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Zehn Vergessene im Park

Hölzerne Grabtafel unter Koniferen, Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr
Hölzerne Grabtafel unter Koniferen, Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr

Was machten sieben polnische und drei weitere Männer aus Italien und der Sowjetunion 1945 in Wetter an der Ruhr, um dort ihr Leben zu lassen?
 

Bereits kurz nach dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 benötigte die deutsche Rüstungsindustrie zahlreiche Arbeitskräfte. Einheimische, nunmehr zur Front verschickt, sollten durch ausländische zivile Arbeitskräfte, zunehmend brutal rekrutiert, und Kriegsgefangene[6] ersetzt werden, so auch in Wetter. Ein Schreiben des Reichsarbeitsministeriums vom 9. Oktober 1939 informierte erstmals die Stadt, Kriegsgefangene in der Land- und Fortwirtschaft einzusetzen; der Ennepe-Ruhr-Kreis rechnete mit ersten polnischen Kriegsgefangenen bereits am 13. November 1939 und traf rasche Vorbereitungen zur Unterbringung und Schaffung von Abortanlage, Bewachung, Kopfpolstern aus Stroh und der Umzäunung mit Stacheldraht – wegen Rohstoffmangels keine Sicherung aus Eisen –, damit „ein unmittelbarer Verkehr mit der Bevölkerung von vornherein unmöglich ist.“[7] Drei Monate nach Kriegsbeginn waren im deutschen Reich eine Viertelmillion polnische Kriegsgefangene und etwa 30.000 polnische zivile Arbeitskräfte, vor allem Frauen, eingesetzt.[8]

Wurden in Wetter kriegsgefangene Arbeiter anfangs in beschlagnahmten Lokalitäten untergebracht (Beispiel „Lager Bauer‘scher Saal“, „Lager Düllmann’scher Saal“), so später in errichteten Barackenlagern (wie in Oberwengern). Firmen wie die Aktiengesellschaft DEMAG, das Gussstahlwerk Carl Bönnhoff, das Gussstahlwerk Ludwig Bönnhoff, das Stahlwerk Mark A.G., die Gesenkschmiede und Feilenfabrik Carl und Walter Prinz, die Stahlwerke Harkort-Eicken Hagen mit Sitz in Wetter, das Bauunternehmen Geis und auch die Stadt Wetter forderten Kriegsgefangene an, ebenso die Färberei und chemische Reinigung Lindackers. Unternehmen und Stadt beteiligten sich an den Lagerkosten, und Wetteraner Kleinunternehmen schrieben Rechnungen für Nahrungsmittel, Wäschereidienste, Bürobedarf (Lagerstempel), Verdunklungspapiere, Medikamente und weiteres.[9]

Vor diesem Hintergrund kamen auch jene zehn Männer ins Ruhrgebiet. Die sieben Männer aus Polen waren 1945 in einem Lager(Haus) in der Kaiserstraße 56 untergebracht. Diese Unterkunft beherbergte Hagener Adressbüchern zufolge elf Jahre zuvor einen katholischen Bürgerverein mit Vereinshaus, einen Kastellan sowie eine Modistin und muss sich unweit der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul befunden haben. Ab 1938 bis in die 1950er Jahre war unter dieser Anschrift der Gastwirt Wilhelm Dröge gemeldet, 1941/42 zusätzlich mit einem „Büffetfräulein“.[10] Die weiteren drei Männer wurden anderen Stätten zugewiesen: Der Ukrainer dem Lager Düllmann‘scher Saal in der Schöntaler Straße 40, der Russe aus Stalingrad dem Lager der Firmen Bönnhoff an der Wittener Straße 2 und der italienische Arzt dem großen Lager der DEMAG in Oberwengern.[11]

In den letzten Kriegstagen geriet das Industriestädtchen Wetter unter schweren amerikanischen Artilleriebeschuss. Neben Privathäusern und dem Krankenhaus wurden auch die Lager von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitenden getroffen. Fünf der auf der Holztafel verzeichneten Polen kamen mitternachts am 12. April 1945 beim Beschuss der Kaiserstraße 56 ums Leben, zwei weitere ebenso dort gemeldete Polen – zwei Tage zuvor der 54-jährige, drei Tage später ein 32-jähriger – durch weitere Gewaltumstände. Auch der italienische Arzt aus dem Oberwengerner Lager kam spätabends am 12. April 1945 bei Hilfeleistungen im Lager Düllmann’scher Saal durch Granatsplitter zu Tode. Der 27-jährige Ukrainer starb drei Tage nach der Kapitulation Wetters noch vor der Morgendämmerung am 16. April 1945 an schweren Schussverletzungen, die ihm „wegen Plünderns“ beigebracht worden waren.[12] Die Lebensmittelknappheit und folglich der schwere Hunger in Wetter wird vom damaligen Kriegschronisten mehrfach beschrieben; dazu herrschte eine Ausgangssperre von 18:00 bis 8:00 Uhr. Laut Aufruf des kommissarischen Bürgermeisters Lorek vom 14. April 1945 hatte die Wetteraner Bevölkerung die Verpflegung „der ausländischen Arbeiter“ mitzutragen.[13] Und auch der russische Lageraufseher im Lager Wittener Straße 2 überlebte die Niederlage der Stadt nur um wenige Stunden: An ihm nahmen seine Landsleute laut Sterbeurkunde blutige Rache.[14]

Es müssen chaotische, hektische Tage in Wetter gewesen sein: Am 13. April 1945 wird sie an Vertreter der amerikanischen Truppen übergeben. Die Lager von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitenden wurden aufgelöst und allerorten machten sich die in Knechtschaft Gehaltenen frei und forderten Brot und Rechte. Die Verlierer sorgten sich und vernichteten eiligst inkriminierende Unterlagen.

