Alice Bota - eine neue Deutsche

Alice Bota in Artemiwsk (Ostukraine) 2016.
Alice Bota in Artemiwsk (Ostukraine) 2016.

Wenn man als junger Mensch nicht nur den Lebensort, sondern das Land, die Sprache, die Umgebung und das vertraute Lebensumfeld wechseln muss, gerät zunächst alles ins Wanken und zwar noch lange bevor die Perspektive des Neuen überhaupt wahrgenommen werden kann. Alle, die diesen Weg gegangen sind, mussten sich an einem neuen Ort, in einer neuen Umgebung in der Fremde erst selbst finden, oft gänzlich auch neu erfinden, noch lange bevor die Gedanken über die eigene Identität und über den eigenen Platz in der neuen Gesellschaft aufkommen konnten. In diesem Prozess, auf diesem Weg war meistens jeder für sich allein. Einsamkeit in der Fremde und erzwungene frühe Selbständigkeit sind oft zu einem Grundzustand der vor allem jüngeren Migranten geworden, zu einer - nicht unbedingt negativ - prägenden Kraft, die bei Bestimmung der neuen Lebenswelt oft zentrale Rolle übernehmen sollte.

Wut und Enttäuschung sind dabei ein häufiger Begleiter für die neue Generation der Migranten, die in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Polen nach Deutschland eingewandert sind. Denn beim Herauskristallisieren und Festigen der neuen Identität wird man  immer wieder mit Fragen konfrontiert, ob man zu diesem Land gehöre und ob hier nun Heimat sei?

Auch Alice Bota hat diese Erfahrung gemacht: „Ein Gefühl war Auslöser für dieses Buch[1], und dieses Gefühl war Wut. Darüber, in einer Gesellschaft zu leben, in deren Selbstverständnis wir nicht vorkommen. Darüber, Teil einer Veränderung zu sein, die von den meisten lieber verdrängt wird. Und darüber, ob wir dieses Land ‚unser Deutschland’ oder euer Deutschland’ nennen sollen“.[2]

Die Auswirkungen dieses Gefühls sind bei zahlreichen jüngeren Deutschen mit polnischen Wurzeln oder jungen Polen, die in Deutschland dauerhaft leben, ganz unterschiedlich. Bei  Alice Bota ist etwas Modellhaftes für solche Situationen entstanden, nicht zuletzt in ihrem in der breiten Öffentlichkeit präsenten Beruf: Verantwortungsübernahme. Verantwortungsübernahme bei der Suche nach der Bestimmung des eigenen Ortes in der Gesellschaft und der eigenen Lebenswelt in Deutschland. Übernahme der Verantwortung für das eigene Neu-Land, das damit aktiv mitgestaltet wird.

Entscheidend bei Alice Bota ist dabei der Kontext dieser Mitgestaltung: Streben nach Wissen, Kompromisslosigkeit bei ihren Recherchen, Kraft zum Weitermachen bei Rückschlägen, Souveränität in den Konfrontationen mit Gegenpositionen und eine besondere, scheinbar nur in der Welt der hybriden Identitäten vorkommende und im Bereich der stetigen Mehrperspektivität erworbene Sensibilität, die letztendlich sicher ein Hauptgewinn der jeweils gewonnenen Erkenntnisse ist.

Inmitten einer solchen Mitgestaltung der eigenen neuen Heimat wird erneut die These bestätigt, dass die Migranten in Deutschland auf dem Weg der eigenen Verwirklichung einerseits wesentlich mehr tun müssen, als die „alten“ Mitglieder der Aufnahmegesellschaft. Andererseits wird klar, wie rasant sich unser Land verändert und wie reich es an neuen fortschrittlichen Diskursen ist, die insgesamt als Bereicherung der Selbstverständlichkeit unserer gemeinsamen Gesellschaft angesehen werden können.

Jacek Barski

 

[1]          Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham, Wir neuen Deutschen, Rheinbeck bei Hamburg, 2012

[2]          Ebd. Seite 162

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