Kunst polnischer Künstler im Kunstmuseum Bochum

Władysław Strzemiński, Grün-Rot-Architektur, 1928, Öl auf Pappe, 47,5 x 30 cm
Władysław Strzemiński, Grün-Rot-Architektur, 1928, Öl auf Pappe, 47,5 x 30 cm

Speziell zur polnischen Kunstszene haben sich die Beziehungen dahingehend „normalisiert“, dass sich die Kommunikation zwischen Künstlern und Kuratoren prinzipiell nicht von der zu westlichen wie der niederländischen oder französischen unterscheidet. Mein erster Kontakt zur aktuellen Kunst in Polen entstand 1990 als ich mich anlässlich einer Kooperation zwischen dem Kunstmuseum Bochum und dem Nationalmuseum Warschau in Warschau aufhielt. Ich hatte das Glück, durch meine Kollegin Dorota Monkiewicz gleich in eine vom Aufbruch geprägte, vitale Kunstszene eintauchen zu können. Während des Kriegsrechtes in Polen gingen die Künstler mit ihrer Kunst auf die Straße und trugen entscheidend zum Systemsturz bei. Vor allem meine Begegnungen mit Vertretern des Künstlerzusammenschlusses der Warschauer „Gruppa“ führten zum Entschluss, eine Ausstellung  aktueller polnischer Kunst aus den verschiedenen damaligen Kunstszenen Polens in Bochum zu konzipieren. So stellten wir 1993 unter dem ironisch metaphorischen Titel „UN-VOLLKOMMEN“ Werke von Künstlerinnen und Künstlern[5] aus Krakau, Lublin, Posen und Warschau aus. Während der Recherche zu diesem Projekt kam es zu einer Begegnung mit dem späteren Documentateilnehmer Mariusz Kruk, den ich gerne für die Bochumer Präsentation gewonnen hätte. Über meine Begeisterung an seiner Kunst erfreut, sagte er mir dennoch ab mit der Begründung, dass er nicht als polnischer Künstler, sondern „nur“ als Künstler gesehen werde wolle. Eine generell verständliche Position, die er als Pole und Angehöriger eines ehemaligen Ostblockstaates zusätzlich problematisierte. Mir hat diese Argumentation damals sehr eingeleuchtet, da auch in der Vergangenheit als Folge des „Kalten Krieges“ die Gefahr bestand, das Bochumer Museum mit seiner Ausrichtung nach Osteuropa zu stigmatisieren. So zeigte ich denn auch Zofia Kulik erstmals 1994 in Bochum in der international besetzten Themenausstellung „Natur im Stileben – Natura Morta“, die eigens für diese Ausstellung gefertigte, großformatige Fotoarbeit „Wer erobert die Welt“ (1994) konnte glücklicherweise für unsere Sammlung erworben werden. Als ich 1997 die Leitung des Kunstmuseums Bochum antrat, behielt ich trotz so genannter „gut gemeinter Ratschläge“, Osteuropa aus dem Fokus zu streichen, diese Traditionslinie bei, aber eben im betont internationalen Kontext. Das groß angelegte Kooperationsprojekt „Transfer Polen“[6] im Jahre 1998, das in Rahmen der internationalen Ausstellungsreihe des Kultursekretariats Wuppertal Transfer zustande kam, kam mir dabei sehr gelegen, um diese „neue Kontinuität“ zu demonstrieren. Künstlern aus NRW wurde ein mehrmonatiger Aufenthalt in Polen und umgekehrt Künstlern aus Polen in NRW bzw. in den Städten der teilnehmenden Museen finanziert und deren Werke hier wie dort ausgestellt. Aus dieser Ausstellung erwarben wir die Fotoinstallation „Memory/Losungen“ (1997) von Marta Deskur.

Mit den sehr reduzierten Ankaufsbudgets der kommunalen Museen im Ruhrgebiet verringern sich entsprechend die Ankäufe und die Sammlungen wachsen langsamer. Im Ausstellungsgeschehen spielt polnische Kunst in Bochum eine „normale“ Rolle; das heißt, projektbezogen bzw. in Solo- oder Themenausstellungen zeigen wir immer wieder Werke einzelner Künstlerinnen und Künstler. Noch vor ihrer Einladung zur documenta 12 im Jahre 2007 richteten wir in Bochum Zofia Kulik eine erste große Einzelausstellung in Deutschland aus. Auch Werke Mirosław Bałkas waren in Bochum in dichter Folge zu sehen; so etwa in der, mit Blick auf die Geschichte unseres Institutes, mit seiner Ausrichtung auf Ost- und Mitteleuropa, konzipierten Ausstellung „EIN PAAR LINKER SCHUHE – Reality Check in East Europe“ (2009), eine Kooperation mit dem Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb, die die „post-sozialistische“ Kunstszene zum Thema hatte. In ihrer Einzelausstellung „Niemandslicht: Ursula Schulz-Dornburg. Photographien 1973-2011“ im Jahre 2011 integrierte die Künstlerin eine raumgreifende Eisenskulptur von Mirosław Bałka als zentralen Bestandteil ihrer Werkübersicht und provozierte einen eindrucksvollen Dialog.

Nahezu selbstverständlich stellen wir immer  Künstler aus Polen, die in Deutschland leben, wie Danuta Karstens, Wika Mikrut oder Andrzej Kuczmiński in Einzel- oder Gruppenausstellung, wobei deren Herkunft meist unbemerkt bleibt.

Mit Blick auf die nähere Zukunft diskutieren wir für das Jahr 2015 eine Kooperation mit dem Zeitgenössischem Museum in Breslau (Muzeum Współczesne Wrocław) hinsichtlich einer Ausstellung über die Kunstszene in Breslau nach 1945.

Zusammenfassend lässt sich für das Kunstmuseum Bochum konstatieren, dass in der international orientierten Sammel- und  Ausstellungstätigkeit Künstler und deren Kunstwerke den historisch bedingten Sonderstatus zugunsten „normaler“, das heißt rein künstlerisch bedingter Auswahlkriterien, aufgegeben ist.

 

Hans Günter Golinski, Juni 2014

 

[5] Paweł Althammer, Ryszard Grzyb, Zbigniew Libera, Robert Maciejuk, Włodzimierz Pawlak, Joanna Przybyła, Tomasz, Psuja, Mikołaj Smoczyński

[6] Tomasz Bajer, Marta Deskur, Adam Garnek, Leszek Golec, Marek Kijewski & Kocur, Katarzyna Kozyra, Konrad Kuzyszyn, Leszek Lewandowski, Agata Michowska, Andrzej Syska, Marek Targoński

Mediathek
  • Władysław Strzemiński, Meerlandschaft

    1934, Gouache, 21 x 27 cm
  • Tadeusz Kantor, Relikt Nr. 1

    1963, Mischtechnik, 195 x 130 cm
  • Tadeusz Kantor, Objekt Pictural

    1964, Öl auf Leinwand, 195 x 130 cm
  • Jan Tarasin, Großer Strand

    1964, Öl auf Leinwand, 95 x 125 cm