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Wie ein polnischer Jude die Nazi-Zeit in Frankfurt überlebte: Leopold Tyrmands autobiographischer Roman „Filip“

Der Schriftsteller und Bestsseller-Autor Leopold Tyrmand, Warschau 1947
Der Schriftsteller und Bestsseller-Autor Leopold Tyrmand, Warschau 1947

Als „falscher Franzose“ ins Parkhotel

Das Parkhotel in Frankfurt am Main im Sommer 1943. Trotz kriegsbedingter Mangelwirtschaft versucht das Luxushotel am Wiesenhüttenplatz seine noble Fassade zu wahren, – schließlich steigen hier reihum namenhafte Nazis-Größen ab. Während die deutsche Stammbelegschaft des Hotels an der Ost- und Westfront der späten Kriegsjahre kämpft, ist es eine Kellner-Brigade ausländischer Fremdarbeiter, die den Hotelgästen Desserts aus Stärke und Geschmacksersatzstoffen kredenzt, zu dünnen Kaffee auftischt, ihre ausgelatschten Schuhe auf Hochglanz poliert und ihre verschlissene Fräcke ausbürstet. Unter den Kellnern: der 23-jährige ehemalige Architekturstudent Filip Vincel aus Warschau. Seines Zeichens polnisch-jüdischer Widerstandskämpfer, der wegen seines konspirativen Engagements im sowjetisch besetzten Teil Polens nur knapp der Gefangenschaft entkommen ist und dem im Deutschen Reich aufgrund seines jüdischen Glaubens eigentlich die Vernichtung drohen würde. Doch kaum jemand hier weiß um seine wahre Identität und Herkunft. In der waghalsigen Absicht, den Krieg „im Auge des Orkans“ zu überleben, beschaffte sich der junge Pole gefälschte Papiere, die ihn als in Warschau geborenen Franzosen katholischer Konfession ausgeben – und meldete sich freiwillig zum Arbeitseinsatz in Nazi-Deutschland.

Hier in der Belegschaft des Parkhotels befindet sich Filip in bester Gesellschaft. Die wenigen verbliebenen deutschen Kellner, wie Jupp und Leo, sind für den Einsatz an der Kriegsfront entweder zu jung – oder versuchen sich davor zu drücken. Die meisten der hier Arbeitenden kommen aber aus dem Ausland: Da gibt es den Niederländer Piotr – er ist Filips engster Freund. Und den Italiener Savino, den Tschechen Vessely, den Franzosen Pierre, den Elsässer Marcel und den Belgier Abbelé. Und eben Filip, der mit seinen fließenden Französisch- und Deutschkenntnissen die Rolle des „falschen Franzosen“ nahezu perfekt ausfüllt. Sie alle bilden eine recht harmonische Gruppe, geeint in ihrem Hass gegen den strengen Hoteldirektor und die deutschen „Herrenmenschen“. Und während die Alliierten den Krieg gegen die Nazis an den Fronten und im Luftkrieg führen, führen ihn die ausländischen Kellner hier im Frühstückssaal des Parkhotels. Sie zwacken den deutschen Gästen zu viel von den wertvollen Lebensmittelkarten ab, entwenden dem Arbeitgeber so häufig es eben geht eine Flasche des erlesenen Moselweins und spucken den Parteibonzen, Offizieren und Industriellen in ihren Kaffee. „Ich stand daneben, mein Herz erfüllte sich langsam mit dem Gefühl behaglichen Vergnügens, gestillten Verlangens, Erfüllung, mit einer rachsüchtigen, entwaffnenden Freude, wie sie ein Krieger verspürt, der seinen Fuß auf das abgeschnittene Haupt eines besiegten Feindes setzt“, ist in Filips Schilderungen zu lesen. Seine Feinde analysiert Filip mit fast schon ethnologischem Interesse und kommentiert sie, die nicht gewieft genug sind, seine wahre Identität aufzudecken, mit scharfzüngigen, ironischen und situationskomischen Worten: „germanische Nymphe“, „Nibelungenspross“. Obwohl er durchaus auf unterschiedliche Haltungen der Deutschen zum Nationalsozialismus trifft, steigert er sich durch das Erlebte in seinem rachsüchtigen Hass auf die Mörder seines Volkes. Immer wieder geraten dabei die komplizierten Beziehungen zwischen den Deutschen und den „Fremden“ in den Blick der Erzählung, die flankiert wird von den lebhaften Schilderungen der bedrohlichen Luftangriffe, der Lebensmittelknappheit, des allgegenwärtige Antisemitismus und Rassismus sowie den Einblicken in das nicht gerade ungefährliche, aber durchaus irrwitzige Alltagslebens des als Franzosen getarnten polnischen Juden mitten in Frankfurt.

Ob in Moslers Badeanstalt am Frankfurter Mainufer, in den Kneipen der Mainmetropole oder beim Picknick im Taunus: Die Stimmung in der Freizeit der jungen Männer ist ausgelassen. Die beachtlichen Bargeldvorräte, die Piotr freundschaftlich mit Filip teilt, erleichtert den beiden Freunden den Zutritt zu den besten Lokalen Frankfurts. Gelegentlich verbringen sie ihre Zeit mit Blanca, einer unangepassten jungen Deutschen, auf die Piotr ein Auge geworfen hat. Zum Leidwesen Piotrs aber, ist sie mehr an Filip interessiert. Sein gutes Aussehen und sein Status als Franzose bewirken bei so einigen Damen, dass diese nichts dagegen haben, sich auf eine flüchtige Bettgeschichte mit ihm einzulassen oder sich sogar von ihm über die Abwesenheit ihrer an der Front kämpfenden Männer hinwegtrösten zu lassen. Selbstbewusst und unverfroren nimmt sich der polnisch-jüdische Außenseiter das vom Leben, was ihm zusteht. Manchmal lebt er fast so, als gäbe es den Krieg gar nicht. In seiner rebellischen Leichtigkeit schwankt er zwischen Widerstand gegen und Anpassung an die grausamen Verhältnisse des Kriegsalltags.

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  • Zeugnis von Leopold Tyrmand des Schuljahres 1931/32

    Zeugnis von Leopold Tyrmand des Schuljahres 1931/32 am Jan-Kreczmar-Gymnasium in Warschau (Gimnazjum imienia Jana Kreczmara w Warszawie).
  • Historisches Gebäude des Parkhotels

    Das historische Gebäude des Parkhotels am Wiesenhüttenplatz in Frankfurt existiert noch heute.
  • Leopold Tyrmand, 1947

    Leopold Tyrmand als Berichterstatter beim Davis Cup in Warschau, 1947.
  • Ausweisdokument, 1953

    Ausweisdokument von Leopold Tyrmand mit Passfoto und Fingerabdrücken, 1953.
  • „Filip“. Roman von Leopold Tyrmand

    „Filip“. Roman von Leopold Tyrmand, übersetzt von Peter Oliver Loew. Buchcover: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021.