseinandersetzungen. Aufgrund der angespannten Lage gründeten die Polen eine eigene Polizei, ausgestattet mit alten deutschen Gewehren und schwarzen Uniformen.

Auch die Beziehung zwischen den neuen und alten Einwohnern des Ortes war zuweilen von Spannungen geprägt. Oft entwickelten sich aber auch positive Beziehungen bis hin zu Freundschaften. Maria Roß, geborene Roberts, hat die Zeit kurz nach Kriegsende als junges Mädchen miterlebt. Die 2017 verstorbene Zeitzeugin hatte die Polen bis zuletzt sehr freundlich in Erinnerung: Sie hätten Feste gefeiert, bei denen die deutschen Kinder des Ortes zuschauen durften. Die Stimmung auf diesen Veranstaltungen sei schön gewesen, erinnerte sie sich. 

Für die Neuvreeser Landwirte bedeutete die Umsiedlung eine erhebliche Erschwerung des Arbeitsalltages: Täglich mussten sie von ihren provisorischen Quartieren zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu ihren eigenen Höfen gelangen, um die Felder und das Vieh zu versorgen. Erst ab Herbst 1945 durften sie in Unterkünften in den Stallgebäuden und somit in der Nähe der Höfe leben. Grundsätzlich galt: „Die Zeit der Besatzung brachte für die Menschen eine schwere Belastung, aber Hungern brauchte im Gegensatz zu den Menschen in den Großstädten in Neuvrees niemand.“[3]

Einen Treffpunkt von deutschen und polnischen Einwohnern des Ortes und der Region bildete die von den Polen eingerichtete Kirche, die von den Deutschen genannte „Polenkirche“[4]. Sie befand sich in einer Baracke im Eleonorenwald einer Oldenburger Firma. Bereits während des Krieges waren dort polnische Waldarbeiter untergebracht. Mit Gründung der polnischen Enklave wurde die Baracke in den Ortskern an die Feldstraße/ ulica Gen. Sikorskiego verlegt und nachträglich eine Sakristei angebaut, für die die benötigten Bretter von den Neuvreesern beschafft wurden. Letzteres wurde von ihnen kritisiert. Zusätzlich entstand ein eigener Glockenturm, dessen Glocke aus dem heutigen Ort Spahnharrenstätte stammte. Die Baracke war während der Messen meist überfüllt; viele Menschen mussten stehen, da es nicht genügend Sitzplätze gab. Nach dem Weggang der Polen bemühten sich die Neuvreeser um den Erhalt der Kirchengemeinde. Zu diesem Zweck kauften sie das Gebäude ab. 1956 zog die Barackenkirche in die Deepstreek, wo sie bald nicht mehr als Kirche, sondern als Unterkunft für Geflüchtete aus dem Osten genutzt wurde. 

Im Dezember 1946 mussten die polnischen DPs Kacperkowo endgültig verlassen. Die Neuvreeser, die nun in ihre Häuser zurückkehren konnten, feierten noch am selben Abend ein Fest; es habe einen Freudenmarsch durch das Dorf mit Blaskapelle gegeben, berichtet die Chronik vom Ende des polnischen Kacperkowo im Emsland.[5] Heutzutage erinnert nichts mehr an die Anwesenheit der Polen zwischen 1945 und 1946, die ehemalige Polenkirche steht allerdings noch an Ort und Stelle. Im Rahmen von Chroniken und Festumzügen zur Dorfgeschichte wird an sie und die Polen von Kacperkowo erinnert.

 

Andrea Sarah Lorenz, Dezember 2018

 

Literatur:

Chronikausschuss „225 Jahre Neuvrees“: 225 Jahre Neuvrees. Dorf- und Familienchronik. Werlte 2013.

Festausschuss: 200 Jahre Neuvrees 1778 – 1988. Dorf und Familien-Chronik. Werlte, 1988.

 

[1] In der Literatur existieren zwei Schreibweisen: "Kasperkowo" und "Kacperkowo". Es ist nicht nachvollziehbar, welche von Beiden von den DPs benutzt wurde. Im Folgenden wird die Schreibweise mit "c" verwendet. 

[2] Chronikausschuss „225 Jahre Neuvrees“: 225 Jahre Neuvrees. Dorf- und Familienchronik. Werlte 2013, S. 140.

[3] Chronikausschuss „225 Jahre Neuvrees“: 225 Jahre Neuvrees. Dorf- und Familienchronik. Werlte 2013, S. 141.

[4] Festausschuss: 200 Jahre Neuvrees 1778 – 1988. Dorf und Familien-Chronik. Werlte, 1988, S. 400.

[5] Festausschuss: 200 Jahre Neuvrees 1778 – 1988. Dorf und Familien-Chronik. Werlte, 1988, S. 400.

 

 

 

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  • Die sogenannte Polenkirche am Deepstreek, Gerhard Bruns.

    Die sogenannte Polenkirche am Deepstreek, Gerhard Bruns.

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  • Gebäude der ehemaligen Polenkirche, Neuvrees, 2015. 

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  • Gebäude der ehemaligen Polenkirche, Neuvrees, 2015. 

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  • Gebäude der ehemaligen Polenkirche, Neuvrees, 2015. 

    Gebäude der ehemaligen Polenkirche, Neuvrees, 2015. 

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