Die Stadt Wetter bestattete viele getötete Zwangsarbeiter:innen auf dem neuen Friedhof (heute: Park der Ruhe, Gartenstraße) sowie dem Evangelischen Friedhof in (Wetter-) Wengern. Die allerdings in den letzten Kriegstagen umgekommenen sieben Polen von der hölzernen Grabtafel fanden gemeinsam mit dem Italiener, dem Ukrainer und dem Russen zwei Straßenzüge entfernt auf dem alten Wetteraner Friedhof die letzte Ruhe. Am 14. Juni 1945 hatte der Bürgermeister Lorek die Außerbenutzungsetzung vom 2. August 1941 aufgehoben und beschlossen, den Platz an der Bornstraße wieder für Beerdigungen zuzulassen.[15] Das Sammelgrab der zehn Umgekommenen wurde folglich frühestens zwei Monate nach den tödlichen Ereignissen im April eingerichtet. (Abb. 4)

 

[6] Sie waren nach dem Genfer Abkommen 1929 zur Arbeit verpflichtet und konnten über lokale Arbeitsämter angefordert werden.

[7] siehe Stadtarchiv Wetter/Ruhr.

[8] Mentner, Regina: Die Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern für Aufgaben des „alten“ Ennepe-Ruhr-Kreises, Schwelm 2002, S. 6; https://www.enkreis.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/01/dokumentation… (zuletzt aufgerufen am 11.10.2021.)

[9] siehe Briefwechsel Lindackers mit der Stadt Wetter/Ruhr, 09.09.1940; Abkommen zwischen den Firmen und Herrn Walter Düllmann (Lager) 22.05.1941, 04.02.1943; ans Kriegsgefangenenlager Düllmann bezahlte Rechnungen im Zeitraum vom 01.01. bis 17.03.1943; Stadtarchiv Wetter/Ruhr.

[10] Adressbücher der Stadt Hagen mit Einträgen der Stadt Wetter von 1934, 1938, 1941/42, 1951; Stadtarchiv Wetter/Ruhr. Siehe auch lokaler Verweis auf die Wirtschaft Dröge in: Thier, Dietrich (Hrsg.): Die Kriegschronik der Stadt Wetter (Ruhr) von Gustav Ebert. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Wetter (Ruhr) (Band 2), Wetter (Ruhr) 2000, S. 249.

[11] Die Zahl der im Lager Oberwengern festgesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen soll 1210 Personen betragen haben; es waren italienische Kriegsgefangene, „Ost- und Westarbeiter:innen“ (Zwangsarbeiter:innen) und auch Familien mit (Kleinst)Kindern; siehe: Thier, Dietrich: Kriegsgefangenen- und Fremdarbeiterlager in Wetter (Ruhr) zwischen 1939 und 1945, in: Kniehase, Hans-Friedrich / Thier, Dietrich (Hrsg.): PROJEKTE. Landeskundliche Studien im Bereich des mittleren Ruhrtales. Schriftenreihe der Friedrich-Harkort-Gesellschaft Wetter (Ruhr) und des Stadtarchivs Wetter (Ruhr), Wetter (Ruhr) 1996, S. 225–229.

[12] Sterbeurkunden, Stadtarchiv Wetter/Ruhr. Der 32-Jährige war zwei Tage nach der Kapitulation der Stadt hinterrücks erschossen worden. Nach Thier (1996) deute „Herzschwäche“ stets auf einen „unnatürlichen Tod“, siehe S. 71, 229, 231. Letzte Kriegstage erinnerten Wetteraner Bürger in der Westfalenpost bspw. 11.04.2021, 23.04.2021.

[13] Zum Hunger in der Stadt siehe auch: Die Kriegschronik der Stadt Wetter (Ruhr)(2000), passim, auch S. 209f.; der Aufruf ebd., S. 202.

[14] Die Gräberliste der Stadt enthält vermutlich einen Übertragungsfehler (Tippfehler).

[15] Aufhebung der Außerbenutzungsetzung des alten Friedhofes (Bornstraße) siehe Kriegschronik der Stadt Wetter (Ruhr). Auf Nachfrage ist dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Münster) keine Gedenkstätte bekannt, in deren nächster Nähe und nicht abgegrenzt sich diverse Spielgeräte befinden. Nur in Ysselsteyn (NL) gibt es in der Nähe der Kriegsgräberstätte eine Jugendbegegnungsstäte, die allerdings durch einen Zaun und eine Baumreihe abgetrennt ist. Nach dem Gräbergesetz gilt für Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ein unbegrenztes Ruherecht. Der Spielplatz wurde nach Umbauarbeiten am 10.06.2019 wiedereröffnet, ohne die Kriegsgräberanlage zu berücksichtigen; vgl. https://www.wetter-ruhr.info/2019/07/spielplatz-alter-friedhof-wird-am-… (zuletzt aufgerufen am 11.10.2021).

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  • Abb. 1: Hölzerne Grabtafel unter Koniferen

    Hölzerne Grabtafel unter Koniferen, Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr.
  • Abb. 2: Vorderseite der Grabtafel

    Vorderseite der Grabtafel Sammelgrab, Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr.
  • Abb. 3: Rückseite der Grabtafel

    Rückseite der Grabtafel Sammelgrab, Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr.
  • Abb. 4: Alter Friedhof Bornstraße, etwa 70er/80er Jahre

    Alter Friedhof Bornstraße Wetter/Ruhr, undatiert (etwa 70er/80er Jahre).