Polnisches Theater Kiel

Polnisches Theater Kiel, August 2018
Polnisches Theater Kiel, August 2018

Info

1983 gründete eine Gruppe von polnischen Schauspielern, die nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen in den Westen geflohen waren, in Kiel das Polnische Theater. Nach einer ersten Aufführung in polnischer Sprache entschied man sich, künftig auf Deutsch zu spielen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Nachdem sich die Mehrzahl der Mitspieler daraufhin wieder zerstreute, übernahm der Schauspieler Tadeusz Galia, der bis 1982 an Theatern in Wrocław und Opole gespielt hatte, die Leitung. Bis heute zeigte das Polnische Theater Kiel 87 Inszenierungen mit Stücken von osteuropäischen, aber auch westlichen Autorinnen und Autoren. Dem Team um Galia geht es bei den ausgesuchten Stücken nicht um oberflächliche Unterhaltung, sondern um grundsätzliche Themen der menschlichen Existenz. Eine Gefährdung des Privattheaters durch einen Vermieterwechsel konnte im letzten Moment abgewendet werden. 

  

 

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Gimpel ist eine extreme Figur. Er ist nicht nur ein Narr, wie Isaac Bashevis Singer in seiner gleichnamigen Erzählung schreibt. Seit seiner Schulzeit trägt er auch noch weitere Namen: Schwachkopf, Esel, Tor, Trottel, Dämlack und Tropf. Seit jeher konnte man ihm Lügengeschichten erzählen, die er alle glaubte. Wenn er vor einem bellenden Hund weglief, den es gar nicht gab, dann brüllte der ganze Marktplatz vor Lachen. Der Rabbi redete ihm ein, dass nicht er, sondern die anderen die Narren wären, und schließlich heiratete er eine Frau, die ihren unehelichen Sohn für ihren Bruder ausgab. Doch Gimpel ist nicht wirklich dumm. Er hat nur ein allzu großes Herz, will anderen, die ihn betrügen, keinen Ärger bereiten. Das Kind, das siebzehn Wochen nach der Hochzeit geboren wird und nicht seines sein kann, liebt er abgöttisch, seine Frau aus ganzer Seele und jeden weiteren ihrer heimlichen Liebhaber tut er als Sinnestäuschung ab. Als er sich schließlich zur Scheidung entschließt, betrügt ihn seine Frau während der vom Rabbi angeordneten Wartezeit von neun Monaten mit dem Gesellen aus der Bäckerei, in der er arbeitet. Dennoch bleibt er noch zwanzig Jahre lang bei ihr und die Bäckerei, die inzwischen ihm gehört, macht ihn zu einem reichen Mann. Als seine immer noch junge Frau viel zu früh auf dem Sterbebett liegt, gesteht sie ihm, damit sie Frieden in der jenseitigen Welt finde, dass alle von ihr geborenen sechs Kinder nicht von ihm sind. Nun bricht doch seine kleine heile Welt für ihn zusammen. Er verschenkt sein Vermögen an die Kinder und zieht in die Welt hinaus, wird selbst zum Geschichtenerzähler, der von Almosen lebt, und erkennt schließlich, dass es bei der Frage, ob wahr oder unwahr, nur auf den Standort ankomme. Sein eigenes Leben ist offenbar immer nur Liebe gewesen. Seine geliebte Frau wird er im Jenseits mit großer Gewissheit wiedersehen und dort drüben, so Singer, „kann selbst Gimpel nicht mehr zum Narren gehalten werden.“[1]

Singers Erzählung „Gimpel der Narr“ spielt im polnischen Frampol, vierzig Kilometer südlich von Lublin. Wie in allen Romanen und Erzählungen des jüdisch-polnischen Autors, der 1902 in Leoncin in Masowien geboren wurde, 1935 in die USA auswanderte und dort 1991 starb, bildet auch hier das für immer verlorene Leben im Schtetl, also in den jüdischen Siedlungen im östlichen Europa vor der Auslöschung durch die Nationalsozialisten, den Hintergrund. Doch die Hauptthemen sind das Menschlich-Allzumenschliche, der Widerstreit von Geist und Körper, Tugend und Laster und vor allem der beiden Geschlechter. 1978 erhielt Singer den Nobelpreis für Literatur. „Gimpel der Narr“ wurde unter dem Titel „Gimpel the Fool“ erstmals 1957 in New York veröffentlicht. 1968 folgte bei Rowohlt die erste deutsche, im Jahr 2000 die siebte und offenbar letzte Auflage der gleichnamigen Sammlung von Erzählungen. Ursprünglich auf Jiddisch geschrieben, liegt ihr nach dem Wunsch des Autors der amerikanische Text zugrunde. Auf nicht mehr als neunzehn Taschenbuchseiten gelingt es Singer meisterlich, die Höhenflüge und Abgründe eines ganzen Lebens zu schildern. Der Leser wird in ihnen eigene Verhaltensweisen, vor allem die des Selbstbetrugs, erkennen oder er wird die Tragikomödie als Sittenbild aus einer längst vergangenen Welt abtun. Aber wird dieser relativ kurze Text einen ganzen Theaterabend tragen?

