Deutsch-Polnische Schulbuchkommission

Polnische und deutsche Mitglieder der Schulbuchkommission bei der Verleihung des Viadrina-Preises im Juni 2017.
Polnische und deutsche Mitglieder der Schulbuchkommission bei der Verleihung des Viadrina-Preises im Juni 2017.

Trotz der Entspannungspolitik zwischen beiden Ländern wurde das erste Treffen der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, das 1972 in Warschau stattfand, in den Kreisen der Wissenschaftler eher interessiert als mit Enthusiasmus und in der Hoffnung auf eine schnelle Einigung in den anstehenden Fragen aufgenommen. Dies belegen die Aussagen der Konferenzteilnehmer:

„Der erste Kontakt hatte etwas von gegenseitigem Abtasten. Im Prinzip kannten wir uns ja gar nicht. Die Kontakte zwischen den westdeutschen Historikern und uns waren ja unterbrochen gewesen. Ich muss schon sagen, dieser erste Versuch war sehr sympathisch. Das waren alles Fachleute mit eigenen Thesen. Aber all diese standen im Dialog.“[1] So erinnerte sich der polnische Historiker Professor Gerard Labuda (1919-2010) als Mitglied der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in den Jahren 1972 bis 1989.

Eine ähnliche Einschätzung brachte der Berliner Historiker Professor Klaus Zernack (geb. 1931) zum Ausdruck:

„Mit einem politischen Realismus des ersten und vielleicht zweiten Blicks ist der Sache kaum eine Chance einzuräumen gewesen. Wenn man sich das Jahr 1972 vor Augen hielt, konnte man sagen: Gut, den Versuch kann man machen, aber da wird nicht viel herauskommen”[2]      

Gleichwohl endete die Konferenz mit der Veröffentlichung von 14 Empfehlungen zur Behandlung der deutsch-polnischen Beziehungen in den Schulbüchern der Fächer Geschichte und Geographie. Kaum zwei Monate später fand vom 12. bis zum 15. April 1972 das zweite Treffen der Wissenschaftler in Braunschweig statt, das mit der Vorstellung weiterer 17 Expertenempfehlungen für die Lehrbücher zu Ende ging. Die Wissenschaftler, die an dieser Schulbuchkonferenz teilnahmen, resümierten in ihrem Abschlussbericht, dass die Konferenz „in einer offenen, sachlichen, wissenschaftlich anregenden Atmosphäre statt[fand], die die Verständigung begünstigte.“[3] Zudem riefen sie dazu auf, die Ergebnisse der Konferenz unverzüglich in die Praxis einzuführen und im Unterricht umzusetzen.

Beide Empfehlungslisten betrafen Deutungsprobleme von der Entstehung der ersten Staatsformen auf den heutigen Gebieten Polens und Deutschlands, über die Leistungen Polens im Zeitalter der Renaissance, über die Reformation in Deutschland und die Zeit der Teilungen Polens bis zum Zweiten Weltkrieg. Hinsichtlich der letzten Zeitperiode wurde im Hinblick auf die breit gefächerte Thematik entschieden, sich bei den nächsten Treffen detaillierte mit ihr zu befassen. Die weiteren Konferenzen der Kommission fanden dann in einem regulären Turnus statt, manchmal sogar vier Mal im Jahr. Dabei wurden neue Fragen erörtert und die bisher ergangenen Empfehlungen vertieft.

1976 wurden die bisherigen Ergebnisse der Schulbuchkommission in beiden Ländern publiziert, was für heftigen Dissens und Diskussionen sorgte, etwa über das Fehlen des Begriffs „Vertreibung“ in Bezug auf die Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen wurden, die bis dahin von ihnen bewohnten Gebiete zu verlassen. Zur Behandlung dieser Frage benutzte man Termini wie „Evakuierung“, „Zwangsumsiedlung“, „Flucht“ und „Ausweisung“. Ebenfalls unerwähnt blieb der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt bzw. Ribbentrop-Molotov-Pakt), da jede Anspielung auf ihn eine scharfe Reaktion der Sowjetunion zur Folge gehabt und die Arbeit der Kommission sicher beendet hätte. Aus eben diesem Grund fehlte auch die Information über das Massaker von Katyń, bei dem 1940 polnische Offiziere von Angehörigen des sowjetischen Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) erschossen wurden. Offiziell wurde die Verantwortung für diesen Massenmord bis 1990 den Deutschen angelastet. Es gab also Zeiten, in denen die politische Großwetterlage die Wissenschaftler dazu zwang, die historische Wahrheit hintanzustellen und Kompromisse zu suchen, die von der kommunistischen Obrigkeit akzeptiert wurden. 

 

[1]   Wywiad Thomasa Strobla, pracownika Instytutu Międzynarodowych Badań Podręcznikowych im. Georga Eckerta w Brunszwiku przeprowadzony z prof. Gerardem Labudą 28.10.2005 z okazji 35-lecia Polsko-Niemieckiej Komisji Podręcznikowej.

[2]   Wywiad Thomasa Strobla z prof. Klausem Zernackem przeprowadzony 08.07.2003.

[3]   Wstęp do broszury „Konferencja polskich i zachodnioniemieckich ekspertów w sprawie szkolnych podręczników historii i geografii“, Państwowe Zakłady Wydawnictw Szkolnych, Warszawa 1972.

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