Stanisław Kubicki

Jerzy Hulewicz, Portret Stanisława Kubickiego, linoryt, 1918
Jerzy Hulewicz, Portret Stanisława Kubickiego, linoryt, 1918

Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts beteiligt sich Kubicki an Ausstellungen in Chicago, Köln und Berlin. 1933 wird Margarete Kubicki an eine Schule im Berliner Stadtteil Tempelhof versetzt. Im September 1934 beschließt Stanisław Kubicki, auf Grund der politischen Situation nach Polen zu emigrieren. Seine Frau und die Kinder bleiben in Deutschland. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schließt er sich als aktives Mitglied der polnischen Widerstandsbewegung an. 1940 wird er Kurier des polnischen Untergrundstaats. Im Rahmen seiner Mission unternimmt er Fahrten nach Berlin und schleust Geld für den Widerstand nach Polen ein. 1941 wird er von der Gestapo in Warschau verhaftet, wobei es auch in Berlin zu Vernehmungen und Konfrontationen mit Margarete Kubicki kommt. Schließlich wird Stanisław Kubicki höchst wahrscheinlich Anfang 1942 als politischer Häftling im Pawiak-Gefängnis in Warschau hingerichtet. [Abb. 3]

Stanisław Kubicki war einer von vielen avantgardistischen Künstlern, denen die Hauptstadt der Weimarer Republik nur geringe Überlebenschancen bot, zumal sie damals schon eher ein Zentrum des künstlerischen Austauschs zwischen Ost und West gewesen ist. Stanisław Kubickis Leben als Künstler in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts trug ihm viele Verbindungen zu polnischen und deutschen Avantgardisten ein, was seine Position in der Berliner Künstlerszene gefestigt hat. Dabei stellten die beiden Städte Posen und Berlin in der Zeit zwischen den Kriegen das intellektuelle Universum des Künstlers dar. Bei alledem fällt es schwer, Kubickis Oeuvre in nur einer Strömung der damaligen Avantgarde zu verorten. In den Anfangsjahren seines Schaffens ist Kubicki erkennbar vom deutschen Expressionismus fasziniert, wobei die ästhetischen Einflüsse sowie die künstlerische Sprache dieser Bewegung durch die Zeitschriften „Die Aktion” und „Der Sturm” auch auf die Posener Künstler der Gruppe „Bunt” ausgestrahlt haben. In der Begegnung mit den Berliner Dadaisten betreibt Kubicki fotografische Experimente, zudem bleibt er in dieser Zeit mit graphischen Arbeiten [Abb. 6] und Bildern produktiv. Seine Gedichte hat er sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch veröffentlicht. Kubicki schuf auch das heute nicht mehr existierende Denkmal zu Ehren von Marschall Józef Piłsudski und der polnischen Legionäre der Jahre 1919 und 1920 in Kobylepole bei Posen. In der späteren Schaffensperiode tritt besonders in den Gemälden sein Interesse am Konstruktivismus hervor. Kubicki nimmt in seinen Bildern häufiger Aspekte der Formung von Bedetungsstrukturen mit Hilfe geometrischer und abstrakter Gebilde auf. Dieser Ansatz lässt es zu, Ergründungsversuche des Künstlers im Grenzgebiet von Naturwissenschaft und Philosophie wahrzunehmen. [Abb. 8] Besondere Aufmerksamkeit gebührt dem letzten Werk des Künstlers, dem großformatigen Ölgemälde (201 x 145 cm) unter dem Titel „Moses vor dem brennenden Dornbusch“. [Abb. 10] Kubicki begann die Arbeit an diesem Werk bereits in Berlin, bevor er die Stadt schließlich verließ. Es wird auf die Jahre 1933 und 1934 datiert und sticht unter den expressionistischen Graphiken und aus den kleinformatigen Gemälden des Künstlers hervor. Die religiöse Thematik, die Kubicki in diesem Bild aufgreift, ist mit Symbolik aufgeladen, die mit der anhaltenden Krise in Anbetracht der Totalitarismen der Zeit in Zusammenhang gebracht werden könnte. Nach 1934 gibt Kubicki nur noch einen Gedichtband heraus. Bilder entstehen keine mehr.

Der Sohn von Stanisław und Margarete Kubicki, Stanislaw Karol Kubicki, geb. 1926, ist emeritierter Professor für Klinische Neurophysiologie. Als erster immatrikulierter Student der 1948 gegründeten Freien Universität Berlin studiert er zunächst Neurologie und danach Kunstgeschichte. Zudem beteiligt er sich aktiv an der Gründung der Hochschule und engagiert sich im kulturellen Leben Westberlins. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen, in denen er sich mit der Schlafforschung befasst, sowie von Kunstpublikationen, unter anderem über Margarete und Stanisław Kubicki.

 

Aleksander Gowin, Oktober 2018

 

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  • Abb. 1: Stanisław Kubicki, Miasteczko (Kleines Städtchen), 1913

    Stanisław Kubicki, Miasteczko (Kleines Städtchen), 1913
  • Abb. 2: Stanisław Kubicki, Wieża Babel (Der Turmbau zu Babel), 1917

    Stanisław Kubicki, Wieża Babel (Der Turmbau zu Babel), Linolschnitt, 1917
  • Abb. 12: Stanisław Kubicki, Madonna I (mit rundem Nimbus), 1917

    Stanisław Kubicki, Madonna I (mit rundem Nimbus), Tinte auf chinesischem Papier, 1917
  • Abb. 4: Die Aktion, Vol. 8, Nr. 21/22, Juni 1, 1918

    Die Aktion, Vol. 8, Nr. 21/22, Juni 1, 1918
  • Abb. 5: Jerzy Hulewicz, Porträt von Stanisława Kubicki, 1918

    Jerzy Hulewicz, Porträt von Stanisława Kubicki, Linolschnitt, 1918
  • Abb. 6: Stanisław Kubicki, Tancerka (Die Tänzerin), 1918

    Stanisław Kubicki, Tancerka (Die Tänzerin), Linolschnitt, 1918
  • Abb. 7: Stanisław Kubicki, Kontrabasista (Der Kontrabassist), 1919

    Stanisław Kubicki, Kontrabasista (Der Kontrabassist), 1919
  • Abb. 8: Stanisław Kubicki, Autoportret VII (Selbstporträt VII), 1922

    Stanisław Kubicki, Autoportret VII (Selbstporträt VII), Öl auf Leinwand, 1922
  • Abb. 9: Kongress der Union Internationaler Fortschrittlicher Künstler, 1922 r.

    Kongress der Union Internationaler Fortschrittlicher Künstler, Düsseldorf, 29.-31. Mai 1922. Von links: unbekannt, Werner Graeff, Raoul Hausmann, Theo van Doesburg, Cornelis van Eesteren, Hans Richter...
  • Abb. 10: Stanisław Kubicki, Moses vor dem brennenden Dornbusch, 1933/34

    Stanisław Kubicki, Moses vor dem brennenden Dornbusch, Öl auf Leinwand, 1933/34
  • Abb. 11: Stanisław Kubicki, Eintretender, vor 1939

    Stanisław Kubicki, Eintretender, vor 1939
  • Abb. 3: Stolperstein für Stanislaw Kubicki in Berlin-Neukölln

    Stolperstein (2017) für Stanisław Kubicki vor dem Haus in der Onkel-Bräsig-Straße in Berlin-Neukölln, in dem das Ehepaar Margarete und Stanisław Kubicki gewohnt haben. Auf dem Stolperstein wurde ein f...