 

[1]Isaac Bashevis Singer: Gimpel der Narr. Ausgewählte Erzählungen. Deutsch von Wolfgang von Einsiedel, Hamburg: Rowohlt 1982, Seite 24

Schon in der ersten Minute treibt Tadeusz Galia in der Rolle des Gimpel einem Tränen der Rührung in die Augen. Kaum auf seinem Strohlager aufgewacht, steht er mit hohen Filzstiefeln, in geflickter Leinenhose und mit einer aus grober Schafwolle gestrickten Weste vor dem Publikum. Tiefe Scham, öffentlich aus seinem Leben erzählen zu müssen, und schiere Verzweiflung über das eigene verpfuschte Dasein wechseln in seinem Gesicht ab. Man ist vom ersten Moment an gefangen von der Sprache, die den polnischen Akzent nicht verleugnet, der mal sparsamen, mal ausgreifenden Gestik, den wechselnden Regungen des Gemüts: liebevolle Zuneigung und Empörung, Hoffnung und Betrübtheit, Anklage und Vergeben, Selbstbetrug und Erkenntnis, Wehmut und Fügung in das Schicksal, die sich häufig von Halbsatz zu Halbsatz abwechseln oder ins Gegenteil verkehren. Der Monolog, den Gimpel auch während des Essens und beim Rauchen der Pfeife hält, dauert genau eine Stunde und die spürbare Betroffenheit des Publikums schlägt um in begeisterten Applaus. 

Das drei mal zwei Meter große Bühnenbild zeigt die Ecke einer Scheune aus groben Balken, die mit Lehm und Stroh abgedichtet sind. Der Melkschemel mit einem Strohsack, auf dem Gimpel von Zeit zu Zeit Platz nimmt, Wagenrad, Mistgabel, Säge, Axt, Schüssel und Krug beschreiben das Nachtlager beim Bauern, das er bei seiner Wanderung gefunden hat. Das Kostüm ist von Meike Neumann, das Bühnenbild von Galia, die Regie führte Jutta Ziemke. Galia hat den Gimpel, der in der Sommer- und Herbstsaison 2018 zusammen mit zwei anderen Stücken auf dem Spielplan des Polnischen Theaters Kiel steht, 1981 entdeckt und vom Polnischen ins Deutsche übersetzt. Wer die bei Rowohlt erschienene Übersetzung aus dem Amerikanischen kennt, wird keine Unterschiede mehr feststellen. 1985 fand die Erstaufführung im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel statt. 

Seitdem hat Galia den Gimpel so oft gespielt, dass er bei eintausendfünfhundert Vorstellungen aufgehört hat zu zählen. Er spielt ihn bei Gastspielen in anderen Privattheatern in ganz Deutschland, bei Veranstaltungen, in Scheunen, Schulen, Alters- und Pflegeheimen und sogar vor geistig Behinderten, und die anschließenden Diskussionen mit dem Publikum zeigen, dass auch letzteres hervorragend funktioniert. Dennoch stellt sich keine Routine ein. Er sei noch immer noch vor jedem Auftritt fürchterlich aufgeregt, sagt Galia im persönlichen Gespräch vor der Aufführung im Polnischen Theater Kiel, und er frage sich jedesmal, ob es ihm erneut gelingen werde, den Gimpel zum Leben zu erwecken. Jedes Mal entstünden die Emotionen und Bilder neu, gerate die Art der Erzählung und die dadurch erzeugte Stimmung ein wenig anders. Beim vorletzten der sieben Termine jeweils freitags und samstags um 20 Uhr sind nur zwanzig der fünfundvierzig Zuschauerplätze belegt. Erfreulich ist jedoch, dass das Publikum gemischt ist und auch Schüler und Studenten darunter sind. 

