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Dynastische Hochzeiten zwischen polnischen und deutschen Fürstenhäusern Piasten: Um 978 Mieszko I.

Christian Daniel Rauch: Doppelstandbild auf Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, 1828/40. Bronze, Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań
Christian Daniel Rauch: Doppelstandbild auf Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, 1828/40. Bronze, Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań

985, 986 und 991 kämpft Mieszko zusammen mit dem Kaiserhaus und den Reichsfürsten gegen die Lutizen. 986 und 991 erneuert er auf den Quedlinburger Hoftagen sein Treueverhältnis zu dem noch minderjährigen König und späteren Kaiser Otto III. (980-1002), für den dessen Mutter Theophanu regiert. Aus der Ehe mit Oda von Haldensleben gehen drei Söhne hervor: Swantopolk, Mieszko und Lambert. Zusammen mit ihnen und seiner Frau setzt Mieszko kurz vor seinem Tod um 991 das nur als Regest bekannte Dokument Dagome iudex auf, in dem er das von ihm beherrschte Territorium „Schinesge“ (Gnesen/Gniezno) in exakt vermerkten Grenzen als Schenkung dem Heiligen Stuhl in Rom vermacht und unter den Schutz des Papstes stellt. Möglicherweise will er mit diesem Dokument, dessen genauer Sinn sich bis heute nicht erschließt, den christlichen Charakter seines Reichs und die Legitimität seiner Herrschaft dokumentieren und sich den Papst als neuen Verbündeten sichern. Gleichzeitig schließt er damit seinen Sohn Bolesław aus erster Ehe, der in dem Dokument nicht erwähnt wird, vom Erbe aus.[19] Dieser vertreibt allerdings nach dem Tod des Vaters 992 seine Stiefmutter und seine Halbbrüder nach Sachsen und tritt das Erbe in den polnischen Gebieten an. Die Schenkung an den Heiligen Stuhl erkennt Bolesław jedoch als rechtmäßig an und zahlt fortan Rekognitionszins nach Rom, also eine symbolische Geldsumme zur Anerkennung dieses Rechtsverhältnisses. Von nun an regiert der Herrscher Polens, so Michałowski, sein Land im Namen des Apostelfürsten, des heiligen Petrus.[20]

Mieszko I. wird der Überlieferung nach in der Kathedrale von Posen/Poznań beigesetzt. Nach einem Einsturz des Südturms der Kathedrale im Jahre 1790 wird an der Stelle des zerbrochenen Sarkophags mit seinen Gebeinen und denen von Bolesław I. 1835-41 die Goldene Kapelle in neobyzantinischem Stil nach dem Entwurf des Architekten Francesco Maria Lanci (1799-1875) errichtet. Ein neugotischer Sarkophag und ein von dem Berliner Bildhauer Christian Daniel Rauch (1777-1857) geschaffenes Doppelstandbild[21] auf Mieszko I. und seinen Sohn Bolesław I. Chrobry erinnern bis heute an den ersten Herzog und den ersten König von Polen (siehe Abbildungen).

Axel Feuß, Juli 2021

 

Literatur:

Norbert Kersken / Przemysław Wiszewski: Neue Nachbarn in der Mitte Europas: Polen und das Reich im Mittelalter (WBG Deutsch-polnische Geschichte, 1: Mittelalter), Darmstadt 2020

Robert F. Barkowski: Die Piasten und die Anfänge des polnischen Staates, Berlin 2018

Christian Igelbrink: Freundschaft, Herrschaft, Fehde. Die Beziehungen Mieszkos I. von Polen zu den ottonischen Königen und den Großen des Reiches, Baden-Baden 2017

Fernhändler, Dynasten, Kleriker. Die piastische Herrschaft in kontinentalen Beziehungsgeflechten vom 10. bis zum frühen 13. Jahrhundert, herausgegeben von Dariusz Adamczyk und Norbert Kersken, Wiesbaden 2015 (darin: Norbert Kersken: Heiratsbeziehungen der Piasten zum römisch-deutschen Reich, Seite 80 f., 89, 96 f.; Joanna Sobiesiak: Mulier suadens und andere Damen. Dynastische Heiraten in der Geschichte der polnisch-böhmischen Beziehungen des 10.-12. Jahrhunderts, Seite 108-110)

Eduard Mühle: Die Piasten. Polen im Mittelalter, München 2011, Seite 11-22

Der Hoftag in Quedlinburg 973. Von den historischen Wurzeln zum Neuen Europa, herausgegeben von Andreas Ranft, Berlin 2006 (darin: Gerd Althoff: Otto der Große und die neue europäische Identität, Seite 3-18; Roman Michałowski: Polen und Europa um das Jahr 1000, Seite 51-72; Hedwig Röckelein: Heiraten, ein Instrument hochmittelalterlicher Politik, Seite 99-136)

Owald Balzer: Genealogia Piastów, 2. Auflage, Krakau 2005

Kazimierz Jasiński: Rodowód pierwszych Piastów, 2. Auflage, Poznań 2004, Seite 54-70

Michał Kara: Anfänge der Bildung des Piastenstaates im Lichte neuer archäologischer Ermittlungen, in: Quaestiones Medii Aevi Novae 5, Historisches Institut der Universität Warschau/Instytut Historyczny Uniwersytetu Warszawskiego, 2000, Seite 58-85

Christian Lübke: Zwischen Polen und dem Reich. Elbslawen und Gentilreligion, in: Polen und Deutschland vor 1000 Jahren. Die Berliner Tagung über den „Akt von Gnesen“, herausgegeben von Michael Borgolte, Berlin 2002, Seite 91-110

Kazimierz Jasiński: Powiązania genealogiczne Piastów (małżenstwa piastowskie), in: Piastowie w dziejach Polski, herausgegeben von Roman Heck, Wrocław 1975, Seite 135-148

Herbert Ludat: An Elbe und Oder. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa, Köln 1971

(alle Links in den Anmerkungen wurden zuletzt im Juli 2021 aufgerufen)

 

[19] Mühle 2011 (siehe Literatur), Seite 21 f.

[20] Michałowski 2006 (siehe Literatur), Seite 54, 57

[21] Jutta von Simson: Rauch, Christian Daniel, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 195-197 [Online-Version], https://www.deutsche-biographie.de/sfz75703.html. Nachdem die für das Gesamtprojekt in der Bevölkerung zusammengetragenen Spendengelder bereits durch den Bau der Kapelle aufgebraucht waren, finanzierte der adlige Kunstmäzen Graf Edward Raczyński (1768-1845) das Doppelstandbild auf Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry und beauftragte Christian Daniel Rauch mit der Ausführung; vergleiche Andrzej Tomaszewski: Polnische Aristokraten und die Berliner Kultur des 19. Jahrhunderts, in: Wissenschaftskolleg zu Berlin - Institute for advanced study - Jahrbuch 1981/82, Berlin 1983, Seite 295-297

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  • Sarkophag Mieszko I. und Bolesław I, um 1840

    Neugotischer Sarkophag für Mieszko I. und Bolesław I. Chrobry, um 1840. Kathedrale St. Peter und Paul, Goldene Kapelle, Poznań