 

Galia, 1949 in Wrocław/Breslau geboren, absolvierte 1971 die Staatliche Hochschule für Film, Fernsehen und Theater/Państwowa Wyższa Szkoła Filmowa, Telewizyjna i Teatralna im. Leona Schillera in Łódź. Von 1971 bis 1976 und von 1977 bis 1982 war er am Zeitgenössischen Edmund-Wierciński-Theater/Teatr Współczesny im. Edmunda Wiercińskiego in Breslau engagiert, leitete ein Privattheater im Breslauer Rathaus und arbeitete als Dozent an der dortigen Schauspielschule. 1976/77 trat er am Jan-Kochanowski-Theater/Teatr im. Jana Kochanowskiego in Opole/Oppeln auf.[2]Außerdem spielte er in Film- und Fernsehproduktionen mit.[3]Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde und er sich weigerte eine ellenlange Loyalitätserklärung zur neuen Staatsdoktrin abzuzeichnen, wurde er schon am folgenden Tag von seiner Lehrtätigkeit suspendiert. Ein internationales Theaterfestival in Mannheim und Esslingen nutzte er zur Flucht nach Deutschland. Der einzige Freund, den er hier kannte, lebte in Kiel. Bei einem Workshop im Kieler Schauspielhaus gründete eine Gruppe von polnischen Schauspielern die Initiative Polnisches Theater in Deutschland e.V. und brachte am 21. April 1983 im Kieler Ball Pompös, dem heutigen Max Nachttheater, auf Polnisch und mit siebzehn Schauspielern die Posse „Indyk“/„Der Truthahn“ von Sławomir Mrożek auf die Bühne. Es war die Geburtsstunde des Polnischen Theaters Kiel. Doch schon nach drei Aufführungen zeigte sich, dass das polnischsprachige Publikum in Kiel zu klein war, um eine künftige Nachfrage zu gewährleisten. Als sich die Schauspielertruppe daraufhin in alle Winde zerstreute, übernahm Galia die Leitung, die er bis heute ausübt. Seitdem spielt das Theater auf Deutsch. Lange Zeit habe er, so Galia, die deutschen Texte nur auswendig gelernt ohne zu wissen, was er da gerade spricht. 

Nach drei Jahren des Tingelns über verschiedene Bühnen fand das Theater im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses aus den 1920er-Jahren in der Düppelstraße 61a im Kieler Stadtteil Düsternbrook, zwölf Busminuten vom Hauptbahnhof entfernt, sein bis zuletzt bestehendes festes Domizil. Das Publikum hat dem klassischen Zimmertheater begeistert die Treue gehalten, sodass es bis zum 36. Jahr seines Bestehens siebenundachtzig Inszenierungen auf die Bühne gebracht hat und pro Jahr zweitausendfünfhundert Besucher zählt. 1991 wurde Galia als „Mittler zwischen Ost und West“ mit dem von einer Kieler Stiftung verliehenen Friedrich-Hebbel-Preis geehrt, der in Norddeutschland lebende Künstlerinnen und Künstler würdigt, „deren Leistungen über das Durchschnittsmaß hinausgehen“. 1994 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Kiel.

Über die Jahre haben zahlreiche Regisseure, über siebzig Schauspieler, fünfzehn Bühnen‑ und sechzehn Kostümbildner, zahlreiche Musiker, Techniker, Fotografen und Regieassistenten am Theater gearbeitet. Die finanzielle Grundausstattung teilen sich das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Kiel mit (2003) rund 60.000 Euro. Die Theatereinnahmen fließen in den laufenden Betrieb, während die Schauspieler, Techniker und zahlreiche weitere Helfer ohne Gehalt, also ehrenamtlich, arbeiten. Etliche Tätigkeiten waren nur mit Unterstützung durch das Arbeitsamt und die Kieler Beschäftigungs- und Ausbildungsgesellschaft realisierbar. Zahlreiche Inszenierungen konnten nur mit der Kerntruppe um Galia und die Schauspielerinnen Jutta Ziemke und Meike Neumann auf die Bühne gebracht werden. Beide sind seit den Anfangstagen des Theaters dabei, bauten es mit auf und prägten Programm und Erscheinungsbild entscheidend. Ziemke spielte bislang in einunddreißig Produktionen. Neumann, die an der Kieler Schauspielschule studierte, engagierte sich 1983 als erste deutsche Schauspielerin bei dem Theater und ist seitdem vor allem für die Auswahl der Stücke, Dramaturgie, Maske und Kostüme verantwortlich.[4]Seit ihrer schweren Erkrankung springen Kieler Schauspielschülerinnen für sie ein. Als Gäste spielten unter anderem der aus dem Kosovo stammende Schauspieler Astrit Geci, die Duisburgerin Linda Stach, dann Antje Schlaich, die 2016 ihre Ausbildung an der Kieler Schauspielschule abgeschlossen hat, der Kieler Schauspieler Martin Friederichs, die freie Schauspielerin Christina Dobirr, schließlich die von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover kommende Elena Schmidt-Arras und die aus Odessa stammende Oleksandra Zapolska. Wenn ein Ensemble-Mitglied ausfällt, werden auch schon mal die Zuwendungen vom Land und der Stadt Kiel gekürzt, was das Theater dann in noch größere Schwierigkeiten stürzt.

 

[3]Internetowa baza filmu polskiego, http://www.filmpolski.pl/fp/index.php?osoba=111508

[4]Christoph Munk: „Ob ich mich richtig freue“, in: Kieler Nachrichtenvom 7.5.2003, wieder abgedruckt im Programmheft „Gimpel der Narr“, Polnisches Theater Kiel; Ricarda Richter: „Wie ein besoffenes Baby im Nebel“. Im Polnischen Theater wird Deutsch gesprochen – und aus Leidenschaft gespielt, in:Der Albrecht. Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 2016, erneut auf der Webseite des Polnischen Theaters Kielhttps://www.polnisches-theater-kiel.de/presse_2.html

 

Zwei bis drei Aufführungen pro Jahr auf die Bühne zu bringen, das bedeutet auch die ständige Suche nach neuen Stücken und Texten, die mit möglichst geringem personellem und finanziellem Aufwand realisiert werden können. Von Beginn an hat es sich das Theater zur Aufgabe gemacht, Stücke polnischer und anderer osteuropäischer Autoren bekannt zu machen. Aber auch weniger geläufige oder neu entdeckte westliche Literatur ist im Repertoire. Dabei geht es dem Team nicht um leichte Unterhaltung, sondern um die Auseinandersetzung mit Fragen der menschlichen Existenz in einer realitätsnahen Sicht. Inzwischen werde es immer schwieriger neue Stücke auch von jungen Autoren zu finden, beklagt Galia, da nicht nur die Qualität stimmen, sondern auch die Autorentantiemen und die Verlagshonorare bezahlbar sein müssten. Der ursprüngliche Förderverein Initiative Polnisches Theater Kiel e.V., der Träger des Theaters ist, kümmert sich auch heute noch darum, ein möglichst engagiertes Stammpublikum zu gewinnen, das für einen erschwinglichen Jahresbeitrag freien Eintritt zu den Vorpremieren bekommt. 

Wer sich das Programm der vergangenen sechs Jahre ansieht, wird eine spannende Mischung von Autoren, Uraufführungen ebenso wie Klassiker, Unbekanntes und auch Stücke aus Polen finden.[5]Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans (*1965) war 2012 mit dem Beziehungsdrama „Gift“, 2015 mit einer Erzählung des biblischen Judas, gespielt von Galia, vertreten. Immerhin zwölf Personen brachte ein Lustspiel über den berühmten Lügenbaron von Münchhausen, „Der Flug der gebratenen Ente“ des georgischen Autors Grigori Gorin (1940-2000), im Dezember 2012 auf die Bühne. 2013 waren gleich zwei Klassiker, „Die Zofen“ des französischen Dramatikers und Romanautors Jean Genet (1910-1986) und die 1983 verfilmte Komödie „Halpern und Johnson“ des Londoner Stückeschreibers Lionel Goldstein (*1935), zu sehen. 2014 standen Jutta Ziemke, Tadeusz Galia, Gina Tantow, Kristina Greif und Natalie Baron in dem Stück „Kammerjagd“ des aus Wittenberg stammenden und in Kiel lebenden Schauspielers und Regisseurs Andreas Hüttner (*1969) auf der Bühne, das dieser den Mitwirkenden in monatelanger Zusammenarbeit auf den Leib geschrieben hatte. Im Mittelpunkt des Dramas steht der polnische Nachbar der pensionierten Lehrerin Gertraude. Diese sieht in ihrem Bekannten jedoch nur den Handwerker aus dem Osten, der gut genug dafür ist, die Drecksarbeit zu machen. Bei der Geburtstagsfeier mit Freunden kommt es zum Eklat. 

Jeweils im April 2015 und 2016 standen Zweipersonen-Stücke auf dem Programm. In dem Gegenwartsdrama „Enigma“ des französisch-belgischen Romanciers, Dramatikers und Filmregisseurs Éric-Emmanuel Schmitt (*1960) spielten Galia und Friederichs den Dialog zwischen einen Provinzjournalisten und einem exzentrischen Literaturpreisträger, mit dem das Interview zu einem Wortduell über Leben und Tod gerät. „Boston“ des dänischen Autors Kaj Nissen (*1941) zeigte hingegen den verzweifelten Dialog eines alternden Ehepaars, gespielt von Ziemke und Galia, um eine erkaltete Liebe und deren Neubeginn. Im August 2015 spielte Galia in dem Stück „Königlicher Totengräber“ des 1958 in Breslau geborenen Dramatikers, Essayisten, Literaturkritikers und Übersetzers Jerzy Łukosz einen polnischen Emigranten, der sich in Deutschland am Rand der Gesellschaft als Leichenverbrenner durchschlagen muss. „Emigranten“ sind auch der Gastarbeiter und der Intellektuelle in dem gleichnamigen Stück von Sławomir Mrożek, gespielt von Galia und Astrit Geci. Mrożek, Vertreter des Absurden Theaters, ging selbst 1968 ins politische Exil nach Frankreich und lebte anschließend sechs Jahre in Mexiko, bevor er 1996 nach Polen zurückging. Im September 2017 folgte der Einakter „Protest“ von Vaclav Havel (1936-2011), das dessen Erfahrungen als politisch verfolgter Schriftsteller thematisiert. Im Januar 2018 lief mit großem Erfolg das Stück „Granaten“ der australischen Dramatikerin Joanna Murray-Smith (*1962), das sechs Lebensbilder von Frauen zwischen 15 und 57 Jahren abbildet, in einer ersten Staffel gespielt von der Schauspielschülerin Oleksandra Zapolska, anschließend von Antje Schlaich, die nach fünf Jahren wieder an das Polnische Theater Kiel zurückkehrte.

 

[5]Archiv auf der Webseite des Polnischen Theaters Kielhttps://www.polnisches-theater-kiel.de/archiv.php

 

Nach „Gimpel der Narr“ steht im September 2018 wieder eine Uraufführung, „Neues von Kellermanns“ der Berliner Drehbuch-, Theater- und Hörspielautorin Ursula Haucke (1924-2014) auf dem Programm. Haucke wurde nicht nur durch das 1982 uraufgeführte und 2007 verfilmte Theaterstück „Frühstück bei Kellermanns“, sondern auch durch die Hörspielserie „Papa, Charly hat gesagt“ berühmt. Im Dezember soll das Einpersonen-Stück „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ des Schweizer Autors Charles Lewinsky (*1946), gespielt von Astrit Geci, auf die Bühne kommen, im Januar 2019 das groteske Debütstück „Tod sind wir nicht“ von Svenja Viola Bungarten (*1992) über die Sehnsüchte zweier älterer Frauen. 

Zuletzt war das Polnische Theater Kiel in seinem Bestand gefährdet wie schon einmal 1992, als ein Feuer das Theater komplett zerstörte, es jedoch durch Spenden Kieler Bürger und Zuwendungen öffentlicher Stellen gerettet werden konnte. Kürzlich wurde das Haus in der Düppelstraße vererbt, und im Rahmen einer Luxussanierung wurde die Spielstätte gekündigt. Tägliche Schikanen wie das Abstellen des Starkstroms zerrten an den Nerven des Theaterteams. Doch es wendete sich alles zum Guten. Die neue Vermieterin ermöglichte einen neuen zehnjährigen Mietvertrag und wird wohl auch die Kosten der Strominstallation übernehmen. Die unschätzbaren Verdienste des Polnischen Theaters Kiel um über fünfunddreißig Jahre lebendige Theaterkultur werden also, wenn weiterhin alles gut geht, ihre Fortsetzung finden.

Axel Feuß (2018)

 

Ein Videofilm mit dem Titel „Leben für die Kunst” von Elisabeth Saggau über die Arbeit am Polnischen Theater Kiel mit zahlreichen Proben- und Spielszenen sowie Erinnerungen von Tadeusz Galia (2012, 1h14min) ist zum Selbstkostenpreis von 10 Euro im Theater erhältlich.

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Die Spielstätte
Die Spielstätte
Die Spielstätte des Polnischen Theaters Kiel in der Düppelstraße 61a
Tadeusz Galia
Tadeusz Galia
Künstlerischer Leiter des Polnischen Theaters Kiel
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als Gimpel in dem Stück „Gimpel der Narr“ von Isaac Bashevis Singer
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als Gimpel in dem Stück „Gimpel der Narr“ von Isaac Bashevis Singer
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als Gimpel in dem Stück „Gimpel der Narr“ von Isaac Bashevis Singer
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als “Gimpel”
Tadeusz Galia als Gimpel in dem Stück „Gimpel der Narr“ von Isaac Bashevis Singer